USA: Hinrichtung als Experiment

13. September 2017
Teilen

Erstmals wurde die Todesstrafe in den USA mithilfe von Etomidat vollzogen, einer für diesen Zweck bislang noch nicht erprobten Substanz. Grund dafür ist der sich ausweitende Boykott pharmazeutischer Hersteller. Sie wollen keine Präparate mehr wie Midazolam für Hinrichtungen liefern.

Schon im letzten Wahlkampf machte der jetzige US-Präsident Donald Trump klar, an der Todesstrafe festzuhalten. Diese Ansicht teilte auch Hillary Clinton. In den USA werden erprobte Pharmaka für Hinrichtungen deshalb knapp. Jetzt experimentieren Behörden mit neuen Mischungen.

Umfassender Lieferstopp

Mitte 2016 hatte Pfizer erklärt, keine Pharmaka an US-Strafvollzugsbehörden mehr zu liefern, da der Konzern den Einsatz seiner Produkte als tödliche Injektionen bei der Vollstreckung der Todesstrafe strikt ablehne. Zuvor waren 20 andere Hersteller bereits diesen Schritt gegangen. Damit fehlten legale Mittel und Wege, um an Midazolam, Pentobarbital oder Propofol zu kommen. Einige Staaten versuchten, Pharmaka als Rezeptursubstanzen über spezielle Apotheken, sogenannte Compounding Pharmacies, zu organisieren. Andere versuchten ihr Glück über nicht genehmigte Importe. Häufig kamen Menschenrechtsaktivisten den illegalen Machenschaften auf die Schliche. Damit blieb nur noch eine Möglichkeit: die Verwendung bislang nicht reglementierter Präparate.

Neuer Giftcocktail

Ende August wurde ein zum Tode verurteilter Mörder mithilfe einer bislang nicht erprobten Substanz hingerichtet. Der 53-jährige Mark Asay erhielt im Gefängnis der Stadt Starke (Bundesstaat Florida) unter anderem eine Injektion mit Etomidat. Zuvor hatte Asays Anwalt vergeblich versucht, gegen den Einsatz neuer Giftcocktails vorzugehen. Zuvor wurde der Fall des zum Tode verurteilten Doppelmörders Joseph Wood bekannt, der seinem Anwalt zufolge zwei Stunden nach der Giftinjektion gelitten haben soll. Er bekam im Jahr 2014 eine Mischung aus Midazolam und Hydromorphon.

Bei der Hinrichtung von Mark Asay wurde zuerst Etomidat als Hypnotikum gespritzt. Dann folgte Rocuronium, das als Muskelrelaxans die Atemmuskulatur erschlaffen lässt. Kaliumacetat wurde auch erstmalig eingesetzt. In hoher Konzentration kehren Kaliumionen das Membranpotenzial um und es kommt zum Herzstillstand.

Zuvor arbeiteten US-Behörden mit drei verschiedenen Substanzen. Narkosemittel wie Thiopental sollen die Person bewusstlos machen. Die Wirkung tritt schnell ein, hält aber nur fünf bis 15 Minuten an. Relaxantien wie Pancuroniumbromid, Vecuroniumbromid oder Tubocurarin lähmen anschließend die Atemmuskulatur. Und Kaliumchlorid führt zum Herzstillstand.

Boykotte lösen kein Problem

Auch das neue Protokoll mit Etomidat könnte bald der Vergangenheit angehören. Umgehend meldete sich der Hersteller zu Wort. „Janssen entdeckt und entwickelt medizinische Innovationen, um Leben zu retten und zu verbessern“, erklärte ein Sprecher gegenüber der Washington Post. „Wir dulden die Verwendung unserer Medikamente in tödlichen Injektionen für Todesstrafen nicht.“

Ein möglicher Boykott wird weitere Hinrichtungen aber kaum stoppen. Dafür ist die Befürwortung der Todesstrafe innerhalb der US-Bevölkerung zu groß. Manche Bundesstaaten sehen Alternativen im Galgen, in Gaskammern oder im elektrischen Stuhl, falls sie auf Pharmaka verzichten müssen. Die Verfassung der USA verbietet derartige Praktiken jedenfalls nicht.

30 Wertungen (4.9 ø)
Pharmakologie, Pharmazie

Die Kommentarfunktion ist nicht mehr aktiv.

21 Kommentare:

Ich habe hier soviel Gülle gelesen.
Das ist unwürdig.
Wenn ein Staat (und das tun die allermeisten) erklärt, es ist verboten, daß ein Mensch den anderen töte, warum gibt es dann die Todesstrafe? Warum hat dann der Staat das Recht, Menschen zu töten?
In sich vollkommen sinnlos.
Mal ganz davon abgesehen, daß es nachweislich nicht zu einer Reduktion von Gewaltverbrechen geführt hat. Todesstrafe ist also auch nicht abschreckend. Sie ist sinnlos. Wer sie verhängt bekommt, wird weder zu einem besseren, noch zu einem schlechteren Menschen. Und wer jetzt herumexperimentiert mit anderen Medikamenten als mit der halbwegs “humanen” Kombi vorher, macht sich endgültig absurd.

#21 |
  1
Bürgerin Marina Bausmer
Bürgerin Marina Bausmer

So wie wir keine Verbrechen wollen , so wollen wir auch keine Todesstrafen. Es stellt sich eher die Frage nach Prävention und Gerechtigkeit , auch sollten keine scharfen Waffen , eher Betäubungswaffen als Verteidigungswaffe zugelassen werden.

#20 |
  0
Gast
Gast

#18: Bei einem normalen Menschen einen Zugang zu legen kann man doch wirklich jedem Schimpansen beibringen, und eine ausreichende Dosis Hypnotikum oder statt Relaxantien z.B. hochdosierte Opiate sollte doch auch ein Gefängniswärter hinbekommen, dem man dafür eine entsprechende Anleitung in die Hand drückt… Nicht nachvollziehbar, was die Amis da veranstalten, mal ganz abgesehen von der Todesstrafe an sich…

#19 |
  3
Nichtmedizinische Berufe

#4 Wie schon #5 ausführte:
Die meisten wissen nicht, dass in den USA bei dem eigentlichen Hinrichtungsprozess KEINE Ärzte mitwirken. Erst DANACH wird der Tod durch einen Arzt festgestellt.
Im übrigen ist es reine HEUCHELEI der US-Justiz,bei der Exekution über Giftspritze ein Muskelrelaxans einzusetzen: Dies ist vollkommen UNNÖTIG und birgt die Gefahr eines qualvollen Erstickens bei zu gering dosiertem Hypnotikum.Letzeres wird von Gefängnispersonal in Abhängigkeit vom Körpergewicht des Deliquenten dosiert.Hinzu kommt oft noch ein dilettantisch angelegter Venenzugang für die Infusion.Es bleibt also genügend Gelegenheit, um Rache zu nehmen (#1).

#18 |
  0
AI-Mitglied
AI-Mitglied

Die Todesstrafe ist keine angemessene Antwort auf Mord und Kriminalität. Wo sich der Staat zum Richter über Leben und Tod aufschwingt, nimmt nicht Gerechtigkeit ihren Lauf, sondern Rache und Vergeltung.
Die Botschaft von Amnesty International lautet deshalb unmissverständlich: Staaten können nicht gleichzeitig die Menschenrechte achten und die Todesstrafe verhängen und vollstrecken.

#17 |
  2

Mal davon abgesehen, ob eine bestimmte Schuld zweifelsfrei bewiesen ist und ob der Schuldige dadurch den Tod verdient, geht es bei einer Hinrichtung aus meiner Sicht nicht zuletzt um das seelische Wohl der “Vollstrecker”. So eine Aufgabe zu haben, ist schon nicht human.

#16 |
  0
Gast
Gast

Es ist für mich ehrlich gesagt auch völlig unverständlich, wieso man es dort nicht schafft, eine anständige Narkose zu einzuleiten, das ist doch wirklich keine große Kunst (insbesondere da ja Überdosierungen keine Rolle mehr spielen)…
Wäre interessant, wie das da im Detail abläuft, ob da wirklich irgendwelche Henker ohne jede medizinische Ahnung mit Mitteln und Dosierungen rumprobieren?

#15 |
  0
jAcOb
jAcOb

#12 “zweifelsfrei” gibt es nie …

#14 |
  1
Dr. Irene Boos
Dr. Irene Boos

@11: Naja, ob die Todesstrafe bei uns abgeschafft wurde oder mit Inkrafttreten des Vertrages von Lissabon (EU-Grundlagenvertrag) 2009 wieder eingeführt wurde, ist leider nicht so ganz klar. Im Vertrag von Lissabon (das ist der Ersatz für die geplante EU-Verfassung, die in einigen Ländern per Volksentscheid abgelehnt wurde und deshalb nie zustande kam) wird nämlich auf die Charta der Grundrechte verwiesen, die “das Verbot der Wiedereinführung der Todesstrafe im Sinne der Europäischen Menschenrechtskonvention auslegen, welche im Wortlaut des 6. Zusatzprotokolls unter anderem die Todesstrafe im Kriegszustand und eine Tötung zur Niederschlagung eines Aufruhrs erlaubt. …Der Vorwurf des unzureichenden Verbots einer Todesstrafe wurde im deutschsprachigen Raum vor allem in der Klageschrift von Karl Albrecht Schachtschneider vor dem deutschen Bundesverfassungsgericht vertreten. Im Lissabon-Urteil ging das Verfassungsgericht jedoch nicht auf diesen Aspekt ein.”, nachzulesen sogar in wikipedia.

#13 |
  0
Gast
Gast

Wieso sollten zweifelsfrei überführte Mörder einen Anspruch auf eine leidensfreie Tötung haben?

#12 |
  19
Gast
Gast

Ich zitiere aus obigem Artikel:
Zuvor wurde der Fall des zum Tode verurteilten Doppelmörders Joseph Wood bekannt, der seinem Anwalt zufolge zwei Stunden nach der Giftinjektion gelitten haben soll
Dann wäre ja die Guillotine schneller und schmerzloser gewesen.
Also wenn man schon Todesstrafe betreibt, muß wenigstens ein Mittel her, welches den Vorgang empfindungslos macht.Da kann doch niemand behaupten, dass es so was nicht gibt.
Bei uns ist die Todesstrafe abgeschafft.Gut so.Dazu stehe ich.Eben weil diese Todesstrafe unberechtigterweise, weil sie Gesetz ar, viel zu oft eingesetzt wurde-das konnte oft sehr schnell gehen. Killen war mal ein Tagesgeschäft sozusagen mancher Staatsherrschaften.Nicht, weil sie Recht hatten: Sondern weil sie mörderisch waren.

#11 |
  0
Peter Stich
Peter Stich

Ich bin gegen die Todesstrafe, wundere mich aber gleichzeitig, dass man nicht den schonend und schnell wirkenden Exit-Bag mit Helium dazu verwendet.

Scheinen wissenschaftlich lernresistent und reichlich ignorant in den USA.

#10 |
  1
Gast X
Gast X

Mal abgesehen davon dass das Posten einer Anleitung zur Tötung oder Selbsttötung ausgesprochen fragwürdig ist und allein deswegen schon vor der Redaktion entfernt werden sollte. Hier zu verbreiten es wäre vollkommen harmlos und angenehm an einer Insulinüberdosis zu sterben ist völliger Schwachsinn. Wer jemals als erleben musste welch heftige Beschwerden eine akute Hypoglykämie verursachen kann und wie lange sich Menschen damit herumquälen können bevor sie das Bewusstsein verlieren würde solchen Quatsch nicht von sich geben. Die Patienten die rechtzeitig gerettet werden konnten berichten manchmal Furchtbares und die Angehörigen die den Notarzt verständigt haben sind manchmal regelrecht traumatisiert.

#9 |
  1
Gast
Gast

Ich wäre auch für Insulin, da leidet man wenigstens nicht.

#8 |
  14
Krankenpflegehelferin

Habe die ganze Zeit darauf gewartet, daß der hochgelobte Obama – trotz Befürwortung großer Bevölkerungsteile – etwas zur Abschaffung unternahm. Traurig, daß hier Pharma-Unternehmen blockieren und im 21. Jahrhundert nicht die Politik abgeschafft hat.
Und Hillary Clinton zeigte mal wieder, daß Frauen keineswegs die besseren Menschen sind..

#7 |
  2

dann machts halt ein paramedic

#6 |
  2
Student der Humanmedizin

@4 Ärzte sind an der Hinrichtung nicht beteiligt, was mitunter für die ganzen Probleme verantwortlich ist. Medizinische Laien sichern die venösen Zugänge und sorgen für die Injektion. Auch wenn nicht der hippokratische Eid zur Begründung herangezogen wird (den schwört aus gutem Grund schon lange keiner mehr), so begründen die Ärzte ihre Weigerung bei der Tötung zu helfen doch mit der Berufsethik. Es ist lediglich ein Arzt für die Feststellung des Todes und Ausstellung des Totenscheins da, der ist aber an der Hinrichtung selbst komplett unbeteiligt.

#5 |
  0
Heilpraktiker Gerhard Hildebrandt
Heilpraktiker Gerhard Hildebrandt

Das einfachste wäre doch, Ärzte würden sich weigern, solche Infusionen zu geben. Tödliche Infusionen zu geben, widerspricht ganz sicher dem hippokratischen Eid.

#4 |
  9

Abgesehen von der Vertretbarkeit, die ich nicht finden kann…
Es gibt nicht nur Tiermediziner, die es hinkriegen, Tiere schmerzlos und sanft einzuschläfern, es gibt auch die Sterbehilfe. Das Problem ist wahrscheinlich die Zulassung für die jeweilige Indikation, wobei ein für diesen Zweck bei anderen Spezies (oder der selben) zugelassenenes Arzneimittel immernoch (wenn ich hingerichtet werden müsste oder jemanden hinzurichten gezwungen wäre) meine erste Wahl wäre, und eben nicht irgendwelche Experimente, schon garnicht mit Muskelrelaxantien. Was sind das eigentlich für Leute, die sich bereit erklären, das durchzuführen???

#3 |
  1
Mitarbeiter Industrie

Eigentlich finde ich eine lebenslage Haft ohne Chance je wieder freizukommen schlimmer als die Todesstrafe. Aber wenn es denn die Todesstrafe sein soll dann Insulin intravenös, schnell und sicher und überall verfügbar.

#2 |
  13
Nichtmedizinische Berufe

Ich bin gegen die Todesstrafe, frage mich aber doch, weshalb es Tierärzte hinbekommen, Tiere schmerzlos einzuschläfern, während in US- Gefängnissen Pleiten, Pech und Pannen an der Tagesordnung sind. Kein Tierbesitzer würde es hinnehmen, dass man ihm sagt, um seine Katze von ihrem Leiden zu erlösen, nähme man jetzt aber ein experimentelles Mittel und wüsste nicht, ob sich das Tier in zwei Stunden noch quält., aber bei zu Tode verurteilten Menschen wird das akzeptiert. Manchmal drängt sich mir der Verdacht auf bei diesen schrecklichen Giftspritzen schwingt nicht nur der Justiz- sondern der Rachegedanke mit. Allerdings wundert mich die Einstellung der Pharmafirmen. Denen ist es doch sonst ziemlich gleich, was ihr Kunde mit ihren Produkten so treibt, Auch hier Heuchelei.

#1 |
  3


Copyright © 2017 DocCheck Medical Services GmbH
Sprache:
DocCheck folgen: