Froh in den Tag – mit Ritalin C

20. September 2017
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Modafinil oder Methylphenidat werden immer attraktiver. 20 Prozent der befragten Chirurgen nutzen solche Substanzen, um dem Arbeitsstress gewachsen zu sein. Hausärzte berichten, sie seien mit dem Thema wenig vertraut, werden aber häufig um ein Rezept gebeten.

Doping im Schachspiel ist möglich. So berichtete die DocCheck-Redaktion im Februar dieses Jahres über das Ergebnis einer Studie der Universität Mainz mit knapp 40 Spielern. Diejenigen, die ihrer Konzentration und kognitiven Leistungsfähigkeit mit Modafinil und Methylphenidat (Ritalin®) auf die Sprünge halfen, dachten länger über ihre Züge nach.

Selbst wenn in einzelnen Partien kein qualitativer Unterschied zu erkennen war, in der Summe der Spiele hatten sie gegenüber denen die Nase vorn, die nur ein Placebo bekamen. In einer weiteren Untersuchung wurden Schachspieler befragt: Etwa jeder zehnte gab zu, sich per Pharmazie noch einmal auf ein höheres Niveau zu pushen. 

Neuro-Enhancer: Immer beliebter?

Eigentlich waren die Mittel Modafinil und Methylphenidat nur für Patienten mit ADHS und Narkolepsie gedacht. Mit Warnungen von möglicherweise bisher unbekannten Nebenwirkungen und Placeboeffekten beim Denkvermögen nach Einnahme dieser Arzneistoffe ist da nicht mehr beizukommen. Inzwischen kommen mehr und mehr Studienergebnisse an die Öffentlichkeit, die zeigen, dass zumindest einige dieser „pharmakologischen Neuro-Enhancer“ auch Gesunde noch leistungsfähiger machen. Die Nebenwirkungen scheinen sich bisher in einem erträglichen Rahmen zu halten. Daher verwundert es nicht, dass entsprechend einer Untersuchung der DAK rund sieben Prozent der befragten Arbeitnehmer schon einmal mit verschreibungspflichtigen Medikamenten für die vermeintliche geistige Fitness gesorgt haben.

Zumindest für einen Teil der Bevölkerung, etwa bei Studenten, aber auch in Berufen mit hohen Anforderungen an den Kopf, scheinen sich Aufputschmittel fürs Gehirn etabliert zu haben. Aus etlichen Kaffee-Junkies sind regelmäßige Modafinil-Nutzer geworden. Werden die Tabletten irgendwann einmal ganz selbstverständlich auf dem Schreibtisch liegen?

Anti-Stress-Mittel bei Studenten und Chirurgen

Bereits 2012 registrierte eine deutsche Studie bei jedem sechsten Studenten die Bereitschaft, leistungssteigernde Mittel einzunehmen. 12 Prozent hatten das seit Beginn des Studiums bereits mindestens einmal getan. Eine Befragung unter 18 dieser aktiven Nutzer ergab, dass nicht allein das Streben nach besserer Leistung von der Überlegung zum Handeln geführt hatte, sondern, um auch aus begrenzter Zeit das Maximale herauszuholen. Die subjektive Verbesserung der geistigen Leistungsfähigkeit unterschied sich dabei aber deutlich von den wirklich erzielten Verbesserungen. Zumindest in Australien verurteilt die große Mehrheit der befragten Studenten jedoch diese Art des „geistigen Leistungssteigerung“ als unakzeptabel und unfair.

Wie sieht es bei anderen „stressigen“ Berufen aus? Eine Studie der Forschergruppe von Klaus Lieb in Mainz aus dem Jahr 2013 kam bei einer Umfrage unter Chirurgen auf fast 20 Prozent der Mediziner, die illegale oder verschreibungspflichtige Substanzen nutzten, um dem Arbeitsstress gewachsen zu sein und Müdigkeit und nachlassende Konzentration zu kompensieren.

Prof. Klaus Lieb, Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie Universitätsmedizin Mainz @ DRZ, Uni-Mainz

Prof. Klaus Lieb, Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie Universitätsmedizin Mainz
@ DRZ, Uni-Mainz

Lieber Viagra als Ritalin?

In Rheinland-Pfalz befragte das Mainzer Team rund 2.700 Allgemeinärzte anonym zu solchen Aufputschmitteln im Praxisbetrieb. Unter den rund 30 Prozent der zurückgespiegelten Antworten gaben 43 Prozent zu, nicht mit dem Thema vertraut zu sein. Dennoch berichteten 41 Prozent der Ärzte, von Patienten im letzten Jahr um eine entsprechendes Rezept gebeten worden zu sein, 7 Prozent allein in der letzten Woche. Im Vergleich etwa zur Verschreibung von Sildenafil auch ohne eindeutige Indikation waren die Ärzte jedoch bei kognitiven Enhancern deutlich zurückhaltender. Vor allem Befürchtungen vor einem Missbrauch der Mittel nannten die Befragten als Grund für ihre Zurückhaltung.

Entsprechend einigen Veröffentlichungen hat die Zahl der Off-Label Verschreibungen allein in den Jahren 2002 bis 2009 um etwa das Fünfzehnfache zugenommen, mit der entsprechenden Indikation dagegen nur um weniger als das Dreifache. Schätzungen kalkulieren dementsprechend den Anteil der gesunden Modafinil-Nutzer auf rund neun von zehn. „Langzeit-Studien, die zeigen, dass diese Substanzen auch im gesunden Menschen sicher sind, gibt es nicht.“, beschreibt Barbara Sahakian von der Cambridge University den aktuellen Forschungsstand. Das bestätigt auch Claus Normann von der Uniklinik in Freiburg: „Mögliche Nebenwirkungen oder die Suchtgefahr dieser Substanzen sind unklar.“ Immer wieder gibt es Berichte, dass besonders Methylphenidat das Risiko für Herzprobleme und Schlaganfall erhöht.

Nicht zuletzt bestimmen die Medien, welches Bild in der Öffentlichkeit über den Gebrauch dieser Mittel entsteht. Sind sie nützlich, um die Kapazitäten unseres Denkorgans besser auszuschöpfen? Oder werden sie nur von wenigen genutzt, die die pharmakologischen Risiken ignorieren, um sich einen Vorteil gegenüber der Konkurrenz zu verschaffen.

Die Begriffe „pharmakologisches Neuro-Enhancement“ und „Hirndoping“ werden dabei oft durcheinander geworfen. Neuro-Enhancement definiert Klaus Lieb als Ge-/Missbrauch psychoaktiver Substanzen bei Gesunden zur Verbesserung der kognitiven Leistungsfähigkeit. Das kann auch mit Koffeintabletten oder Energy Drinks geschehen. Hirndoping dagegen bezeichnet den Missbauch von illegalen oder verschreibungspflichtigen Aufputschmitteln.

Wenig Info über ethische Aspekte

In Zeitungen und Zeitschriften erscheint immer wieder der Vergleich zum Doping im Leistungssport. Dort ist die Einstellung der Leser zur Chemie-Trickkiste ganz klar missbilligend. Oliver Quiring, ein Kollege von Klaus Lieb an der Uni Mainz, betrachtete in seiner Untersuchung die öffentliche Berichterstattung zum Thema – und damit der Meinungsbildung – etwas genauer und analysierte die Einstellung der Journalisten zum Thema genauso wie deren Werke.

Im Text eines typischen Artikels kommen eher neue wissenschaftliche Erkenntnisse als ethische Gesichtspunkte vor, wie sie in der Wissenschaftsgemeinde in entsprechenden Fachjournalen und in Konferenzen regelmäßig diskutiert werden. Nur etwas mehr als ein Drittel der Beiträge weist auf die steigende Verbreitung der psychoaktiven Substanzen hin, genauso wie auf den zunehmenden Leistungsdruck, der hinter der wachsenden Beliebtheit steckt. Während in den Texten die nützlichen Aspekte über Risiken und Gefahren dominieren, kommt im persönlichen Gespräch mit Journalisten eine eher skeptische Meinung zum Ausdruck. Besonders der Kosten-Nutzen-Effekt spielt bei der Zurückhaltung der Schreiber eine bedeutende Rolle.

Schlägt sich diese Art der Informationsvermittlung auch auf den „Konsumenten“ nieder? Genau diese Zielgruppe befragten Quirings Mitarbeiter zu ihren Ansichten. Besonders Jugendliche stehen der Berichterstattung mitunter kritisch gegenüber und spüren die skeptische Haltung von Journalisten. Sinnbildlich dafür steht etwa das Statement einer 22-jährigen Nutzerin dieser Substanzen: „Zuerst hatte ich etwas Angst, weil uns die Massenmedien sagen: Das ist schädlich. Als schließlich immer mehr meiner Freunde das ausprobierten und mir berichteten, dass sei gar nicht schlecht und gut unter Kontrolle zu halten, probierte ich es auch.“

Schaden für Geist und Psyche nicht ausgeschlossen

Amfetamine oder Ritalin verbessern die Wachheit und Konzentrationsfähigkeit, sagt Klaus Lieb, steigern aber nicht die geistige Leistung und schon gar nicht die Intelligenz. Über lange Zeit hinweg könnten sie möglicherweise auch zu psychischen Erkrankungen wie Depressionen oder Psychosen führen, besonders dann, wenn höhere Dosen den gewünschten Effekt hervorrufen sollen. Denn nicht alle Teilnehmer profitierten gleichermaßen von der Substanz. In entsprechenden Tests half etwas Modafinil besonders den „Niedrig-Performern“ bei komplexen Aufgaben.

Methylphenidat und Amphetamine üben ihre Wirkung im Gehirn vor allem auf Noradrenalin und Dopamin aus und beeinflussen auf diese Weise die Aufmerksamkeit und das Belohnungssystem. Bei Modafinil scheinen die Effekte noch deutlich weiter zu gehen. „Die Substanz wirkt auf so ziemlich jeden Neurotransmitter im Gehirn.“, sagt etwa Ruairidh Battleday, Neurowissenschaftlerin an der University of California.

Direktverdrahtung statt unkontrolliertem Stimulationszyklus?

Nicht selten sind Neuro-Enhancer der Einstieg in die pharmakologische Regulierung des Bewusstseins. Bei chronischer Müdigkeit und Erschöpfung kommen Aufputschmittel zum Zug. In der Folge steht der Körper unter Stress – mit Wachheit und Aufmerksamkeit, aber auch Unruhe und Schlafstörungen. Die wiederum bekämpft der Betreffende mit Beruhigungsmittel. In Anbetracht des unzureichenden Wissens über diese Substanzen eine eher beunruhigende Strategie.

Stefano Sensi, Neurologe an der Universität von Chieta-Pescara, schlägt als Alternative für die mangelnde Spezifität von Methylphenidat und Modafinil die Entwicklung von Wirkstoffen vor, die das Nervenzellwachstum spezifisch anregen und die engere Verdrahtung im Gehirn fördern – mit dem Ziel, das Denkvermögen nicht nur vorübergehend zu steigern. Unbestritten noch besser wäre jedoch, die Arbeitsbedingungen in besonders stressigen Tätigkeiten zu hinterfragen und mit ausreichend Schlaf und genügend Erholungspausen die natürlichen Anpassungsmechanismen des menschlichen Gehirns an seine Herausforderungen zu fördern.

87 Wertungen (4.64 ø)
Bildquelle: Malcolm Murdoch, flickr / Lizenz: CC BY-SA

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38 Kommentare:

Gast
Gast

https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/27318593
Brain abnormalities in adults with Attention Deficit Hyperactivity Disorder revealed by voxel-based morphometry.

#38 |
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Gast
Gast

Was spricht angesichts des Missbrauchspotentials von Ritalin eigentlich gegen eine ADHS-Behandlung mit Cannabis oder Cannabinoiden? Sie kommen nur zum Einsatz, wenn Ritalin absolut nicht vertragen wird. Scheinen dann aber gut wirksam zu sein. Cannabinoide sind jedenfalls keine Stimulantien, sie waeren ungeeignet, um tagelang durchzumachen und erzeugen keine physische Abhaengigkeit (im Gegensatz zu DRI wie Ritalin, Cocain), weniger Belastung des Herz-Kreislauf-Systems und keinen oxidativen Stress im ZNS.

#37 |
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Gast
Gast

Zu der “Ist ADHS real?”-Diskussion: Bildgebende Verfahren haben ergeben, dass viele (unbehandelte) ADHS-Patienten typische Volumen-Abweichungen in einigen Gehirnarealen haben. Diese Abweichungen sollen sich bei Ritalin- oder Amfetamin-Einnahme verringert haben. Es scheint also eine organische Ursache zu geben. Ob ADHS einen Leidensdruck erzeugt, oder gesellschaftliche Faktoren ist eine andere Frage. Uebrigens wurde das Problem Zawwelphilip “frueher” einfacher geloest: Schlaege ect.

#36 |
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Rettungsassistent

Das ist in der Tat spannend. Vielen Dank. Vielleicht finde ich die Ode ja – dann lese ich mich mal rein.

#35 |
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Gast
Gast

Vielen Dank für die Antworten. Sehr interessant!

#34 |
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Gast
Gast

Die bisher älteste bekannte kulturhistorische Schilderung von ADHS findet sich nicht erst im Struwwelpeter von 1844, sondern bereits um 250 v. Chr. in einer Ode von Herondas . Dort klagt eine Mutter über einen Jungen, der ihr den letzten Nerv raubt, nicht richtig lesen kann, diem Tafel mehr verkratzt, als schön darauf zu schreiben, keine Hausaufgaben macht, mühsam Gelerntes schnell wieder vergisst, überall herumturnt, ständig irgendwelchen Blödsinn macht und falsche Freunde hat.

ADHS gibt und gab es seit Anbeginn der Menschheit, und auch schon zuvor, bei Tieren, gab und gibt es Äquivalente von ADHS – so z.B. den Zappelhund, der nur Gassi gehen kann, wenn er das Ritalin vom Herrchen frisst und spezielle “Persönlichkeiten” bzw. “Typen” bei Schimpansen . In der ADHS-Forschung wird auch sehr viel am Tier-Modell geforscht.

Das die komplexe Realität etwas simplifizierende Modell der Jäger und Sammler in einer Gesellschaft von sesshaften Bauern, auch damit wird ADHS beschrieben.

#33 |
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Gast
Gast

Danke fürs Geraderücken! Methylphenidat wäre abgsehen davon nicht die erste pharmakologische Substanz, die erfunden wurde, bevor störungsbezogene Indikationen gefunden und der Wirkmechanismus geklärt wurden. Das war meines Wissens bis in die neuere Zeit hinein die übliche Reihenfolge und betrifft den größten Teil unserer heute standardmäßig eingesetzten Pharmaka, angefangen von Penicillin bis zu diversen anderen in der somatischen wie psychiatrischen Medizin. Wichtig ist, dass wir HEUTE Wirkungen, Wirkungsmechanismus, Risiken etc. kennen bzw. weiter erforschen und ein wirksames Psychopharmakon gemäß seinen Indikationen und nach gründlicher diagnostischer Abklärung einsetzen.

#32 |
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Rettungsassistent

Hallo Gast #29/30,
die wohl erste kulturhistorische Beschreibung von ADHS finden Sie beim Zappelphillip von Hoffmann (Struwwelpeter). Das war 1844, erst 100 Jahre später wurde das Ritalin entwickelt.

Sie machen es sich auch zu einfach, wenn Sie von “Ritalin-Befürwortern” sprechen. Ich bin ja nun auch kein “Opiat-Befürworter”, nur weil ich denke, dass man (anders nicht zu behandelnde Schmerzen) angemessen therapieren sollte.

#31 |
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Gast
Gast

Hallo, der Gast aus Kommentar 29 nochmal. Antwortet mir nochmal jemand oder ist die Frage zu kompliziert und zu unbequem, weil sie eventuell auf die Wahrheit zeigen könnte? Wo sind denn jetzt die ganzen Ritalinbefürworter?

#30 |
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Gast
Gast

Einmal ganz ehrlich und ohne Hintergedanken: Wer von den Anwesenden kann mir glaubhaft erklären, warum es zunächst das Arzneimittel und erst danach die Krankheit gab? Das gab es doch früher schon mal, Stichwort Halitosis und Listerine?

#29 |
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Gast
Gast

Ich denke man sollte diesen Einsatz von Ritalin nicht gleich setzen mit dem Einsatz bei ADHS.
Und Kommentare dazu auch lassen, wenn man weder Ahnung noch Wissen dazu hat.

#28 |
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Gast
Gast

Was mich sehr wundert, ist, wie man mit “unangepaßten” Kindern und Heranachsenden “früher” umgegangen sein mag, als diese Krankheit noch nicht entdeckt war? Sind möglicherweise nicht die Kinder, sondern die Eltern behandlungsbedürftig?

#27 |
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Joachim Bedynek
Joachim Bedynek

# 25 – Ich finde es phantastisch, dass hier einer endlich das Wort “Evolutionäre Anthropologie” in den Mund nimmt. Die Argumentation ist biologisch und daher grundsätzlich und klug.

