Virchows These endlich bewiesen

21. September 2017
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Nach 20 Jahren Forschung beweist der Kardiologe Paul Ridker, dass die spezifische Hemmung von Entzündungen das kardiovaskuläre Risiko senkt – unabhängig von Cholesterinwerten. Ein Durchbruch? DocCheck sprach mit Ulf Landmesser darüber, wie die CANTOS-Studie einzuordnen ist.

Vor Hunderten Zuhörern stellte Paul Ridkers von der Harvard Medical School auf dem Kardiologen-Kongress in Barcelona Ende August die Ergebnisse seiner Forschung vor: In der CANTOS-Studie mit mehr als 10.000 Teilnehmern hatten er und sein Team die Bedeutung von Entzündungsprozessen für die Arteriosklerose nachgewiesen. „Diese Ergebnisse sind das Finale von mehr als zwei Jahrzehnten Forschung, ausgehend von der Beobachtung, dass die Hälfte der Herzinfarkte bei Menschen stattfindet, die kein erhöhtes Cholesterin haben“, wird er in der Pressemeldung zitiert: „Zum ersten Mal haben wir definitiv zeigen können, dass es das kardiovaskuläre Risiko senkt, wenn die Inflammation unabhängig vom Cholesterin verringert wird.“

„Die Ergebnisse waren für viele überraschend in der Klarheit, dass man so einen eindeutigen Effekt gefunden hat“, sagt Ulf Landmesser, Direktor der Medizinischen Klinik für Kardiologie der Charité in Berlin. „Vor der Vorstellung der Studie gab es viele, die gesagt haben, wahrscheinlich wird man keinen Effekt sehen. Aber man muss bedenken, dass die Probanden Patienten waren, die schon optimale Therapien bekommen haben. Wenn man dann zusätzlich dieses neue Therapieprinzip der spezifischen Hemmung eines Entzündungswegs getestet hat, ist es überraschend, dass die Effekte so deutlich sichtbar waren.“

Doppelblind randomisierte Studie

Die CANTOS-Studie (Canakinumab Antiinflammatory Thrombosis Outcome Study) prüfte, ob die Behandlung mit einem starken entzündungshemmenden Mittel einen zusätzlichen Nutzen zur Statinbehandlung zeigen würde. Probanden waren etwa 10.000 Patienten im Alter von durchschnittlich 61 Jahren nach einem Herzinfarkt, die Vorschädigungen und kardiovaskuläre Risikofaktoren hatten, so dass sie gut medikamentiert waren. Sie bekamen vierteljährlich Statine in hoher Dosis zur Senkung des Cholesterins und zusätzlich Placebos oder den Entzündungshemmer Canakinumab über einen Zeitraum von vier Jahren verabreicht. Das Mittel, das unter dem Namen Ilaris® von Novartis vertrieben und zur Behandlung seltener Krankheiten eingesetzt wird, ist ein gegen Interleukin-1β wirkender monoklonaler Antikörper, der Entzündungen reduziert.

Endlich bewiesen: Die Entzündung ist ursächlich für Arteriosklerose, sagt Ulf Landmesser, Chef der Klinik für Kardiologie in Berlin.

Endlich bewiesen: Die Entzündung ist ursächlich für Arteriosklerose, sagt Ulf Landmesser, Chef der Klinik für Kardiologie der Berliner Charité.

„Ich finde die Studie vor allem als ‚Proof of Concept‘ sehr wichtig“, sagt Landmesser. „Die Diskussion um die Rolle der Entzündung bei der Arteriosklerose gibt es seit 1856. Damals publizierte Rudolph Virchow von der Charité, dass die Arteriosklerose eine Entzündung sei. Er hatte damals unter dem Mikroskop die Entzündungszellen in den arteriosklerotischen Plaques gesehen. Seitdem dreht sich die Diskussion um die Frage, ob die Entzündung ein Beiständer oder kausal an der Erkrankung beteiligt ist.“ Die Studie habe erstmals klar gezeigt, dass die Entzündungshemmung, also die Beeinflussung eines bestimmten Teilprozesses der Entzündung, die klinische Progression der Erkrankung aufhalten könne, so Landmesser: „Das bedeutet im Umkehrschluss, dass die Entzündung kausal an der Erkrankung beteiligt ist.“

Die chronische Entzündung hemmen

„Die Arteriosklerose ist die Reaktion auf eine Gefäßschädigung“, erklärt der Kardiologe. „Diese kann durch verschiedene Noxen an der Gefäßwand ausgelöst werden, die wir zum Teil kennen, etwa das LDL-Cholesterin oder den Bluthochdruck als Risikofaktoren.“ Werde eine Gefäßwand beschädigt, etwa durch die Infiltration durch LDL-Partikel in die Wand, komme es dort zu einer Entzündungsreaktion, die normalerweise zur Entfernung des Partikels und Genesung der Wand führe. „Aber die Arteriosklerose ist eine chronische Entzündung“, sagt Landmesser: „Die Entzündungsreaktion bleibt im Gefäß und es gelingt dem Körper nicht, diese Noxen auszuschalten.“

Warum dieser Prozess der Chronifizierung einsetze, wissen man nicht, so Landmesser. „Wenn man bei Tiermodellen die Entzündung der Gefäßwand blockiert, haben diese Tiere keine Arteriosklerose. Ohne die Entzündung gibt es also hier keine Arteriosklerose. Insofern scheint der Entzündungsprozess für die Entwicklung der Erkrankung entscheidend zu sein.“ In der Wand seien vor allem Makrophagen, also Zellen der angeborenen Immunität, sagt der Kardiologe. Diese Prozesse würden eng interagieren mit der so genannten erworbenen Immunität, den Lymphozyten: „Wenn wir im Tiermodell die Lymphozyten ausschalten, dann bekommen diese Tiere ebenfalls keine Arteriosklerose. Das Neue an der CANTOS-Studie ist, dass nun erstmals bei Patienten zu sehen ist, dass die spezifische Entzündungshemmung die weitere klinische Progression der Erkrankung aufhalten kann.“ Strittig sei möglicherweise die Effektgröße mit einer nur 15-prozentigen Reduktion, so Landmesser, zudem sei Canakinumab eine sehr teure Substanz. „Wichtig aber ist, dass die Studie per se zeigt, dass die Entzündung kausal für die klinische Progression der Erkrankung ist.“

Canakinumab kostet aktuell 13.540 Euro

Der praktische Nutzen von Canakinumab bei der Behandlung von kardiovaskulären Symptomen bleibt vorerst strittig. So sagte der britische Kardiologe Martin Bennett gegenüber dem Guardian, er sei skeptisch aufgrund der Nebenwirkungen, der hohen Kosten und der Tatsache, dass die Sterbeziffern unter der Gabe des Mittels nicht geringer seien als bei der Behandlung mit Statinen und Placebo.

Bei den zugelassenen Indikationen, beispielsweise bei einem Anfall von Gichtarthritis, kostet eine Packung Ilaris® mit 150 mg Pulver zur Herstellung einer Einzeldosis derzeit etwa 13.540 Euro. Hersteller Novartis steht als Sponsor der CANTOS-Studie bereits in den Startlöchern: „Novartis plant, die Ergebnisse der Studie mit den Gesundheitsbehörden zu diskutieren und die Daten hinsichtlich der kardiovaskulären Ergebnisse zur Zulassung einzureichen“, so das Unternehmen gegenüber DocCheck.

31 Wertungen (3.77 ø)
Kardiologie, Medizin

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11 Kommentare:

Ursächlich behandeln. Das macht Statine und Co überflüssig!

#11 |
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Sylvia
Sylvia

Schrecklich, wie ständig teuerste Studien für absolut logische Tatsachen unsere Gelder verschwenden. Es hat der Pharmaindustrie extrem viel Geld eingespült, dass in der Medizin immer weniger auf die Einsicht und Mitarbeit des Patienten gesetzt wird, dass naturheilkundliche Ansätze in der normalen Arztpraxis kaum noch vermittelt und zum Einsatz kommen, dass Ärzte dieses Fach in ihrer Ausbildung schon zusätzlich belegen müssen und sonst nichts darüber erfahren, obwohl diese einfachen und wirksamen Methoden immer den Vorrang haben sollten. Es geht längst nicht mehr um die Gesundheit des Menschen, sondern um max. Erträge. Greift der Bürger auf naturheilkundliche Methoden zurück, darf er meist alles selber zahlen, zusätzlich zu seinem Zwangs-Kassenbeitrag.

#10 |
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Wer dies sagt oder schreibt, beweist nur, dass er keine Ahnung von Logik hat!

1. Dass entzündliche Prozesse an kariovaskulären Prozessen beteiligt sind, ist unbestritten. Sie stehen mit anderen Faktoren in einer Prozesskette. Es sollte tatsächlich die Ursache dieser Prozesse beseitigt werden.
2. Natürlich haben nicht alle Herzinfarkt-Patienten ein erhöhtes Cholesterin, es gibt auch andere Risikofaktoren wie zum Beispiel Lipoprotein a oder Tabakkonsum.

Meines Erachtens ist es sinnvoller, das Übel an der Wurzel anzupacken, nämlich die Beseitigung von Risikofaktoren durch Aufklärung oder wo nötig medikamentös.

Wer hat etwas von Canakinumab?

Zum einen und in erster Linie Novartis!
Zum anderen der Patient, der seinen ungesunden Lebensstil ohne Schaden für sich selbst befürchten zu müssen auf Kosten der Solidargemeinschaft fortsetzen kann!

(Ausgenommen sind Patienten mit erblicher Disposition, zum Beispiel Familiäre Hypercholesterinämie. Diesen möchte ich nicht Unrecht tun!)

#9 |
  7
Heilpraktikerin Therese Lorbert
Heilpraktikerin Therese Lorbert

Dr Max Wolf hat das schon Anfang des letzten Jahrhunderts mit Enzymen bewirkt …

#8 |
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Nachsatz: chronische Entzündungen regeln die Produktion der Entzündungsmediatoren hoch. Sind sie hoch, kommt es zu sekundär Reaktionen im Sinne der pathologischen Überreaktion. Erster normaler Gedanken ansatz: Entzündungsmediatoren abzublocken -siehe Konzept mit Biologica. Zweiter Gedankenanstaz, die chronissche Entzündugnsreaktion zu anieren, auszuschalten. Darüber die Produuktion der Entzündungsmediatoren herabzussenken. Das ist physiologischer. Setzt aber sehr viel Erfahrung vorraus, das heißt persönlichen Einsatz ohne entlohninh in der LErnphase. Biologica sind da bequemer. Aber erhaltet uns bitte die EAV.

#7 |
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Laienprediger
Laienprediger

Natürlich ist die Entzündung ursächlich für Arteriosklerose; aber was ist ursächlich für die Entzündung? Wenn mit Entzündungshemmern nicht diese Ursache getroffen wird, helfen sie ebenso nur bedingt wie die allgemeinen Fiebersenker. Es geht letztlich immer wieder um die Ursache einer Arteriosklerose. Cholesterin ist es ganz bestimmt nicht, sonst würde unser Organismus diesen äußerst wichtigen Fettstoff nicht selbst produzieren, um nicht auf die zufällige Nahrung angewiesen zu sein. Wer sich schlau machen will, sollte sich mit den Themen Glykation, Glykosylierung, Advanced Glycation Endproduct (AGE) und Glykokalyx befassen. Das Kernthema sind die AGEs, und davon die unstrukturierten Zucker-Eiweiß-Verbindungen. Die AGEs können insbesondere bei den Endothelzellen regelrechte Netze um die Membrane bilden und damit die Funktion der Glykokalyx ausschalten. Das bedeutet, die Zelle wird zum körperfremden Eiweiß und dann vom Immunsystem per Entzündung abgebaut. Ein Loch entsteht in der Gefäßwand, das wieder geschlossen werden muss, unter anderem vermutlich mit Cholesterin. Entsprechend der Schadenshäufigkeit und der Größe entsteht Arteriosklerose in den Gefäßen aller Organe, insbesondere am höchst durchbluteten Herzen. Bei den Nerven scheinen durch AGEs Schäden in mehrfacher Hinsicht aufzutreten, natürlich mit besonders komplexen Folgen im Gehirn. Noch Fragen?
Die Vertreter der Cholesterinsenker sollten endlich aufhören von Cholesterin zu reden, wenn es sich um die Transporter für alle Fettarten mitsamt fettlöslicher Vitamine und anderen Stoffen handelt. Mit der Schlampigkeit im Umgang mit den Begriffen fängt die Verwirrung an, wie bei der Zuckerkrankheit, bei der immer zwischen Zucker und Kohlenhydrat unterschieden wird, obwohl es sich um den absolut gleichen Stoff handelt, vor der Verdauung und nach der Verdauung im Blut. Auch deshalb wird die Zahl der Diabetiker schon seit einem halben Jahrhundert immer größer bei immer größerer Anzahl an Medikamenten.

#6 |
  6

Die ElektroAkupunktur nach Voll (EAV) wird verlacht und verspottet, in den Händen des geübten aber hervorragend geeignet chronische Entzündungen zu detektieren und zu behandeln. Ist die chronische Entzündung therapiert, geht es dem patienten insgesamt viel bessser.die Kosten für die EAV sind deutlich geringer, und bei der herrschendne Medizin eine Privatleistung, also für die Kassengemeinschaft spottgünstig. Abr die EAV wird nciht unterstützt, zum Unwohl der Patienten.

#5 |
  7

dass Statine vorwiegend Entzündungshemmer sind, wird schon lange diskutiert, die Senkung des Cholesterins ist llediglich Indikator für die Einnahme der Substanz. Eingeatmete und ins Blutsystem aufgenommene Feinststäube (Dieselabgase) könnten Ursache für die Entzündnung sein, die Ablagerung von Cholesterin in entzündete Gefässabschnitte führt zu Plaques….wie soll sonst die erhöhte Sterblichkeit bei Luftverschmutzung erklärt werden?

#4 |
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Na, theoretisch bemerkenswert nicht verwertbar bei intensiven Nebenwirkungen und absolut nicht bei dem Preis,weiter dranbleiben.

#3 |
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Doris Hofheinz
Doris Hofheinz

Das wissen Heilpraktiker schon lange! Silent inflammation ist das Zauberwort. Nur, obwohl wir schon lange gerade auch diese Patienten mit einer antientzündlichen Nahrung plus ergänzender Therapien zum Gefäßschutz behandeln, wurden wir ausgelacht und man will uns wegrationalisieren.
Interessant ist auch das Buch “die Cholesterinlüge zu dieser Thematik. Autor der ist ein Gefäßchirurg.

#2 |
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Felix M.
Felix M.

Verpulvern wir das Geld der Verischerten für eine miniminiminimale absolute Reduktion. Klasse, so gewinnen alle den Glauben in das System zurück…

#1 |
  9


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