Pädiatrie: Antidepressivum schlägt Placebo – knapp

21. September 2017
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Psychische Erkrankungen bei Kindern und Jugendlichen werden heutzutage oft zusätzlich mit Antidepressiva behandelt. Diese wirken zwar besser als Placebos, der Unterschied ist allerdings klein und schwankt je nach Störungsart, wie eine aktuelle Metaanalyse zeigt.

Zu den häufigsten psychischen Störungen bei Kindern und Jugendlichen gehören Angststörungen, depressive Störungen, Zwangsstörungen und posttraumatische Belastungsstörungen.

Zusätzlich zu psychotherapeutischen Interventionen erhalten Kinder und Jugendliche zur Behandlung auch neuere Antidepressiva wie selektive Serotonin-Wiederaufnahmehemmer (SSRI) und Serotonin-Noradrenalin-Wiederaufnahmehemmer (SNRI).

Antidepressiva vs. Placebo

Psychologen der Universität Basel haben zusammen mit Kollegen der Harvard Medical School und des amerikanischen National Institute of Mental Health 36 Medikamentenstudien analysiert. Die Studien umfassten insgesamt Daten von 6778 Kindern und Jugendlichen im Alter von bis zu 18 Jahren.

Die Ergebnisse der Meta-Analyse zeigen einerseits, dass Antidepressiva verglichen mit Placebos zwar signifikant besser gegen die verschiedenen Störungen wirken, der Unterschied aber klein ist und je nach Art der psychischen Störung schwankt.

Andererseits zeigte sich, dass der Placebo-Effekt bei der Wirkung von Antidepressiva eine wesentliche Rolle spielt. Die Studie ergab außerdem, dass Patienten, die mit Antidepressiva behandelt wurden, mehr Nebenwirkungen beklagten als solche, die ein Placebo erhielten. Die Nebenwirkungen reichten von leichten Symptomen wie Kopfschmerzen bis hin zu suizidalen Handlungen.

Placebo-Effekt stärker bei Depressionen

Laut Studie unterscheiden sich die Effekte von Antidepressiva und Placebo je nach Art der psychischen Störung: Antidepressiva haben bei Angststörungen eine größere spezifische Wirkung als bei depressiven Störungen. Hingegen wirken Placebos bei depressiven Patienten stärker als bei solchen mit einer Angststörung.

Die Erstautorinnen Dr. Cosima Locher und Helen Koechlin der Fakultät für Psychologie der Universität Basel sehen hier Potenzial für neue Behandlungskonzepte, die die Wirkung der Faktoren, die zum Placebo-Effekt beitragen, bei Depressionen gezielt nutzen.

Individuelle Abklärung notwendig

Die Meta-Analyse zeigt aber auch, dass Antidepressiva in der Behandlung von psychischen Störungen im Kindes- und Jugendalter eine wichtige Rolle einnehmen. „Dabei ist es wichtig, das Verhältnis zwischen klinischem Nutzen und möglichen Nebenwirkungen im Gespräch mit dem behandelnden Arzt individuell abzuklären“, so Locher.

 

Der Text basiert auf einer Pressemitteilung der Universität Basel.

 

Quelle:
Efficacy and Safety of Selective Serotonin Reuptake Inhibitors, Serotonin-Norepinephrine Reuptake Inhibitors, and Placebo for Common Psychiatric Disorders Among Children and Adolescents
Cosima Locher et al., JAMA Psychiatry, doi: 10.1001/jamapsychiatry.2017.2432; 2017

9 Wertungen (4.67 ø)
Medizin, Pädiatrie, Psychiatrie

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5 Kommentare:

Gast
Gast

Andersherum: Depressionen, unbehandelt und dadurch in vielen Fällen verschlechtert oder gar chronifiziert, beeinträchtigen nicht nur die geistige Leistungsfähigkeit und haben durch das “Gesamtpaket” dramatisch schädliche Folgen für die schulische und psychoziale Entwicklung. Es gilt herauszufinden, was dem Einzelnen hilft, eine verhaltenstherapeutisch basierte Psychotherapie kann hinreichend sein, je nach Einzelfall und v.a. Schwere der Symptomatik ist zusätzliche, sorgfältig ausgewählte und begleitete Medikation erforderlich. Mit “immer zuerst so” oder “auf keinen Fall so” Einstellungen im Kopf der Behandler wird an Patienten vorbei therapiert.

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Nichtmedizinische Berufe

Die Studie war ja nur AD versus Placebo; die Studie AD versus Verhaltenstherapie beim Jugendpsychotherapeuten wurde nicht genannt.
Wissen wir genau, was AD im sich entwickelnden Gehirn von Kindern anrichtet? Wäre doch sehr schade, wenn sie nach der Behandlung niemals zu den gleichen geistigen Leistungen fähigen wären wie zuvor? Gibt es da auch Studien?

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Doris Hofheinz
Doris Hofheinz

Ich finde nach wie vor, es wäre wichtig gründlicher nach den Ursachen zu forschen.
Vieles nimmt den Kindern Geborgenheit, das ist guter Nährboden fur seelische Erkrankungen.
Wie wäre es, wenn die Eltern wieder mehr Zeit für Kinder hätten? Da würde es sich mal lohnen zu forschen.
Antidepressiva sind keine Hustengutsele.

#3 |
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Im Notfall natürlich Antidepressiva ,vorher aber intensive Abklärung und alle mögliche Psychotherapie.

#2 |
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Gast
Gast

Ich finde es problematisch, wenn aufgrund solcher Veröffentlichungen wie dieser der Uni Basel Kindern mit einer Depression eine wirksame Therapie mit Antidepressiva vorenthalten wird.
Auch Antidepressiva werden bei Kindern oft off-label verordnet, weil es keine Zulassungsstudien für die entsprechenden Wirkstoffe gibt (wie bei Kindern bei anderen Medikamenten-Gruppen auch). Das darf aber nicht als Argument dazu dienen, Antidepressiva bei Kindern nicht zu verordnen. Solche Erhebungen zur Nicht-Wirksamkeit bzw. marginalen Wirksamkeit von Antidperessiva, die kommen ganz oft von den Berufszweiflern aus den Pharmakologischen Instituten. Die Realität in der Kinder- und Jugendpsychiatrie bzw. auch der Erwachsenenpsychiatrie sieht anders aus. Über die Nicht-Verordnung von Antidepressiva bei Kindern freuen sich vor allem die Krankenkassen, die sich die Kosten für die Medikation sparen dürfen.

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