#26 |
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Gast
Gast

Das Thema Evolution und ADHS fassen folgende Sätze des deutschlandweit führenden Genetikers (und auch einer der weltweit führenden Genetiker) zu ADHS Prof. Klaus-Peter Lesch von der Psychiatrie der Uniklinik Würzburg zusammen:”…Früher vermuteten die Forscher, einige wenige Gene würden ADHS auslösen; doch das trifft, wenn überhaupt, nur auf ganz wenige Familien zu. Für die überwältigende Mehrheit der Bevölkerung gilt: Vermutlich sind es 500 bis 1000 Gene, die einen – jeweils minimalen – Einfluss auf das Temperament und die Konzentrationsfähigkeit des Menschen haben. Diese sind mithin auch keine Krankheitsgene, vielmehr gehören sie zur natürlichen Ausstattung des Menschen. “ADHS ist ein Extrem einer Persönlichkeitsvariante, das zunächst einmal gar keinen Krankheitswert besitzt”, bestätigt auch Klaus-Peter Lesch. Diese milden Ausprägungsformen von ADHS seien in einem Fünftel der Bevölkerung vorhanden und hätten sich im Laufe der Evolution des Homo sapiens immer wieder als vorteilhaft durchgesetzt. Lesch: “Der hohe Energiepegel, der Enthusiasmus, sich mit einer Sache auseinanderzusetzen, die große Kreativität, die Fähigkeit zum Querdenken und der Gerechtigkeitssinn – all das sind Ressourcen, die für unsere Gesellschaft wichtig sind.” zu finden in dem Artikel des ADHS-Gegners Jörg Blech im Spiegel: http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-99311928.html

Der evolutive Vorteil von ADHS-Genen ist im Ausmaß abhängig von den Umweltbedingungen. So gibt es Länder, Ethnien und Kulturen, die ADHS-Gene und ADHS evolutiv begünstigen (während andere es entsprechend benachteiligen). So erklären sich auch die in Wahrheit weltweit deutlich unterschiedlichen Prävalenzen von ADHS, die macherorts wahrscheinlich ein Mehrfaches der bis zu 10% in Deutschland erreichen. Zusätzlich zum Faktor evolutive Selektion kommt dann bei den ADHS-Prävalenzen noch der Faktor geographische Isolation hinzu, so auch betrffend wahrscheinlich die Inseln bzw. Inselgruppen Island, Kreta und Japan .
Dass die Umweltbedingungen des 21. Jahrhunderts ADHS verstärkt von der Latenz in den sichtbaren Bereich rücken, versteht sich ebenfalls.
So viel zur Evolutionären Anthropologie der ADHS.
Was die Akzeptanz von ADHS erschwert, ist der sperrige Begriff aus 4 Großbuchstaben. Der Begriff “Autismus” (hier noch erwähnenswert: bis zu ca. 50% der Patienten mit Asperger sollen ebenfalls ADHS haben) z.B. ist viel weniger sperrig und flüssiger.
Es wird mitunter von ADHS-Gegnern diverser Couleur argumentiert, dass sich hinter ADHS diverse andere Psychische Störungen verbergen können und es ADHS somit quasi gar nicht gäbe. Die Wahrheit ist viel eher: Hinter FAST allen anderen Diagnosen in der Psychiatrie KANN sich ADHS als kausale oder komorbide Störung verbergen. So auch z.B. die Prognose von Russel Barkley , dem weltweit renommiertesten Wissenschaftler zu ADHS , dass sich das ADHS-Spektrum irgendwann einmal als das zentrale Thema in der Psychiatrie insgesamt herausstellen wird.

Wenn nun argumentiert wird: “Patient X kann gar kein ADHS haben, der will nur Stoff zum Hirndoping” , so sei auf die hiermit ausgeführte hohe Relevanz von ADHS auch gerade quantitativ verwiesen.

#25 |
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Gast
Gast

Man muss dazu noch sagen, dass bei einem Geschlechterverhältnis von in Wahrheit 1:1 und einer Persistenz von zumindest einer Restsymptomatik in in Wahrheit 100% der Fälle die Prävalenz von ADHS in Deutschland bis zu 10% der Bevölkerung beträgt.

Natürlich ist ADHS nicht Alles-oder-Nichts, sondern eine dimensionale wie auch eine kategoriale Angelegenheit, d.h. es gibt ganz leichte und ganz schwere Fälle und es gibt auch bei ca. gleichem Schweregrad Unterschiede auch in der Neurobiologie. Zudem KÖNNEN (nicht müssen) FAST alle anderen Störungen der Psychiatrie bei ADHS als Komorbidität vorkommen. Z.B. wird geschätzt, dass mehr als 1/3 der Patienten mit Schizoaffektiver Störung / Schizophrenie ebenfalls ADHS hat, bei Depression, “Burnout”, Borderline, Alkoholismus etc. ist es ähnlich.

Der angeborene Part bei den multifaktoriellen Erklärungsmodellen zur Pathogenese Psychischer Erkrankungen geht auch mehr und mehr zu den Hirnentwicklungsstörungen und ADHS ist die mit Abstand häufigste Hirnentwicklungsstörung aufgrund der evolutiven Vorteile, die ADHS-Gene bzw. mitunter auch phänotypisch manifestes ADHS haben können.

#24 |
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Gast
Gast

@19

Gleiches Spiel, anderer Ausgang: Tochter, 17, ADHS vom unaufmerksamen Typ und einige Impulsivität. Nichtmal besondere Beschwerden der Lehrer (natürlich nicht, keine Störung des Unterrichts), aber seit eh und je: “Sie muss endlich mehr aus sich rauskommen, wir wissen gar nicht wo sie ist… Was ist denn das Hindernis?…” Trotzdem insgesamt brauchbare Leistungen mit starken Schwankungen, überdurchschnittliche Intelligenz, keine Sorge um grundsätzliches Fortkommen. ABER: massive Desorganisation, zu Hause eine Krise nach der anderen (wie zu erwarten ist sie nicht die Einzige in der Familie), soziale Unsicherheit, Selbstzweifel, niedriges Selbstwertgefühl, Energielevel regelmäßig bei Minus 100, vor allem wenn’s um Notwendiges und Schule ging, bei selbstgewählten Aufgaben erstaunliche Ausdauer und Konzentration … Das Wichtige würde darüber gänzlich vergessen. Und doch immer wieder Leistungseinbrüche und so eindeutig aus dem Chaos resultierten, das auch wir uns kopfschüttelnd fragten, wo sie eigentlich ihren Kopf hat. Fragen wie: “Wozu das Ganze? Ich kann das eh nicht, ich bin einfach zu blöd, zu faul, wie soll ich jemals eine Ausbildung, ein Studium schaffen? Die anderen, ich kapier einfach nicht wie die ticken…” Mit 17 am Rande des Aufgebens und der Depression. (Nicht die erste) fachärztliche Abklärung brachte des Rätsels Lösung, den doch schon länger gehegten Verdacht. Ein dreiviertel Jahr Psychoedukation/Beratung und Medikation später: Eine verwandelte junge Person, die trotzdem ganz sie selbst geblieben ist. Die mit einer recht stabilen Energie die Schule bewältigt, ohne unnatürliche Leistungsfähigkeit oder Euphorie, aber mit viel mehr Interesse, einfach weil sie jetzt auch mal bei der Sache bleiben kann, in Kommunikation und sozialer Interaktion um Welten ausgeglichener und zufriedener, eingebunderer in der Klasse, aktiver in der Freizeit, ohne es zu übertreiben und ohne Schlafprobleme, ohne Depression, ohne Appetitlosikeit und was nicht alles zu befürchten steht als Nebenwirkung von Methylphenidat. Diese Stabilisierung spricht für mich Bände, ich bin froh um den beschrittenen Weg!

#23 |
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Gast
Gast

Herr Lederer hat hier in meinen Augen seriöse journalistische Arbeit abgeliefert und Ärzte und Wissenschaftler oben lediglich zitiert. Das ist das, was Journalismus tun darf und auch tun muss, aktuelle gesellschaftliche, medizinische und gesundheitspolitische Themen zu covern, in so fern rein journalitisch alles ok. Diejenigen, die sich in meinen Augen schuldig machen, sind die Quellen, die Ärzte und Wissenschaftler, die vorschnell und fahrlässig und ohne fundierte Datenlage diese Hirndoping-Debatte / Gespenster-Debatte in die Welt setzen.
Ich bin selbst von ADHS betroffen und habe die Demütigungen, das Unverständnis, die Diffamierung, die Ignoranz und die Ausgrenzung durch die Mehrheitsgesellschaft schon mein ganzes Leben lang erfahren müssen. Das geht ganz vielen Menschen mit ADHS so und es hat sich da in ca. 30 Jahren ADHS-Debatte in Deutschland einiges aufgestaut, die Aggressivität, die hasserfüllten Äußerungen in der ADHS-Community gegen die Mehrheitsgesellschaft, da sieht Pegida alt aus dagegen. Ich finde das natürlich negativ und das mediale Meinungsklima zu ADHS (und um nichts anderes geht es bei der Hirndoping-Debatte in Wahrheit, das aber kein Vorwurf an Herr Lederer, sondern an die Quellen, an Lieb, Claus Normann etc.) zu ADHS hat sich dankbarerweise in den letzten ca. 4 Jahren gedreht.
Um es konkret zu sagen, alles was mit ADHS zu tun hat, da sticht man schnell in ein Wespennest, auch als Journalist.

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Medizinjournalist

#18
Einen Beitrag mit “Dumfug” zu beginnen, halte ich für etwas bedenklich. In meinem Artikel sind auch immer die Quellen verlinkt. Weder im Artikel noch in der Quelle steht etwas von regelmäßiger Einnahme von Aufputschmittel. Ich zitiere Franke et al:” …..of all surveyed surgeons confessed to having used a prescription or illicit drug exclusively for CE at least once during lifetime….”
Ich denke, die Dunkelziffer ist hoch.
Im übrigen will ich hier weder Aufputschmittel-Bashing bei Gesunden betreiben noch jene verurteilen, die versuchen, ihr Denkvermögen zu optimieren, – mit Mitteln, die bisher(!) weder abhängig machen noch allzu starke Nebenwirkungen zeigen.
Ich wollte auf die bisherige Nutzung von “kognitiven Enhancern” hinweisen und Faktoren aufzeigen, die den möglichen Nutzer beeinflussen.

#21 |
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Hurra
,
Ich werde jetzt von allen meinem möglichen Operateuren,Anästhesisten,Piloten,Taxifahrern etc.Untersuchungen auf Retalin
einfordern.
Welch wunderbare Welt!

#20 |
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Gast
Gast

Man erkennt hier ziemlich genau die Pro- und Kontra- Fronten…

Ein kurzer Einschub zum Thema des Gastes vor mir: “Wer eine ADHS-Therapie verweigert,…”

Ein Denkanstoß:
Meine älteste Tochter (aktuell 19) hat ADHS. Undiagnostiziert. (Woher ich es also weiß? Nun ja. Man könnte sagen: ich komme vom Fach.) Warum keine Diagnose?
Mal ehrlich: wem soll diese nutzen? Dem Kind? Sie hilft vor Allem dem Umfeld mit dem Kind klar zu kommen (was dann wiederum das Kind entlastet). Doch was ein Kind braucht? Vielleicht Unvoreingenommenheit? Ganz sicher aber: Angehört werden. Nicht nur mit dem was es verbalisiert. Sondern in dem was es umtreibt. Belastende Faktoren. Eigene Lebenshaltung. Und dann: Verständnis. Und das heißt nicht, alles zu entschuldigen und durchgehen zu lassen. Das heißt wahre Hilfe anzubieten. Mit dem Kind GEMEINSAM “arbeiten”, Kompensationsstrategien an die Hand geben. Ressourcen erkennen und nutzen.
Fazit bei uns: von der Person (welche uns danach nie wieder sah) die sagte:”Also ohne Ritalin geht das mit diesem Kind gar nicht!” Zu der Person die sagte: “Ihr Kind ist völlig unmöglich und einfach dumm!” Über die, die feststellte:”Trotzdem, dass die Hälfte der Zeit aus dem Fenster geguckt wurde, stelle ich einen IQ von 138 fest.” Über die Person die schrie:”Wie du verstehst das nicht. Du bist einfach nur zu faul!!!” Zu der die sagte (und es auch so meinte):”Wir finden einen Weg. Du schaffst das. Ich glaube an Dich.” Über die Inanspruchnahme diverser Hilfen. Zuletzt eines Legasthenieförderunterrichtes, welcher – oh Wunder- keine Kassenleistung, aber mehr als jeden Cent wert war, hin zum hier und jetzt. Realschulabschluss mit Q. Fachabitur mit Bravour. Und nun im Berufsabitur mit dem Ziel eines anschließenden Hochschulstudiums.
Mein Resümee: niemand ist zu verurteilen welcher, wenn es wirklich notwendig ist, und dem Kind hilft (niemand anderem!!!) Ritalin, respektive Methylphenidat, überbrückend einzusetzen, doch eine Langzeitlösung kann und darf es einfach nicht sein.

#19 |
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Gast
Gast

Dumfug. Wenn es so wäre, müsste man eine obligate ADHS-Testung in die Facharztprüfung der Chirurgen mit aufnehmen. Ich habe selber vor Jahren die erste ADHS-Ambulanz für Erwachsene an der Unipsychiatrie Mainz aufgebaut. In der Forensik arbeitet ja ein ausgewiesener ADHS-Experte, die KJP ist mit Prof. Huss erstklassig besetzt. Die werden aber beide nicht regelhaft die Chirurgen im Haus mit Ritalin versorgen. Ganz ganz sicher nicht. Seit 1999 behandele ich Erwachsene mit ADHS. Neuroenhancement erweist sich entweder als berechtigte Selbstmedikation oder aber – weit häufiger – als aufgebauschte Nachricht ohne wissenschaftliche Berechtigung. Klappern gehört zum Handwerk an der Uni, wenn man Forschungsgelder haben will. Wenn wirklich 20 Prozent der Chirurgen Stimulanzien missbrauchen, wäre für die “echten” Fälle kaum noch was über. Und wer schon einmal versucht hat, einen Termin bei einem Experten für ADHS im Erwachsenenalter zu bekommen, kennt die Probleme bei der Verordnung. Vermutlich wird dann unter Neuroenhancement wieder als Gruppe die Leistungssteigerung generell gesehen. Also Betablocker, Potenzmittel, Nahrungsergänzungsmittel.

Prof. Lieb hat grosse Verdienste, sich unabhängiger von der Pharmaindustrie zu machen. Immerhin gab es mit Benkert an seinem Arbeitsplatz eben diese Probleme. Aber eine Überkompensation mit Ritalin-Bashing ist genauso peinlich und bringt damit den wissenschaftlichen Anspruch der Psychiatrie in Verruf. Und ich bin sicher, so hat Lieb es ganz sicher nicht gemeint

#18 |
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Gast
Gast

Es wäre gut, wenn allgemein von Methylphenidat gesprochen werden würde; es gibt verschiedene Darreichungsformen/ Galeniken mit unterschiedlichen Produktnamen.

Interessant auch, dass Metaanalysen verschiedener Therapieformen pharmakobasiert vs verhaltensbasiert zeigten, dass die Gruppe mit Methylphenidat plus Verhaltenstherapie die besten Erfolgsaussichten hatte, Methylphenidat aber erst die erfolgreiche VT möglich macht.

Wer eine ADHS-Therapie mit den Worten verweigert “man solle die Kinder nicht “ruhigstellen”, macht sich mit schuldig an den Lebensbiografien: niedrigerer Schulabschluss, Mobbing durch Klassenkameraden, Führerscheinentzug, starker Nikotinkonsum.. allg. alleinige Lebensuntüchtigkeit im Erwachsenenalter.

Es macht traurig so etwas erleben zu müssen.

Gerade deshalb: klare und differenzierte Diagnostik von KJP/ Psychiater und Abstimmung klarer Therapieoptionen mit regelmässiger Begleitung.

#17 |
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Gast
Gast

Ich glaube, kein einziger der akademischen Damen und Herren, die in dem Artikel zu Wort kommen, sei es der Prof. Lieb, der Dr. Claus Normann , die Frau Sahakian oder die Frau Battleday , hat jemals schon einmal die ziemlich unspektakuläre Wirkung von Methylphenidat in bei ADHS therapeutischer Dosierung auf Normalpersonen am eigenen Leib getestet. Nun sind solche Selbstversuche ja illegal und daher nicht möglich. Die Pioniere der Psychopharmakologie wie Leandro Panizzon mit Ritalin 1944 , die hatten damals noch Spielräume in der Hinsicht.

#16 |
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Noch ein Gast
Noch ein Gast

Habe mal in einer Zeitung Bilder von Spinnen-Netzen unter Einfluss verschiedener psychotroper Substanzen gesehen.
Unter Morphium war der Spinnnetz gerade mal mit 2-3 Fäden angefangen, dann sei die Spinne eingeschlafen.
Unter LSD war der Spinnnetz sehr schnell gemacht, jedoch sehr durcheinander.

In der Klinik, wo ich arbeite, erinnert mich die Arbeit eines leitenden OA (Intensiv), der sprudelnd schnell und ziemlich durcheinander arbeitet, an den 2. Spinnnetz. Wenn er zur Arbeit kommt, ist er erstmal sehr schlecht drauf. Dann trinkt er seinen Kaffee (nur? keiner weiß es) und den Rest des Tages rennt er euphorisch durch die Station und jauchzt: “Ich llliiiebe Euch! Ich llliiiebe Euch!”

Ich kann die Kollegen nicht verstehen, die die Däumchen zum “Buh” anklicken, wenn einer eine solche, ich sage mal direkt, PATIENTENGEFÄHRDUNG nicht gut findet!
Würde jemand hier wollen, dass seine liebsten Angehörigen von so einem Arzt therapiert werden?

#15 |
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Gast
Gast

Zwischen Methylphenidat, Amphetamin bzw. Dexamphetamin bzw. Lisdexamphetamin, Methamphetamin, Kokain, Captagon ( heute Panzerschokolade für IS-Kämpfer) , Modafinil etc. bestehen jeweils relevante pharmakologische Unterschiede. Methamphetamin , einst als Panzerschokolade bzw. Pervitin für Wehrmachtspiloten auf den Markt gebracht und später mutmaßlich beim Wunder von Bern und durch John F. Kennedy ( Dr. Feelgood) missbraucht , macht aufgrund der Methylierung abhängig, Amphetamin wiederum lange nicht in dem Ausmaß. Für Methylphenidat ist weltweit kein einziger Fall von Abhängigkeit bekannt. Der Blick auf das Detail ist (wie immer) angebracht.

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Studentin der Humanmedizin

Danke für den letzten Satz!
A. v. Ditfurth
Kinder- u Jugendpsychiatrie Freiburg

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Heilpraktiker Gerhard Hildebrandt
Heilpraktiker Gerhard Hildebrandt

Einfach unglaublich. Wenn jemand so unverantwortlich, zudem in verantwortlicher Position, mit sich umgeht, wie geht er dann mit dem Patienten um! – Wer den Anforderungen des Berufes nicht gewachsen ist, der sollte ihn wechseln! Dies gilt ganz besonders für den Beruf des Arztes!

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Gast
Gast

@ Philipp Schlitt, mein Gott, diese Umfrage, wonach 20% der Chirurgen entsprechende Sibszanzen missbrauch würden, die glaubt doch keiner.

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20% der Chirurgen nähmen also laut dieser sog. “Umfrage” Stimulanzien, Amphetamine, MPH oder diverse –fil Substanzen ein, um den Tag ( und die Nacht! Und jedes zweite Wochenende! ) in der Klinik, im OP usw. besser zu überstehen?
Da wird einem ja ganz anders…..
Das schreit ja geradezu nach einem Systemwechsel im deutschen “Gesund”heitssystem! Egal, ob Spätfolgen oder bisher nicht bekannte Nebenwirkungen existieren bzw. drohen.
Das kann niemals die Lösung eines durch verschiedenste Faktoren (Leistungsdruck, Schnelligkeit, Stressbewältigung, Kompensation von Personalmangel, Hierarchien oder unzureichende Führung) erzeugtes Problems sein. Ich bin nicht naiv und weiß sehr wohl, dass solche Substanzen bereits in den “Bildungsfabriken” Schule und Universitäten (in bestimmten Fakultäten) kursieren, aber die unmittelbare Reaktion auf diese offensichtlich exazerbierende Belastung (vielleicht manchmal auch durch völlig überhöhte Selbstansprüche generiert!) muss doch sein, dass man sich diesem System, zumindest in bestimmten Ausuferungen, entzieht!
Mit oder ohne Nebenwirkungen ist es doch umfänglich bekannt, dass solche Überforderungen, Distress und Dauerbelastungen, unabhängig von anderen Risikofaktoren zu einem relevanten Anstieg von kardiovaskulären, zerebralen und auch psychopathologischen “Endpunkten” führen! Wer sich durch überzogenen Leistungsdruck, viel zu langen Dauerbelastungen ohne ausreichende Erholungsphasen und Kompensationsmöglichkeiten aussetzt, wird später dafür eine sehr teure Rechnung bezahlen müssen!
Auch im deutschen Gesundheits(um)wesen gibt es trotz dieses Trends genug Möglichkeiten, um sich dieser krankmachenden (nebenbei auch motivationszerstörenden!) Negativ-Spirale zu entziehen. Auch wenn dadurch gewisse externe und interne Ansprüche, Karrierechancen in kurzer Zeit oder leichte Einkommenseinbußen resultieren. Man lebt nur einmal, man hat nur einmal die Chance, ein zufriedenes und erfüllendes Leben (mit anderen zusammen) zu führen und “das letzte Hemd hat keine Taschen” !
Schon der Denkansatz, dass man für die Erfüllung von solchen Pseudo-Erfolgen eine externe, off label und prognostisch ungewisse Substanz braucht ( bzw. missbraucht..) ist krank oder macht auf die Dauer krank!

#10 |
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Thomas Friedrich
Thomas Friedrich

Ich sehe keine ethischen Gründe gegen Hirndoping. Jeder sollte das Recht haben, selbst zu entscheiden, was er mit seinem Körper anstellt. Das gilt für Ritalin genauso wie für andere Drogen. Und was die angeblich unfairen Vorteile angeht: Es ist ja nicht so, als hätten wir ohne Hirndoping Chancengleichheit. Menschen unterscheiden sich extrem in ihrer Begabung und Konzentrationsfähigkeit. Die gleiche Leistungsfähigkeit, die der eine durch Ritalin erhält, hat der andere vielleicht aufgrund einer guten Genetik. Eine gute Genetik ist aber genauso wenig ein Verdienst wie die Einnahme von Ritalin. Also inwiefern tun wir so, als hätte der zweite einen gerechten Anspruch auf diese Leistungsfähigkeit und der erste nicht?

Dass MPH nur wach, aber nicht konzentrierter macht oder nur bei ADS-Patienten wirkt, widerspricht übrigens völlig meiner eigenen Erfahrung. Aber gut, vielleicht habe ich ja auch ADS, ohne davon zu wissen ;)

Aus meiner Sicht ist MPH ein Mittel, von dem große Teile der Bevölkerung profitieren könnten und das daher freigegeben werden sollte.

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Biologisch- / Chemisch- / Physikalisch-technische Assistentin

#1 “Fast sämtliche der sogenannten Hirndoper sind zudem folgendes: nämlich undiagnostizierte ADHSler.” — Ich bin ja selbst ADHSlerin und habe früher auch eine Menge Foren zum Thema frequentiert. Aussagen, die implizieren, dass sowieso die meisten Individuen einer argumentativ “lohnenswerten” Gruppe ADHSler sind, stehe ich aus Erfahrung massiv skeptisch ggü. Dieser Drang, das eigene Störungsbild zu adeln, indem man es (sehr gern auch post mortem) irgendwelchen Persönlichkeiten oder Gruppen zuspricht, finde ich der Sache (nämlich der Entstigmatisierung von Menschen mit dieser Diagnose, mich eingeschlossen) alles andere als dienlich.

#8 |
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Gast
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@ FelixM.:
https://www.google.de/search?source=hp&q=andreas+warnke+methylphenidat+buch&oq=andreas+warnke+methylphenidat+buch&gs_l=psy-ab.3…464.12269.0.12935.34.34.0.0.0.0.279.4098.4j28j1.33.0..2..0…1.1.64.psy-ab..1.27.3257…0j0i131k1j0i22i30k1j33i160k1j33i21k1.0.UxhRwV-xP70

Prof. Andreas Warnke ist der ehemalige, mittlerweile emeritierte Leiter der Kinder- und Jugendpsychiatrie der Uniklinik Würzburg, Prof. Schulte-Markwort, der Leiter der KJP am Uniklinikum Hamburg ist ebenfalls ausgewiesener Experte für ADHS, dass hier nur um Ihrer Forderung nach entsprechenden Quellen nachzukommen.

Was Griechenland und ADHS angeht, dazu hier:
https://adhs-chaoten.net/ads-adhs-presse-medien/43901-adhs-dische-allgemeine.html

#7 |
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Felix M.
Felix M.

#2:
Könnten Sie vielleicht mal konkrete Gegenmeinungen nennen und verlinken? Pauschale “Lügenpresse” Rufe gehören in die Foren von AFD, Kopp-Verlag und Co…

#6 |
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Gast
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Was diese ganze Hirndoping, Neuro-Enhancement,-Gespensterdebatte angeht, diese wird ja vor allem in der linken Hälfte des politischen Spektrums gerne aufgegriffen und für pauschale Kapitalismus-Kritik verwendet, nach dem Motto: “Die Mama von dem ADHS-Kind, die will halt zu viel vom Leben und wenn sie nicht ihre 3 Nebenjobs gleichzeitig machen würde, um sich die 3-malige Urlaubsreise pro Jahr zu finanzieren, dann hätte sie auch wieder mehr Zeit für das ADHS-Kind und das ADHS-Kind bräuchte dann kein Ritalin mehr.” Zuwendung statt Ritalin. Ja, schön, wenn es so einfach wäre. Solche ad-hoc Verurteilungen, die kamen in der Vergangenheit oft gerade von linksliberalen Journalisten wie Guido Bohsem von der Süddeutschen, die einer wohlhabenden städtischen Elite bzw. Münchener Schickeria angehören und die sich im Gegensatz zu den allermeisten Familien in Deutschland tatsächlich eine 3-malige Urlaubsreise im Jahr leisten können.
Es wir letztendlich bei dieser Gespensterdebatte um Hirndoping das komplexe Thema ADHS und Ritalin (und um nichts anderes geht es dabei, Modafinil ist sehr nachrangig und dient nur als Alibi, um zu verschleiern, dass es nur um Ritalin geht) vermischt mit pauschaler Kapitalismus-Kritik. Nichts gegen eine mitfühlendere Welt, nichts gegen Entschleunigung und Muße, aber erst mal schlau machen und dann erst reden.

#5 |
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Gast
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“Schaden für Geist und Psyche nicht ausgeschlossen”:

Ich habe über 20 Jahre lang (vom 9. Lebensjahr bis zum 30. Lebensjahr) Methylphenidat genommen. Ich kann nicht erkennen, ich welcher Form mir das hinsichtlich Geist und Psyche geschadet hätte. Abseits davon war es mir nur durch diese Medikation möglich, mein Einser-Abitur und den Abschluss meines Studiums zu erreichen. Ohne diese Medikation wäre ich möglicherweise vorher als “Penner” auf der Straße gelandet. Leider werden bei solchen Themen ja schnell (Vor-)Urteile und Beurteilungen gefällt anhand von Hörensagen, oder weil irgendwer mal irgendwas in der Richtung gesagt hat. Ich hatte gehofft, man wäre in diesem Land da mittlerweile doch etwas weiter.

#4 |
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Gast
Gast

Die Wirkung von Methylphenidat bei den Schachspielern war so geringfügig, dass es rein nach Faktenlage gar keinen Grund gab, darüber zu berichten. Der Grund, wieso die Medien dies breit aufgegriffen haben, war natürlich, dass sich diese News gut verkaufen ließ. Abseits davon mag es viele tatsächliche ADHS-Patienten geben, die es als Verunglimpfung und Beleidigung empfinden, wenn sie von Personen, die sich nicht wirklich tiefgehend mit der Thematik beschäftigt haben, als Hirndoper, Drogen-Konsumenten oder Vergleichbares hingestellt werden. Und noch einmal: Methylphenidat hat bei Normalpersonen eine Wirkung, die nicht sonderlich über die von Koffein hinaus geht. Publikumswirksame TV-Inszenierungen wie die von Jenke von Willmsdorf, der bei dem Abschnitt zu Ritalin all seiner schauspielerischen Kapazitäten ausschöpfen musste (und selbst das wirkte nun alles andere als spektakulär) werden ausgetragen auf dem Rücken von mehreren Millionen entsprechender Patienten in Deutschland, die von einer Therapie mit Stimulantien tatsächlich profitieren würden.

#3 |
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Gast
Gast

Es gibt übrigens Experten, die kennen sich mit Methylphenidat deutlich besser aus und sind in der Hinsicht deutlich besser aus, als der werte Herr Prof. Dr. Lieb aus Mainz. Und diese Experten, die sehen das Ganze so ziemlich anders als der Herr Prof. Lieb. Nur kommen diese Experten dann hier nicht zu Wort. So was wirkt irgendwie tendenziös.

#2 |
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Gast
Gast

Ritalin macht nicht smarter. Es bewirkt, dass der ADHS-Patient das vorhandene Potential abrufen kann, mehr nicht. Entgegen anderslautender Berichterstattung aus der verkaufsorientierten Presse kann man aus einem Dummkopf damit auch kein Genie machen, zumal Ritalin bei normalen Menschen eine Wirkung nur wenig stärker als Kaffe hat. Der Hype um Hirndoping ist verkaufsorientierte Fabelwelt der Massenmedien. Fast sämtliche der sogenannten Hirndoper sind zudem folgendes: nämlich undiagnostizierte ADHSler. Dieses Hirndoping als verkappte Therapie der ADHS gibt es außerdem mindestens seit Mitte der 60er Jahre, wahrscheinlich eher 50er Jahre. Damals lief das aber alles ab unter der Oberfläche.

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