Alzheimer: Schlaf, Köpflein, schlaf

18. Juli 2013
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Wer ausreichend schläft, schützt Körper und Geist vor dem Verfall. Schlafstörungen verkürzen die Lebenszeit und erhöhen das Risiko für Herz-Kreislauf Erkrankungen. Aber begünstigen sie auch Alzheimer oder Parkinson?

Mit dem Alter geht das mit dem Schlafen nicht mehr so leicht. Aufwachen mitten in der Nacht, Probleme beim Einschlafen, aber dafür müde am Nachmittag. Eine ganz normale Folge des Alters? Oder doch mehr? Es könnte auch ein erstes Anzeichen dafür sein, dass sich das Denkvermögen langsam aber sicher verabschiedet. Nicht nur bei Alzheimer, sondern auch bei anderen neurologischen Degenerationserkrankungen wie etwa Parkinson oder Chorea Huntington geht die innere Uhr mit regelmäßigen Schlaf- und Wachzyklen schon früh im Lauf der Erkrankung verloren.

Apnoe-Therapie verbessert kognitive Leistung

Das ist aber nicht nur tragisch für den alternden Menschen selbst, sondern auch für seine Umgebung. Wenn der Partner auch auf seinen Nachtschlaf verzichten muss, sind die Reserven für die Pflege und Fürsorge bald am Ende und das Heim ist der einzige Ausweg. Das alles ist auch mit hohen Kosten verbunden. Grund genug, nach Ursachen, Markern und möglichen Therapien für den Zusammenhang zwischen degenerativen neurologischen Krankheiten und dem gestörten Biorhythmus zu suchen.

Ganz so einfach ist die Sache aber nicht. Daten über Apnoe-kranke Patienten sagen zwar eindeutig, dass sich der Abbau von Nerven im Gehirn verlangsamen lässt, wenn zugeführter Sauerstoff oder eine Verhütung der Atem-Aussetzer die Versorgung verbessert. „Einmal korrigiert, sind die Patienten viel heller im Kopf, und erinnern sich leichter“, sagt Clifford Saper, Neurologe aus Harvard, „aber es ist noch längst nicht klar, ob der Verlust an Schlaf selber die Neurodegeneration vorantreibt.“

Risikoreiches Mittagsschläfchen?

Im Jahr 2009 veröffentlichte David Holtzman von der University in St. Louis in den USA in „Science“ eine Studie an Mäusen, die ein tägliches Auf- und Ab des ß-Amyloidspiegels in der interstitiellen Flüssigkeit im Gehirn zeigte. Mangelnder Mäuseschlaf ließ die Konzentration dann soweit ansteigen, dass sich das Protein ablagerte und zu den charakteristischen Plaques führte. Die Gabe eines Antagonisten gegen Rezeptoren des Schlaf-Hormons Orexin hielt jedoch die Plaquebildung auf. Auch der normale Schlaf- und Wachrhythmus der Mäuse selbst verkümmerte mit den Amyloid-Ablagerungen und stabilisierte sich wieder mit einer aktiven Amyloid-Immunisierung.

Eine aktuelle Studie aus dem Holtzman-Labor mit rund 150 Teilnehmern, zum Teil mit einem familiären Hintergrund für eine Alzheimer-Erkrankung, zeigte wiederum das komplizierte Muster der gegenseitigen Abhängigkeit. Rund ein Fünftel hatten Ablagerungen in ihrem Gehirn und zeigten eindeutig einen unruhigeren Schlaf als jene ohne diese Degenerationsmuster. In der Gesamtschlafdauer fanden die Wissenschaftler jedoch keine Unterschiede in den Gruppen. Personen, die sich mehrmals in der Woche ein Mittagsschläfchen gönnten, hatten jedoch häufiger Amyloid-Plaques.

Schlafstörungen begünstigen Alzheimer – oder umgekehrt?

Dass mit dem Alter das Gedächtnis nachlässt, ist ganz normal. Ebenso normal ist bei Senioren ein Schlaf, der nicht mehr so effektiv ist wie noch in der ersten Hälfte des Lebens. Je stärker aber ein pathologischer Prozess wie etwa bei Morbus Alzheimer fortgeschritten ist, desto massiver zeigen sich die Störungen im Schlaf-Wach-Rhythmus. Im Jahr 2012 unternahm Roxanne Sterniczuk aus dem kanadischen Halifax eine Datenanalyse von 14.000 Teilnehmern der Europäischen Langzeit-Altersstudie SHARE, aus denen bei Leuten mit massiven Schlafstörungen ein stark erhöhtes Alzheimer-Risiko innerhalb der nächsten zwei bis vier Jahre hervorgeht.

Am Mausmodell der Alzheimer-Erkrankung fand die Autorin heraus, dass jedoch auch der Degenerationsprozess selbst zur Zerstörung der Steuerungszentren der inneren Uhr  führt. Besonders im wichtigen Nucleus suprachiasmaticus des Hypothalamus sind schon bald nach den ersten Plaques Schäden in den neuronalen Verbindungen zu erkennen. Aber auch in den anderen Zentren, die die Steuerung von Schlaf und Wachen kontrollieren, richtet der Alzheimersche Abbauprozess Schäden an, die die Patienten um den gewohnten Schlaf bringen. Diese Prozesse sind auch bei Patienten in Kliniken zu beobachten.

Es sind jedoch erst einmal Mäuse, die Forscher mit genaueren Informationen über Mechanismen und Möglichkeiten zum Eingreifen versorgen sollen. Welche Proteinmuster sind dabei in den Steuerzentren verändert? Könnte man vielleicht mit entsprechenden Wirkstoffen oder gentherapeutischen Mitteln gegensteuern? Das will Sterniczuk in den nächsten Jahren aufklären.

Chorea Huntington: Veränderte Rhythmus-Gene

Aber auch andere Erkrankungen, bei denen Nervengewebe im Gehirn zugrunde geht, sind eng mit der Funktion von zirkadianen Rhythmen verbunden. Bei Chorea Huntington beginnen die Symptome mit leichten motorischen oder kognitiven Störungen, bis nach und nach immer größere Teile des Nervensystems ihre Funktion als motorische Steuerzentrale verlieren. Auch Huntington-Patienten verlieren schon sehr früh ihre Kontrolle über Tages- und Nachtaktivitäten. Bei Huntington-Mäusen wiesen Forscher ein stark verändertes Expressionsmuster zweier wichtiger Gene des inneren Uhrwerks nach. Noch ist aber unklar, ob dieser Verlust auf den Huntington-Gendefekt selbst oder die sich ausbreitende Neurodegeneration zurückgeht. Anscheinend trägt jedoch der gestörte Rhythmus dazu bei, dass das Gehirn seine Kontrollfunktion immer weiter verliert. Da aber Maßnahmen zur Schlafhygiene zumindest eine gewisse Verbesserung der Symptome bewirken, gibt es zumindest Hoffnung, dass sich der Krankheitsprozess damit etwas aufhalten lässt.

Schlafmittel gegen Parkinson?

Ganz ähnlich sieht es bei Morbus Parkinson aus. Dort sterben vor allem im Mittelhirn dopaminerge Neuronen. Dopamin spielt aber auch beim Schlaf-Wach-Rhythmus eine entscheidende Rolle bei dessen Steuerung. So erhöhen beispielsweise die „Wachmacher“ Amphetamin und Modafinil den Dopamin-Level. Wie bei den anderen neuronalen Störungen gibt es auch hier ein doppeltes Feedback: Schlafentzug führt zu einer starken Verringerung der Dopamin-Rezeptoren im Striatum in der Region der Basalganglien. Diese Region ist bei Parkinson-Patienten sehr stark von der Degeneration betroffen. Die Störungen der inneren Uhr könnten dabei ein wichtiger Marker für die Krankheit sein, denn sie treten oft viele Jahre vor den ersten typischen Krankheitszeichen auf. Abgesehen von den motorischen Symptomen überlappen sich viele Kennzeichen von Parkinson-Patienten und solchen mit gestörtem zirkadianen Rhythmus ohne die pathologischen Parkinson-Prozesse. Für viele Experten ist das ein Hinweis darauf, dass die kaputte innere Uhr auch den Krankheitsverlauf selbst antreiben könnte. Das wiederum bedeutet, dass Schlafmittel und Verhaltenstraining zumindest zu einer Verbesserung beitragen dürften.

Bisher haben Versuche mit höherer Licht-Dosis in Seniorenheimen und einer Behandlung mit Melatonin nur mäßige Erfolge im Kampf gegen kognitive Defizite erzielt und dienen vor allem als Mittel gegen Depression. Dennoch scheint schlechter Schlaf den Ausbruch von Parkinson und Alzheimer zu beschleunigen. David Holtzman drückt es so aus: „Gestörter Schlaf in der Lebensmitte könnte die Aggregation von Proteinen verursachen und damit den Ausbruch der Krankheit. Die entsprechenden Schäden verursachen wiederum weitere Schlafstörungen.“ Im Mausmodell verbessern Schlafmittel die kognitive Funktion von Tieren mit induzierter Alzheimer- oder Chorea Huntington-Erkrankung. Regelmäßige Bewegung im Freien und Selbstdisziplin helfen, die Symptome neurodegenerativer Krankheiten aufzuhalten, stoppen können sie den Verfall des Nervensystems aber wohl nicht.

147 Wertungen (4.55 ø)

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11 Kommentare:

Renate Karpstein
Renate Karpstein

Hallo Herr Lederer,

ich praktiziere seit einigen Jahren chinesische Medizin ( Akupunktur, Kräutertherapien, Qigong, Tuinamassagen ). Ich habe sehr gute Erfolge mit diesen Methoden bei Patienten mit Schlafstörungen. Wenn ein Patient die ersten Nächte nach Therapiebeginn schon länger schläft oder durchschläft, ist das wie eine nie da gewesene Sensation. Leider ist hier noch sehr viel an Aufklärung der Bevölkerung zu erledigen. Der Therapeut braucht hier eine lange Ausbildung in der chinesischen Medizin (z. B. über die AGTCM oder Gesellschaften mit ähnlich langen Ausbildungsangeboten). Das ist ein großes Problem, weil man nur mit gutem Fachwissen (Puls und Zungendiagnose) gute Resultate erzielen kann.
Vielleicht trägt meine Info hier ein klein wenig dazu bei einigen Patienten einen Weg in diese Richtung zu weisen. Es gibt eine Therapeutenliste hierzu. Patienten können sich also diesbezüglich informieren wer eine fundierte Ausbildung hat.
Liebe Grüße von Renate Karpstein aus Oberstaufen

#11 |
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Dr. Petra Pinkalska
Dr. Petra Pinkalska

Hmm, vielleicht ist ja bei Müttern auch der chronische Schlafentzug für die sogenannte stilldemenz mitverantwortlich ;) da sollte man einmal MMS bei nulli- und pluriparas machen bzw Müttern von Schreikindern/ Zwillingen vs Kontrollen… Wäre doch eine gute Studienpopulation… Ach, Studien sind schon toll.. :)
Ps: mein Baby schläft ja gottseidank gut, trotzdem fühlt man sich bereits nach einer schwierigen Nacht kognitiv nicht gerade auf der Höhe .. ;)

#10 |
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Leonhard Fricker
Leonhard Fricker

Es gibt durchaus Familien, die mit sehr wenig Schlaf auskommen.
Meine Geschwister und ich kommen mit 4 bis 4,5 Stunden seit Jahrzehnten aus.
Ob sich dies negativ in irgend einer Weise auswirken wird, werden wir in den nächsten Jahren vielleicht erfahren. Wir sind alle schon 60 gewesen.
Ich habe noch nie einen Wecker in Anspruch genommen und kann ab 4.30 kreativ arbeiten.

#9 |
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Heilpraktikerin

Inwieweit wären Japaner, die traditionell mehrmals täglich ein Nickerchen machen, der Risikogruppe zuzuordnen?

http://www.taz.de/!1939/

#8 |
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Dr. med. Thomas Täuber
Dr. med. Thomas Täuber

SDP: Eigentlich wollte er nie ein LIebeslied schreiben………
Tolles Lied bei Schlafstörungen.
Überhaupt:Einschlaflieder, leise beruhigende Songs….

