Naht das Ende der Naht?

11. Oktober 2017
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Wunden werden genäht, zumindest war das bis jetzt so. Pflasterzüge oder innovative Wundkleber machen dem alten Verfahren Konkurrenz: Mediziner sparen Zeit und Patienten profitieren von der deutlich niedrigeren Infektionsgefahr.

Jeder 18. Patient infiziert sich in Europa bei medizinischen Behandlungen. Rund 20 Prozent aller Fälle lassen sich dabei auf Wundinfektionen zurückführen. Mitunter handelt es sich auch um Sekundärinfektionen durch Wundnähte. Deshalb suchen Hersteller, aber auch Forscher weltweit nach Alternativen.

Pflasterzug statt Fäden

Pflasterzüge ermöglichen bei äußerlichen Wunden oder Schnitten eine spannungsfreie Abheilung. Kürzlich präsentierte der Hersteller 3M einen speziellen selbstklebenden Wundverschluss. Nachdem Ärzte zwei Laschen auf der Haut fixiert haben, kleben sie das Pflaster auf und entfernen die Schutzfolie, um Wunden zu fixieren.

Als Vorteile sieht der Hersteller nicht nur niedrigere Infektionsrisiken, sondern auch weniger Schmerzen und die Zeitersparnis beim Arzt. Auch in Entwicklungsländern würden Patienten vom System profitieren. Health Worker könnten einfache Verletzungen versorgen, falls der nächste Arzt hunderte Kilometer weit entfernt ist.

Heilen mit Klebstoff

Als weitere Option gibt es Klebstoffe. Die Materialien müssen nicht wieder entfernt werden. Sie wirken als Adhäsiv und dichten Gefäße ab. Weiche Gewebe wie Lunge, Leber und Herz lassen sich außerdem besser kleben als nähen; so werden sie weniger geschädigt. Cyanacrylate werden aufgrund ihres toxischen Potenzials äußerlich eingesetzt. Außerdem eignen sie sich nur für trockene Oberflächen. Alternativ bleibt Fibrin.

Jetzt berichtet Privatdozent Dr. Ingo Grunwald, Forscher am Fraunhofer IFAM, von einem neuen Polymer auf Basis der Bojenbildende Entenmuschel (Dosima fascicularis). Sie haftet sich über ein schaumartiges Proteingel am Treibholz oder an Steinen fest. Das Material ist viskoelsatisch, enthält viel Wasser und erwies sich als biokompatibel. Wie Grunwald weiter schreibt, regt der Biokunststoff Körperzellen an, sich zu vermehren: ein Pluspunkt für die Wundheilung.

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Bojenbildende Entenmuschel (Dosima fascicularis) © Drahreg01 / Wikipedia, CC BY SA 4.0

Dave Mooney von der Harvard University in Cambridge experimentierte mit Sekreten der Hellbraunen Wegschnecke (Arion subfuscus). Sein neues Gel besteht sowohl aus einer stark klebenden als auch aus einer mechanisch belastbaren Schicht.

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Hellbraune Wegschnecke (Arion subfuscus) © Erik Veldhuis / Wikipedia, CC BY SA 3.0

In ersten Tierexperimenten zeigte Mooney, dass sein Klebstoff bei Ratten und Schweinen funktioniert. Beispielsweise gelang es ihm, eine Wunde am Herten so zu versiegeln, dass das Organ noch mehrere zehntausend Pumpzyklen leisten konnte. Auch eine künstlich erzeugte Blutung der Leber kontrollierte Mooney mit seinem Biopolymer. Er will den Klebestoff jetzt patentieren lassen und weitere Studien durchführen.

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Bildquelle: waferboard, flickr / Lizenz: CC BY-SA
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1 Kommentar:

Gesundheits- und Krankenpfleger

Ich denke da an den intraoperativen Bereich. Dort verbleiben nicht resorbierbare Nahtmaterialien lebenslang, bieten aber keinerlei Bewegungsfreiheit und machen sich beim Patienten sehr oft durch ziehende und stechende Schmerzen bemerkbar.

Anders die oben beschriebene “viskoelsatische” Eigenschaft der
der Bojenbildende Entenmuschel.
Ich sage den viskoelastischen Eigenschaften der Entenmuschel eine “grenzenlose und strahlende Zukunft voraus”.
Das nähen der Organsysteme gehört in wenigen Jahren der Vergangenheit an, die mögliche Infektion durch Fremdkörper wird in den Promillebereich verschoben.
Den einzigen Nachteil dieses neuen Verfahrens wird wie so oft im medizinischen Bereich entweder die Pharmaindustrie, bzw die Krankenkassen sein, die wohl in den meisten Fällen, auf das dann “viel günstigere Nahtmaterial” verweisen, oder dieses neue Verfahren nur als IGEL Leistung anbieten werden.

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