Allo, allo…allopurinol

21. Juli 2010
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Das seit 40 Jahren eingesetzte Gichtmedikament Allopurinol kann offenbar mehr als angenommen: Es senkt nicht nur das kardiovaskuläre Risiko, indem es die stabile Angina pectoris lindert, es verlangsamt auch die Progression chronischer Nierenerkrankungen.

Die Wirksamkeit von Allopurinol bei der Hyperurikämie beruht auf der Hemmung des Enzyms Xanthinoxidase, das Purine aus der Nahrung zu Harnsäure abbaut. Die Bildung von Harnsäure und Harnsäurekristallen wird unterbunden, sodass sich diese nicht mehr an den Gelenken ablagern können. Typische Gelenkentzündungen und damit verbundene Schmerzen bleiben aus. Doch das Ganze ist nicht immer nebenwirkungsfrei (DocCheck berichtete).

Höhere Belastbarkeit bei Angina pectoris

Jetzt aber punktet der günstige Wirkstoff auch noch bei anderen Erkrankungen: Etwa bei Patienten mit stabiler Angina pectoris, fanden der Kardiologe Allan Struthers der Universität von Dundee in Angus, Großbritannien, und Kollegen heraus. Wie vorab online im Journal Lancet berichtet, erhöhte hoch dosiertes Allopurinol die körperliche Belastbarkeit bei Studienteilnehmern mit angiographisch nachgewiesener koronarer Herzkrankheit.

65 Patienten hatten sechs Wochen lang täglich 600 mg Allopurinol oder Plazebo erhalten. Anschließend wechselte das Therapieregime beider Gruppen gegenseitig, sodass alle Teilnehmer beide Behandlungen erhielten. Unter der hoch dosierten Allopurinolbehandlung verlängerte sich die durchschnittliche Zeit bis zu ST-Senkung bei Belastung von 232 Sekunden auf 298 Sekunden. Unter Plazebo ließ sich ebenfalls eine Wirkung feststellen, die Zeit verlängerte sich auf 249 Sekunden. Die absolute Differenz zwischen Plazebo und Allopurinol betrug 43 Sekunden. Allopurinol steigerte die Dauer der Schmerzfreiheit von initial 234 Sekunden auf 304 Sekunden (Plazebo 272 Sekunden). Auch die durchschnittlich mögliche Belastungszeit ließ sich verlängern.

Wie ist das möglich? Die Struktur der Harnsäure benötigt Sauerstoff. Da Allopurinol die Harnsäurebildung unterdrückt, wird weniger Sauerstoff für dessen Entstehung verschwendet. Sauerstoff steht dann wiederum vermehrt dem Herz zu Verfügung – so die Theorie.

Nierenkranke profitieren

Ihr Herzrisiko reduzieren können auch chronisch nierenkranke Patienten, wenn sie Allopurinol erhalten. Das ist aber längst nicht alles. Auch Entzündungsparameter lassen sich senken und die Progression des Funktionsverlusts der Nieren verlangsamen, konnten der Spanier Marian Goicoechea und sein Team vom Hospital General Universitario Gregorio Maranon in Madrid in einer Studie belegen.

In der spanischen Studie hatten 113 Patienten mit einer Glomerulären Filtrationsrate (GFR) unter 60 mg/min entweder 100 mg Allopurinol täglich erhalten oder ihre gewöhnliche Medikation beibehalten. Nach dem zweijährigen Untersuchungszeitraum waren Serumharnstoffwerte und der Entzündungsmarker C-reaktives Protein bei mit Allopurinol behandelten Patienten signifikant abgefallen. Unabhängig von Alter, Geschlecht, Diabeteserkrankung, Serumwerten des reaktiven Proteins, einer Albuminurie und der Einnahme von Renin-Angiotensin-System-Blockern wiesen Studienteilnehmer mit Allopurinoltherapie eine verlangsamte Progression ihrer Nierenerkrankung auf, während sich die Nierenfunktion bei Patienten der Kontrollgruppe verschlechterte.

Darüber hinaus reduzierte die Allopurinolbehandlung das kardiovaskuläre Risiko, das bei nierenkranken Patienten ein großes Problem darstellt. Gegenüber Patienten mit Kontrollbehandlung traten zu 71 Prozent weniger kardiovaskuläre Ereignisse auf. Das Hospitalisationsrisiko sank um 62 Prozent.

Allopuriol: Billig und erprobt

Die Ergebnisse beider Studien sind viel versprechend. Allopurinol wäre für viele Patienten möglicherweise nicht nur eine kostengünstige, sondern auch sichere, weil bereits lange Zeit erprobte Therapieoption. Allerdings sind die Patientenzahlen beider Studien zu gering, um derzeit eine endgültige Beurteilung des möglichen Nutzens von Allopurinol bei Herz- und Nierenkranken zuzulassen.

128 Wertungen (4.11 ø)
Medizin, Neurologie

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4 Kommentare:

Das Kommentar des Kollegen Bangert finde ich sehr zutreffend. Das Allopurinol hat auserdem eine vergleichsweise sehr hohe Komplikationsrate in Form des (potenziell lebensbedrohlichen) Stevens-Johnson-Syndroms (Erythema exsudativum multiforme).

#4 |
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Zahnarzt

Ich kann nur von mir berichten: ich habe zu hohen Blutdruck und erhöhte Harnsäurewerte (gehabt). Durch die Einnahme von 300 mg Allopurinol p.d. ist bei mir der Blutdruck um über 10mmHg gesunken, sodaß ich auf HCT nun verzichten kann und trotzdem meine Blutdruckwerte wieder im Normalen (ca. 130/70) sich bewegen. Offensichtlich wird dem aber in der Kardiologie wenig Aufmerksamkeit geschenkt, jedenfalls ist im Internet dazu sehr wenig zu finden.

#3 |
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Der Artikel zielt u.A. sicher auf die Frage ab, ob eine Hyperurikämie so etwas wie ein kardiovaskulärer Risikofaktor ist. Allerdings haben sich die Fachgesellschaften, nicht ohne Grund, bereits eine Meinung dazu gebildet. Dazu könnte man beispielsweise noch einiges schreiben…

Der Zusammenhang zwischen Progress einer Niereninsuffizienz (bei welchen Grundkrankheiten???) und der Allopurinol-Einnahme erschließt sich mir nicht. Eventuell gibt es auch andere empirische Daten? Sind die gemessenen Marker überhaupt aussagekräftigt? Handelt es sich vielleicht um ein Epi-Phänomen? Warum wurde nicht das Kreatinin, als anerkannter verlässlicher Marker gemessen, oder die GFR?

In jedem Fall ist das Nutzen Risiko-Verhältnis bei Allopurinol geradezu berüchtigt! Eine Neue Erkenntnis muß sicher in diesen klinischen Zusammenhang eingereiht werden. erst dann wäre eine sinnvolle für und Wider-Abwägung möglich!

#2 |
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Dr. med. Otto P. Happel
Dr. med. Otto P. Happel

Sehr guter Artikel

#1 |
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