Fume Events: Airlines in Alarmbereitschaft

20. Oktober 2017
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Fluggesellschaften entwickeln neue Filter, um ihre Kabinenluft besser zu reinigen. Dieser Aktionismus ist die Reaktion auf verbreitete Medienberichte zu sogenannten Fume Events. Wissenschaftlich bleibt das aerotoxische Syndrom weiterhin umstritten.

Fume Event – Gift in der Kabinenluft“ oder „Alarm im Flugzeug: Wie giftige Kabinenluft krank macht“: Medien berichten regelmäßig über Gerüche oder Rauch mit möglichen Folgen für die Gesundheit. Experten sind sich aber uneinig, ob das aerotoxische Syndrom – von Einzelfällen abgesehen – tatsächlich existiert.

Streit auf hohem Niveau

Mitte 2017 hatte Professor Dr. Hans Drexler, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Arbeitsmedizin und Umweltmedizin (DGAUM), gegenüber DocCheck erklärt, dass die Existenz des Syndroms aus wissenschaftlicher Sicht nicht gesichert sei. „Mit den Daten, die wir bislang haben, lässt sich der Zusammenhang aber nicht belegen“, sagte der Experte. Er warnt davor, Einzelfälle zu verallgemeinern.

Jetzt legt die Weltgesundheitsorganisation WHO in ihrer Zeitschrift „Public Health Panorama“ nach. Die Erstautorin Susan Michaelis forscht nicht nur an der University of Stirling, sondern tritt auch als Beraterin im Luftfahrtbereich auf. Zusammen mit Kollegen hat sie mehrere Kohorten mit fliegendem Personal ausgewertet.

„Es konnte sowohl bei den Symptomen, den Diagnosen und sonstigen Ergebnissen ein klarer Zusammenhang zwischen Ursache und Wirkung in der Arbeitsumgebung hergestellt werden“, schreibt Michaelis. „Die Anerkennung dieser neuen Berufsstörung und ein klares medizinisches Untersuchungsprotokoll sind dringend erforderlich.“ Das letzte Wort ist also noch lange nicht gesprochen. So mancher Airline wird die Luft aber im wahrsten Sinne des Wortes zu dünn.

Alle tüfteln bereits

Easyjet hat nun bekanntgegeben, die Gefahr von Fume oder Smell Events verringern zu wollen. Die britische Fluggesellschaft entwickelt zusammen mit dem US-amerikanischen Unternehmen Pall neue Filter, um die Kabinenluft besser zu reinigen. Keinen Zusammenhang gebe es zu Studien, die sich mit langfristigen Erkrankungen bei Besatzungsmitgliedern aufgrund von Gerüchen und Dämpfen auseinandersetzten, stellt Easyjet klar. Unabhängige medizinische Forschung habe keinen Beweis für einen solchen Zusammenhang erbracht. Vielmehr sei man zu dem Schluss gekommen, dass keine langfristigen Vergiftungserscheinungen zu erwarten seien. „Suggeriert das neue Filtersystem von Easyjet, toxische Kabinenluft sei wirklich ein Problem?“, schreibt The Telegraph dazu.

Andere Fluggesellschaften folgen dem britischen Vorbild. Wie Aerotelegraph berichtet, arbeiten deutsche Airlines an ähnlichen Projekten. „Trotz der aktuellen wissenschaftlichen Studien, die belegen, dass die Luft an Bord unbedenklich ist, testet die Lufthansa Group bereits seit über einem Jahr verschiedene Verfahren, wie spezielle Hepa-/Aktivkohlefilter oder prüft entsprechende Sensorik“, erklärt eine Sprecherin gegenüber dem Magazin. Eurowings, Tuifly, Condor und Air Berlin arbeiten an ähnlichen Projekten.

Sparen um jeden Preis

Dass mehrere Airlines Filtersysteme entwickeln, ist ohne Zweifel gut gemeint. Hier zeigt sich aber einmal mehr, wohin krankhaftes Sparen führen kann. Viele Fluggäste buchen ihre Tickets nur nach dem minimalen Preis. Airlines brauchen ein billiges Fluggerät, und Hersteller versuchen ihrerseits, unnötige Kosten zu vermeiden. Anders lässt es sich nicht erklären, dass fast alle Flugzeugtypen die Zapfluft am Turboverdichter von Turbinen entnehmen.

Bei der Boeing 787 haben Ingenieure elektrische Verdichter eingebaut, um auf verunreinigte Zapfluft zu verzichten. Ihre Idee ist an und für sich aber nicht neu. Schon vor Jahrzehnten arbeitete die Douglas Aircraft Company bei ihrer DC-8 mit separaten Lufteinlässen und einem zusätzlichen Kompressor.

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Bildquelle: nathanmac87, flickr / Lizenz: CC BY

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2 Kommentare:

Gast
Gast

Da es in Deutschland nur eine Stelle an der Uni Göttingen gibt, die sich um Patienten mit dem Fume-Event-Syndrom kümmern, und diese Stelle seit einem Jahr praktisch nicht besetzt war, ist es ja wohl klar, daß es leider keine Daten gibt. In Australien setzt man sich deutlich offener mit dem Problem auseinander. Nicht bekannt ist offensichtlich auch die Belastung der Kabinenluft mit Pyrethroiden, die immer wieder versprüht werden, zum Teil auch bei startbereiten Flugzeugen, wie z. B. in Barbados habe ich es selbst erlebt. Die Konzentration in der Luft im Flugzeug ist hoch, da die Stäube aus den Sitzen in die Luft gehen. Flugbegleiterinnen haben wohl ein hohes Frühgeburtsrisiko, bzw Fehlgeburtsrisiko. Die Effekte hängen natürlich von der individuellen genetischen Entgiftungsfähigkeit der entsprechenden Enzymsysteme ab. Wenn GST.M1 und Glutathion-theta nicht aktiv ist,dann gibt es silent Inflamation, CMS, Autoimmunerkrankungen etc

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Stefan Funken
Stefan Funken

Welche unabhängig medizinische Forschung meint die Autorin?

Einzig die immer wieder in kleinen Umfang durchgeführten Luftmessungen zeigen angeblich keinen Zusammenhang, die Luft sei so gut wie im Kindergarten. Aber selbst die EASA räumt in ihrer im März veröffentlichten Studie ein, dass sie 127 verschiedenen Stoffe finden konnten, deren Wechselwirkung komplett unerforscht ist. Das klingt nicht sehr vertrauenserweckend.

Das Institut für Prävention und Arbeitsmedizin in Bochum veröffentlichte bereits 2012 eine Studie in der klar erkennbar war, dass in Körperflüssigkeiten von Flugpersonal und Flugzeugmechanikern Hydrauliköl nachweisbar ist. Wie kommt das dort hin?

Mehrere internationale Studien belegen vor allem immer wieder kognitiven leistungenseinbußen bei Crew und Cockpit nach Fume Events. Wobei klar davon auszugehen ist, dass vor allem die zweite Gruppe vor ihrem Berufseinstieg diese Probleme nicht hatten, denn sonst wären sie nicht im Cockpit gelandet.

Bitte machen Sie ihre Hausaufgaben besser!

Mit freundlichen Grüßen

Kerstin Konrad

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