Causa obscura: Es piekst im Gallengang

11. Oktober 2017
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Zur Abklärung leichter Oberbauchschmerzen stellt sich eine 73-jährige Frau in einer Klinik vor. Die Ärzte finden bei ihrer Untersuchung Gallensteine und entscheiden sich dafür, sie endoskopisch zu entfernen. Dabei stoßen die Ärzte im Gallengang der Frau auf etwas sehr Ungewöhnliches.

Mit leichten Oberbauchschmerzen und postprandialem Völlegefühl stellt sich eine 73-jährige Patientin in einer Klinik vor. Die Beschwerden lägen schon seit einigen Monaten vor, berichtet sie. Relevante Vorerkrankungen habe sie bisher keine gehabt.

Bei der körperlichen Untersuchung des Abdomens stellen die Ärzte keine Auffälligkeiten fest. Auch die Bilirubin- und Leberwerte liegen im Normalbereich. Die Ärzte entscheiden sich daher für eine sonographische und computertomographische Untersuchung. Dabei diagnostizieren sie eine leichte Erweiterung des Ductus choledochus sowie Gallensteine.

Klarer Fall von Gallensteinen?

Für die Ärzte ist der Fall damit klar: Die Patientin leidet an Choledocholithiasis. Die Frau wird in die Endoskopieabteilung verlegt und eine Gastro-Duodenoskopie durchgeführt.

Bei der Untersuchung trauen die Ärzte ihren Augen nicht: Im Ductus choledochus finden sie nicht nur Gallensteine, sondern auch einen beinahe intakten Zahnstocher. Seltsamerweise können die Ärzte keine Perforation oder Narben im umliegenden Gewebe erkennen. Wie ist der Zahnstocher dort hin gekommen?

Reflux als Auslöser

Die Ärzte vermuten, dass der Zahnstocher durch duodenalen Reflux in den Gallengang gelangt ist. Dieser entsteht vor allem durch eine Dysfunktion des Musculus sphincter Oddi. Dass der Zahnstocher dort ohne Komplikationen so lang verbleiben konnte, lässt die Ärzte dennoch staunen. Insbesonders das Verschlucken eines spitzen Fremdkörpers führt oft zu Perforationen und kann z.B. eine Peritonitis auslösen.

Erwachsene verschlucken einen Fremdkörper meist bei der Nahrungsaufnahme. Dabei handelt es sich z.B. um Fischgräten oder Hühnerknochen. Etwa 80 Prozent der verschluckten Fremdkörper durchwandern dabei jedoch problemlos den Magen-Darm-Trakt. Eine endoskopische Intervention ist nur in rund 20 Prozent aller Fremdkörper-Ingestionen notwendig.

Dieser Fall ist der erste jemals beschriebene, bei dem ein Zahnstocher im Gallengang gefunden wurde. Der Zahnstocher konnte jedoch ohne Probleme endoskopisch entfernt werden und die Patientin bereits einen Tag später das Krankenhaus verlassen.

 

Quelle:

Toothpick inside the Common Bile Duct: A Case Report and Literature Review
V.O. Brunaldi et al., Case Rep Med, doi: 10.1155/2017/5846290; 2017

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Bildquelle: Carla216, flickr / Lizenz: CC BY
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2 Kommentare:

Gast
Gast

Vielleicht war der Zahnstocher ja zum Zusammenhalten von Rouladen, Bratwurstschneckem o.ä. verwendet worden. In diesem Nahrungsbrei kann er dann schon verschluckt worden sein.

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Gast
Gast

Gibt es eine Information, was die Patientin dazu gesagt hat?
Mich würde interessieren, wie man einen Zahnstocher “einfach so” verschlucken kann. Und vor allem, wie lang dies schon her ist?

#1 |
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