Tätowierungen: Jung, naiv, infiziert

16. Oktober 2017
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Für Jugendliche sind Tattoos mittlerweile selbstverständlich: Fast 40 Prozent der 16- bis 20-Jährigen in Europa und den USA sind tätowiert. Viele von ihnen sind schlecht über die medizinischen Risiken informiert. Worauf sollten Ärzte hinweisen und wem sogar ganz von Tätowierungen abraten?

Etwa zehn Millionen Menschen in Deutschland tragen eine oder mehrere Tätowierungen am Körper. Besonders bei jungen Menschen ist der Wunsch, den eigenen Körper individuell zu gestalten, groß: Nach Angaben von The Lancet tragen 36 % der 16- bis 20-Jährigen in den USA und Europa ein Tattoo [Paywall].

Für Jugendliche ist es eine Selbstverständlichkeit, sich ein Tattoo stechen zu lassen und sie sind häufig schlecht über die Risiken informiert. Aus medizinischer Sicht kann das problematisch sein. Worauf sollten Ärzte hinweisen und wem sogar ganz von Tätowierungen abraten?

Unwissen über mögliche Komplikationen

Zu den bekannten Risiken zählt die Übertragung von HIV: Von 1.600 befragten Studenten waren sich 60,3 % über die Gefahr im Klaren, wie eine Umfrage italienischer Biomediziner ergab. Bei Hepatitis C und Hepatitis B waren es nur noch die Hälfte der Studenten. 28 % der Befragten hätten nicht gedacht, dass es bei Tätowierungen auch zu nicht-infektiösen Komplikationen wie Allergien gegen eines der applizierten Pigmente oder enthaltene Schwermetalle (z.B. Chrom oder Nickel) kommen kann. Sogar noch Jahre nach dem Eingriff.

Kürzlich veröffentliche die American Academy of Pediatrics (AAP) eine Studie zum Thema Körpermodifikationen unter jungen Menschen. Erstautorin Dr. Cora Breuner erklärt, dass ernsthafte Komplikationen zwar eher selten auftreten, genaue Zahlen aber nicht vorliegen. Bekannt sind Infektionen mit Bakterien (Staphylokokken, Streptokokken, Mykobakterien und Pseudomonaden), Viren und Pilzen sowie die Übetragung von Hepatitis B und C, Tetanus und HIV und seltene Fälle von Neoplasien und Vaskulitis. Insgesamt kommt es bei etwa 6 % der Tätowierten nach dem Eingriff zu Infektionen und Allergien.

Tattoofarben: Sicherheit kaum zu garantieren

Die Ursachen für Komplikationen sind vielfältig: unhygienische Räume, nicht-sterile Tätowergeräte, mit Keimen belastete Tattoo-Farbe. Zwar gilt in Deutschland seit 2009 die Tätowiermittel-Verordnung, mit einer Liste von 39 gesundheitsschädigenden Substanzen, die in den Farben verboten sind. Aber es existiert keine Positivliste bzw. einheitliche Regelung darüber, welche Tätowierfarben verwendet werden dürfen.

Farben müssen nicht amtlich zugelassen werden. Für die Sicherheit ist allein der Hersteller verantwortlich. So ist es für Tattoo-Studios nahezu unmöglich auszuschließen, ob die verwendeten Farben krebserregende oder erbgutschädigende Substanzen wie Schwermetalle (Arsen, Chrom, Nickel, Cobalt, Quecksilber) enthalten. Besonders rote Farbe führt durch teilweise enthaltenes Quecksilber häufig zu Entzündungen.

Wie sich die verschiedenen Ingredienzien bei lebenslanger Exposition und im Zusammenspiel mit UV-Strahlung auf den Körper auswirken, ist bisher nicht absehbar. Bekannt ist aber, dass Pigmente durch eine zu hohe Stichtiefe im Körper „wandern“ und sich in Organen, beispielweise in den Lymphknoten und der Leber, anreichern.

Risikogruppen: Hellhäutig, abwehrschwach oder sportlich

Der Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzte e.V. (BVKJ) rät jungen Erwachsenne mit Abwehrschwäche, Blutungsneigung (z.B. durch Antikoagulantien), Diabetes, Neurodermitis oder Herzfehlern, von Tattoos ab. „Heranwachsende sollten zudem bedenken, dass ihre Haut sich dehnt – in der Länge und in der Breite – oder später Falten bekommmen kann“, so Pädiater Dr. Ulrich Fegeler vom BVKJ.

Dr. Uwe Kirschner, Dermatologe aus Mainz, rät auch Jugenlichen, die zu vielen Muttermalen neigen oder eine sehr helle Haut haben, von großflächigen Tattoos ab. Er erklärt: „Tatsächlich sind frühe Veränderungen von Pigmentmalen auf tätowierter Haut schwieriger zu entdecken.“ Die Beurteilung falle bei einem verdächtigen Hautmal unter Umständen schwer. Außerdem sei auch der Nutzen moderner Technik (Nevisense) eingeschränkt, weil die Referenzmessungen auf nicht tätowierter Haut stattgefunden habe. Auch Patienten, die als Kind schwere Sonnenbrände hatten oder regelmäßig die Sonnenbank benutzen, hätten ein erhöhtes Hautkrebsrisiko und sollten sich deswegen besser gegen ein Tattoo entscheiden.

Zur Risikogruppe zählt Kirschner auch Sportler und junge Erwachsene in schweißtreibenden Berufen. In einer aktuellen Studie des Amla Colleges in Michigan fanden Sportwissenschaftler heraus, dass tätowierte Haut ca. 50 % weniger Schweiß bildet als untätowierte Haut. Tattofarbe wird in die mittlere Hautschicht, etwa drei bis 5 Millimeter tief, eingebracht. Dort befinden sich ebenfalls die ekkrinen Schweißdrüsen. „Gerade Sportler, für die eine gute Temperaturregulation des Körpers wichtig ist, sollten sich daher gut überlegen, ob sie große Hautflächen, wie Rücken, Bauch oder Arme/Beine tätowieren lassen,“ sagt Kirschner. Die Studie zeigt außerdem, dass im Schweiß deutlich höhere Konzentrationen von Natrium sind. Normalerweise resorbiert die Haut diese aus dem Schweiß, bevor er austritt. Menschen, die viel schwitzen und großflächliche Tattoos haben, sollten darauf hingewiesen werden, auf eine ausreichende Zufuhr von Elektrolyten zu achten.

Erfolg von Entfernungsmethoden überschätzt

Kritisch sieht Dr. Cora Breuner von der AAP auch, dass Jugendliche den Erfolg von Tattoo-Entfernungsmethoden überschätzen. In Deutschland bereut jeder Zweite seine Tätowierung. Die Entfernung ist oftmals problematisch. Es kann zu Narben und Depigmentierungen kommen. Die „sanfte“ Lasermethode hat im Vergleich zum chirurgischen Eingriff entscheidende Nachteile: Trotz mehrfacher Durchführung bleiben Reste häufig sichtbar. Außerdem können unvorhersehbare Immunreaktionen auftreten, weil Pigmente möglicherweise platzen und toxische bzw. krebserregende Substanzen freigesetzt werden können.

Das Bundesinstitit für Risikobewertung (BfR) wies im Jahr 2015 nach, „dass bei der Laserbehandlung eines Tätowierpigments Stoffe in Konzentrationen entstehen, die hoch genug wären, in der Haut Zellschäden zu verursachen“.

Es gibt in Deutschland kein gesetzliches Mindestalter für Tätowierungen. Entscheidend ist nicht allein das Alter, sondern laut Bundesministerium für Verbraucherschutz die geistige Reife. Das ist allerdings ein kaum überprüfbares Kriterium für Tattoo-Studios. Umso wichtiger ist für Ärzte, über die möglichen Komplikationen so früh wie möglich aufzuklären.

74 Wertungen (4.86 ø)
Bildquelle: Lorena Cupcake, flickr / Lizenz: CC BY-SA
Allgemein

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16 Kommentare:

Manfred L. DIETWALD, Apotheker
Manfred L. DIETWALD, Apotheker

#15) Verbote aller Risiken haben selten weder bei Heranwachsenden, noch Erwachsenen das Handling verhindert. Folgen von Verletzungen mit jeglichen Infectionen und Allergien und Cancerogenität sind bekannt und beschrieben. Informationen zur Genüge vorhanden. Bleibt nur noch die Lächerlichkeit des Verhaltens preiszugeben. (Raserei, Tätowierung, Suchtkrankheiten etc.)

#16 |
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Biologisch- / Chemisch- / Physikalisch-technische Assistentin

Anstatt sich einfach respektlos über Entscheidungen der Körper- und Lebensgestaltung eines verdammt großen Teils der Mitmenschen auszulassen, könnten die Damen und Herren vom Fach ja vielleicht einfach mal kontruktiv mithelfen, Tattoos sicherer zu machen. Wir danken es Ihnen!

#15 |
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Manfred L. DIETWALD, Apotheker
Manfred L. DIETWALD, Apotheker

Man kann über genetisch oder erworbene Körperveränderungen sich ärgern oder sie shön finden. Ein Tatoo wird von Mitmenschen nur kurz betrachrtet. Man selbst braucht meist einen Spiegel dazu. so dokumentiert man nur eine gewisse Beschränktheit. – Warum modeliert man nicht seinen Körper und bemalt ihn gemäß Zeitgeschmack ohne Nebenwirkungen. Man kann ein Styroporgebilde mit sich herumtragen und sich kneifen, um Schmerzen zu verspüren. Abstellen oder Vernichtung der Statue ist ein viel kleineres Problem.

#14 |
  7
Gast
Gast

#12 Immer wieder wird übersehen und unterschätzt:
Die Summe der INDIVIDUELL (er)tragbaren Belastungen, wie hier so schön dokumentiert, spielt eine große Rolle im Krankheitsgeschehen bzw. zur Gesunderhaltung. Das Risiko trägt hier nicht die Solidargemeinschaft, sondern jeder für sich einzeln wird krank.

#13 |
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Mmmh, ich selbst bin Dermatologe und habe mich selbstverständlich tätowieren lassen. Restrisiko gehört zu meinem Leben dazu, auch bei Tätowierungen. Nun glaube ich aber, dass ich an meiner Tätowierung nicht versterben werde. Ähnlich wie Mobilfunkstrahlung, Gegrilltes (esse ich auch manchmal) oder Aluminium im Deo glaube ich an ein zu vernachlässigendes Risiko. Wenn ich mir später, mit 80 Jahren oder so die Frage stelle, ob das Tatto nun runzelig ist, habe ich alles richtig gemacht. Über den Geschmack bei Tätowierungen lässt sich wie immer nicht streiten; hässlich, unvorteilhaft und geschmacklos, wie in einem Kommentar erwähnt, empfinde ich die Tätowierungen meiner Mitmenschen nicht. Des Menschen Tattoo ist nun mal sein Himmelreich. Die Solidargemeinschaft heißt so, weil sie die vielen klitzekleinen Risiken (s. o.) von Allen gemeinsam trägt. Und das ist auch gut so!

#12 |
  14
Gast
Gast

#9: Nein, bevor ich etwas so “endgültiges” mit meinem Körper mache, bzw. machen lasse, erkundige ich mich über die möglichen Folgen. Die Naturvölker haben nicht den Wissensstand wie wir – Internet lässt grüßen – und können somit nicht als Vergleich herhalten. Und wer sich dann trotz aller Risiken tätowieren lässt scheint ignorant oder sonst wie abgrenzungsbedürftig zu sein.
Wer zahlt den Später für die Folgen des unverantwortlichen Einbringens von farbigen Schwermetallen unter die Haut?
1. Der Tätowierte mit seiner Gesundheit
2. Die Solidargemeinschaft der Krankenversicherten
Von mir aus kann sich jeder der will auch ne Frikadelle an die Backe tackern und dann toll finden – nur nicht auf meine Kosten!

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Apotheker
Apotheker

@1: Ich würde bei keiner Flugline mitfliegen, von der bekannt ist, dass 6% aller Flüge ausfallen, längere Verspätung haben oder in nicht genau erfassten Mengen abstürzen. Und zwar regelmäßig. So kommt der Vergleich in etwa hin.

Bei Medikamenten nennt man 6% Wahrscheinlichkeit für Nebenwirkungen übrigens häufig.

#10 |
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Gast
Gast

#9 Allen Menschen mit Tattoos einen minderen IQ zuzuschreiben zeugt aber auch nicht gerade von sozialer Kompetenz und stellt für mich ebenfalls den IQ des Schreibers in Frage!!!
Warum kann man eigentlich nicht jedem seine Entscheidung lassen ?
Tattoos sind in manchen Stammesvölkern ganz normal, warum dann nicht auch bei uns ?
Als ob es in der Medizin nicht wichtigere Themen gibt!

#9 |
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Gast
Gast

Bin ja selbst im typischen Alter und muss sagen: Ein furchtbarer Trend. Und ca.95% der Motive sind es nicht wert weil hässlich, unvorteilhaft und geschmacklos. Und den Rest finde ich auch nur an wenigen (bedeckten) Körperstellen akzeptabel. Ich kann es gar nicht erwarten dass dieser Unsinn endlich wieder out ist… ist ja nur eine Frage der Zeit… war beim Rauchen ja auch so… leider für viele trendige Konsumenten zu spät.

#8 |
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Gast
Gast

Gibt es nicht sogar Fotos von aufgeschnittenen Lymphknoten, die voll mit Farbpigmenten sind? Aber wie Kollege Bühr ja ganz richtig bemängelt, es gibt einfach keine evidenzbasierten Studien um die Stechfetischisten wirkungsvoll von der Blödsinnigkeit ihres Tuns zu überzeugen…

#7 |
  11
Gast
Gast

Ich liebe Tattoos auch wenn ich bisher noch keines habe weil sehr Schmerzempfindlich . Ich denke, ich werde auf die abwaschbaren Tatoos zurückgreifen, ähnlich wie die aus der Kindheit

#6 |
  6

@#1: Wenn Sie 6% Allergie/Infektionsrate so lächerlich finden, hindert Sie ja niemand daran; Ihre Naivität auszuleben. Im Übrigen wurde bereits 2013 auf der “Ersten Internationalen Konferenz zur Sicherheit von Tätowiermitteln”, referiert, dass es bei bis zu 70 Prozent der Menschen zu „lokale Reaktion“ wie Blutung, Schwellung, Verkrustung, teils mit Fieber kommt „Bei etwa zehn Prozent der Fälle bleibt längerfristig etwas zurück“. Zudem gibt es eine hohe Dunkelziffer, da viele Tattooträger, diffuse Beschwerden nicht mit ihrem Tattoo in Verbindung bringen. Die trotz der (viel zu “laschen”) Tätowiermittelverordnung in Pigmenttests immer wieder in abenteuerlich hohen Konzentrationen gefundenen Konzentrationen an cancerogenen PAKs, Azo-Farbstoffen und Schwermetallen sollten doch jeden halbwegs intelligenten Menschen zur Vorsicht mahnen – insbesondere da der Übertritt ins Lymphsystem (farbige oder tiefschwarze Lymphknoten) und Organablagerungen bereits unstrittig belegt sind. Leider muss ich aus eigener Erfahrung sagen, dass Aufrufe zu mehr Risikobewusstsein verhallen wie Kassandras Rufe in der Nacht. Und Promis – allen voran Sportidole – geben extrem schlechte Vorbilder. Tja und da denkt dann der unbedarfte Trendfollower: “Wenn ein Leonel Messi oder ein Arturo Vidal so genal gegen den Ball treten, können doch Großflächentattoos gar nicht schaden” Das kann sich als fatale Fehleinschätzung erweisen. Gerade neoplastische Erkrankungen haben bekanntlich oft eine 20 oder mehr Jahre dauernde Genese. So traurig es ist, aber gerade läuft die erste globale In-vivo-Studie. Es ist ja ziemlich normal, dass man mit sich mit 20 wenig um sein Befindlichkeit mit 50 schert. Da ist man ja im jugendlichen Empfinden eh schon “scheintot”. Ich hoffe wirklich inständig, dass sich alle Befürchtungen als Irrttum erweisen. Nur empfehle ich jedem eine Risikoabwägung: Worst case ohne Tattoos bedeuet Verzicht auf ein (fragwürdiges) Schönheitsideal – worst case mit Tattoo? Langsame Organintoxikation, Krebs? Epigenetische Schäden für sich und den eigenen Nachwuchs? Zuviel Spekulation? In Anbetracht des Gefahrenpotenzials der Inhaltsstoffe sicher nicht. Think before ink!!

#5 |
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Remedias Cortes
Remedias Cortes

Was ist mit kleinen Tatoos wie Delphine, Schmetterlinge, Skorpione etc. ? Der Artikel warnt ja jetzt doch eher vor den großflächigen Tätowierungen.

#4 |
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Heilpraktiker

Eine Diskussion über Tattoos auf Doccheck ist reichlich unergiebig, da weder Heilpraktiker noch Ärzte befragt werden, bevor ein Tattoo gemacht wird. Die Diskussion muss an Schulen und mit jungen Familien geführt werden. Schon vor dem Schuleintritt haben erste Kids Tattoos.
Grundsätzlich darf dabei von einer Gesundheitsgefährdung ausgegangen werden und dies nicht allein für die Betroffenen selbst, sondern auch für ihre Kinder. Da kommt viel Arbeit auf uns zu! Die Belastung addiert sich schließlich zu den sonstigen Umweltbelastungen hinzu und selbstredend bleibt die Farbe nicht in der Haut. Sie wird auch vertikal weitergegeben. Das wird uns eine Flut von skurrilen Intoxikationssyndromen bescheren. Natürlich zusätzlich zur Infektionsproblematik. … und generell muss allen abgeraten werden, besonders jedoch allen Allergikern/Atopikern und nicht nur Neurodermitikern.

#3 |
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Betrachtet man manche tätowierten Motive, scheint mir in der Tat die „geistige Reife“ ein geeignetes Kriterium zu sein.

#2 |
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Mike
Mike

Um Himmel’s Willen, ganze 6%

#1 |
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