Karies: Impfen statt Zähneputzen

13. Oktober 2017
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Karies ist die Nummer Eins der weltweit häufigsten chronischen Krankheiten. Seit Jahren arbeiten Forscher erfolglos an einem Impfstoff, um Zahnfäulnis vorzubeugen. Jetzt konnte ein neu entwickeltes Protein im Tierexperiment erfolgreich gegen Karies schützen.

Die Weltgesundheitsorganisation WHO sieht Karies längst als globales Problem. Je nach Gebiet leiden 60 bis 90 Prozent aller Kinder im Schulalter daran. Beim DMFT-Index (Decayed, Missing and Filled Teeth) werden kariöse, fehlende oder gefüllte Zähne summiert.

In Europa (WHO-Region EURO) sind statistisch betrachtet 2,5 Zähne bei zwölfjährigen Kindern betroffen, in Amerika (AMRO) sogar 3,5 Zähne. Erwachsene müssen sich Zeit ihres Lebens häufig mehreren Behandlungen unterziehen. Umso wichtiger wäre eine Möglichkeit, ohne viel Aufwand der Zahnfäulnis vorzubeugen.

Experimente zunächst vielversprechend

Wissenschaftlich betrachtet ist die Idee naheliegend. In Plaques befinden sich kariogene Mikroorganismen, die Kohlenhydrate aus unserer Nahrung zu Milchsäure verstoffwechseln. Streptococcus mutans gilt als wichtigster Vertreter. Ein Impfstoff gegen den Keim wäre eine wirksame und kostengünstige Vorbeugung gegen Zahnkaries.

Karies_WHO

Karies bei zwölfjährigen Kindern auf Basis des DMFT-Index. Die Abkürzungen auf der x-Achse entsprechen den WHO-Regionen. © WHO

Experimente aus 2012 zeigen, dass dieser Ansatz nicht so leicht umzusetzen ist. Yuzhuang Sun, Forscher an der Chinese Academy of Sciences, hatte rPAC-Protein von Streptococcus mutans mit Flagellin (KF) aus Escherichia coli kombiniert. Sein Ziel war, eine stärkere Immunreaktion zu erzeugen.

Gab er Ratten seinen Impfstoff KF-rPAc intranasal, verringerte sich die Rate an Dentalkaries, verglichen mit einer Gruppe ohne Vakzine, um 64,2 Prozent. Das klingt soweit vielversprechend, jedoch kam es zu unerwünschten Reaktionen. Darunter auch Entzündungen im Mundraum.

Impfstoff wird entschärft

Jetzt hat Jingyi Yang von der der Chinese Academy of Sciences diesen Impfstoff weiterentwickelt. Yuzhuang Sun und Kollegen bewerten die hohe Immunogenität von Flagellin in früheren Experimenten als Problem. Säugetiere zeigen erfahrungsgemäß eine starke Immunantwort auf das Protein. Deshalb entwickelten sie ein Flagellin-rPAc-Fusionsprotein der zweiten Generation (KFD2-rPAc), indem sie die zentralen Domänen der Immunogenitätsbereiche D2 und D3 von KF durch rPAc ersetzten.

Im Vergleich zu KF-rPAc induziert KFD2-rPAc weniger systemische Entzündungsreaktionen bei Mäusen. Gleichzeitig war der Titer rPAc-spezifischer Antikörper gegen S. mutans mit früheren Daten vergleichbar.

Weitere Experimente mit Ratten bestätigten die Befunde. Nager wurden durch den nasal applizierbaren Impfstoff erfolgreich gegen Karies geschützt. Ob sich das neue Protein auch für Menschen eignet, ist noch ungewiss. So mancher vielversprechende Kandidat scheiterte bisher auf dem Weg in die klinische Praxis. Schon 1976 präsentierten Wissenschaftler vermeintlich vielversprechende Daten aus Experimenten mit Affen. Patienten warten aber bis heute auf den Schutz per Spritze.

 

Quelle:

Second-generation Flagellin-rPAc Fusion Protein, KFD2-rPAc, Shows High Protective Efficacy against Dental Caries with Low Potential Side Effects
Jingyi Yanget al., Scientific Reports, doi: 10.1038/s41598-017-10247-8; 2017

18 Wertungen (4.17 ø)
Bildquelle: Matthew David, flickr / Lizenz: CC BY-SA

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10 Kommentare:

Und wenn wir den Streptococcus mutans ausgerottet haben, dann merken wir wahrscheinlich, dass wir ihn zu etwas anderes brauchen. Dann wird wieder geforscht, womit wir diesen Zustand beheben können. Genügt häufiges Zähneputzen und Mundspülung wirklich nicht?

#10 |
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Stuntmaus
Stuntmaus

Eine Maus mag wohl viele Gene mit uns gemeinsam haben, doch ein zu kurzes Leben, um Kariesbefall zu vergleichen. Wie wäre ein allesspeisender Bär geeignet? Zu teuer – bei dem immensen volkswirtschaftlichen Schaden! Nun bohrt mal an den Mäusezähnchen!

#9 |
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Anke Niemand
Anke Niemand

Das Impfvorhaben ist prima. Als Mutter habe ich schnell feststellen müssen, daß Kinder sich nicht zwangsfüttern lassen und genauso wenig an ordentliche Zahnhygiene heranführen lassen. Den Einfluss auf die dem Körper nützlichen Bakterien können Wissenschaftler doch sicher auch teils an Tierversuchen feststellen. Dies ist aus meiner Sicht eine wirklich ernste Herausforderung vor Einführung. Ich bin gespannt auf die Umsetzung in hoffentlich naher Zukunft.

#8 |
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Manfred L. DIETWALD, Apotheker
Manfred L. DIETWALD, Apotheker

Zu 6) Kennen Sie den Witz zum Nachdenken? Kommt ein Skelett zum Zahnarzt. “Ihr Gebiss ist für Ihr Alter erstaunlich gut, — Aber das Zahnfleisch, das Zahnfleisch! (Hat sie nicht überlebt). Übrigens sind die Ablagerungen an den Zähnen das Problem, denn ohne sie entzündet sich auch das Zahnfleisch sogar bei Veganern nicht.

#7 |
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Nichtmedizinische Berufe

Es gibt wirklich Erkrankungen und Medikamente, die die Zahngesundheit beeinträchtigen.
Ich kenne jetzt als Beispiel Psychopharmaka durch die Mundtrockenheit bzw. Veränderung der Speichelzusammensetzung. Oder häufige Antibiotikagabe im Kindesalter.
Würde dem Einzelnen und den KK Geld sparen, obwohl ich mir habe sagen lassen, dass Karies immer weniger das Problem ist; dafür Parodontose/Parodontitis.

#6 |
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Roman Bischoff
Roman Bischoff

Dann doch lieber Zähne putzen nach der klassischen Art.

#5 |
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Gast
Gast

Als Arzthelferin sollte man sowas wissen od im INternet die Fotos von Diabetikern anschauen

#4 |
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Gast
Gast

es gibt chronische Erkrankungen wie Diabetes Mellitus da faulen die Zähne nur so raus auch mit viel Geputze

#3 |
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Silvett Walther
Silvett Walther

Auch im Darm gibt es Mikroorganismen, die Kohlehydrate zu Milchsäure verstoffwechseln. Möglicherweise könnte so eine Impfung irreversible Störungen an der Darmflora auslösen.

#2 |
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Arzthelferin

Schon wieder eine neue Impfung mit bisher noch nicht bekannten möglichen Nebenwirkungen. Wie wäre es mit Zähne putzen. Konsequente Mundhygiene lässt diese Impfung überflüssig erscheinen.

#1 |
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