Vetmeds in Wien – Studium bei Freunden!?

2. Juli 2010
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Wer im Ausland studiert lernt viel Neues kennen - auch einige Vorurteile. Wir haben mit zwei deutschen Studentinnen gesprochen, die in Wien Tiermedizin studieren und sowohl Freundschaft als auch Abgrenzung zwischen den Nationen kennengelernt haben.

Das Studium im Ausland reizt viele deutsche Studenten: viele schnuppern mit Erasmus ins Studentenleben an ausländischen Unis hinein. Andere widerum zieht es gleich für die ganze Studienzeit in die Ferne.
Wir haben Katharina und Gudrun, zwei deutsche Studentinnen an der Veterinärmedizinischen Universität Wien, gefragt, warum sie sich für das Studium in Österreicht entschieden haben und wie sie im Nachbarland aufgenommen wurden.

Gleich die entscheidende Frage voraus: Was hat Euch dazu gebracht, in Österreich zu studieren?

Gudrun: Ich wollte eigentlich immer in Wien studieren, da mir die Stadt sehr gut gefällt und ich durch das Studium die Möglichkeit bekomme, hier zu wohnen. Im Voraus habe ich mir einige Universitäten angesehen, die Vetmed in Wien war am ansprechendsten. Es liegt also nicht am Notendurchschnitt!

Katharina: Ich habe mich parallel zu Deutschland auch in Österreich beworben, um meine Chancen auf einen Studienplatz zu erhöhen. Schlussendlich habe ich mich für Wien entschieden, weil die Uni mit attraktiven Ausbildungsmöglichkeiten einen sehr professionellen Eindruck gemacht hat. Zudem habe ich österreichische Wurzeln.

Mit dem Entschluss, ein Veterinärstudium in Österreich zu absolvieren, ist es seit WS 2005/ 2006 nicht mehr getan. Die Studienbewerber müssen ein Aufnahmeverfahren durchlaufen. Katharina, Du musstest Dich 2006 dem Auswahlprozess unterziehen. Wie ist Dein Eindruck von diesem Verfahren, insbesondere vom Auswahlgespräch?

Katharina: Ich halte das Auswahlverfahren für eine äußerst sinnvolle Einrichtung, da es auch Leuten ohne Abiturschnitt von 1,0 ermöglicht, ein Studium zu absolvieren, in dem es neben Ehrgeiz und Lernbereitschaft auch um Sozialkompetenz geht.
Zum Auswahlgespräch selbst: ich war damals mit einer netten Runde bestehend aus einem Universitätsprofessor, einem praktisch tätigen Tierarzt und einem Studenten konfrontiert. Ich wurde gefragt, ob ich mir vorstellen kann, was in diesem Studium auf mich zukommen wird, wie bereits im Eignungstest. Abschließend sollte ich noch eine Stellungnahme abgeben, wie ich zur Euthanasie von Haustieren stehe.

Gudrun: In dem Fall ging es wohl darum, ob Du einen realistischen Bezug zum Vetmed Studium hast, oder ob Deine Motivation darin besteht, dass du mit Kätzchen und Hunden schmusen willst.

Info-Box:

Studienbewerber für Veterinärmedizin in Österreich müssen ein Aufnahmeverfahren durchlaufen, das sich aktuell wie folgt darstellt:

  • Online-Bewerbung mittels Web-Formular, in dem sowohl allgemeine Daten als auch bei der Studienrichtung Veterinärmedizin das künftige Vertiefungsmodul anzugeben sind.
  • Mögliche Vertiefungsmodule sind Nutztiermedizin, Kleintiermedizin, Pferdemedizin, Lebensmittelwissenschaften/ öffentliches Veterinär-, und Gesundheitswesen, Conservation Medicine, Reproduktionsbiotechnologie, Labortiermedizin.
  • Eignungstest und persönliche (!) Abgabe der Bewerbungsunterlagen inklusive aktuellem Lebenslauf und Motivationsschreiben.
  • Der Eignungstest enthält Fragen über die persönlichen Vorstellungen von Studium und Beruf, sowie fachspezifische Fragen aus den Themen Biologie, Physik und Chemie.
  • Für den Eignungstest, die Bewerbungsunterlagen und das Zeugnis der vorletzten Schulstufe werden jeweils Punkte vergeben, nach den jeweiligen Höchstpunktezahlen werden 75% der Studienplätze vergeben.
  • Der Rest der Plätze wird den Studienbewerbern nach einem Auswahlgespräch mit einer Kommission aus Universitätslehrern, Studenten der Veterinärmedizinischen Universität und Universitätsabsolventen zugeteilt
  • Quelle und weitere Infos: www.vu-wien.ac.at

Beim ersten Auswahlverfahren 2005 dominierten deutsche Studienbewerber mit einem Anteil von 60%. Wir können nun durch Euch den direkten Vergleich wagen, da Du, Gudrun, mit Studienbeginn 2004/2005 noch nicht wie Katharina von der Zugangsbeschränkung betroffen warst. Habt Ihr den Eindruck, dass sich das Klima zwischen “einheimischen” und deutschen Studenten im Vergleich zum ehemals freien Uni-Zugang verschlechtert hat?

Katharina: Ich habe nur aus Gesprächen mit Kommilitonen aus höheren Semestern erfahren, dass es “früher anders war”. Im Vergleich zu meinem Semester werden die Spannungen in den nachfolgenden Jahrgängen anscheinend immer größer.

