Demenz: Vergesslich durch die Schilddrüse

5. Oktober 2017
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Seit Jahren wird ein Zusammenhang zwischen einem TSH-Mangel und Demenz vermutet. Eine groß angelegte Metastudie zeigt den Einfluss von Schilddrüsenhormonen auf die Vergesslichkeit im Alter. Das Geschlecht spielt dabei eine besondere Rolle.

Während Alzheimer zu Beginn des 20. Jahrhunderts noch ein eher seltenes Phänomen war, erkrankt mittlerweile weltweit alle 7 Sekunden ein Mensch daran. Alzheimer ist die häufigste Ursache der primären Demenzerkrankung.

Seit einigen Jahren werden jedoch auch andere Ursachen kontrovers diskutiert. So soll der Mangel an Schilddrüsenhormonen, insbesondere Thyrotropin (TSH) Demenz fördern.

Vergesslich durch niedrigen TSH-Spiegel

Der thyreotrope Regelkreis oder die Hypothalamisch-Hypophysär-Thyreotrope Achse (vereinfachte Darstellung). Die Endprodukte T4 und T3 hemmen sowohl die TRH- als auch die TSH-Bildung. Von Kuebi = Armin Kübelbeck - Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=4313675

Der thyreotrope Regelkreis. Die Endprodukte T4 und T3 hemmen sowohl die TRH- als auch die TSH-Bildung. © Armin Kübelbeck

Im Jahr 2005 berichteten Wissenschaftler erstmals von einem Zusammenhang zwischen niedrigem Serum-TSH und Vergesslichkeit. Die Arbeit erregte die Aufmerksamkeit der Fachwelt und führte zu zahlreichen Folgestudien, die den Zusammenhang zwischen Schilddrüsenhormonen und Demenz untersuchten.

Während große, prospektive Studien große Mengen an freiem T4 mit Demenz assoziierten, kamen andere Studien nicht zu diesem Ergebnis. Eine neu veröffentlichte Metaanalyse hat 11 Studien von 2003 bis 2016 mit insgesamt 24.952 Teilnehmern, inklusive 1.526 Patienten mit einer Demenzerkrankung analysiert. Drei der Studien waren Fall-Kontroll-Studien, 8 Kohortenstudien.

Bei Männern gibt es keinen Zusammenhang zwischen TSH-Level und Demenz

Das Ergebnis: Menschen mit einer erhöhten Serumkonzentration an freiem T4, sowie Menschen mit erniedrigtem TSH haben offenbar ein höheres Risiko an Demenz zu erkranken. Bereits frühere Studien deuteten darauf hin, dass Frauen für den TSH-Effekt empfänglicher sind als Männer. Auch die vorliegende Metastudie bestätigte diesen Effekt: Bei Männern gibt es offenbar keinen Zusammenhang zwischen dem TSH-Level und dem Demenz-Risiko.

Als Schlussfolgerung ihrer Metastudie raten die Wissenschaftler, eine T4-Ersatztherapie nur vorsichtig durchzuführen, da die betreffenden Patienten zu niedrigen oder gar nicht mehr messbaren TSH-Konzentrationen neigen könnten, die wiederum ein erhöhtes Risiko für eine Demenz nach sich ziehen. Um die kausalen Zusammenhänge lückenlos aufzuklären, seien noch zusätzliche groß angelegte, prospektive Kohortenstudien notwendig.

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14 Kommentare:

Gast
Gast

Die Normbereiche von TSH, fT4 und fT3 sind zu breit. Darunter finden potenzielle Hypo- und Hyperthyreosen. Korrekt sind absolute Euthyreosen. Und diese sind therapeutisch anzustreben, z.B. mittels Novothyral oder Prothyrid. Das simple L-Thyroxin ist unzureichend.

