Madagaskar: Anzeichen einer Pest-Epidemie

12. Oktober 2017
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Die ungewöhnlich vielen Fälle von Lungenpest auf Madagaskar beunruhigen die Gesundheitsbehörden. Lungenpest sorgt für besonders häufige Übertragungen von Mensch zu Mensch. Ein Schnelltest könnte zu früheren Diagnosen und damit zu erfolgreicheren Therapien führen.

Pestausbrüche sind  nicht ungewöhnlich auf Madagaskar. In der Regenzeit zwischen September bis April erkranken jährlich zwischen 280 und 600 Menschen. Bei 80 bis 95 Prozent aller Fälle handelt es sich um die Beulenpest mit äußerst seltener Übertragung von Mensch zu Mensch. Die Erreger werden meist über Parasiten an den Menschen weitergeben. Die Lungenpest mit einer Ansteckung über Tröpfcheninfektionen tritt erfahrungsgemäß eher selten auf. In diesem Jahr verläuft der Ausbruch aber anders. Ärzte berichten von mehreren Besonderheiten.

Erste Anzeichen einer Epidemie

Jeden Tag meldet das Gesundheitsministerium auf Madagascar die Zahl der Neuinfizierten. Bis zum 9. Oktober 2017 gab es vor Ort bereits 387 Fälle, obwohl die jährliche Erkrankungswelle eigentlich erst begonnen hat. 45 Infizierte sind gestorben. Damit nicht genug: 277 Betroffene (72 Prozent) leiden an der Lungenpest. Unüblich ist auch, dass in dieser Saison weniger ländliche Gegenden betroffen sind. Ein Großteil aller Patienten kommt aus der madagassischen Hauptstadt Antananarivo.

Wie es zu diesen ungewöhnlichen Effekten kommen konnte, lässt sich derzeit nicht sagen. Als Hypothese diskutieren Molekularbiologen, dass sich das Genom des Bakteriums Yersinia pestis verändert hat.

Könnte sich die Lungenpest weltweit verbreiten?

Eine veränderte Virulenz bliebe nicht ohne Folgen: Erkrankte stecken Mitmenschen über Tröpfcheninfektion im Radius von einem Meter an. Die Inkubationszeit liegt bei 24 Stunden. Ohne Therapie sterben 100 Prozent aller Patienten nach drei bis vier Tagen. Wie so oft gilt der internationale Flugverkehr als größte Gefahr. Direktflüge gibt es nach Paris, La Réunion, Mayotte und Südostasien. Die Fluggesellschaft Air Seychelles hat ihre Verbindung zwischen Madagaskar und den Seychellen bereits eingestellt.

Jetzt befassen sich die Weltgesundheitsorganisation WHO und das European Centre for Disease Prevention and Control (ECDC) detailliert mit Infektionsrisiken. Sie bewerten die Gefahr innerhalb Madagaskars als „hoch“, innerhalb angrenzender Regionen als „moderat“ und darüber hinaus als „niedrig“ beziehungsweise „sehr niedrig“.

Erst testen, dann therapieren

Diese Einschätzung tröstet Patienten aufgrund des fulminanten Verlaufs der Pest aber nicht. Das Bakterium reagiert empfindlich auf Aminoglykoside, Fluoroquinolone oder Sulfonamide. Resistenzen treten noch recht selten auf.

Um Pestinfektionen schneller nachzuweisen, hat das Max-Planck-Institut für Kolloid- und Grenzflächenforschung (MPIKG) bereits in 2013 einen Schnelltest vorgestellt. Basis sind synthetische Glykoproteine. Sie wirken als Antigene, um Antikörper auf Yersinia pestis in Blutproben mit hoher Selektivität nachzuweisen. Bis zur Marktreife hat es der Test aber noch nicht geschafft. Dafür wäre jetzt höchste Zeit.

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Bildquelle: NIAID, flickr / Lizenz: CC BY
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5 Kommentare:

Dr. med. Bettina Plenert
Dr. med. Bettina Plenert

Wieviel Sinn macht ein Schnell-Nachweis von Antikörpern, die erst ca. 1 Woche nach der Infektion erscheinen, also wenn der (zumindest untherapierte) Patient bereits verstorben ist? Der mikroskopische Nachweis des Erregers im Sputum IST ein Schnell-Nachweis und zudem preiswert. Der umgehende Beginn einer antibiotischen Therapie ist bei dringendem Verdacht in einer epidemischen und derart bedrohlichen Situation absolut gerechtfertigt, der serologischer Nachweis zwar erstrebenswert, hat aber nur Beweiswert – im Nachhinein. Meiner Erfahrung nach werden Schnelltests von Nicht-Labormedizinern gerne überschätzt. In einer Situation wie aktuell auf Madagaskar sollten Klinik und Anamnese ebenfalls schnell zur Diagnose führen – wie übrigens bei den meisten Wehwehchen, auch hierzulande!

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Dr. Peter Th. Wolff
Dr. Peter Th. Wolff

Die Behörden in Madagaskar sind leider wenig besorgt. Das die Lungenpest in Antananarivo und in Toamasina deutlich zunimmt ist eine Sache. Dass die Pest auf dem Lande kaum ein Problem darstelle eine andere. Die Kommunikation mit kleinen Gemeinden ist gerade in der Regenzeit teilweise unmöglich, weil die Straßen nicht passierbar sind und oft kein Strom vorhanden ist (die landesweite Stromversorgerin JIRAMA schaltet den Strom parallel zum Einkommen der Bezirke über viele Stunden bis tage ab).

Für Touristen ist eine Reise nach Madagaskar sicher möglich. Aber sich dort zu bewegen bedarf einiger Kenntnis, um das Risiko einer Ansteckung gering zu halten. Vor 2 Tagen brach ein 32-Jähriger an einer Bushaltestelle tot zusammen, nachdem er blutig gehustet hatte. Es war die Pest. Die Tuberkulose ist – so ganz nebenbei – auch ein relevantes Gesundheitsproblem.

Schade für so ein herrliches Land. Bei den Wahlen ihrer Politiker hat die Bevölkerung immer wieder Pech gehabt. Das wirkt sich auch jetzt aus.

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Gast
Gast

Ich sah mal in einer Sendung des Weltspiegels, dass in Madagaskar von Zeit zu Zeit die Toten wieder ausgebuddelt werden und in einer Art Umzug durch die Gegend getragen werden. Dies soll auch wesentlich dazu beitragen, dass dort immer wieder die Pest ausbricht. Inzwischen werden die daran verstorbenen extra beerdigt und deren Angehörigen wird untersagt, an dem Totenkult mitzumachen.

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Gast
Gast

Natürlich meinte ich Bakterium.

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Gast
Gast

sollte dieses Bekterium multiresistent werden, haben wir Zustände wie im Mittelalter. Dann gute Nacht.

#1 |
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