Hebammen: Mehr Geld, mehr Einschränkungen

8. September 2017
Teilen

Rückwirkend zum 15. Juli erhöhen sich die Honorare freiberuflich tätiger Hebammen um 17 Prozent. Der Haken: Es gibt auch eine neue Vorschrift. Sie besagt, dass in der Klinik tätige freiberufliche Hebammen innerhalb von 30 Minuten nur zwei Frauen gleichzeitig betreuen dürfen.

Seit Jahren streiten freiberufliche Hebammen und Krankenkassen über eine Neuordnung der Vergütung. Da sie keine gemeinsame Lösung fanden, hatten beide Seiten im Februar die Schiedsstelle angerufen. Dem Kompromissvorschlag haben nun die Verbände der Hebammen und der GKV-Spitzenverband zugestimmt: Freiberufliche Hebammen bekommen mehr Geld. Der Haken aus Sicht der Hebammen ist allerdings, dass zu dem Beschluss auch eine neue Vorschrift gehört.

Die Punkte im Detail: Alle Honorare von Hebammen werden rückwirkend zum 15. Juli um rund 17 Prozent angehoben. Neu abzurechnende Leistungen wie ein drittes Vorgespräch in der Schwangerschaft und die Einzelunterweisung zur Geburtsvorbereitung kommen mit hinzu.

Dem gegenüber steht ein umstrittener Betreuungsschlüssel: In der Klinik tätige freiberufliche Hebammen dürfen innerhalb von 30 Minuten nur zwei Frauen gleichzeitig betreuen. Dazu gehören beispielsweise „Hilfe bei Wehen“, CTG-Messungen oder das Abhören von Herztönen. Folglich ist es pro Stunde möglich, Leistungen bei vier werdenden Müttern abzurechnen. Die personelle Situation im Klinikum spielt dabei keine Rolle.

Was für den GKV-Spitzenverband eine verbesserte Betreuung von Mutter und Kind darstellt, ist für den Deutschen Hebammenverband (DHV) ein massiver Einschnitt in die Berufsausübung der Beleghebammen. Der DHV rechnet damit, dass Beleghebammen aus der Geburtshilfe aussteigen werden und dadurch Engpässe entstehen.

Mehr Honorar, weniger Schwangere

Zahl der Hebammen

Seit Jahren stagniert die Zahl freiberuflich tätiger Hebammen mehr oder minder. Laut Deutschem Hebammenverband machen die Neuerungen das Berufsbild nicht attraktiver © GKV-Spitzenverband

 

Laut GKV-Spitzenverband führen die Novellierungen zusammen mit Neustrukturierungsmaßnahmen für die persönlichere Betreuung in der klinischen Geburtshilfe zu weiteren Mehreinahmen über die 17-prozentige Honorarerhöhung hinaus. Kassen kalkulieren schon jetzt mit Mehrausgaben in Höhe von bis zu fünf Prozent. Hinzu kommt ein Ausgleich für steigende Kosten der Berufshaftpflichtversicherung von Hebammen.

Wirklich ein „gutes Ergebnis“?

„Aus Sicht des GKV-Spitzenverbandes ist dies ein gutes Ergebnis“, heißt es in einer Meldung. „Die Honorare werden deutlich angehoben, zudem werden Schwangere in den Kliniken durch freiberuflich tätige Hebammen künftig individueller betreut.“ Damit werde zum Schutz von Mutter und Kind eine qualitativ hochwertige Versorgung langfristig gewährleistet.

Kritik kommt vom Hebammenverband: „Wir befürchten, dass die Entscheidung der Schiedsstelle gravierende Auswirkungen auf die geburtshilfliche Versorgung von Frauen in Deutschland haben werden“, so DHV-Präsidentin Martina Klenk. „Es gibt massive Einschnitte in unsere Berufsausübung ohne die Rahmenbedingungen wie beispielsweise genügend Personal anzupassen.“ Eine gute Qualität in der Geburtshilfe könne man mit ausreichend Hebammen, nicht mit weniger Leistung durch Hebammen erreichen. Gleichzeitig zeige die Erhöhung von 17 Prozent „zu wenig Wirkung“, da die Grundvergütung bisher gering gewesen sei.

Seit Jahren fordert Klenk die Eins-zu-eins-Betreuung bei Geburten. In den neuen Regelungen sieht sie „keinen Anreiz für Hebammen, in die Geburtshilfe zu gehen oder zurückzukehren“.

Reinhild Bohlmann, erste Vorsitzende des Bundes freiberuflicher Hebammen Deutschlands (BfHD), relativiert: „Der BfHD hat sich an Machbarkeiten orientiert und die Grenzen des GKV-Spitzenverbandes ausgelotet. Es machte wenig Sinn, sich in Utopien zu versteigen, die auch in der Schiedsstelle keine Mehrheit finden können.“

Welche Folgen der Kompromiss in der Praxis hat, wird sich erst zeigen. Dem Vertrag zufolge sind weitere Anpassungen erst ab Juli 2020 möglich.

16 Wertungen (3.69 ø)

Die Kommentarfunktion ist nicht mehr aktiv.

13 Kommentare:

Es ist ganz einfach: Haben Sie mal was von “Scheinselbständigkeit gehört? Das Wort ist seit längerer Zeit nicht mehr in der Presse oder sonstwo zu lesen. Die Klinikbetreiber haben vor vielen Jahren Hebammen entlassen und als “Freiberufliche” wieder im Kreisssaal arbeiten lassen – mit den bekannten Folgen. Keine Zeit, vier gebärende Familien gleichzeitig betreuen, steigende Sectioraten. Die Kolleginnen haben stillgehalten, weil sie einigermaßen gut verdient haben – vier Geburten gleichzeitig und noch der normale Kleinkram wie CTG – klar. Das dem jetzt ein Riegel vorgeschoben wird, ist GUT!!! Die Qualität der Betreuung steigt und die Kliniken müssen den Betreuungsschlüssel hochsetzen. Was also ist daran schlimm? Die Frauen werden es uns danken! Christiane Hoffmann-Kachel, Hebamme, Lehrerin für Hebammenwesen, Familienhebamme

#13 |
  1
Gast
Gast

Frage: was ist jetzt wenn eine in der Klinik tätige freiberufliche Hebamme einen GVK gibt oder einen Rückbildungskurs? Oder bezieht sich die Regel nur auf Geburtsbegleitung?

#12 |
  0
Hebamme

Ich muss “Felix” schon recht geben.
Der Großteil der Bevölkerung kümmert sich nicht darum, was mit Hebammen geschieht und sogar der Großteil der Schwangeren interessiert sich nur marginal dafür, was in der Geburtshilfe passiert. Wenn sie ihr Kind dann im Taxi bekommen wird erstmal rumgejammert – auf die Strasse gehen sie trotzdem nicht.
Wenn allein alle Schwangere und Mütter wöchentlich einmal bundesweit demonstrieren würden, käme es auch endlich ins Bewusstsein.
Was nützen 300 kleine Demos mit 20 Frauen in 50 verschiedenen Städten?
Was nützt eine “Landkarte der Unterversorgung”, die von 2/3 nicht ausgefüllt wird?
Nichts!
Die Frauen müssen für ihre Rechte aufstehen.
Wenn sie das nicht tun ändert sich auch nichts.

#11 |
  1
Hebamme

Lieber Felix,
schauen Sie sich mal die Seite des Hebammenverbandes zur Unterversorgung an!
https://www.unsere-hebammen.de/mitmachen/unterversorgung-melden/

Mein Berufsverband hat schon vor Jahren einen Preis für die beste Öffentlichkeitsarbeit bekommen, aber das geht den Verantwortlichen am A… vorbei. Geht ja nur um Gesundheit von Frauen und Kindern – oder wie soll ich dies unlogische Verhalten, das zu vielen unnötigen Kaiserschnitten mit allen Folgen führt, verstehen?
Ich habe lange in einer 1:1-Betreuung gearbeitet; bei den begonnenen Hausgeburten (mit guter Selektion vorab) lag die Sectiorate dann knapp unter 1%.

#10 |
  1
Gast
Gast

Lieber Felix. Es gibt seit Jahren unzählige Demos, Initiativen und Kampagnen… aber das interessiert einfach keinen! Prozentual sind Schwangere eben ein sehr geringer Anteil der Bevölkerung… (oder besser gesagt ein geringer Teil der Wählerschaft) und diejenigen welche bereits Kinder haben wählen wahrscheinlich sowieso eine Partei die Verbesserungen für Kinder oder Familien verspricht, so wie die meisten Rentner vermutlich eine Partei wählen die bessere Renten verspricht… in den Medien oder im Wahlkampf dreht sich sowie alles nur um Gegner und Befürworter der Flüchtlingspolitik oder Europa oder Maut und in den Nachrichten wird darüber berichtet wieviele Mitarbeiter Trump schon verschlissen hat … aber für Geburtshilfe interessieren sich weder die Medien noch die Politik.

#9 |
  0
Felix M.
Felix M.

Und was ist die Konsequenz daraus?
Was gehen Hebammen wählen, was sagen sie den Schwangeren, wer sich dort für eine Verbesserung einsetzt?
Wo sind die Streiks und Demos?

So schlimm geht es uns hier garnicht, das System fängt einen weich auf und für echten Protest muss man zu viel selber auf die Beine stellen…

#8 |
  12
Hebamme Anna Beckmann
Hebamme Anna Beckmann

Die Arbeit und die unmittelbare Verantwortung für das, was Hebammen tun, ist in Deutschland nichts wert. Das zeigen auch die nun beschlossenen Anpassungen der Gebührenordnung.
Hebammen arbeiten also gefälligst weiter im Dienst für die Menschheit, Geld verdient wird bei den Krankenkassen, den Krankenhäusern, der Pharmaindustrie und ganz bestimmt auch beim GKV. Das die Kassen wegen uns Hebammen nun 5% Mehrausgaben erwarten ist geradezu lächerlich, nachdem sie doch im 1.Halbjahr 2017 bereits die Kleinigkeit von 1,4 Milliarden Überschuss eingefahren haben. Das wo das Geld ist, ist eben auch die Macht.

#7 |
  1
Gast
Gast

Kenne genug Hebammen die jetzt Arztpraxenhelfer sind oder umgesattelt haben auf Krankenschwester aufgrund der miesen Bedingungen. Man kann nur hoffen dass sich in den nächsten Jahren da noch mehr tut… irgendwann will sonst niemand mehr den Job machen und dann sieht es echt finster in der Geburtshilfe aus.

#6 |
  0

Es sind im Übrigen nicht immer wir Hebammen, die jammern, dass die Geburtshilfe den Bach runtergeht und die Betreuung weder in den Kliniken noch in in der häuslichen Begleitung nach der Geburt mehr gewährleistet werden kann.

Es hilft ein Blick in die S1-Leitlinie 087–001, Empfehlungen für die strukturellen Voraussetzungen der perinatologischen Versorgung in Deutschland, aktueller Stand: 05/2015, Deut- sche Gesellschaft für Perinatale Medizin.

In dieser wird eine 1:1 Betreuung unter der Geburt in 95% der Zeit empfohlen.

Die Realität: In den Kliniken sind haufenweise Planstellen unbesetzt (im Angestellten-System), es stapeln sich die Überlastungsanzeigen (und sicher die Verfahren in Sachen Übernahmeverschulden), kleine Beleghäuser werden gleich ganz geschlossen. Frauen müssen weite Wege fahren, so manche ungeplante und unbegleitete Haus- oder Auto-Geburt werden sehenden Auges als “Kollateralschaden” hingenommen.