#14 |
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Gast
Gast

Da ich die Studien nicht kenne, kann ich nur die hier genannten Aspekte berücksichtigen. Ein hohes fT4 kann bedeuten, dass die Umwandlung in das aktive Hormon T3 nicht funktioniert. Dadurch kommt es zu kognitiven Einbußen. Eine niedrige TSH-Konzentration kann durch eine sekundäre Hypothyreose ausgelöst sein. Auch das kann zu kognitiven Einbußen und Demenz führen. Ein isolierte T4-Gabe führt aber in den meisten Fällen zu Brainfog und Unwohlsein….würde man einfach mal die Patienten befragen und ernstnehmen, wüsste man das schon lange.
Ein Segen sind da tatsächlich die Präparate aus tierischer Schilddrüse, die alle Komponenten der Schilddrüse enthalten und wesentlich besser funktionieren und die Gabe von Jod.
Vor Bayer und seiner L-Thyroxin-Erfindung wurde nur so therapiert!

#13 |
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Sylvia
Sylvia

Leider immer viel zu einseitig und zu einfach. Die meisten Probleme sind nicht mit einem Aspekt zu erklären, sondern meist eine Kombi. Zu schnelle Schlüsse aus einer Studie zu ziehen, ist sicher nicht richtig. Aber dass die bisherige Praxis nicht logisch und sinnvoll ist, das überzeugt mich auch. Eine wichtige Frage wäre auch mal, warum überhaupt so viele Frauen Schilddrüsenhormone nehmen müssen. Ich erlebe das täglich, auch einen laschen Umgang vieler Ärzte, die besonders Schwangeren auch gerade prophylaktisch L-thyroxin verordnen.

#12 |
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Gast
Gast

Dieer Artikel differenziert in keinster Weise. Aus einem erhöhten ft4 und erniedrigtem TSH auf eine Demenzerkrankung zu schließen, halte ich für gewagt. Ich war in meiner Basedow Überfunktion in der Ausbildung und meine kognitiven Leistungen sindin dieser Zeit massivin den Kellergerutscht (in schulnoten von durchschnittlich gut auf ungenügend) . Ich konnte mir nichts mehr merken. Ursächlich war aber die Überfunktion und keine Demenzerkrankung. Insofern möchte ich vor voreilligen Schlußfolgerungen warnen.

Grundsätzlich würde ich immer eine gründliche Schilddrüsendiagnostik machen, bevor eine Demenzdiagnos eim Raum steht.

“Als Schlussfolgerung ihrer Metastudie raten die Wissenschaftler, eine T4-Ersatztherapie nur vorsichtig durchzuführen, da die betreffenden Patienten zu niedrigen oder gar nicht mehr messbaren TSH-Konzentrationen neigen könnten, die wiederum ein erhöhtes Risiko für eine Demenz nach sich ziehen. ”

Ich habe selber nach meiner Radiojodtherapie erlebt, wie es sich lebt, wenn man nur unzurechend eingestellt wird, weil die Werte ja noch in der Norm sind.

Letzen Endes kann man nur der Patient zusammen mit dem Arzt rausfinden, wo er sich wohlfühlt. Ich möchte davor warnen, einen Patienten eine Dosis vorzugeben weil die Werte in der Norm sind.

Manchmal fehlt trotzdem eine kleine Menge Hormone mehr oder weniger. Ich als Patientin musste da ein wenig ausprobieren und bin meinem Arzt dankbar, dass er das unter Laborkontrolle von TSH, ft3 und ft4 mitgetragen hat. Nur so habe ich rausgefunden, dass ich in dieser Zeit für mich persönlich unterdosiert war und konnte meine Dosis rausfinden.

Die nicht messbaren Tsh -Werte sollten sich vermeiden lassen, wenn man regelmäßig Laborkontrollen von ft3 und ft4 macht und das Befinden des Patienten ernst nimmt.

#11 |
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Anke Möller
Anke Möller

Es wird hier mit keinem Wort T3 erwähnt. T1 und T2 auch nicht. T4 ist ein Pro-Hormon, das in de Peripherie erst in das aktive T3 umgewandelt werden muss. Dies ist bei vielen autoimmunkranken Patienten mit mangelnder Organfunktion gar nicht gegeben. Hohe FT4-Konzentrationen ohne ausreichende Umwandlung in T3 sind nicht erstrebenswert. Das Gehirn hat besonders viele T3- Rezeptoren, und es ist in der Psychiatrie bekannt; dass ein niedriger T3 alleine Depressionen verursacht. Wortfindungsstörungen, “Brain Fog” und anscheinende Demenz kennen viele Patienten unter T4- Monotherapie. Von daher würde ich diesen Artikel mit Vorsicht genießen.

#10 |
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Dr.Anatol Roxke, Wachtberg
Dr.Anatol Roxke, Wachtberg

Ich halte diese Interpretation für falsch. Ich behandle nach Dr.Hertoghe täglich neue Hypothyreosepatienten (ca. 90% Autoimmunthyreoiditispatienten), die meisten sind mit synthetischem T4 schlecht eingestellt. Neben der Schilddrüse (inkl Bestimmung des rT3) beurteile ich klinisch und laborchemisch die Funktion der HPA-Achse, den Toxin- und Mikronährstoffstatus, die Sexualhormone und den mikroökologischen Status inkl. leaky-gut-Syndrom etc. In vielen Fällen ist natürliches Schilddrüsenextrakt (ERFA, WP Thyroid etc) die beste Therapie (neben T1-T4 enthält es ja auch diverse z.B temperaturregulierende bisher wenig bekannte Wirkstoffe/Hormone (vgl entsprechende DFG-Projekte). Wenn insbesondere das fT3 im oberen Quartil des Referenzbereiches liegt und der Patient klinisch euthyreot erscheint findet sich fast regelhaft ein niedriges bis supprimiertes TSH. Über die Schilddrüsenfunktion sagt dies jedoch m.E. wenig aus. Eine erhöhte
Demenz erwarte ich hier auch nicht, im Gegenteil. T3 wirkt vor allem an den Mitochondrien positiv, deren eingeschränkte Funktion m.E. bei jeder Form der Demenzentwicklung kausal höchstrelevant ist.

#9 |
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Gast
Gast

ich möchte auf den Zusammenhang zwischen Schilddrüse und Nebennierenfunktion hinweisen. Ganz einfach formuliert: die Schilddrüsenfunktion ist für den Körper wie das Gaspedal, die Nebennierenfunktion wie der Tank.
Wenn man nun Gas gibt (Thyroxin) und der Tank aber leer ist (müde Nebenniere, Cortisolproduktion zeigt keinen g´scheiten morgendlichen Höhepunkt), führt das beim Auto zum “Liegenbleiben” bis nachgetankt wird, beim Körper heißt das dann womöglich Burn-Out.
Ich führe eine Naturheilpraxis und sehe eher selten Patienten, bei denen die Schilddrüsenfunktion labortechnisch umfänglich abgeklärt worden ist. Im Bereich der gesetzlichen Krankenkassen werden Patienten diesbezüglich meines Erachtens unterversorgt, auch war noch nie ein GKV-Patient bei mir, dem eine Jodmessung (Morgenurin) durchgeführt worden wäre.

#8 |
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Gast
Gast

Eine (latente) Hyperthyreose geht mit einem erhöhten Bedarf bzw. Verbrauch an Thiamin (Vitamin B1) einher; Vitamin B1-Mangel ist eine mögliche Ursache organisch bedingter Demenz, wie ich leidvoll selbst erfahren habe. Welche Kollegen denken an sowas bei nicht alkoholkranken Patienten?

#7 |
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Gast
Gast

Ich kenne diese Studien schon lange und hab mich immer wieder gewundert. Mir sind unendlich viel Fälle von Demenz und demenzähnlichen Erscheinungen bei Hypothyreose untergekommen, auch schon bei leichtesten Abweichungen von der persönlichen Norm. Bei einer leichten Hyperthyreose, in dem Fall wäre sie ja höchsten subklinisch, habe ich noch nie dementielle Veränderungen erlebt.
Die verlinkte “große, prospektive Studie” (nur eine übrigens) hat einen Durchschnitts TSH von 2,2 erhoben. Den sehe ich schon als beginnend krankhaft, aber in die Richtung Hypothyreose.

#6 |
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Gast
Gast

War bei meiner Mutter ganz genau so. TSH von 77+ und der Hausarzt wollte nicht behandeln, weil sie durch die Unterfunktion ja so schön ruhig bleiben würde, das sei bei Alten so vorteilhaft.

#5 |
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Schilddrüsenpatientin
Schilddrüsenpatientin

@ #3 Das sehe ich ganz genauso.
Leider werden im Praxisalltag Erfahrungswerte in der Hypothyreose-Therapie oft als irrelevant abgetan. Da ist man dann schnell mal bei einer “nicht therapierbaren Depression” oder stuft eine Patientin als “sozial nicht eingliederbar” ein. Und was war’s? FT3 unter T4-Monotherapie am untersten Anschlag. Keiner hatte drauf geachtet, es war ja noch – gerade eben – in der Norm.
Relativ niedriges T3, die daraus resultierenden Symptome und ein höheres Alter der Patientinnen laden nachgerade zu einer Demenzdiagnose ein – es sei denn, der behandelnde Arzt guckt mal über seinen Tellerrand. Das wäre zu wünschen. Bisher sieht man es leider selten.

#4 |
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Junigast
Junigast

Tja da wäre ein bisschen mehr Hintergrundinfo hilfreich. Jetzt wird wieder allen Patienten das Thyroxin weggenommen…. Mit der Statistik ist das ja so eine Sache;, wenn man sie mal studiert hatte, glaubt man nicht mehr alles, was spektakulär klingt!
Was nicht so richtig durchsickert in die Praxis sind folgende Erfahrungen (dazu habe ich keine Studien parat):
Der Grossteil der Thyroxinbedürftigen sind weiblichen Geschlechts.
Mit dem Alter sinkt evtl der Bedarf an Thyroxin, d.h. die Überdosierungsgefahr steigt.
Die meisten Pat. Werden meiner Beobachtung nach von Ärzten eingestellt, die kein vertieftes Wissen im Bereich Schilddrüse haben (müssen). Werte im Normbereich, OK, alles andere macht der Psychiater…!
Bei Überdosierung von T4 sinkt idR als körpereigener Schutzmechanismus der fT3 ab. In Tierversuchen zeigte sich, dass v.a. die Umwandlung von T4 in T3 sehr empfindlich auf die morgendliche Thyroxinspitze reagiert.
Bei mind 1/3 aller Menschen ist mit einer genetischen Variante zu rechnen, mit der man im Hirn aus synthetischem Thyroxin nie mehr ordentlich viel T3 machen kann.
T3 der hinter T4 relativ zurückbleibt ist in kompetenten Selbsthilfeforen gefürchtet, für den Mediziner im Allgemeinen aber “im Normbereich” und daher unauffällig. Er macht depressiv, Ängstlich, antriebslos, Wortfindungsstörungen und so konfus, dass man damit in Screening Tests ohne kompetente Neuropsychologen sicher eine Demenz rausbekommt.

Eine Demenz ist eine sich kontinuierlich verschlechternde kognitive Leistungsfähigkeit ohne Angabe der Ursache.

Eine zunehmend schlechter an die individuellen Bedürfnisse angepasste Thyroxinsubstitution macht kognitiv, emotionale und Motivationale Symptome.
Und dann sind die Pat. In der Mehrzahl weiblich.

Also, ich freu mich jetzt schon auf den Tag, an dem man sich für die circadiane Rhythmik und die Feinjustierung eines Homones interessiert, das taeglich millionenfach eingenommen wird, und das tatsächlich sogar aus 5 verschiedenen bestehen müsste, e voilà! Demenzen geheilt!!!

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Gast aus Bayreuth
Gast aus Bayreuth

Jetzt hatte ich gehofft, den Grund für meine zunehmende Vergeßlichkeit zu wissen und auf die Schilddrüse zu schieben, mit der ich Probleme habe. Aber ich bin männlich, und da scheint es keinen Zusammenhang zu geben. Also doch das Alter? – Trotzdem ein sehr interessanter Artikel.

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Frau im Gesundheitswesen
Frau im Gesundheitswesen

Bevor eindeutig die Diagnose Alzheimer gestellt wird, sollte der Vitamin-B12-Spiegel überprüft werden. Im Serum und in den Zellen.

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