Darmkrebs: Pflug und Segen

8. Juli 2010
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Darmkrebs ist oft eine Folge schlechter Ernährungsgewohnheiten. Forscher haben nun entdeckt, dass ein Inhaltsstoff der Weizenkleie vor der tödlichen Krankheit schützen kann. Sie plädieren dafür, dass Aleuron zukünftig Lebensmitteln zugesetzt wird.

Lebensmittel aus weißem Weizenmehl haben einen schlechten Ruf: Sie gelten als reine Sattmacher ohne besonderen Nährwert, da sie kaum Mineral- und Ballaststoffe enthalten. Diese gehen bei der Getreideverarbeitung verloren und verbleiben nach Absieben des Mehls in der Kleie. Ein wesentlicher Bestandteil der Kleie ist die Aleuronschicht, die den stärkehaltigen Weizenkörper von der äußeren Schale trennt.

Ernährungswissenschaftler der Universität Jena haben nun herausgefunden, dass Aleuron Stoffe birgt, die vor Darmkrebs schützen könnten. Wie die Forscher um Michael Glei in den Fachzeitschriften British Journal of Nutrition und Journal of Agricultural and Food Chemistry berichten, hemmt fermentiertes Aleuron das Wachstum von Darmkrebszellen.

Schutz durch Buttersäure

Für ihre Untersuchungen haben Glei und seine Mitarbeiter Aleuron mit Enzymen und Mikroorganismen versetzt, wie sie auch im Verdauungstrakt des Menschen vorkommen. Durch diese Behandlung wird ein Teil seiner Inhaltsstoffe abgebaut und die bakterielle Fermentation der enthaltenen Ballaststoffe führt zu Bildung kurzkettiger Fettsäuren. „Besonders von Buttersäure weiß man, dass sie eine Vielzahl chemoprotektiver Mechanismen in Gang setzen kann“, sagt Glei, der wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Ernährungstoxikologie ist.

Um nachzuweisen, ob das durch den Verdau entstehende Gemisch aus verschiedenen Stoffwechselprodukten dazu ebenfalls in der Lage ist, behandelten die Forscher gesunde Darmepithelzellen und Darmkrebszellen damit. „Wir konnten zeigen, dass Abwehrmechanismen in den Zellen aktiviert wurden und diese besser gegen toxische Stoffe geschützt sind“, berichtet Glei. Zum Beispiel erhöhte sich in Zellen, die dem fermentierten Aleuron ausgesetzt waren, die Aktivität der Katalase, eines Enzyms, das Wasserstoffperoxid in Wasser und Sauerstoff umwandelt. Wasserstoffperoxid, das als Nebenprodukt verschiedener Stoffwechselprozesse wie beim Abbau von Purinen und bei der Oxidation von Fettsäuren anfällt, schädigt die DNA und kann so die Entartung der Zellen vorantreiben.

Krebszellen im frühen Stadium besonders empfindlich

In einer weiteren Versuchsreihe untersuchten die Jenaer Forscher, wie Krebszellen in Abhängigkeit ihres Differenzierungsgrades auf das fermentierte Aleuron reagieren. Bei ihren Experimenten verwendete das Team um Glei zwei Colon-Zelllinien, eine Adenom– und eine Adenokarzinom-Zelllinie, stellvertretend für ein frühes und ein spätes Stadium von Darmkrebs. Dabei stellten sie fest, dass besonders die Krebszellen, die sich in einem frühen Stadium befinden, in ihrem Wachstum gehemmt werden.

Nicht nur das, sondern das fermentierte Aleuron sorgt auch dafür, dass sich die entarteten Zellen selbst zugrunde richten, indem es den programmierten Zelltod der Krebszellen fördert. Auf molekularer Ebene werden durch die Bestandteile des fermentierten Aleurons die Gene DR5 und WNT2B zusätzlich aktiviert; bei beiden Genen ist bekannt, dass sie an der Regulation des programmierten Zelltods beteiligt sind.

Wichtige Zutat für funktionelle Lebensmittel

Der Ernährungswissenschaftler sieht sich durch die Ergebnisse seiner Untersuchungen darin bestärkt, dass Aleuron das Potenzial hat, als wichtige Zutat in funktionellen Lebensmitteln verarbeitet zu werden. Der Bedarf, so Glei, sei klar gegeben, da Darmtumoren zu den häufigsten Krebsarten in den Industrieländern zählten. In Deutschland erkranken jedes Jahr rund 70000 Menschen an Darmkrebs, fast 30000 sterben daran.

„Als wichtigste Risikofaktoren für diese Erkrankung gelten Übergewicht sowie zu viel Alkohol und rotes Fleisch in der Ernährung gepaart mit einem niedrigem Anteil an Ballaststoffen und körperlicher Inaktivität“, sagt Glei. Doch die Empfehlung, sich zum Beispiel ballaststoffreicher zu ernähren, werde in der Bevölkerung nur wenig umgesetzt, da Vollkornprodukte vielen Menschen einfach nicht schmeckten.

Bessere Aufklärung der Bevölkerung

Er plädiert deshalb neben der gezielten Information der Bevölkerung über die Bedeutung von Vollkornprodukten für die Entwicklung von neuen Lebensmitteln, die eine größere Akzeptanz finden. Glei: „Aleuron aus Weizen ist ein vielversprechender Kandidat, um Nahrungsmittel damit zu ergänzen, da es gemahlen ein sehr feines helles Mehl ergibt.“ Im Rahmen eines Projektes hat ein industrieller Partner verschiedene mit Aleuron angereicherte Produkte entwickelt, deren Geschmack von einem Testkollektiv für gut befunden wurde.

Glei wünscht sich nun eine Interventionsstudie, in der Testpersonen über einen langen Zeitraum entweder täglich aleuronhaltige Lebensmittel oder solche ohne Aleuron verzehren und man dann in beiden Probandengruppen schaut, in welcher Häufigkeit Polypen im Dickdarm auftreten. Als Teilnehmer einer solchen Studie kommen entweder gesunde Probanden in Frage oder Patienten, bei denen schon Polypen entfernt wurden. Bisher, so der Jenaer Forscher, habe sich jedoch noch kein Geldgeber gefunden, der für die Kosten der Studie aufkomme.

139 Wertungen (4.55 ø)
Medizin

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11 Kommentare:

M.E.ein sehr wichtiger Artikel der auf die Problematik unserer Ernährung hinweist. Es wäre wünschenswert wenn die hier geäußerten Erkenntnisse allgemein publik gemacht würden.

#11 |
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Kristina Walker
Kristina Walker

Aber die mit der Gluten-Allergie sind trotzdem nese, oder?

#10 |
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Altenpfleger

Ich muss hier den meisten Kommentatoren uneingeschränkt zustimmen. Es gäbe da kaum noch was zu ergänzen. Vielleicht sollte sich die Firma Sinnack Backspezialitäten GmbH & Co. KG einmal mit dieser “neuen” Studie vertraut machen. Denn in ihrem bei ALDI vertriebenen Produkt “Bio Toastbrötchen Weizen” liegen die Roggenanteile zwar in Vollkorn-Version vor, die Weizenanteile hingegen nicht. Aus welchen Gründen auch immer. ???
An vorsätzliche Körperverletzung glaube ich hier weniger. Ich tippe da eher auf Unwissen und Ignoranz.

#9 |
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Dipl.-Päd. Karl-Heinz Krieger
Dipl.-Päd. Karl-Heinz Krieger

Weizenkleie ist ein “Abfallprodukt” beim Herstellen von Auszugsmehlen.
Zu kaufen gibt es Weizenkleie abgepackt als “Verdauungshilfe” sehr günstig. Davon einfach einen Löffel z.B. über das Müsli.
Es bedarf sicher keiner zusätzlich künstlich hergestellter funktioneller Lebensmittel.

#8 |
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Weitere medizinische Berufe

Die Pharma-Lobby schlägt zu, oder was?
und die Uni läßt sich mißbrauchen?
Um die Ecke ist der Bäcker, der macht genau das gute (Vollkorn-) Brot wo mehr drin ist als nur ein Stoff,
dazu noch billiger
Zwischendurch mal eine Laugenbrezel nur Lust schadet sicher wenig

#7 |
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Margit Langer-Zils
Margit Langer-Zils

alle Kommentare hier kann ich mit unterschreiben. Wir wissen woran es liegt, wir können und wollen die Geschichte aber nicht zurückdrehen. Wenn ich bei Vorträgen frage wer denn die Minimalversorgung an Obst und Gemüse (5amTag) täglich schafft, keine 2%. Mit Empfehlungen von Vereinen/Verbänden ist es nicht getan. Diesen, extrem mit lebenswichtigen Nährstoffen, unterversorgten Menschen, müssen wir eine Lösung anbieten, sonst wird auf Dauer Krankheit nicht mehr bezahlbar sein. Nachtanken am Wochenende, wenn Sie täglich 200km fahren müssen, funktioniert mit Ihrem Auto auch nicht. Und mit schlechtem/falschen Benzin geht es nicht mal 100km. Aber unserem Körper muten wir das zu. Keine Pflanze der Welt stellt 1Nährstoff her. Nur im Verbund unterstützen sich die Nähr- und Vitalstoffe gegenseitig. Abgesehen davon wird künstlich hergestelltes Vitamin vom Körper nicht als solches erkannt und eingebaut.

#6 |
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Darmkrebs ist oft eine Folge schlechter Ernährungsgewohnheiten. Forscher haben nun entdeckt, dass ein Inhaltsstoff der Weizenkleie vor der tödlichen Krankheit schützen kann. – Neuer Wein in alten Schläuchen! Das haben Bruker et alii (siehe Kollege Tilgner!) schon längst herausgefunden.
Aber auch jetzt wieder die Isolierung EINES Wirkstoffes, den “Synergismus” der Pflanze lässt man hinten runterfallen.
Nixx dazugelernt – die Herren Wissenschaftler.

#5 |
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Wer Vollkornbrot isst,braucht keinen Zusatz von Aleuron.
Ich empfehle den Wissenschaftlern mal bei Kollath,Bruker,
Leitzmann nachzuschauen:dort steht alles bereits drin,
nur keiner will es wahr haben,daß diese Wissenschaftler
und Ärzte recht haben.Also keine unnötigen Zusatzstoffe,
sondern eine Vollweternährung.Und bitte nicht bereits
bekanntes als sensationelles Neues verkaufen.

#4 |
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Sehr guter Artikel, Herr Kollege Braun! Es besteht nur die Frage, warum das erst jetzt erforscht wird, obwohl man die Zusammenhänge seit Jahrzehntehn kennt und die Naturmedizin seit Jahrhunderten diese Art von Ernährung propagiert. Warum soll Aleuron in herkömmliche Mehlprodukte gemischt werden? Über diese Substanz hinaus haben Vollkornprodukto ja noch andere positive Inhaltsstoffe. Mit der Aleuronbeimengung würde zwar eine Prophylaxe gegen Darmkrebs erfolgen, nicht jedoch gegen das Metabolische Syndrom, der Vorstufe von Diabetes und vielen anderen Erkrankungen bis hin zu Krebs, das nur durch kohlenhydratarme Kost verhindert werden kann. Ist das nicht Augenauswischerei, Beruhigung des Verbrauchergewissens?

#3 |
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Dr. med. Carsten Schmidt
Dr. med. Carsten Schmidt

Ernährung, Bewegung, Sozialhygiene, Entspannung und guter Schlaf sind die beste Medizin.

#2 |
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Wilhelm Manko
Wilhelm Manko

artikel top, studie on lobi der pharma , ganz normal, kein interesse wenn nicht die grosse million logt.

#1 |
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