Gudrun: Im Vergleich zu nachfolgenden Semestern, fällt mir in meinem Jahrgang eine deutsch-österreichische Auseinandersetzung nicht wirklich auf. Wobei im Hörsaal, solange die Vorlesungen noch Pflicht, bzw. gut besucht waren, Deutschland von Österreich getrennt saß. Die Studierenden haben sich je nach Freundeskreis wenig vermischt. In meinem persönlichen Umfeld kenne ich keine Anfeindungen, nur gut gemeinte Scherze.

Katharina: Ich denke, es ist eine Einstellungssache, auf beiden Seiten gibt es fest gefahrene Ansichten, von denen sich keiner wegbewegen will – die übrigens völlig absurd sind.

Habt Ihr bereits Konkurrenzsituationen zwischen Österreichern und Deutschen auf unserer Universität erlebt?

Gudrun: Ja, während der EM, unabhängig von der Uni. Da haben plötzlich Österreicher, mit denen man sich vorher normal unterhalten konnte, nicht mehr mit einem geredet. Während Zeiten, in denen man seine eigene Nation anfeuert, ist es wohl schlimmer. An der Uni hat noch nie jemand in Frage gestellt, ob ich etwas kann oder nicht kann, weil ich Deutsche bin. Ein paar liebevolle Sprachneckereien, vielleicht. Es macht auch einen Unterschied, ob man als Deutscher Dialekt spricht, oder Hochdeutsch – da wird man eher abfällig angesehen.

Katharina: Ich habe noch keine ernst gemeinten Anfeindungen erlebt, eher Späße im Freundeskreis, nichts böse Gemeintes. “Angriffe” gibt es eher im öffentlichen Raum, sprich Straßenbahn oder Einkaufszentrum, das passiert aber selten.
Allerdings kam das vorher angeschnittene “über 60% deutsche Studienbewerber”-Thema mit einem Professor am Caféautomaten zur Sprache. Dieser Professor hat sich darüber geärgert, dass so viele Deutsche aufgenommen werden und man eigentlich der Bundesregierung eine Rechnung von 20 000 Euro pro Jahr für jeden deutschen Studenten schicken müsste.

Gudrun: Das ist auch berechtigt. Unser Studium ist sehr teuer, wir zahlen hier keine Studiengebühren mehr, und der Großteil der Deutschen geht nach der Ausbildung wieder nach Deutschland zurück.

Um beide Seiten zu beleuchten, natürlich die Gegenfrage: ein paar positive Eindrücke deutsch-österreichischer Kollegialität und Freundschaft?

Gudrun: Ich habe einige gute Freundinnen aus Österreich und nie negative Erlebnisse gehabt. Ich teile meine Bekanntschaften auch nicht in deutsch/österreichisch, sondern in mag ich/mag ich nicht ein. Ich schätze auch sehr, wenn man mit österreichischen Freunden in ihrer Heimat fern von Wien ein Wochenende verbringen kann, ich lerne gerne Österreich kennen.

Katharina: Genau, Freundschaften sollten ja auch eine menschliche Angelegenheit sein, nicht auf Nationalitäten beschränkt. Bei mir ist es auch so, dass ich viele, auch engere, Freunde aus Österreich habe. In meinem Kopf gibt es diese deutsch- österreichische Trennung nicht. Es ist traurig, dass man darüber sprechen muss.

Wie würdet Ihr die Lebensqualität in Österreich im Vergleich zu Eurem Heimatland einschätzen?

Katharina: Also, da ich vom Land komme, kann man in der Großstadt Wien natürlich richtig viel unternehmen. Wien hat kulturell viel zu bieten, und die Berge sind auch nicht weit. Das bedingt eine hohe Lebensqualität, leider kann man das Angebot während des Studiums zeitbedingt oft nicht wirklich nutzen.
Abgesehen davon ist Wien viel teurer für Studenten als Deutschland – Lebensmittel sind selbst in München günstiger. Das schlägt natürlich auf das Monatsbudget. Auch die Öffentlichen Verkehrsmittel in Wien sind für die Studenten sehr teuer. Und sie fahren nachts nicht, was Studenten doch sehr einschränkt.

Gudrun: Ich stimme Katharina größtenteils zu. Ich muss die Lebensqualität in Wien loben; einer der Gründe, warum ich hier bin. Die Atmosphäre der Stadt ist toll. Auch bei den Preisen stimme ich zu, es ist hier verhältnismäßig teuer, vor allem die Lebensmittel. Aber im Vergleich zu Deutschlands Großstädten sind Wohn-, und Nebenkosten günstiger. Außerdem hat Wien ein phänomenales Netz aus öffentlichen Verkehrsmitteln, man kommt ohne Auto aus und trotzdem überall hin, vom Wienerwald bis ins Stadtzentrum.

Eine Frage zum Abschluss: wo seht Ihr Eure persönliche Zukunft beruflich, privat, örtlich?

Gudrun: Ich habe mich noch nicht entschieden, wohin ich möchte, bzw. was ich machen möchte. Es wird wohl Europa bleiben: Deutschland, Österreich, oder Italien könnte ich mir vorstellen. Mein späterer Wohn-, und Arbeitsort hängt nicht von meinem Studienland ab.

Katharina: Momentan sieht es so aus, dass ich aus privaten Gründen wieder zurück nach Deutschland gehe, da mein Freund dort lebt. Beruflich möchte ich in eine Kleintierpraxis, am liebsten in eine größere Klinik mit vielen Diagnostikmöglichkeiten.

Vielen Dank für das Gespräch!

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