1:2 im Schichtsystem? Es betreut eher (hier in Berlin) eine Kollegin 3 oder 4 Gebärende parallel – und zwar nicht ausnahmsweise, wenn im Akutbereich Kreißsaal grad mal die Hütte kracht oder im Heiligabend-Spätdienst. Sondern geplant, immer, mit Ansage.

Betreuungsschlüssel festlegen: Grundsätzlich – super-Idee. Ich würde da allerdings auch gern mal eine In-die-Pflicht-Nahme von Seiten der Krankenkassen, des Gesetzgebers, wem auch immer sehen, und zwar nicht nur für die freiberuflichen Kolleginnen, die nun selbst gucken müssen, wie sie das bis Januar irgendwie gebacken kriegen und wo sie sich ein paar Kolleginnen schnitzen können, um das zu gewährleisten. Sondern auch im Angestelltenbereich. Warum gelten da andere Regeln? Schwebt da immer ein Schutzengel im Kreißsaal, oder wieso leistet man sich hier diese systematische Unterversorgung?

Aber nein, die Planstellenverwaltung bleibt den Geschäftsleitungen der Krankenhäuser selbst überlassen. Nur bereiten die eben gerade den nächsten Börsengang vor.

Insofern: Mogelpackung mit schönen Worten, gegen die ja wohl keiner was haben kann. Und natürlich, wir Hebammen meckern schon wieder. Und es sieht so aus, als würden wir auch nicht demnächst damit aufhören – zu Recht.

#5 |
  1
Hebamme Anna Beckmann
Hebamme Anna Beckmann

Es ist doch absolute Taktik die Beleghebammen so klein zu halten und sie in ihrer Betreuungsanzahl zu begrenzen, während die Klinikhebammen weiter 3-4 Frauen betreuen “dürfen” plus Kontrollen und alles bezahlt wird – es ist einfach zum ko…

#4 |
  0
Gast
Gast

Es ist absolut nicht nachvollziehbar, wie wenig Hebammen unterstützt und geschätzt werden, was sich auch in absolut angemessener Bezahlung niederschlagen muss. Frauen, lasst es euch nicht gefallen, dass dieser so wichtige Beruf vor dem Aussterben steht!!!

#3 |
  2
Ärztin
Ärztin

Für mich absolut nicht nachvollziehbar und ein Skandal. Was für anständige Geburtshilfe bezahlt wird ist eine Frechheit! Wenn es um eine OP, eine Zahnbehandlung oder einen Herzkatheter geht ist es die selbstverständlichste Sache der Welt dass pro Patient ein Arzt am Tisch steht, mindestens. Ein Operateur eilt auch nicht von Saal zu Saal und das obwohl die Eingriffe die durchgeführt werden zum Teil wesentlich unkomplizierter und risikoärmer sind als eine Entbindung. Ich möchte jetzt keineswegs eine Geburt pathologisieren, es ist ein natürlicher Prozess aber es geht um das Leben eines Kindes (und seiner Mutter). Aber man legt einen Sicherheitsgurt auch nicht an weil man einen Unfall erwartet, sondern vorsorglich. Die Kassen erwirtschaften Milliardenüberschüsse die für allen möglichen Unsinn verprasst werden, wieso nicht für gesunde Babys? Ja, eine 1:1-Betreuung wäre teuer… Na und? Wir könnten es uns leisten… wenn wir nur wollen. Allein die Beiträge der Berufshaftpflicht für Hebammen erwecken den Eindruck dass ein Aussterben des Berufes politisch gewollt ist.

#2 |
  2
Sylvia
Sylvia

Wenn allgemein von einer Erhöhung gesprochen wird, entspricht das schon mal nicht der Wahrheit. Vielmehr wurde wohl auch umgeschichtet. offensichtlich will man sich das nichts kosten lassen.

#1 |
  1
Copyright © 2017 DocCheck Medical Services GmbH
Sprache:
DocCheck folgen: