Zwangs-Aerobic für Depressive

11. Oktober 2017
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Der Arzt rät zu Sport, der Patient nickt, doch passieren wird nicht viel. Für Menschen mit psychischen Erkrankungen kann regelmäßiger Sport so viel bewirken wie Medikamente. Sich aufzuraffen, fällt aber gerade ihnen krankheitsbedingt schwer. Zeit für Sport auf Rezept?

Regelmäßige Bewegung erwies sich für Patienten mit Depression als ähnlich effizient wie eine medikamentöse Therapie, so lautete das Ergebnis einer umfangreichen Meta-Analyse, die vor drei Jahren veröffentlicht wurde. Obwohl Sport verglichen mit Medikamenten kostengünstiger ist und keine Nebenwirkungen mit sich bringt, wird das heilende Potenzial in vielen Fällen nicht genutzt.

Training in der Klinik, Stillstand zuhause

Betroffenen fällt es durch ihre psychische Erkrankung oft besonders schwer, regelmäßig Sport zu treiben und sich insgesamt mehr zu bewegen. Dieser Aspekt wird von Ärzten bei den Therapieempfehlungen immer noch wenig berücksichtigt. Während einer stationären Behandlung ist regelmäßige Bewegung zwar Teil des Behandlungskonzepts. Doch sobald die Patienten entlassen sind, fallen regelmäßige Trainingsprogramme und auch die Anregung und Motivation zu regelmäßiger Bewegung weg.

Mehr Sport – jetzt aber wirklich

Eine aktuelle Metaanalyse von Davy Vancampfort und seinem Team von der University of Leuven in Belgien hat nun bewegungsarmes Verhalten und körperliche Aktivität bei Patienten mit schweren psychischen Erkrankungen, nämlich wiederkehrender Depression, bipolarer Störung und Schizophrenie untersucht. In die Auswertung wurden 69 Studien mit insgesamt 35.682 Teilnehmern einbezogen. Sie waren zu 39,5 Prozent männlich und im Durchschnitt 43 Jahre alt. Die Betroffenen verbrachten im Durchschnitt 476 Minuten oder fast 8 Stunden ihrer wachen Zeit mit bewegungsarmem Verhalten und nur 38 Minuten pro Tag mit mäßiger bis starker körperlicher Aktivität. Damit verhielten sie sich signifikant mehr bewegungsarm und waren signifikant weniger körperlich aktiv als gesunde, nach Alter und Geschlecht vergleichbare Kontrollpersonen. Ungefähr die Hälfte der Patienten erreichte nicht die Empfehlung der WHO von 150 Minuten mäßiger bis starker körperlicher Aktivität pro Woche.

Eine geringere körperliche Aktivität hing dabei mit einer längeren Krankheitsdauer, der Einnahme einer antidepressiven oder antipsychotischen Medikation, Übergewicht, einem geringeren Bildungsniveau, Arbeitslosigkeit, männlichem Geschlecht und dem Familienstand Single zusammen. „Die Ergebnisse könnten dazu beitragen, maßgeschneiderte Interventionen zu entwickeln, um die körperliche Gesundheit bei diesen Patienten langfristig zu verbessern“, schreiben Vancampfort und sein Team. „Es ist wichtig, in Zukunft evidenzbasierte Maßnahmen zu entwickeln, um die körperliche Aktivität bei Patienten mit schweren psychischen Erkrankungen zu erhöhen und ihr bewegungsarmes Verhalten zu reduzieren. Dies sollte weltweit eine Priorität im öffentlichen Gesundheitswesen sein.“

Stress und fehlende Unterstützung demotivieren

Patienten mit schweren psychischen Erkrankungen erleben eine Reihe von Hürden, die sie daran hindern, regelmäßig körperlich aktiv zu sein. Eine weitere aktuelle Untersuchung von Joseph Firth und seinem Team von der University of Manchester (Großbritannien) und der University of Leuven hat sich mit den motivierenden Faktoren und Hürden für körperliche Aktivität in dieser Patientengruppe beschäftigt. In der Metaanalyse mit 12 Studien mit insgesamt 6431 Patienten stellten die Forscher fest, dass die Betroffenen als Hauptgründe für mehr körperliche Aktivität angaben, ihre Gesundheit verbessern, abnehmen, ihre Stimmung verbessern und Stress abbauen zu wollen. Negative Stimmung, eine subjektiv hohe Stressbelastung und ein Gefühl fehlender sozialer Unterstützung wurden am häufigsten als Hürden für regelmäßige körperliche Aktivität genannt.

„Die Aspekte, die durch Sport verbessert werden können, nämlich Abbau von Stress, Verbesserung der Stimmung und mehr Energie, stehen den Patienten umgekehrt bei der Umsetzung ihrer Absichten im Weg – nämlich eine depressive Stimmung, Stress und fehlende Energie“, schreiben die Autoren. „Deshalb ist es wichtig, dass die Patienten professionelle Unterstützung erhalten, um diese psychologischen Hürden zu überwinden und die Motivation zu regelmäßiger körperlicher Aktivität auf lange Sicht beizubehalten.“

„Kein Patient sollte Praxis ohne Empfehlung zu mehr Bewegung verlassen“

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Valentin Markser vom Institut für Sportpsychiatrie in Köln setzt sich für mehr Bewegung bei Menschen mit psychischen Erkrankungen ein. © Valentin Markser

Doch genau dies sei bisher ein Problem, sagt Valentin Markser vom Institut für Sportpsychiatrie in Köln: Bisher gebe es in Deutschland keine Struktur, die dafür sorgt, dass Patienten mit psychischen Erkrankungen nach Entlassung aus einer stationären Behandlung regelmäßig an Trainingsmaßnahmen teilnehmen oder zumindest motiviert werden, selbst regelmäßig körperlich aktiv zu werden. „Es wäre sehr wichtig, geeignete Trainingsprogramme für die Betroffenen zu entwickeln und zu etablieren und zugleich sicherzustellen, dass sie auch von den Krankenkassen übernommen werden“, betont der Sportpsychiater.

Seiner Ansicht nach würden niedergelassene Ärzte, die Patienten mit psychiatrischen Erkrankungen betreuen, immer noch zu wenig berücksichtigen, wie wichtig regelmäßige Bewegung für ihre psychische und körperliche Gesundheit sei. „Egal ob es der Hausarzt, ein Psychiater, ein Psychotherapeut oder ein Neurologe ist: Kein Patient sollte die Praxis ohne die Empfehlung einer Sport- und Bewegungstherapie verlassen“, sagt Markser. „Dabei sollten die Ärzte sich bewusst machen, dass eine solche Maßnahme kostengünstig, nebenwirkungsarm und für fast jeden zugänglich ist.“

Idealerweise sollten Trainingsprogramme von Experten entwickelt werden und so gestaltet sein, dass sie deutliche physiologische Effekte haben – etwa die kardiorespiratorische Fitness verbessern, schreiben Firth und seine Kollegen. Das Training sollte nicht auf Leistung, sondern vor allem auf eine Steigerung des Wohlbefindens abzielen, so Markser, und lieber in kleinen Einheiten, zum Beispiel drei bis vier Mal pro Woche 30 Minuten, durchgeführt werden.

Ziel von Fachleuten: Sport auf Rezept

„Solche Programme sollten zunächst einmal darüber informieren, welchen gesundheitlichen Nutzen die Patienten von regelmäßiger körperlicher Aktivität haben“, erläutert Markser. „Weiterhin sollten sie den Betroffenen helfen, sich für eine Sportart zu entscheiden, mit der sie sich wohlfühlen. Während des Trainings sollten die Patienten regelmäßig Rückmeldung geben, wie es ihnen mit dem Programm geht, um so darauf hinarbeiten zu können, dass sie weiter motiviert bleiben.“ Wichtig ist auch, dass das Fitnessprogramm einen belohnenden Effekt hat. So haben Studien gezeigt, dass Menschen mit schweren psychischen Erkrankungen Trainingsprogramme vor allem dann als positiv erleben, wenn sie das Selbstwertgefühl und das Körperbild verbessern. „Außerdem wirkt es sich bei solchen Programmen oft günstig aus, dass die Patienten mehr mit anderen Menschen in Kontakt kommen und dass sie das Gefühl haben, selbst aktiv zu sein und aus eigener Kraft ihre Gesundheit zu verbessern“, sagt Markser.

Daneben sei es auch wichtig, die Betroffenen zu Maßnahmen zu motivieren, um bewegungsarmes Verhalten im Alltag zu reduzieren, schreiben Vancampfort und sein Team. „Als erste einfache Maßnahmen könnten die Betroffenen angeregt werden, in Werbepausen beim Fernsehen aufzustehen und herumzulaufen oder kurze Strecken zu Fuß zu gehen statt zu fahren.“ Weiterhin sollten Faktoren, die regelmäßiger körperlicher Aktivität im Weg stehen, verstärkt berücksichtigt werden, so die niederländischen Wissenschaftler. Dies könnten Nebenwirkungen der Medikation wie etwa Müdigkeit sein.

Eine Arbeitsgruppe der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde (DGPPN) arbeitet im Moment bereits darauf hin, dass Patienten mit psychischen Erkrankungen – ähnlich wie dies bei chronischen körperlichen Erkrankungen wie Herz-Kreislauf-Erkrankungen bereits möglich ist – Sport „auf Rezept“ erhalten können. „Die Kosten werden dabei hoffentlich immer öfter von den Krankenkassen übernommen“, so Markser.

60 Wertungen (4.43 ø)
Bildquelle: ePi.Longo, flickr / Lizenz: CC BY-SA
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33 Kommentare:

Ja!! Ich kann das als Betroffene und Fachfrau( pensioniert) nur betonen.
Leider ist das Problem die ” Zündung” des “innneren Motors:.Eine Möglichkeit ist z.b. Im Bayern Fernsehen gibt es eine Frühgymnastik;wenn man Glück hat findet man auch Gleichgesinnte und kann sich verabreden zum Morgen Jogging Susanne vom Bodensee

#33 |
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@#8 Dipl. Ing. Bernd H.K. Hoffmann: Ihre Ansicht, dass der Mensch “von Natur aus faul ist” teile ich nicht. Kleine Kinder haben noch einen gesunden Bewegungsdrang, der Ihnen aber spätestens mit der Einschulung und leider auch oft durch das schlechte elterliche Vorbild genommen wird. Die tägliche Schulsportstunde (ohne Leistungsdruck) wird seit Jahren gefordert, ist aber fernab der Realität und wer ganztagsbeschult erst um 17Uhr daheim ist, wird um 18Uhr kaum mehr zum Sportverein gehen wollen. Zudem hat Sport in unserer Gesellschaft leider ein “Bestrafungsimage” erhalten. Anstatt das Positive der natürlichen Bewegungsfreude herauszustellen, heisst es überall: “Du hast beim Essen gesündigt, zur Strafe MUSST du zum Sport. Du hast zu lange am Schreibtisch gearbeitet – jetzt MUSST Du…”. Dass es für viele heute schwierig ist, neben Beruf (Pendler?) und Familie noch die regelmäßigen enntspannten Bewegungseinheiten als Fixpunkte unterzubringen, ist ein zusätzliches Problem.
Auf der anderen Seite kann auch Leistungsdruck im Sport Depressionsauslöser sein, wie prominente Beispiele zeigen

Zum Sport während einer depressiven Episode: Einen tief in depressiven Phase steckenden Patienten zum Sport zu motivieren, ist eine sehr schwierige Aufgabe. Wenn es gelingt und der Patient die positiven Sofortwirkungen spürt, ist dies ein wichtiger Schritt, um Kraft für die Therapie zu gewinnen. Denn eines muss auch klar sein. Sport kann die Befindlichkeit verbessern, ändert aber meist nichts an den einer Depression zugrunde liegenden Problemen.

Bei Herrn Pawlowsky (#1), der hier einiges an Kritik einstecken musste, kann ich keine fehlende Empathie für das Leiden depressiver Menschen ausmachen. In meinem Empfinden hat er nur auf die ungenügende Wertschätzung von Sport/stressfreier Bewegung als ausgleichende Komponente zur zuweilen depressionsfördernden Alltagssituation sowie schlechte Vorbilder gerügt. Wie gesagt beseitigt der Sport nicht Probleme in der individuellen Lebenssituation, aber er kann Stärke verleihen, die Probleme (ggflls. unter therapeutischer Hilfe) anzugehen.

#32 |
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Gast
Gast

# 24 Schön wäre es, wenn man sein Tier mit in die Klinik nehmen könnte. Eine Wohlfühloase für Mensch und Tier. Machbar ist Alles, wenn Alle an einem Strang ziehen

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Medizinischer Fachhändler

… was nutzt mir der Sport auf Rezept, wenn ich mehr als 9 Monate nach der Empfehlung/Verordnung zum Rehasport noch immer auf einen entsprechenden Kursplatz warten muss.

#30 |
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Gast
Gast

was hat das mit Zwang zu tun?

#29 |
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Gast
Gast

@ Remedias Cortes #23
Ambulante Sportangebote, sehr gute Idee. Das wäre der beste Motivator für Betroffene, um aktiv zu werden. Dass der Fitnessstudiobetreiber diese Aktion gestartet hat, finde ich im wahrsten Sinne des Wortes vorbildlich.
Was das Thema an sich betrifft ist es aus meiner Erfahrung so: Sport hilft gegen leichte und mittelschwere Depression und kann einen Rückfall in eine schwere Depression verhindern. Aus einer schweren Depression HERAUSHELFEN kann er nicht. Da ist man dann doch auf Medikamente (oder besser: EKT) angewiesen.

#28 |
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Gast
Gast

Ich frage mich immer wieder aufs Neue, wie es zu solchen schweren Depressionen kommen kann? Ok , eine gewisse Veranlagung muss wohl da sein und der Rest macht die immer mehr ichbezogene , skrupellose über Leichen gehende Gesellschaft. Welcome to hell

#27 |
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Gast
Gast

# 24 Aus diesem Grunde habe ich auch keinen eigenen Hund sondern einen Betreuungshund, den gebe ich Abends wieder zu seiner Besitzerin und bekomme für das Hundesitting auch noch etwas Geld dafür. Eine win win situation aber natürlich nur für Menschen die Hunde wirklich über Alles lieben und auch eine gewisse Verantwortung übernehmen können.

#26 |
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Ivory
Ivory

Depression ist eine schwere Erkrankung!
Eine Hoffnungslosigkeit, Selbstaufgabe bis hin zum Suizid.
Ein sanftes Schieben ist dann schon mal sehr hilfreich, um mit dem Patienten minimale Erfolgserlebnisse für den Pat. zu erreichen, um ihm andere Möglichkeiten zu öffnen, ihm zu einem “normalen” Tagesablauf zu verhelfen.
Tiere können CO-Therapeuten sein, aber sie dürfen nicht missbraucht werden, wie es sehr häufig der Fall ist, wenn Menschen schwerst psych. erkrankt sind. Tiere haben ein Recht auf Unversehrtheit und das sie ihre Bedürfnisse ausleben dürfen, tiergerecht gehalten werden.
(Leider werden psych. Erkrankungen immer wieder missbraucht, da sie nicht immer eindeutig diaganostizierbar.)

#25 |
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Nichtmedizinische Berufe

Zu den Hunden: Ich mag Hunde, wie alle Tiere sind sie wunderbare Lebewesen. Doch man muss einen Hund haben wollen. Man muss überhaupt einen Bezug zu Tieren haben und Verantwortung übernehmen wollen. Man kann ein Tier mit seinen Bedürfnissen nicht als Therapie instrumentalisieren. Wer nicht einmal die Sorge um sich selbst auf die Reihe kriegt,
Hunde nicht mag oder Angst vor ihnen hat, sollte auch keinen verschrieben bekommen.
Eine andere Sache: Ich kenne mehrere Hundehalter mit Psychose, die alleine stehen in ihrem Leben. Sie haben ständig große Angst davor, in die Klinik zu müssen- denn wer kümmert sich dann um den Hund? Auch bei Zwangseinweisungen ein großes Problem. Die meisten leben an der Armutsgrenze, Tierpension ist also nicht. Ich rate immer dazu, das erstmal abzuklären, bevor man an die Anschaffung von Hunden, Katzen ec. denkt.

#24 |
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Nichtmedizinische Berufe

In vielen Tageskliniken gibt es bereits Sportangebote. Eventuell könnte man diefür ambulante Patienten öffnen? Eine feste Gruppe mit Betroffenen ist was ganz anderes als ein Gang ins Fitnessstudio. Zumal man bei schwer Kranken die Krankheit und die Medikamente nicht unterschätzen darf. Ich erinnere mich – voll abgeschossen, verlangsamt und die horrende Gewichtszunahme- nichts passte mehr und der Antrieb, neue Sportkleidung zu kaufen, wäre auch gar nicht dagewesen, da haben mir die Sporteinlagen, die auch immer mit Elementen aus Qui Gong etc. kombiniert wurden, richtig gut getan. In die Gruppe konnte ich auch mit der alten Jogginghose. Man darf auch nicht vergessen, dass viele psychiatrishe Patienten mit Angst und Panik zu kämpfen haben ( teilweise als Symptom. teilweise als Medikamenten- Nebenwirkung – selbst im guten Fall dauert es nämlich, bis das richtige gefunden ist) Die gehen nicht mehr aus dem Haus, nicht aus Verantwortungslosigkeit und Faulheit, sondern es ist ein fu…… Symptom.
Die größte Hilfe, ein Sportangebot überhaupt wahrnehmen zu können, war in diesem Moment ein Taxischein in die Tagesklinik.
Bei uns am Ort hat der Besitzer eines Fitnessstudios übrigens die Nutzer der Sozialpsychiarie eingeladen, die Anlage zu nutzen. Seitdem fährt zweimal wöchentlich der Gruppenbus dorthin. Vorbildlich diese Aktion , finde ich.

#23 |
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Dr. med. Siegfried Schlett
Dr. med. Siegfried Schlett

Nudging ist im Moment in aller Munde. das sanfte Hingeschubst-Werden zum nächsten Schritt, der gut wäre. Die Verabsolutierung der Selbstbestimmung, die vielen Menschen überhaupt nicht hilft, ist zu hinterfragen. Natürlich wird diese These den Protest aller “Freien” auslösen. Aber ich erlebe viele Patienten, denen nur eines im Leben fehlt: Führung.

#22 |
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Student

@Gast #19
Danke für die super Zusammenstellung.
Eines wird gern, v.a. von Laien, vergessen, da es “draussen” noch nicht bekannt ist: Man fängt endlich an, die Depression als Stoffwechselerkrankung zu sehen wie Diabetes oder Bluthochdruck.
Anhand Ihrer Zusammenstellung sollte jeder Laie nun ebenso erkennen, dass es wirklich eine Stoffwechselstörung ist, gerade schwere Episoden sind nicht ohne Medikament behandelbar – eben wegen des veränderten Stoffwechsels.

Den meisten ist auch nicht bekannt, dass 15% der schwer Depressiven sich umbringen. Doch genauso wenig, wie sie sich zu Sport motivieren können, gibt es immer – es ist NICHT psychisch vorranging bewusst gewollt – einen “inneren Schalter”, der vom Körper umgelegt wird, um sich das Leben zu nehmen.

#21 |
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Gast
Gast

Menschen mit chronischen psychischen Erkrankungen brauchen aufsuchende Unterstützung, keine guten Tipps. Sie wissen meist sehr gut, was Ihnen gut tun würde, aber sie schaffen es einfach nicht, all diese Dinge anzugehen. Häufig leben sie isoliert aufgrund der Stigmatisierung psychischer Erkrankungen. Viele schämen sich. Ängste begleiten Sie.
Rezepte allein bringen es nicht. Es fehlt an menschlicher Unterstützung. Sei es für einen Spaziergang oder den Besuch im Schwimmbad, ein Besuch im
Café. Ob das nun die KK, die Pflegekasse zahlt, ist egal.
Und es dauert, bis etwas gefunden ist, das zur Situation und den Interessen passt. Gleich ob Sportgruppe oder Gesangsverein.
Eine aufsuchende Hilfe könnte Lenen retten.
Gast fasst es in ‘ Depression for beginnest ‘ gut zusammen !

#20 |
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Gast X
Gast X

Gast 19: Volle Zustimmung. Eine schwere depressive Episode ist der denkbar ungünstigsten Zeitpunkt für jemanden der bisher keinerlei Sport getrieben hat damit anzufangen. Es ist in vielen Fällen einfach zuviel verlangt und die „Belohnung“ steht hier wohl in keinem Verhältnis zu der Anstrengung und Kraft die ein depressiver Patient für diese Einheit aufbringen muss. Keiner wird gleich beim ersten Walk mit einem runners high belohnt. Allerdings sollte für jeden von uns regelmäßiger Sport zur Selbstverständlichkeit werden, uns allen tut Bewegung gut egal in welchem Alter. Am besten Sport zur alltäglichen Gewohnheit machen wenn wir gesund sind und falls wir krank werden möglichst nicht damit aufhören. Aber erst dann anfangen wenn wir krank sind ist oft schwierig.

#19 |
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Gast
Gast

Depression for beginners:

wir erinnern uns alle gaaanz dunkel an die Uni:

Depression = das “-losigkeitssyndrom”

antriebslos, gefühllos (Gefühl der Gefühllosigkeit), freudlos (Anhedonie, nichts, was früher Spaß gemacht hat, kann noch hinter dem Ofen hervorlocken) mutlos, hoffnungslos, motivationslos, energielos, interessenlos, sozialkontaktlos (Rückzug), schlaflos, appetitlos, durstlos,

dabei im Gegensatz zur Demenz und zum sozialschmarotzenden Faulpelz, der durch die Vorredner fälschlich wiederholt mit einem depressiven Patienten verwechselt wird,

glasklares erkennen all der Dinge, die man sich wieder mal vorgenommen hat und wieder mal nicht geschafft hat ===>Insuffizienz- und Schuldgefühle bis hin zum Schuldwahn und akuter Suizidalität
bewegungslos bis hin zur vollständigen inneren (= Sperrung) und äußeren (katatonen) Erstarrung ===> intensivmedizinische pfllegerische Versorgung auf der psychiatrischen Akutstation.

Darunter liegen:
neurobiologische Theorien werden durch die Wirkung spezieller Pharmakagruppen bestätigt:

im ZNS
Serotoninmangel ==> intrinsisches Belohnungssystem beeinträchtigt
Dopaminmangel/Noradrenalinmangel ==> Antriebsregulation beeinträchtigt

ob dies die Folge von Konflikten und Lebensumständen ist oder andersherum, ist akademisch!

Depressive Patienten machen nicht keinen Sport, weil sie faul sind und sich auf Kosten der Solidargemeinschaft einen Lenz machen wollen, sondern weil sie
den Antrieb nicht aufbringen, morgens in die Senkrechte zu kommen. Alles weitere wird zum unerreichbaren Himalaya.
Jede einzelne Tätigkeit hat teils einen Anlauf von 2 bis 3 Stunden! Und dann kommen sie noch zu spät und kriegen blöde Kommentare ab.Das motiviert einen depressiven menschen nicht, wiederzukommen!

Sport in Gruppen mit Gesunden ist nicht wirklich motivationsfördernd, die Blicke der anderen Teilnehmer und auch von Sportlehrern auf den typischen Nicht-Sportler, evtl. psychomotorisch verlangsamt, in jedem Falle sichtlich unfit, muss man gesehen haben! Das motiviert einen depressiven Menschen nicht, wiederzukommen!

Schließlich haben insbesondere serotonerge, sedierende Antidepressiva eine Interaktion mit dem Leptinstoffwechsel, sprich eine Appetitsteigerung als UAW, die ihresgleichen sucht. Sprich, es geht ihm oder ihr affektiv besser, evtl. sogar schon kognitiv, aber der Patient geht auf wie ein Hefekloß. 10 kg in 4 Wochen ist nicht selten. Reaktion der Umwelt siehe oben.

Mehr sag ich dazu als Psychiaterin mit 25 Jahren Berufserfahrung nicht!

Ich bitte um mehr Profi-Niveau bei dieser Diskussion.

#18 |
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Gast
Gast

Entschleunigung würde jedem guttun und mehr Humanität

#17 |
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Ute M.
Ute M.

Ich bin etwas jünger und nicht depressiv. Ich kann aber sagen, in dem Sportstudio, in dem ich trainiere, sind nur abends die Jungen, die älteren Menschen treffen sich morgens, trainieren und tratschen miteinander. So ein “Sport Light” täte sicherlich depressiven Menschen gut.

#16 |
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Nichtmedizinische Berufe

Diese Diskussion jetzt wieder auf die Selbstopitimierungsschiene zu heben, ist typisch für unsere Zeit.

Hier geht es um schwere psychische Erkrankungen. Und die sind häufig vererbt (familiäre Häufung von schweren Depressionen und Psychosen) und durch äußere Umstände bedingt, die ein bisschen Sport nicht einfach so beheben könnte.

In den 70ern haben die jungen gerufen “Macht kaputt, was euch kaputt macht”, sprich, der Zeitgeist wendete sich gegen krankmachende Faktoren vor allem in der Gesellschaft und der Arbeitswelt.

Heute wird nur noch danach geschaut, wie das Individuum durch Selbstoptimierung durch Drogen, Medikamente, Sport, Meditation und vieles mehr, dem steigenden Druck der Leistungsgesellschaft so lange wie möglich stand halten kann.

Die Leistungsgesellschaft, wie wir sie heute haben, ist gerade einmal 250 Jahre alt und sie steigert sich ständig und Veränderungen kommen in einem immer schnelleren Tempo.

Die Beiträge von Richard David Precht sind häufig recht erhellend.
https://www.youtube.com/watch?v=U2cQpKSVr9g

#15 |
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Sport auf Rezept? Das Rezept wird gar nicht erst eingelöst. Und JA, wir Hausärzte reden uns den Mund “fransig” bei diesen Patienten (auch bei adipösen, Diabetikern usw.), fragen ständig nach und motivieren, schreiben Reha-Sport auf. Aber in den seltensten Fällen werden diese Rezepte auch eingelöst, oder keine Verlängerung angefordert, oder alles wieder abgebrochen. Es ist mühsam, und unsere Patienten erhalten sehr wohl Unterstützung – viel Unterstützung, wie mir auch in Gesprächen mit Kollegen bestätigt wird. Aber sobald die Patienten die Praxis verlassen, sind sie nun mal auf sich gestellt. Selbst wenn wir einen Termin vereinbaren oder einen Kontakt herstellen – meistens verlorene “Liebesmüh” – wir machen es trotzdem bei dem einen oder anderen. Bei allen können wir es nicht, das sprengt einfach den Rahmen. Die Angebote sind groß genug, die Unterstützung der Krankenkassen ebenfalls. Wir brauchen nicht noch mehr davon. Es ist die Krankheit selber, die die Patienten ausbremst. Und letztendlich müssen sie auch selbst etwas tun, um daraus zu finden. Auch die Familie scheitert sehr häufig und muss immer wieder neu ansetzen.

#14 |
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Gast
Gast

Vor allem Ausdauersport wie Radfahren hilft mir, wobei ich aktuell tablettenunterstützt auch in der Lage bin mich auf den Sport zu freuen. Habe mich auch einer Gruppe angeschlossen was zusätzlich motiviert. Ein Fitnessstudio ist meiner Meinung nicht geeignet da man sich zu sehr anstrengen muss “normal” zu wirken. Der schnelle Wechsel von Eindrücken in der Natur unterstützt die Entspannung. Dafür ist Radfahren ideal. Das Belohnungsgefühl ist bei mir schon gegeben wenn ich überhaupt in die Natur gehe. Beim Radfahren kann ich entscheiden wann, wie lange und wie intensiv ich mich bewegen will.

#13 |
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Ihre Idee finde ich super! Ein Hund zwingt einen, eine gewisse Regelmäßigkeit einzuhalten. Fressen zubereiten, Gassi gehen. Das kann man dann nicht auf morgen verschieben, weil der Hund sonst in der Wohnung Gassi macht.

#12 |
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Stefanie Roché
Stefanie Roché

Hund auf Rezept? Bewegung, einfache Sozialkontakte, und Motivationshilfe in einem pelzigen Paket. (Natürlich nur für Leute, die es auch tatsächlich schaffen, sich aufzurappeln und sich um ein Lebewesen zu kümmern, ist aber meistens einfacher, für jemand anderes etwas zu tun als für sich selbst.)

#11 |
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Student

#1
Sie haben wohl noch keine schwere depressive Episode gehabt. Es geht doch nicht um das Geld, sondern die Betreuung.
Diese ist nach einer Klinik definitiv bescheiden in D – kein Wunder, dass nach dieser Käseglocke die Episoden wieder hervorkommen oder sich verschlimmern.
Zudem wird man/frau nicht durch die bewusste Sportarmut krank, sondern durch heutzutage verdichtetes Arbeitsleben, (zu) hohen Anforderungen und wenig Verständnis für Schwäche. Hinzu kommt in der kommunikationstechnisch reichen Gesellschaft eine Kommunikationsarmut, die ebenfalls Resilienz verhindert.

Den inneren Schweinehund und die Eigenverantwortung, das ist ein gesellschaftlich anderes Thema. Das Mitnahme- bzw. Vollkaskomentalität um sich gegriffen hat seit Rot-Grün, sollte jedem klar sein. Nur zugeben tut das keiner……

#10 |
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Dr. Ulrike Michel
Dr. Ulrike Michel

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#9 |
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Dipl. Ing. Bernd H.K. Hoffmann
Dipl. Ing. Bernd H.K. Hoffmann

Theoretisch alles wunderbar.
Man darf aber nicht vergessen, daß der Mensch von Natur aus faul ist. Wenn Aktivität, muß es dafür eine Belohnung geben, und es muß auf Dauer viel Spaß machen. Das ist (nach eigener Erfahrung in div. Studios) eben nicht der Fall, es ist nach einer gewissen Zeit eher lästig und wird als Zeitverschwendung empfunden, wenn man genug anderes zu tun hat bzw. hätte. Hängt auch damit zusammen, daß ab einem gewissen Alter die Körperform kein so zentrales Problem mehr darstellt, zumal sie ohne ganz massives Training sowieso nicht mehr zu ändern wäre. Und da gibt es Interessanteres zu tun, als monotone Übungen zu absolvieren oder stundenlang in der Gegend herumzulaufen.
Bei Leuten, die zu Depression neigen, wirkt möglicherweise ein positiver Gruppeneffekt stabilisierend; die sportlichen Leistungen sind da nicht so wichtig.

#8 |
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Gast
Gast

Bei der Entscheidung, einem Patienten normalen Vereinssport, eine therapeutisch betreute Sportgruppe oder eben auch ein individuelles Sportprogramm zu empfehlen, ist es hochgradig wichtig, herauszufinden, welche dieser Arten ihn eher motivieren oder demotivieren. Sport unter “Aufsicht” kann da auch ähnlich demotivierend wirken wie Schulsport.

#7 |
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Gast
Gast

Die Gäste, die hier von “fehlender Eigenverantwortung” schreiben, haben offenkundig keine Kenntnisse von psychischen Erkrankungen bzw. Depression.
Die genannten KK-Subventionen sind immer mit Verwaltungsaufwand und weiteren Hürden verbunden, die ein psychisch Kranker Mensch ggf. nicht nehmen kann. Bei “Sport auf Rezept” wäre dies niedrigschwelliger und dementsprechend erreicht und heilt man mehr Kranke.

#6 |
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Dr. rer. nat. Karl-Albert Rinast
Dr. rer. nat. Karl-Albert Rinast

@#2, #3
Offensichtlich haben sie keinerlei Erfahrung mit Depression und depressiven Menschen.

#5 |
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Dr. Andreas Breß
Dr. Andreas Breß

Herr Pawlowsky,

Es geht hier nicht darum, dass jemand ein Rezept bekommt, sondern dass Hürden abgebaut werden und der Patient es als echte Medizin wahrnimmt. Des weiteren kann man mit dem Rezept vielleicht besser spezielle Gruppen bilden, die ähnliche Probleme haben und sich somit gegenseitig durchaus motivieren können. So könnte der Patient sich vielleicht auch weniger ausgeschlossen fühlen, als wenn er in die Sportgruppe/Fitnessstudio geht wo die Menschen alle voller Elan und freudig ihren Sport verrichten.

Diese Art von sportlichen Selbsthilfegruppen gibt es in anderen Bereichen wie z.B. bei Rheuma-Erkankungen und sie scheinen einen durchaus positiven Effekt zu haben.

#4 |
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Gast
Gast

Es gibt eine Vielzahl von Kursen, die von den Kassen zu 80% unterstützt werden (siehe Zentrale Prüfstelle für Prävention/ ZPP)! Es liegt einzig allein an fehlender Eigenverantwortung, den Willen selbst aktiv zu werden.

#3 |
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Gast
Gast

“Die Kosten werden dabei hoffentlich immer öfter von den Krankenkassen übernommen“ Sonst noch was? Rausgeworfenes Geld! Glauben sie ernsthaft, dass das jemanden motiviert, die Verantwortung für sich selbst zu übernehmen?
Für alles ist Geld da : für die Zigaretten, die neueste Mode etc. Aber die 5 € im Monat für den Sportverein sind zu viel? Walken oder joggen kann man übrigens gratis.

#2 |
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Ernst Pawlowsky
Ernst Pawlowsky

“Sport auf Rezept”
im Prinzip ja, aber … warum muß man / frau erst krank werden, bevor man dann ein solches Rezept bekäme?
Mäßiger ( Ausdauer- ) Sport sollte grundsätzlich in unserer Gesellschaft einen viel höheren Stellenwert haben und der Zugang zu entsprechenden Angeboten weiter verbessert bzw. die Motivationslage weiter gestärkt werden.
Doch wenn ein großer Teil unserer Mediziner selbst unsportlich / bewegungsarm, übergewichtig oder rauchend daher kommt: was soll einen bequemen Patienten dann motivieren?
Oder unsere Volksvertreter?
Selbst bei Joschka Fischer war der Marathonlauf nur ein Zwischenhoch

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