Verhütung für Arme

14. September 2017
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Die Landesregierung Niedersachsen hat den Vorstoß gemacht und gefordert, dass sozial schwache Frauen einen Anspruch auf Verhütung haben. Bisher gibt es dieses Angebot nur für Frauen unter 20 Jahren. Wie sinnvoll ist dieser Vorschlag und was sagen die Krankenkassen dazu?

Allen Frauen in Deutschland soll der Zugang zu Verhütungsmitteln ermöglicht werden – dies fordert das Land Niedersachsen jetzt mit einer Bundesratsinitiative. Dass ein derartiger Vorstoß im Jahr 2017 überhaupt nötig ist, erstaunt, tatsächlich gibt es bis heute keine bundesweit einheitliche Regelung. Seit der Einführung von Hartz IV vor 13 Jahren haben nur Frauen unter 20 Jahren einen Anspruch auf Verhütungsmittel. Alle anderen Frauen haben diesen Anspruch nicht.

„Die Notwendigkeit, Frauen mit geringem Einkommen kostenlose Verhütungsmittel zur Verfügung stellen zu können, steht seit Jahren in der sozialpolitischen Diskussion“, sagt Naila Eid, Pressesprecherin des Niedersächsischen Ministeriums für Soziales, Gesundheit und Gleichstellung. Schon 2014 habe sich Sozialministerin Cornelia Rundt für die Kostenübernahme des Bundes eingesetzt. „Es ist schlichtweg nicht gerechtfertigt und nicht gerecht, dass keine ausreichenden Mittel für ärztlich verordnete Verhütungsmittel zur Verfügung gestellt werden“, so Eid.

Andererseits müsse Niedersachsen die Kosten für einen Schwangerschaftsabbruch übernehmen, sofern eine Bedürftigkeit vorliege: „Diese Situation ist menschenverachtend und kann nicht länger hingenommen werden. Hier hat im Interesse der betroffenen Frauen eine Korrektur zu erfolgen“, sagt die Sprecherin, „dieses Ziel verfolgt die Bundesratsinitiative.“

Ein Flickenteppich von Angeboten

„Seit 2004 mit der Einführung des Gesundheitsmodernisierungsgesetzes ist für betroffene Frauen ein Flickenteppich von verschiedenen kommunalen Angeboten entstanden“, sagt Alexandra Ommert von Pro Familia. „In manchen Bundesländern gibt es aber auch überhaupt kein Angebot.“

Ommert ist Projektleiterin von Biko, ein Modellprojekt, mit dem der Verein nach eigener Aussage dazu beitragen möchte, eine bundeseinheitliche Regelung zu finden. „Wir haben nun die Möglichkeit bekommen, in der Praxis zu erproben, wie eine gute Lösung aussehen kann“, so Ommert. Pro Familia setze sich schon lange dafür ein, dass Frauen Zugang zu Verhütungsmitteln bekämen: „Der Bundesverband hat bereits 2015 eine Kampagne für kostenfreie Verhütungsmittel für Menschen mit geringem Einkommen gemacht und eine öffentliche Bundestagspetition hierzu eingereicht, damit die Situation sich verbessert.“

Kostenfreie Verhütung auf Rezept

Studien hätten gezeigt, dass Frauen, denen das Geld für Verhütungsmittel fehlt, auf Verhütung verzichten, sagt die Projektleiterin. Manche würden auch auf andere Verhütungsmittel ausweichen, die sie sich leisten könnten, die aber unter Umständen weniger sicher seien. Darum läge ihr das Projekt besonders am Herzen. „Es richtet sich an Frauen, die älter sind als 20 Jahre, nach oben hin gibt es keine Altersbeschränkung.“

Biko steht für „Beratung, Information und Kostenübernahme bei Verhütung“ und wird finanziert vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend. Es wird an den sieben Standorten in Lübeck, Saarbrücken, Wilhelmshaven Erfurt, Halle an der Saale, Ludwigsfelde und Recklinghausen durchgeführt und das Angebot gilt für das jeweilige Einzugsgebiet.

Angesprochen sind Frauen, die Sozialleistungen bekommen oder deren Einkommen unterhalb der Armutsgrenze liegt. Mit dem Rezept vom Gynäkologen und der Zusage von Biko bekommen sie in der Apotheke das Verhütungsmittel kostenfrei, die Apotheke rechnet über Pro Familia ab.

„Mit dem Modellprojekt können wir Zahlen erheben, die uns hoffentlich zeigen werden, wie hoch der Bedarf tatsächlich ist“, sagt Ommert. Wie viele Frauen bisher das Angebot in Anspruch genommen haben und welche Verhütungsformen sie brauchten, will sie nicht sagen: „Das Projekt wird evaluiert, konkrete Zahlen wird es erst zum Ende des Projekts im Sommer 2019 geben. Wir sehen aber, dass es eine sehr gute Nachfrage gibt und unsere Beraterinnen in der Regel volle Terminkalender haben.“

Was sagen die Kassen dazu?

Auf die Frage, ob Verhütungsmittel für Bedürftige sinnvoll wären, reagieren die Krankenkassen zurückhaltend. „Bisher gibt es keinen gesetzlichen Auftrag, also stellt sich die Frage für uns nicht“, sagt eine Sprecherin des AOK-Bundesverbands. Der GKV -Spitzenverband sehe hinter dem Vorstoß aus Niedersachsen eine gesellschaftspolitische Debatte, die erst noch geführt werden müsse, so deren Sprecherin Ann Marini: „Wenn die Politik bedürftigen Frauen helfen will, ist das sicherlich ehrenhaft, sie müsste die Finanzierung dafür jedoch aus Bundesmitteln vornehmen, etwa über einen erhöhten Bundeszuschuss. Eine Finanzierung alleine durch die Beitragszahler in der GKV würde dem gesellschaftspolitischen Ansatz, also der Fürsorgeaufgabe des Staates für Bedürftige, nicht entsprechen.“

In diese Richtung geht auch der Vorstoß Niedersachsens. Die angestrebte „bundeseinheitliche Regelung zur Kostenübernahme von Verhütungsmitteln“ wurde von der Landesregierung dem Bundesrat zugeleitet, so Sprecherin Eid. „Er wird voraussichtlich in seiner nächsten Sitzung beraten. Insoweit bleibt die Entscheidung des Bundesrates hinsichtlich des weiteren Verfahrens abzuwarten.“

15 Wertungen (5 ø)
Bildquelle: bugsy ho, flickr / Lizenz: CC BY

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17 Kommentare:

Joachim Bedynek
Joachim Bedynek

natürlich

#17 |
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Gast
Gast

Abstinenz wäre auch eine gute Idee, für Frauen gibt es dafür fantastisches Spielzeug, gesunde Hände tun es auch

#16 |
  13
Gast
Gast

Und was lehrt uns die Anthropologie, Herr Bedynek? Sollte man Bezahlbare Verhütung ermöglichen oder nicht?

#15 |
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Joachim Bedynek
Joachim Bedynek

Ich fass mich an den Kopf, dass man darüber überhuüt diskutiert. Schon mal was von Anthropologie (natürlich biologische) gehört ?
Gst #2: Angesichts der Bevölkerungsexplosion wird die Menschheit sicher nicht an Trinkwassermangel zu Grunde gehen, den den kann man durch Entsalzungsanlagen (zur Not atomgetrieben) leicht begegnen. Schon eher an Aggressionen wegen der Enge.

#14 |
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Nichtmedizinische Berufe

Bin auch dafür. Es wird leider immer vergessen, dass zum Kinderzeugen zwei Personen gehören, dass also nicht nur eine Frau, sondern auch gleichzeitig ein Mann unterstützt werden würde.
gast 7, Steuerzahler, dass Problem ist ja gerade, dass die finanziell schlechtgestellte Frau nicht acht Euro im Monat bezahlen kann, sondern die 46 Euro auf einmal bezahlen muss.
Und 46 Euro ist mehr oder weniger das, was sie als Hartz IV- Bezieherin in der Woche für Nahrungsmittel hat.
Das ist wie mit der GEZ, auch da darf man nicht monatlich bezahlen. ;)
Eine andere Idee wäre es, Verhütungsmittel generell zu subventionieren; als ich noch im Badischen wohnte, gab es einen regelrechten “Pillen- Tourismus” ins Elsass ; ich verstand nie, weshalb die Französinnen so viel weniger bezahlen.

#13 |
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Dr. med. Irina Scharfe
Dr. med. Irina Scharfe

Wäre doch schön, wenn die Frauen mit geringem Einkommen, die so verantwortungsvoll sind und verhüten möchten, dazu leichteren Zugang hätten. Der Abbruch wird diesen Frauen nahezu immer bezahlt und stellt dadurch für manche auch eine “Verhütungsmethode” dar. DAS finde ich lebensverachtend.

#12 |
  0

Vor allem profitiert die Diskussion nicht von “sollte” (in Bezug auf die Frauen) und “Eigenverantwortung”. Man muss die Betroffenen schon dort abholen, wo sie stehen, selbst wenn sich das für manche Leute nach Entmündigung anhört. Die Betroffenen sehen das möglicherweise ganz anders.

#11 |
  1
Gast
Gast

Liebe Doc-Check Redaktion, Ihr seid ausgesprochene Langweiler sonst hättet ihr die wertvollen Beiträge nicht einfach so gelöscht.

#10 |
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Ärztin
Ärztin

Lieber Steuerzahler. Meine Rede! 8 Euro pro Monat sind doch wirklich nicht viel Geld. Das für unsere ärmsten zu bezahlen kann sich die Gemeinschaft leisten… für einige Mitmenschen jedoch sind 8 Euro pro Monat ziemlich viel Geld. Und für eine bedürftige Familie oder eine alleinerziehende Mutter wäre es eine entscheidende Hilfe. Wie Gast 7 schon sagte. Es geht um das Recht auf eine vernünftige Familienplanung. Da gibt es genug anderen unnützen Blödsinn an dem wir sparen könnten um diese 8 Euro reinzuholen…

#9 |
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Gast
Gast

#7: Dann googeln Sie doch mal, wie viel das fünfte ungewollte Kind einer entsprechenden Familie mit guten Chancen auf schlechten Schulabschluss und Hartz-4-Karriere kosten würde.
Es geht doch hier nicht um Eigenverantwortung oder nicht, sondern darum, eine auch gesellschaftlich sehr sinnvolle Familienplanung in allen Bevölkerungsschichten zu ermöglichen.

#8 |
  1
Steuerzahler
Steuerzahler

Unerschwinglicher Luxus? Habe gerade mal eine Halbjahrespackung einer Pille gegoogelt: ca. 46 €, also pro Monat nicht mal 8 Euro. Man sollte viel für sozial Benachteiligte machen, aber das ist eine Scheindebatte oder bestensfalls Wahlkampf der SPD, damit es nicht unter 20% werden. Wie viel Eigenverantwortung gibt es eigentlich noch in diesem Land?

#7 |
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Dipl. Psychologe Rainer Keller
Dipl. Psychologe Rainer Keller

g

#6 |
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Ärztin
Ärztin

Das wäre durchaus begrüßenswert. Verhütung sollte kein unerschwinglicher Luxus für eine Frau sein. Sowohl die KK mit ihren Milliardenüberschüssen als auch der überquellende Bundeshaushalt könnten sich diese Ausgabe leisten. Schließlich kostet eine Großpackung der Pille nur unwesentlich mehr als eine Großpackung gewisser Schwangerschaftsvitamine… von den übrigen Kosten und dem Schicksal ein “ungewolltes” Kind zu sein will ich gar nicht erst anfangen.

#5 |
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Heilpraktiker

Da dies eine gesellschaftpolitische Aufgabe ist, kann es nicht aus den Beiträgen der Versicherten geleistet werden, sondern muß aus Bundes-, also Steuermitteln bezahlt werden, allerdings bundeseinheitlich und nicht nach dem föderalen Flickenteppich.

#4 |
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Ärztegemeinschaft Amedis
Ärztegemeinschaft Amedis

Ich denke, dass Frauen nicht aus finanziellen Gründen das Recht genommen werden sollte zu entscheiden, ob sie schwanger werden oder nicht. Kirche etc. werden sich natürlich dagegen wenden. Trotzdem ist ein Kind für eine ohnehin schon finanziell kämpfende Frau ein weitere Belastung. Die Väter können oder wollen oft nicht zahlen. Daher denke ich auch, dass man allen Freuen die Möglichkeit geben sollte sich aktiv für ein Kind zu entscheiden.

#3 |
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Gast
Gast

Unbedingt -sollte das eine bezahlbare Verhütung – angesprochen werden-
Auch Frauen über 40 – die bereits 3 od mehr Kinder haben – sollte man es anbieten u. auch in Rumänien u Bulgarien –
Ärzte ohne Grenzen sollten auch darauf hinweisen -wie wichtig eine vernünftige
Geburtenkontrolle ist.
7 Milliarden Menschen – da kann es zu einer Trinkwasserverknappung kommen

#2 |
  3

Ich bin unbedingt dafür. Die Kinder würden davon profitieren, wenn ihre Eltern 1) einen Schulabschluss, 2) einen Berufsabschluss hätten und 3) ohne Suchtmittel auskommen würden. Als Finanzier wider Willen (nämlich als Steuerzahler) habe ich ein unmittelbares Interesse daran, dass mehr Leute ihren Lebensunterhalt (und den ihrer Familien) selber sichern können.

#1 |
  2
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