MS: Es geht Schlag auf Schlag

29. September 2017
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Inzwischen ist bekannt, dass wiederholte Schläge gegen den Kopf auch nach Jahrzenten zu schweren Hirnschäden führen können. Laut einer aktuellen Studie sind Schädel-Hirn-Traumata in der Jugend besonders gefährlich. Sie sollen das Risiko erhöhen, an Multipler Sklerose zu erkranken.

American-Football-Spieler erkranken nach ihrem Karriereende außergewöhnlich häufig an Demenz und Depressionen. Schuld daran sind die plötzlichen Gewalteinwirkungen gegen den Kopf oder die Halswirbelsäule, denen die Profis jahrelang während Training und Spiel ausgesetzt sind. Sie führen nicht nur zu kurzzeitig auftretenden Symptomen einer Gehirnerschütterung wie Kopfschmerz, Amnesie und Übelkeit. Das wahre Ausmaß zeigt sich erst später.

Wiederholte Schädel-Hirn-Traumata (SHT) können Jahre später zu Hirnatrophie und damit einhergehenden Gedächtnisbeeinträchtigungen führen. Einer neuen Studie zufolge können SHT in der Jugend aber auch zu eher unerwarteten Komplikationen führen. Sie erhöhen angeblich das Risiko, im späteren Leben an Multipler Sklerose (MS) zu erkranken. Wie kommen Epidemiologen zu diesem Ergebnis?

Hirntrauma in der Jugend besonders gefährlich

Prof. Scott Montgomery von der Örebro Universität in Schweden hat mit seinem Team die Daten des nationalen schwedischen Patienten- und Multiple-Sklerose-Registers ausgewertet. Sie identifizierten 7.292 MS-Patienten, die jeweils abhängig vom Alter, Geschlecht und Wohnort mit 10 Personen verglichen wurden, die nicht an MS leiden. Damit umfasste die gesamte Studienpopulation 80.212 Teilnehmer.

Anhand der Daten erfasste das Team um Prof. Montgomery außerdem, ob bei den Probanden in ihrer Kindheit (Geburt bis 10-jährig) und Jugend (11- bis 20-jährig) SHT diagnostiziert worden waren. Die Forscher wollten ebenfalls herausfinden, ob physische Traumata, die nicht mit dem zentralen Nervensystems (ZNS) assoziiert sind, das Risiko für MS erhöhen. Dazu flossen Daten zu gebrochenen Gliedmaßen in die Auswertung mit ein.

Zunahme an Immunzellen

Die Epidemiologen konnten keinen Zusammenhang zwischen SHT in der Kindheit und einem erhöhten Risiko im späteren Leben an MS zu erkranken, erkennen. Doch mit den erlittenen Traumata zwischen dem 11. und 20. Lebensjahr sah es anders aus. Für Personen, die in der Jugend ein SHT erlitten hatten, stieg das Risiko an MS zu erkranken um 22 Prozent. Das Risiko verdoppelte sich sogar nochmal, wenn Jugendliche wiederholt SHT erlitten. Das Ergebnis ist dabei statistisch signifikant: Die Odds Ratio (95 % Konfidenzintervall) liegt bei der Diagnose eines SHT bei 1,22 (1.05–1.42, p = 0.008) im Vergleich zu keinem diagnostiziertem SHT. Wurden mehrere SHT diagnostiziert, liegt sie bei 2.33 (1.35–4.04, p = 0.002). Keine Auswirkungen auf das Risiko hatten gebrochene Gliedmaßen.

Die Wissenschaftler vermuten, dass nicht-inflammatorische Verletzungen des ZNS wie Hirntraumata zur Zunahme von Myelin-spezifischen T-Zellen führen. Diese produzieren pro-inflammatorische Zytokine wie das Interferon-gamma, das Oligodendrozyten zerstört. Diese bilden die isolierende Schicht um die Nerven, die Myelinscheiden. Die inflammatorische Demyelinisierung der Nerven ist typisch für Multiple Sklerose. Die genaue Ursache der Zunahme von Immunzellen nach Schädel-Hirn-Traumata bleibt aber nach wie vor unklar.

Prof. Montgomery erklärt, dass ihre Studie einen weiteren Grund liefere, „Jugendliche besonders vor Kopfverletzungen zu schützen. Insbesondere, wenn sie im Sport einem hohen Risiko des wiederholten Traumas ausgesetzt sind.“

 

Quelle:

Concussion in adolescence and risk of multiple sclerosis.
Scott Montgomery et al., Annals of Neurology, doi: 10.1002/ana.25036; 2017

16 Wertungen (4.56 ø)
Bildquelle: Johann Schwarz, flickr / Lizenz: CC BY-SA

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3 Kommentare:

Hans Christoph
Hans Christoph

MS: Es geht Schlag auf Schlag
die fachlich sehr anspruchsvollen und ausführlichen Erläuterungen sind höchst
wertvoll. Es wird jedoch in der Gesellschaft leider KEIN Umdenken erfolgen !!
Solange z.B. die sogenannte, sogar olympische Disziplin Boxen, nicht abgeschafft wird nutzen auch weitere breit angelegte seriösen medizinischen Gutachten nichts aber auch garnichts. Es ist an sich schon ein Skandal, ohne Beispiel, Boxen, gerade bei Problemjugendlichen, als pädagogische Faust zu nutzen…..
Amateurboxen zumal gehört sofort und ohne Wenn und Aber vom Gesetzgeber,
gerade bei Nicht Volljährigen, sofort verboten. Wer die Hirnschäden der ” Sportart ” Boxen bezahlt ist die Zwangsversichertengemeinschaft. Wer hat sich darüber bisher überhaupt schon mal ernsthafte Gedanken gemacht ? ???
Wenn Erwachsene sich freiwillig dem SPORT Boxen widmen ist dies jedem
seine eigene Angelegenheit. Körperliche Schäden durch diesen Mord- Sport auf Raten sind zwingend dann aber auch “selbstverantwortlich ” zu zahlen.
Dies bedeutet wahre Eigenverantwortung und gelebte Demokratie…. oder ?

Hans Christoph
Rettungssanitäter

#3 |
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Gast X
Gast X

An dieser Stelle sei der Film “Concussion-Erschütternde Wahrheit” empfohlen. Eine eindrückliche Darstellung der CTE, eine Erkrankung deren Existenz von der mächtigen NFL lange angezweifelt wurde.

#2 |
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Gast
Gast

Liebe Teilnehmer,

vermag jemand einzuschätzen, ob chiropraktische Behandlungen ggf. Mikrotraumata und oben beschriebene Problematik induzieren könnte?

Vielen Dank

#1 |
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