Ute Täuber, Ehefrau von Dr.Täuber

#7 |
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Lieber Herr Lederer,

mal wieder einer Ihrer excellenten Artikel, der von Ihrem Talent zeugt, komplexe Studien einfach wiederzugeben, ohne kritische Distanz zu verlieren.
Danke!
Hier geht es wohl weniger um die Frage, ob neurogene Degenerationsprozesse – in welcher Form und an welcher Stelle sie auch immer sich vorrangig manifestieren -, die auch zu neurogenen Storungen der circadianen Rhythmik – und damit aller circadianen Prozesse und hormonellen Steuerungen – führen, unser Wohlbefinden stören. Das ist sicher hinreichend belegt, wissenschaftlich wie empirisch.
Die Fragestellung lautet wohl: Hat das Symptom “Schlafstörung” umgekehrt auch Auswirkung auf neurologische Prozesse?
Wir haben Korrelationen und suchen Antwort auf die berühmte Frage: Was war zuerst da? Das Hühnchen oder das Ei?
Korrelation und Kausalzusammenhang.
Ist es nicht ein bißchen arg einfach, zu schreiben, dass Schlafstörungen den Verfall begünstigt?
Ist es nicht eher so, dass beispielsweise die selben Probleme arteriosklerotischer Erkrankungen, die zu Herz-Kreislauf-Erkrankungen führen, nicht selten auch zur cerebraler Insuffizienz und zu Infarktgeschehen führen (Parkinson? Substancia nigra… kaputt!) – einschließlich Störungen der Areale und Neurotransmitter, die für unseren Schlaf-Wach-Rhythmus zuständig sind?
Fatalistisch ist leider – mangels noch unzureichender Antworten -, die Feststellung, dass diese Prozesse sich wohl gegenseitig zumindest in ihrem klinischen Ausprägungen fördern und entsprechend zu Selbstläufern werden.

Ein interessantes Feld zum Forschen – und für uns zum Grübeln.

MfG!

#6 |
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Barbara kleinschmager
Barbara kleinschmager

Meine Erfahrung!
ich habe Alzheimer,!!! Lange schon(2004)hatte ich schlaflose Nächte und kein Arzt konnte mir entsprechend helfen. Es gibt eine innere Unruhe, die nicht so richtig zu beschreiben ist aber der Schlaf ist nur ganz leicht oder kommt gar nicht.
Vor einem halben Jahr habe ich den Befund erhalten und zwar, das ich seit 2004 in Behandlung bin und seit 2009 ALZH habe.
den Neurologen den ich aufsuchte war mir völlig fremd—- ich ihm nicht!
Jetzt bekomme ich Memantin kann schlafen und kann mich wieder gut konzentrieren und teilweise erinnern. Das kommt vom festen tiefen Schlaf.
Schlaf brauchen wir ganz dringend.
Zusätzlich nehme ich abends Taurin 30 mg und nach 30 Min. kann ich gut einschlafen. Fühle mich am Tag auch fit!

#5 |
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Absolut NICHT einverstanden!
Man kann die “Qualität” des Schlafs nicht einfach von der Qualität des “Wachzustandes” trennen und sozusagen als separate Pille betrachten.
Um es zu pointieren,
Langschläfer sterben FRÜHER, nicht später! Und wenn Sie einen der vielen “Schlafexperten” fragen, was das effektivste Mittel gegen Schlafstörung sei, antworten alle unisono “Schlafentzug”!!!
Nach der größten diesbezüglichen Studie liegt bei gesunden Erwachsenen (beides wichtig) das Optimum bei 7 Stunden, 6 bzw. 8 zeigen nur geringe negative Auswirkungen, aber bei 9 Stunden sind Nachteile signifikant.

Großer Erfolg hat deshalb verstärkte Aktivität am Tag für die Schlafqualität z.B. “Seniorenkassino” im Alterheim mit entsprechendem remmi demmi und Musik von anno tobak.
Was soll denn so ein armer Alzheimer am Tag tun? Lesen? kann er das noch? Musik? zu spät. Gesellschaft? heute üblicherweise ab ins Heim, die restlichen (persönlichen) Kontakte werden abgebrochen und der Zusammenbruch ist perfekt.

Andererseits weiß man, dass geistige Aktivität (am Tag) Alzheimer verzögert.

mfG

#4 |
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HP David P. Amrein
HP David P. Amrein

Ist “Schafzyklus” ein medizinischer Fachbegriff? ;)

#3 |
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Kristina Walker
Kristina Walker

Cool, ich war schon immer Langschläfer;-)

K. Walker
Ärztin

#2 |
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Benjamin Wagner
Benjamin Wagner

Sehr guter Artikel, danke.

#1 |
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