Lithiumschorle gegen Demenz

6. Oktober 2017
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Lithium wird seit Jahren zur Behandlung von bipolaren Störungen und Depressionen eingesetzt. Auch bei Demenzerkrankungen zeigen sich positive Effekte. Ein Psychiater hat angesichts steigender Patientenzahlen eine fragwürdige Idee: Trinkwasser mit Lithium zu versetzen.

Seit rund 60 Jahren setzen Ärzte bei bipolaren Störungen und bei schweren Depressionen auf Lithiumsalze. „Wir haben bei unseren Patienten immer wieder beobachtet, dass Lithium eines der wenigen Medikamente ist, welches langfristig Suizidgedanken ausschalten kann“, sagt Professor Dr. Michael Bauer, Direktor der Klinik und Poliklinik für Psychiatrie und Psychotherapie am Universitätsklinikum Carl Gustav Carus in Dresden. Selbst nach so langer Zeit überrasche das Arzneimittel mit neuen Wirkaspekten.

„Gewisser Schutz vor Gedächtnisverlust und Demenz“

BAUER

Michael Bauer © Uniklinikum Dresden / Christoph Reichelt

„Beispielsweise haben wir während der Analyse langjähriger Behandlungsdaten festgestellt, dass Lithium auch einen gewissen Schutz vor Gedächtnisverlust und Demenz aufweist“, erzählt Bauer. „Im Laborversuch konnte ganz klar die neuroprotektive Wirkung von Lithium nachgewiesen werden.“ Der Experte weiß: „Wenn Patienten Lithium über zehn oder zwanzig Jahre einnehmen, dann sinkt auch die Demenzrate.“

In der wissenschaftlichen Literatur finden sich mehrere Arbeiten zum Thema. Forscher der Universität São Paulo unter Leitung von Orestes V. Forlenza nahmen 45 Patienten mit leichter kognitiver Beeinträchtigung in eine randomisierte kontrollierte Studie auf. Sie erhielten entweder Lithiumsalze bis zur Zielkonzentration von 0,25 bis 0,5 mmol/l im Serum oder Placebo.

Nach zwölf Monaten bestimmte die Forschergruppe verschiedene Parameter bei allen Teilnehmern. Studienleiter Forlenza fand niedrigere Spiegel des Tau-Proteins (p-Tau) im Liqour von Probanden, die Lithium erhielten. Tau-Proteine werden als Biomarker für Morbus Alzheimer verwendet. Gleichzeitig schnitten diese Personen beim Kognitionstest ADAS-Cog-Test besser ab.

Während Forlenza mit großen Mengen gearbeitet hat, wollte Andrade Nunes wissen, ob weitaus geringere Dosen ebenfalls einen wünschenswerten Effekt zeigen. Sie arbeitete mit Patienten, die bereits an Symptomen einer Alzheimer-Demenz litten. Neurologen hatten die Krankheit zuvor anhand geltender Leitlinien diagnostiziert. Erhielten Studienteilnehmer 300 µg Lithium pro Tag über 15 Monate hinweg, stabilisierte sich die Erkrankung.

Heilsames Trinkwasser

Kessing

Lars Vedel Kessing © ResearchGate

Diese Vorarbeiten brachten Lars Vedel Kessing von der Universität Kopenhagen auf eine Idee. Der Lithiumgehalt im Trinkwasser Dänemarks schwankt durch unterschiedliche Gesteinsformationen im Boden vergleichsweise stark. In westlichen Regionen enthält das Grundwasser 0,6 µg/l, während im Osten des Landes Werte von bis zu 30,7 µg/l erreicht werden. Gleichzeitig nutzte Kessing die typischen Patientenregister skandinavischer Länder. Ihm lagen Daten zu 73.731 Patienten mit Demenz und 733.653 Kontrollen vor.

Der Wissenschaftler zog Personen, die Wasser mit lediglich 2,0 bis 5,0 µg/l tranken, als Demenz-Vergleichsgruppe heran. Enthielt das Trinkwasser mehr als 15,0 µg/l, lag das relative Risiko (RR) an Demenz zu erkranken bei 0,83. Im Konzentrationsbereich von 10,1 bis 15,0 µg/l ermittelte Kessing ein RR von 0,98. Zwischen 5,1 und 10,0 µg/l lag das RR jedoch bei 1,22. Alle Unterschiede waren statistisch signifikant.

Die Ergebnisse überraschen: Nur in bestimmten Konzentrationsbereichen fand der Wissenschaftler einen linearen Zusammenhang zwischen Dosis und Wirkung. Kessing kann das Phänomen derzeit nicht erklären. Auch die Frage, ob seine Ergebnisse klinisch relevant sind, bleibt in seiner Studie unbeantwortet.

Einfache und preiswerte Intervention

McGrath

John J. McGrath © University of Queensland

Trotz dieser offenen Punkte denkt John J. McGrath von der University of Queensland im australischen St. Lucia über praktische Anwendungen nach. In einem Editorial spekuliert er: „Die Aussicht, dass eine relativ sichere, einfache und preiswerte Intervention, also die Optimierung der Lithium-Konzentrationen im Trinkwasser, dazu führen könnte, Demenzen zu vermeiden, ist verlockend.“ Dies sei angesichts weltweit steigender Patientenzahlen und fehlender Therapien besonders relevant. „Insofern kommt jeder vorbeugenden Maßnahme eine besondere Bedeutung zu“, so McGrath weiter.

Er bringt auch weitere aus seiner Sicht wünschenswerte Effekte ins Gespräch. Vor mehr als 25 Jahren hatten Forscher schon von einer Assoziation höherer Lithium-Konzentrationne im Wasser mit niedrigeren Suizid- und Kriminalitätsraten gefunden. Mit unerwünschten Effekten befasst sich McGrath aber nicht.

Reihenweise Risiken

PatornoElizabeth

Elisabetta Patorno © Brigham and Women’s Hospital

Lithium steht konzentrationsabhängig mit unterschiedlichen Risiken in Verbindung. Seit langer Zeit sind Nebenwirkungen wie Übelkeit, Durchfall, Tremor, Gewichtszunahme oder ein euthyreotes Struma bekannt. Bei therapeutischer Anwendung im ersten Trimenon wurden auch Assoziationen mit Herzfehlern gefunden, berichtet Elisabetta Patorno vom Brigham and Women’s Hospital, Harvard Medical School, Boston. Basis war eine Kohorte mit 1.325.563 Schwangeren. Von ihnen erhielten 663 Lithium. Die Prävalenz von Herzfehlern lag unter der Pharmakotherapie bei 2,41 pro 100 Geburten (Vergleich: 1,15 von 100 Kindern).

Das relative Risiko war dosisabhängig, was als weiterer Beweis einer Assoziation zu werten ist. Patorno gibt hier 1,11 (600 mg oder weniger pro Tag), 1,60 (601 bis 900 mg) und 3,22 (mehr als 900 mg) an. Bei bevölkerungsweiter Gabe über das Trinkwasser wären auch geringfügig erhöhte Risiken von Bedeutung.

Wer profitiert?

In Deutschland denkt niemand ernsthaft über die Anreicherung von Trinkwasser mit Lithium nach. Die Arbeit von Kessing und Kollegen liefert trotzdem Interessante Denkanstöße. Personen mit bekannten Demenz-Risikofaktoren könnten vielleicht von niedrig dosierten Lithiumsalzen profitieren, weit bevor sie an einer Demenz erkranken. Ob das funktioniert, lässt sich nur anhand randomisierter kontrollierter Studien sagen.

81 Wertungen (4.36 ø)
Bildquelle: William Warby, flickr / Lizenz: CC BY-SA
Forschung, Pharmazie

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22 Kommentare:

Gast
Gast

Die absolut individuelle Behandlung des Einzelfalls ist die beste Lösung, wie schon immer. Der Einsatz eines Wirkstoffes kann nicht generalisiert werden. Wie bei der Versorgung mit Vitaminen und Spurenelementen durch Nahrungsaufnahme und Trinkwässer, ob aus der Leitung oder aus der Flasche, wird je nach Bilanz des Individuums mehr oder weniger benötigt. Daher ist eine “Zwangsdosierung” problematisch.

#22 |
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Medizinphysiker

Fluoride gegen Karies, Lithium gegen Demenz, ACC gegen den Kater zu Karneval… Ein Wasserwerk ist keine Apotheke !

#21 |
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Dr. med. Ursula M. Schleicher
Dr. med. Ursula M. Schleicher

Wieviel von dem “Trink”wasser wurde denn wirklich getrunken? oder wirkt es auch perkutan beim Duschen, Baden etc. Wofür bei vielen ja das meiste Trinkwasser verbraucht wird.

#20 |
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Joachim Bedynek
Joachim Bedynek

zur Vertiefung: “Lösen” ist ein physikalischer Vorgang. Wenn sich Fluorid-Ionen bilden, ist das bereits eine chemische Reaktion (F + H2O —> HF + OH-). HF ist Flußsäure – die ist als Einzige in der Lage Glas zu ätzen, d.h. Fensterscheiben zu trüben.
mFG J.B. (Chemie- und Biolehrer)

#19 |
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Joachim Bedynek
Joachim Bedynek

Dr. Stamm: sehr interessannt ! Lithium wie Fluort füllen die gleiche (zweite) Elektronenschale auf und haben die stärkste gegens. Anziehung, so dass man sie doch vergleichen kann, wie Sie ja auch schreiben.

#18 |
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Dr. E. Stamm
Dr. E. Stamm

zu #13, Dr. Schätzler: zum Thema “Zusätze zum Trinkwasser”
sollte sich zumindest für den Fall einer Fluoridierung eine “belastbare Quelle” unter den Zahnärzten von Chemnitz/Sa. finden lassen.
Zu DDR-Zeiten wurde im damaligen Karl-Marx-Stadt über Jahre hinweg das dortige Trinkwasser zur Kariesprophylaxe mit Fluorid versetzt !
Nach einer mir unbekannten Zeit wurde diese Maßnahme abgesetzt; vermutlich, weil dabei eine persönliche Entscheidung nicht möglich war, sich Fluorid zuzuführen oder nicht. Erkenntnisse zur Wirksamkeit der Fluoridierung betr. Karies sollten sich aber auf jeden Fall dort ergeben haben. —
In der weiteren Umgebung hat es damals in einer sächsischen Stadt über geraume Zeit eine industriell bedingte Luftbelastung durch Fluor-Gas gegeben. Es wurde berichtet, daß im Laufe der Zeit Fensterscheiben erblindeten! Da Fluor sich in Wasser unter Bildung von Fluorid-ionen löst, könnten z.B. durch Arbeits- und Allgemeinmediziner auch dort entspr. Beobachtungen zur gesundheitl. Auswirkung an Beschäftigten und der Bevölkerung über das Trinkwasser gemacht worden sein. Man sieht, so kann man von Lithium auf Fluorid kommen, von Äpfeln auf Birnen :-)

#17 |
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@Dipl. Psych. André Denis #14: Sie scheinen ja nicht mal den Hauch einer Ahnung zu haben, was “APP mutant mice” überhaupt sind? “APP mutant mice exhibit progressive age-dependent deposition of amyloid in their brains, particularly in the cerebral cortex and hippocampus”, d.h. sie weisen eine progressive, alters-abhängige Deposition von Amyloid in ihren Gehirnen auf…

Nach http://www.nature.com/nrn/journal/v18/n5/fig_tab/nrn.2017.29_T1.html sind sie mehrfach wachstums- und entwicklungsgeschädigt bzw. primär multimorbide. Den brauchen Sie nichts mehr ins Trinkwasser zu tun.

Verweise auf http://www.michael-nehls.de/index_htm_files/Nehls.pdf, sein Buch mit dem utopisch-irreführenden Titel “Alzheimer ist heilbar” und das “ATnN-Therapeutennetz” sind geradezu unterirdisch naiv. Es geht hier auch um alle Formen von Demenz, nicht nur um M. Alzheimer.

#16 |
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leahcimekcinhcS
leahcimekcinhcS

Südlich von BONN entspringt die Quelle vom TÖNISSTEINER Sprudel.2 Gläser täglich und Sie können Ihre Lithium-tabletten 2 mal tägl. Wegwerfen. http://Www.schnicke.eu

#15 |
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Dipl. Psych. André Denis
Dipl. Psych. André Denis

Es gibt hier noch eine Untersuchung: Lithium improves hippocampal neurogenesis, neuropathology and cognitive functions in APP mutant mice. Zu finden unter https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/21187954 erwähnt in
http://www.michael-nehls.de/index_htm_files/Nehls.pdf
Es könnte also vielleicht etwas dran sein, an den niedrigen Lithiumgaben. Zumindest gibt es einige Ärzte, die wohl damit arbeiten: http://www.michael-nehls.de/atnn-netzwerk.htm

#14 |
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@Dr. med. Christian Nunhofer #9 und#10:
Nur zur Info – Lithium ist etwas völlig anderes als Fluor. Birnen kann man nicht mit Äpfeln vergleichen! Und wenn “die Schweizer mit einer geringfügigen Trinkwasserfluoridierung vor langen Jahren die in Deutschland häufigste Krankheit [Karies] so gut wie ausgerottet” hätten, bräuchte es in diesem Land kaum noch Zahnärzte: Belastbare Quellen Ihrerseits, Fehlanzeige!

Ihr “MCI” – Mild Cognitive Impairment (leichte kognitive Beeinträchtigung) http://flexikon.doccheck.com/de/MCI ist übrigens keine Diagnose, sondern eine neurologisch-psychiatrischer Befundbeschreibung; wenn Sie das nicht noch mit “myocardial infaction” verwechseln: Ihre “Therapie” mit “ChE-Inhibitor, sondern auch nieder dosiert mit Lithium” ist übrigens eindeutig “Off-Label”!

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM dortmund

#13 |
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Barbara
Barbara

Es ist bestimmt ein interessanter Ansatz. Allerdings finde ich, dass noch weitere Forschungsergebnisse und Fakten vorliegen müssen um es im Trinkwasser auch für ALLE Generationen anzubieten.

#12 |
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Dr. Cornelia Schroeder
Dr. Cornelia Schroeder

Lithium ist eines der wirksamsten Medikamente, noch dazu von einfachster chemischer Struktur und preisgünstig. Besonders im Vergleich mit vielen anderen Psychopharmaka und deren Suchtgefahr und Nebenwirkungen steht Lithium gut da, speziell für die Indikation bipolare Störung. Lithium besitzt aber zwei große Nachteile, ein enges therapeutische Fenster und das enorme Potential mit anderen auch häufig verschriebenen Medikamenten zu interferieren. Die Seite https://www.drugs.com/drug-interactions/lithium.html verzeichnet “A total of 1164 drugs (6531 brand and generic names) are known to interact with lithium.
211 major drug interactions (772 brand and generic names)
866 moderate drug interactions (5137 brand and generic names)
87 minor drug interactions (622 brand and generic names)”.
Solche Effekte sollte man berücksichtigen und versuchen auszuschließen im Zusammenhang mit den beschriebenen Li-Niedrigdosis-Studien.

#11 |
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PS: Was an dem Artikel oben zu kritisieren ist: der Hinweis auf die Nebenwirkungen einer hochdosierten (!) Lithium-Therapie, wie sie bei Patienten mit affektiven Erkrankungen vorgenommen wird, ist vollkommen fehl am Platz, wenn es um eine mögliche Anreicherung des Trinkwassers geht.
Hochdosiertes Fluor ist schließlich auch giftig, dennoch haben die Schweizer mit einer geringfügigen Trinkwasserfluoridierung vor langen Jahren die in Deutschland häufigste Krankheit so gut wie ausgerottet, ohne daß die Schweizer kränker oder kurzlebiger geworden wären als die Deutschen. Die häufigste Krankheit in Deutschland ist Karies.

#10 |
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Das Thema kommt neu daher, ist es aber nicht:
http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-77299772.html
Den SPIEGEL-Artikel habe gebe ich meinen Patienten, die ich neu auf Li einstelle, als Fotokopie mit. Ist gut für die Adhärenz!
Was ich seit den ersten Veröffentlichungen vor sechs Jahren allerdings praktiziere:
a) die Diagnose “MCI” habe ich abgeschafft: bei “MCI” wird der Ursache auf den Grund gegangen: cran. MRT. Liquordiagnostik: Hippokampusatrophie und/oder Alzheimer-tyische Einweißparameter im Liquor =>
b) es wird anbehandelt, und zwar nicht nur mit einem ChE-Inhibitor, sondern auch nieder dosiert mit Lithium.
Und siehe da: Seitdem habe ich Patienten, die inzwischen über 5 Jahre das Stadium der “MCI” – gemessen mit dem DemTect oder dem MMST – halten. Ohne, daß ich Statistik führe, würde ich sogar behaupten, unter diesem therapeutischen Regime verschlechtern sich die Patienten kaum mehr.
Routinekontrollen quartalsweise: Li, Hst., Crea, fT4, TSH.
Die o.g. NW sind wegen der niederen Dosis (mir reichen Spiegel von 0,3 mmol/mol, wenn es 0,6 sind und der Pat. es gut verträgt, ist es auch o.k., Maniker brauchen oft viel höhere Werte) gering.

#9 |
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Dr. K. Fischer, Kelkheim
Dr. K. Fischer, Kelkheim

Nicht einmal zwischen Lithiumsalzen wird differenziert. Wie diffus bleibt doch alles trotz jahrzehntelanger Möglichkeiten sicher auch exakt getestet haben zu können. Weniger Wichtigtuerei mehr Wissenschaft wäre zu nutzen.

#8 |
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Dr. med. Michael Walter Groh
Dr. med. Michael Walter Groh

Es wäre doch interessant, diese Studie weiterzuführen und Parameter wie Missbildungsraten, Komplikationen von Niereninsuffizienz etc. in den verschiedenen Landstrichen Dänemarks zu vergleichen. So wie es momentan dasteht, ist es leider nur Stückwerk.

#7 |
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Bürgerin Marina Bausmer
Bürgerin Marina Bausmer

Zur Vorbeugung müssten wir also alle schon vorher alle Medikamente einnehmen ? Zur Vorbeugung will man Präventionen. Gesunde Lebensführung , auch an den Arbeitsplätzen und privat . Eine gesunde Umwelt auch .

#6 |
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Gast
Gast

Die Idee ist ja toll! Oxycodon und Schnaps sind bestimmt super.

#5 |
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Gast
Gast

Der gute Herr Dr. Schätzler hat den Nagel auf den Kopf getroffen: “Schnapsidee”… das wäre trotz der Nebenwirkungen noch die beste Möglichkeit. Ein (!) allabendliches Gläschen Alkohol wie Bier oder Wein zum Einschlafen könnte das Problem eher lösen. Denn fast alle Formen der Demenz gehen mit Schlafstörungen einher. Es gibt kaum etwas das der Konzentration und Gedächtnisleistung so abträglich ist wie Schlafentzug. (Schwangerschaftsdemenz, Stilldemenz, Depressionen, Schlafapnoesydrom…). Natürlich kann ein Gläschen Schnaps auch hier keine Wunder bewirken und ist ein armseliger Ersatz für ordentliche Schlafhygiene, aber davon würden unsere Senioren wohl mehr profitieren als von Lithium.

#4 |
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Finger weg von unserem Trinkwasser! Es ist zum Trinken da und zu nichts weiter, dass das mal klar ist. Egal, wie nobel die Bevormundung zum vermeintlichen Gesundheitszwecke daherkommt, es ist Bevormundung.

#3 |
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Gast
Gast

Was für eine Idee. Lithium ins Trinkwasser, bei der geringen therapeutischen Breite. Für alle, Babys, Greise … toller Einfall.

#2 |
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Was für eine Schnapsidee!
Dass Lithium seit Jahren zur Behandlung von bipolaren Störungen und Depressionen eingesetzt wird, bedeutet für uns Hausärzte regelmäßig aus Sicherheitsgründen Labor-Checks u.a. mit Lithium-Serumspiegel-Bestimmungen. M.E. gibt es keine prospektive randomisierte RCT-Studie mit Lithium im Trinkwasser, die eine primär- oder sekundär-präventive Anti-Demenz Wirkung belegen könnte.
Das Autorenteam von “Association of Lithium in Drinking Water With the Incidence of Dementia” von Lars Vedel Kessing et al.
http://jamanetwork.com/journals/jamapsychiatry/article-abstract/2649277
griff in die statistische Trickkiste:
Ihre 1. Schlussfolgerung: “Menschen, bei denen eine Demenz diagnostiziert worden war, waren durch das Trinkwasser einer durchschnittlichen Lithiumkonzentration von 11,5 µg/l ausgesetzt” und ihre
2. Schlussfolgerung: “Signifikant höher lag der Wert bei Teilnehmern der Kontrollgruppe (12,2 µg/l)” können allein schon deswegen nicht aufrechterhalten werden, weil das künstliche Signifikanzniveau nur durch einen statistischen Taschenspieler-Trick erreicht wurde:
Die Kontrollgruppe “von fast 734.000 Personen ohne Demenz” [“733.653 controls”] wurde künstlich 10-fach aufgebläht, wogegen nur “die Daten von fast 74.000 Patienten mit einer Demenz” [“73.731 patients”] in die Untersuchung eingeschlossen wurden.
Dadurch können selbst minimale, insignifikante Veränderungen auf ein gewünschtes Signifikanzniveau hochstilisiert werden. Deshalb auch das fragwürdige Ergebnis: “Dieser Zusammenhang war allerdings nicht linear.”
Die hervorragenden Berichterstattung und der Kommentar von Peter Leiner in der Ärzte-Zeitung erklärt das Ganze auch für gestandene Psychiatrie-Professoren verständlich: https://www.aerztezeitung.de/medizin/krankheiten/demenz/article/943193/hinweise-bevoelkerungsstudie-reicht-lithium-trinkwasser-demenzprophylaxe.html
“Conclusions and Relevance – Long-term increased lithium exposure in drinking water may be associated with a lower incidence of dementia in a nonlinear way; however, confounding from other factors associated with municipality of residence cannot be excluded” von Lars Vedel Kessing et al.” belegt, dass die Mittelwerte nur deshalb auf Signifikanzniveau gehoben wurden, weil die Untergruppen mit sehr hohen, hohen, mittleren und niedrigen Lithium-Trinkwasserspiegeln gar keine Konsistenz, geschweige denn Linearität aufwiesen.
Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund

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