PBC: Medikament mit Todesfolge

10. Oktober 2017
Teilen

Bei der Therapie der primären biliären Cholangitis mit Obeticholsäure kann es zu tödlichen Überdosierungen kommen, wenn die Dosis bei Leberfunktions­störungen nicht angepasst wird. Die FDA veröffentlicht nach zahlreichen Todesfällen eine Drug Safety Communication.

Der US-amerikanischen Arzneimittelbehörde FDA sind 19 Verdachtsberichte über schwere Leberschäden mit Todesfolge nach der Einnahme von Obeticholsäure (Ocaliva®) gemeldet worden. Zudem wurden acht Fälle von Schäden ohne Todesfall bekannt. Das Medikament Ocaliva® ist als Orphan Drug für seltene Erkrankungen eingestuft und somit nach einer verkürzten Studienphase für Patienten mit primärer biliärer Cholangitis (PBC) zugelassen worden. Nachdem die FDA im Mai 2016 die Zulassung erteilt hatte und die Europäische Arzneimittel-Agentur (EMA) folgte, ist das Mittel seit 15. Januar diesen Jahres auch in Deutschland erhältlich.

Bei PBC handelt es sich um eine seltene, schwere und chronische Autoimmunerkrankung der Leber. Frauen sind weitaus häufiger betroffen (ca. 4:1). Die Prävalenz der PBC beträgt etwa 5-10 auf 100.000 Einwohner. PBC ist eine von den intrahepatischen Gallenwegen ausgehende Lebererkrankung, die mit Entzündung und Fibrose der Leber einhergeht und in ihrem Endstadium in die Leberzirrhose übergeht.

Selten entdeckt, schlechte Diagnose

Die Krankheit verläuft sehr unterschiedlich und wird häufig nur zufällig entdeckt, denn die Beschwerden sind teils unspezifisch. Patienten beklagen vor allem Juckreiz, gefolgt von Abgeschlagenheit, Gelenkbeschwerden sowie Trockenheit von Mund und Augen. Die Diagnose wird mittels Laboruntersuchung gestellt.

Die heutige Standardtherapie besteht in Ursodeoxycholsäure (UDCA), welche als Tablette lebenslang eingenommen wird. Im Frühstadium kann dies die Krankheit verlangsamen oder zum Stillstand bringen, im Spätstadium ist der Nutzen von UDCA nicht eindeutig geklärt. UDCA ist eine im menschlichen Körper in geringer Menge vorkommende Gallensäure, die als Medikament synthetisch hergestellt wird. Sie wird auch zum Auflösen von Gallensteinen eingesetzt.

Bei mehr als der Hälfte der mit Ursodeoxycholsäure behandelten Patienten zeigte sich aber keine Besserung der Erkrankung, viele vertragen das Mittel nicht. Obeticholsäure, die als Zusatz oder bei Ursodeoxycholsäure-Unverträglichkeit als Monotherapie verwendet wird, gab nun Anlass zur Hoffnung, die chronische PCB heilen zu können. Grundlage für die schnelle Zulassung war eine zwölf Monate laufende randomisierte doppelblinde POISE-Studie mit 216 Patienten.

Diese bekamen ein Mal am Tag fünf oder zehn Milligramm Obeticholsäure oder Placebo. Der primäre Endpunkt war erreicht, als die Reduktion der Alkalischen Phosphatase als Indikator für die Progression der Erkrankung unter Obeticholsäure mit 47 Prozent höher lag als die Placebogruppe mit zehn Prozent. Zudem hatte sich der Bilirubin-Spiegel normalisiert.

G-BA: Zusatznutzen ist nicht quanitifizierbar

Nach Einschätzung des Gemeinsamen Bundesausschusses (G-BA) lässt sich aus der POISE-Studie kein Zusatznutzen hinsichtlich Mortalität, Morbidität und Lebensqualität ableiten, während schwere Störwirkungen mit 31 Prozent versus 14 Prozent signifikant häufiger auftreten als unter Placebo. Dem Mittel wird dennoch ein nicht quantifizierbarer Zusatznutzen bescheinigt, weil es für die Behandlung einer seltenen und schweren Krankheit eingesetzt wird.

Aufgrund der Warnung vonseiten der FDA prüft die EMA nun im Rahmen der jährlichen Verlängerung der Zulassung auf europäischer Ebene, welche Maßnahmen möglicherweise daraus resultieren. „Ocaliva® wurde bedingt Zustimmung erteilt, die klinischen Vorteile von Ocaliva® müssen in weiteren Studien nachgewiesen werden“, erklärte die EMA. Der US-amerikanische Hersteller Intercept Pharma müsse nun zusätzliche Daten aus zwei Studien liefern, um die Wirksamkeit und Sicherheit des Arzneimittels zu bestätigen.

Leberwerte sorgfältig überwachen

Bis zu einer Entscheidung über die Zulassung von Ocaliva® verweisen die EMA wie auch das hiesige zuständige Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) auf die Produktinformation von Ocaliva®. „Hier wird bereits auf wichtige Aspekte der Risikominimierung hingewiesen“, sagt BfArM-Sprecher Maik Pommer: „Diese Hinweise müssen in der Verordnungspraxis lückenlos beachtet werden.“ Insbesondere die Informationen in Kapitel 4 seien zu berücksichtigen: Unter 4.4 würde auf unerwünschte Ereignisse in Bezug auf die Leber hingewiesen, unter 4.2 fänden Ärzte die Anweisungen für Dosisanpassungen bei Patienten mit moderatem und schwerem Leberschaden, so Pommer.

Das Arznei-Telegramm (a-t) empfiehlt, „die Leberfunktionswerte vor Therapiebeginn und danach häufig zu bestimmen und die Patienten engmaschig auf eine Verschlechterung der Leberfunktion zu überwachen.“ Gegebenenfalls sei die Dosierung zu reduzieren oder die Therapie abzusetzen. Zudem raten die Experten, Patienten über Symptome eines möglichen Leberschadens aufzuklären, so dass sie wüssten, wann sie einen Arzt aufsuchen müssten.

Aufgrund des kleinen Marktes für Orphan Drugs sind diese relativ teuer. Die Therapie mit Ocaliva® wird mit fünf Milligramm täglich begonnen und kann bei guter Verträglichkeit nach sechs Monaten auf zehn Milligramm erhöht werden. Eine Packung mit 30 Filmtabletten à fünf Milligramm kostet 4.287 Euro. Dies entspricht rund 143 Euro pro Pille pro Tag.

17 Wertungen (4 ø)
Bildquelle: Cy-V / flickr / Lizenz: CC BY-NC-SA
Innere Medizin, Medizin

Die Kommentarfunktion ist nicht mehr aktiv.

2 Kommentare:

Medizinjournalistin

Sehr geehrte Frau Hofer,

so ist es leider nicht: durch den besonderen Wirkmechanismus von Obeticholsäure geben die Ergebnisse der Studie Anlass zur Hoffnung, die Krankheit heilen zu können. Bewiesen ist dies aber bisher eben nicht, es lässt sich nicht einmal ein Zusatznutzen feststellen, wie der G-BA sagt. Davon abgesehen sind klinische Studien ja anonymisiert, so dass man konkrete Falldaten eh nicht hätte.

Viele Grüße von Alexandra Grossmann

#2 |
  1
Gast
Gast

Sehr geehrte Frau Grossmann,

Sie schreiben von einer “Heilung” der Autoimmunerkrankung. Gab es schon einen solchen Fall?

Mit freundlichen Grüßen

Anke Maria Hofer

#1 |
  0


Copyright © 2017 DocCheck Medical Services GmbH
Sprache:
DocCheck folgen: