Aachen: Ausgabe von Jodtabletten hat begonnen

5. September 2017
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In Aachen werden seit Anfang September kostenlose Jodtabletten an Bürger verteilt. Dahinter steckt die Angst vor einem Atomunfall im belgischen Kernkraftwerk Tihange. Die Verteilung führt schon jetzt zu einer erhöhten Risikowahrnehmung in der Bevölkerung.

Bereits im Jahr 2012 haben Ingenieure im belgischen Kernkraftwert Tihange unzählige feine Risse im Reaktorbehälter entdeckt. Anfang 2016 mussten sie zugeben, dass die Sicherheit der Anlage stärker beeinträchtigt ist, als man bisher angenommen hatte. Sollte es tatsächlich zum Atomunfall kommen, würde mit Westwind radioaktives Jod-131 als Spaltprodukt relativ schnell ins benachbarte Aachen transportiert.

Nuklearmediziner empfehlen deshalb, im Katastrophenfall eine große Menge Iodid aufzunehmen, um die Resorption von Jod-131 zu verringern und das Risiko späterer Schilddrüsenkarzinome zu minimieren: eine Lehre aus Tschernobyl. Katastrophenschutz-Experten warnten jedoch, es könne zu Verzögerungen bei der Verteilung von Tabletten kommen. Chemisch korrekt enthalten sie ein leicht lösliches Iodid, allerdings ist oft von Jod die Rede.

Zeitnahe Einnahme der Tabletten ein Muss

Kommt es tatsächlich zu einem Störfall, rechnen Experten je nach Wetterlage bereits drei Stunden später mit Radionukliden in Aachen. Ein Abregnen der radioaktiven Wolke ist in der Eifel und dann wieder östlich von Köln am Fuße des Bergischen Landes zu erwarten.

Genau hier wird es schwierig: „Die WHO empfiehlt 130 Milligramm als Einmalgabe ein bis zwei Tage vor Eintreffen der radioaktiven Wolke“, schreibt Professor Helmut Schatz von der Deutschen Gesellschaft für Endokrinologie in seinem Blog. „Drei Stunden nachher hat sie nur noch 50 Prozent, zehn Stunden später keine Wirkung mehr. Noch später kann sie sogar schaden, da dann das durch die Atmung schon aufgenommene radioaktive Jod langsamer ausgeschieden wird.“ Über den Sinn und Unsinn der Einnahme von Jodtabletten berichtete DocCheck bereits im Sommer 2016 ausführlich.

Tabletten per Berechtigungsschein

„Je nachdem wie das genaue Szenario aussieht, haben wir ganz große Zweifel, dass wir es schaffen, Iodtabletten rechtzeitig zu verteilen“, befürchtet Markus Kremer. Er ist als Verteilungskoordinator für die Ausgabe zuständig. Ausgabestellen müssten umgehend eingerichtet werden, „und das in einer Zeit, wo nicht nur geringe Unruhe entsteht“.

Deshalb hat sich Aachen entschieden, allen Bezugsberechtigten, sprich Bürgerinnen und Bürgern bis 45, kostenlos Tabletten mit nach Hause zu geben. Personen bis einschließlich 12 Jahren erhalten eine Tablette. Jugendliche, Erwachsene, Schwangere und Stillende bekommen zwei Tabletten. Über das Bürgerportal erhalten Berechtigte nach Angabe ihrer Daten einen Bezugsschein für öffentliche Apotheken.

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Die Bevölkerung beschwichtigen

Geht es tatsächlich nur um vorbeugenden Katastrophenschutz? „Unsere Absicht ist, uns so gut es geht auf den atomaren Ernstfall vorzubereiten“, so Kremer. „Dass die Diskussion um eine Schließung von Tihange dadurch befördert wird, ist ein positiver Nebeneffekt.“

Joachim Funke, ein Psychologe aus Heidelberg, ergänzt: „Mit der Verteilung von Jodtabletten erhöht sich die Risikowahrnehmung der Bevölkerung, weil die Behörden ja offensichtlich den Eindruck haben, dass sie ihre Strategie ändern müssen.“ Je nach Typ reagieren die Menschen unterschiedlich auf die Situation: Die einen würden mehr grübeln, die anderen meinten, sie hätten mit den Jodtabletten alles unter Kontrolle. „Aber das ist nur eine Scheinkontrolle. Denn mit den Jodtabletten habe ich ja nicht wirklich Kontrolle über das Geschehene“, so Funke weiter.

Die Apothekerkammer Nordrhein (AKNR) versucht indes, Einwohner objektiv zu informieren. „Hochdosierte Kaliumiodid-Tabletten (…) sind keine universell wirksamen, risikoarmen Strahlenschutztabletten“, heißt es in einer Mitteilung. Die Präparate böten keinen Schutz gegen andere Nuklide wie Caesium-137, Strontium-90 oder Plutonium. Gleichzeitig warnen Apotheker vor der unbedachten Einnahme ohne Aufforderung: „Die Arzneimittelrisiken einer hochdosierten Kaliumiodid-Gabe sind um ein Vielfaches höher als die Jod-Supplementation zur Prophylaxe bzw. Behandlung einer Jodmangelstruma.“

17 Wertungen (4.82 ø)

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13 Kommentare:

Gast
Gast

fast alle Beiträge zu diesem Thema laufen an der Kernfrage vorbei…
Warum untaugliche Maßnahmen (scheinbare Prophylaxe) betreiben aber schlichtweg die ” einzige ursächliche” Lösung vertuschen. Die gesamte Nutzung der Kernenergie muss eliminiert (abgeschafft ) werden, da die Menschheit diese, wie auch andere, Technologien schlichtweg weder umweltverträglich noch risikoarm für die Menschheit je beherrschen wird. Punkt .. Wissenschaftler die aus Eigennutz die Menschheit immer wieder hinter`s Licht führen müssen zwingend in die Wüste geschickt werden….zum Meditieren….
Klingt zwar technikfeindlich, jedoch Technologien die wie die Nutzung der Atomkraft , strahlenden Abfall produzieren, für den nicht mal Endlager existieren, sind ” kriminell “. Punkt.

#13 |
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Gast
Gast

Die Iodprophylaxe im Raum Aachen ist bei aktueller Windstärke vermutlich unwirksam. Sinnvoller wäre die Ausstattung in Gebieten östlich des Rheins. Für die Region um Aachen ist sie nicht nur nutzlos, sondern schadet vielmehr dem Sicherheitsgefühl in der Bevölkerung. Was das jetzt mit Pharmabashing (#9) oder Kauderwelsch (#8) zu tun hat, entzieht sich meiner Kenntnis.

#12 |
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Alit
Alit

Strom SPAREN. AKWs abschalten. Das geht mit ein bisschen gutem Willen tatsächlich. Wir brauchen keine Christbaumbeleuchtungen, müssen mit Strom nicht heizen, können auch TXT-Mails anstatt HTML-Mails schreiben (würde geschätzt weltweit den Strom einsparen, den ungefähr ein AKW produziert) usw. Beim Strom kann im Gegensatz zu anderen Dingen tatsächlich richtig gespart werden.

#11 |
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Manfred L. DIETWALD, Apotheker
Manfred L. DIETWALD, Apotheker

Wer denkt schon an die gerne naschenden Kleinkinder, die bei der Entdeckung “vergessener” Tabletten gern mal ausprobieren und sich hineinsteigern, weil keine Nebenwirkungen? Die Tabletten erhalten wegen der dringlichen Notsituation wohl keinen komplizierten Lagerplatz.

#10 |
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marina geyer
marina geyer

Super!! Die Industrie lacht sich mal wieder ins Fäustchen… wie beim Abgas wird nicht an der Ursache gearbeitet oder abgeschaltet, sondern den Menschen die Gesundheit vorsätzlich geschädigt, damit weiterhin ein Riesenprofit gemacht werden kann. Jetzt kommt noch die Pharma hinzu, bei den Spätfolgen ein Supergeschäft.

#9 |
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Gast
Gast

#1 Exakt derartige Artefakte Pathogenesen stelle ich mir auch vor. Danke für einen kurzen fachlichen Beitrag Frau Dr. Nowakowski!!!
Die Altertümliche (Iod-Blockaden Nummer) ist in etwa mit Omas stumpfer Beulen Traumatherapie und dem kalten Löffel , vergleichbar….
Erst im 21. Jahrhundert Umwelttoxine mit COPD Schwerpunkt kollateraler Tragweite aus Wirtschaftlichen Erwägungen – dann Atomare Risks ( incl. 30 Jahre A-Test) reichen scheinbar nicht.
Zwischendurch heruntergetürkte Lebensmitteltoxine, Haus gezüchtete Gram-Pos./negative Sparpoltische Konsequenzen – Seuchenrückkehr a ´la 19./20. Jahrhundert…etc
Aktueller 2017 NC – Medstudium 1,0 ( „ leider nur „ Notfallsanitäterausbildung möglich) ENTSCHULDIGUNG Dieses Land ist ein einziges Irrenhaus und wird am 24.09 neu Saniert !!!!!!

#8 |
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Frau im Gesundheitswesen
Frau im Gesundheitswesen

Ist das nicht so ähnlich wie sich unter dem Tisch verstecken, wenn eine Atombombe gezündet wird?

#7 |
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“Deshalb hat sich Aachen entschieden, allen Bezugsberechtigten, sprich Bürgerinnen und Bürgern bis 45, kostenlos Tabletten mit nach Hause zu geben. Personen bis einschließlich 12 Jahren erhalten eine Tablette. Jugendliche, Erwachsene, Schwangere und Stillende bekommen zwei Tabletten.”

Wenn man über 45 ist, bekommt man also keine kostenlosen Tabletten mehr, weil sich dann Prophylaxe schon nicht mehr lohnt, oder wie soll man das verstehen?

#6 |
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Joachim Bedynek
Joachim Bedynek

Ich bitte um Information zur quantitativen Jodaufnahme mittels einer Jodtablette versus einer Jod-Kontrastmittelgabe bei einer Coronarangiographie versus Jodierung von Kochsalz, versus wöchentlichem Verzehr von Seefisch – Danke.

#5 |
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Gast
Gast

Wer mal “Iodine: Why you need it and why you can´t live without it” von David Brownstein oder “The Iodine crisis” von Lynne Farrow gelesen hat, wird sich über die Menge Jod nicht aufregen. Ich nehme seit Jahren täglich an die 15 mg als Lugolsche Lösung und erfreue mich bester Gesundheit. Manche vermeintlich altersbedingten Hautveränderungen sind mit Jod rückläufig.

#4 |
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Apotheker

Der Verwaltungsaufwand ist jedenfalls enorm. Ein nicht genanntes “Hindernis” für die Bevölkerung: Einfach online geht´s nur mit E-Personalausweis, einer App und einem Kartenleser für den Ausweis. Ansonsten Zeit für einen Behördengang einplanen …

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Schwesternhelferin
Schwesternhelferin

Sinnvoller wäre es mE den Bürger auf die Informationen vom Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe aufmerksam zu machen. Im kalten Krieg war es für die Überlebenden des 2. Weltkrieges (und auch oftmals des 1. WK) selbstverständlich, sich mit Wasser, Essen, Decken, Kerzen, Batterien und Kurbelradio einzudecken. Dazu kommen ggf. Medikamente, Spezialnahrung, Babynahrung usw.

#2 |
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Was bitte ist das denn? Wem dient die hochdosierte Jodeinnahme? Sollen Hyperthyreosen und Basedow gefördert oder Angst erzeugt werden?

#1 |
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