Versandapotheken: Surfen auf der Trendwelle

12. Juli 2013
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Die Nase dicht am Wind: Der Kongress „Arzneimittelversandhandel: Von neuen und alten Märkten“ des BVDVA präsentierte aktuelle Trends. Die Branche blickt optimistisch in die Zukunft, obwohl vieles im Umbruch ist. Präsenzapotheken haben schließlich noch ein Wörtchen mitzureden.

Wer sitzt an der Maus? Das sollte eine neue Studie an den Tag bringen. Marktforscher der Bonsai GmbH befragten jetzt 500 Personen, repräsentativ nach Alter, Geschlecht und Wohnort verteilt. Rund 35 Prozent hatten in den letzten Jahren mindestens einmal Medikamente im Netz bestellt. Unterschiede zwischen den Geschlechtern gab es nicht. Bemerkenswert: Mittlerweile sind 32 Prozent aller Online-Kunden um die 60 oder darüber, dicht gefolgt von den Altersgruppen 40 bis 49 (20 Prozent), 50 bis 59 (17 Prozent) und 30 bis 39 (15 Prozent). „Die Studie zeigt, dass die Generation 60+, die sogenannten „Silver-Surfer“, wesentlich internetaffiner ist, als gemeinhin angenommen wird, kommentiert BVDVA-Chef Christian Buse.

Präsenzapotheken: So nah und doch so fern

Kunden von Versandapotheken kommen besonders häufig aus Nordrhein-Westfalen (22 Prozent), Baden-Württemberg (17 Prozent), Bayern (13 Prozent) und Hessen (9 Prozent). Genauer nachgefragt, wohnen sie oft in Kleinstädten (19 Prozent) beziehungsweise mittelgroßen Städten (16 Prozent) – und zwar eher am Stadtrand (36 Prozent) als im Stadtzentrum (27 Prozent) oder auf dem Land (24 Prozent). Wer bei diesen Zahlen an lange Wege zur nächsten Apotheke denkt, wird bitter enttäuscht: Bei 15 Prozent aller Online-Shopper war die nächste Präsenzapotheke weniger als 250 Meter entfernt. Weitere 26 Prozent mussten maximal einen Kilometer zurücklegen, und 27 Prozent gaben höchstens zwei Kilometer an. Bleibt die Frage nach ihren Beweggründen.

Gute Preise – gute Lieferung

Hier nannten die meisten Studienteilnehmer primär monetäre Aspekte. Buse: „Das zeigt, dass die Verbraucher den Preis als Wettbewerbselement sehr wohl akzeptiert haben und nachfragen.“ Sie schätzten ebenfalls, Präparate bis an die Haustüre geliefert zu bekommen. Da Online-Kunden jeden Tag, aber zu verschiedenen Zeiten, im Netz aktiv sind, gelten Einkaufsmöglichkeiten rund um die Uhr als willkommene Dienstleistung. Darüber hinaus traten überraschende Erkenntnisse zu Tage: Diskretion beim Kauf von Intimprodukten spielt wider Erwarten keine Rolle mehr. Auch scheinen sich die Befragten für rezeptpflichtige Arzneimittel wenig zu interessieren. Zwar hatte knapp jeder Zweite schon mal Kassenrezepte eingelöst. Viele gaben jedoch an, nur OTCs zu ordern. Ein KO-Kriterium ist die lange Lieferzeit, sollten Akuterkrankungen behandelt werden. Kunden forderten zudem finanzielle Anreize – 42 Prozent stimmten der Aussage, es sollte bei verschreibungspflichtigen Präparaten Rabatte geben, voll und ganz zu. Weitere Hinderungsgründe waren die fehlende Beratung durch Apotheker sowie komplizierte Bestellvorgänge beim Online-Store. Bleibt natürlich ein gewisser Mitnahmeeffekt: Wer OTCs im Netz bestellt, löst häufig seine Rezepte gleich mit ein. Kunden sind keineswegs auf einen einzigen Vertriebsweg fixiert, berichten die Marktforscher weiter. Forscher befragten 229 Apothekenkunden, die speziell ein OTC-Analgetikum benötigten. Von ihnen erwarben 115 ihr Schmerzmittel in öffentlichen Apotheken, während 114 in einer Versandapotheke bestellten. Onlineaffine kauften trotz ihrer Präferenz 37 Prozent aller Medikamente vor Ort, so die Erkenntnis.

Ungebrochenes Wachstum

Aus wirtschaftlicher Sicht sind OTCs der klare Schwerpunkt von Versandapotheken. Dr. Kai Kopperschmidt und Bernd Wilhelm hatten bereits in 2012 extrapoliert, wie sich entsprechende Umsätze weiterentwickeln könnten. Als Grundlagen sahen die Forscher einerseits immer stärkere Preisvorteile gegenüber Präsenzapotheken und andererseits ein leichtes Wachstum des Onlinehandels generell. Darüber hinaus sei die gesamtwirtschaftliche Lage vorsichtig optimistisch zu beurteilen, hieß es. Für Versandapotheken bedeutet das mögliche Umsatzsteigerungen von plus 66 Prozent bis 2015 und plus 110 Prozent bis 2020, gemessen am Niveau des Jahres 2010. Zwar befasste sich die Simulation nicht mit Rx-Präparaten. Nach dem Wegfall entsprechender Boni rechnen Experten aber mit einer stärkeren Verschiebung dieses Segments hin zu Präsenzapotheken. Ralf Vogt von IMS Health knüpfte hier mit aktuellen Wirtschaftszahlen an. Während Präsenzapotheken in 2012 bei Präparaten zur Selbstmedikation ein Plus von 1,1 Prozent erzielten, kam der Versandhandel auf plus 9,1 Prozent. Kunden erwerben mittlerweile jedes zehnte rezeptfreie Präparat im Web, bei OTCs sind es sogar zwölf Prozent. Besonders hohe Marktanteile haben Internetapotheken bei rezeptfreien Herz-Kreislauf-Präparaten (18 Prozent des Gesamtmarkts) sowie bei rezeptfreien Medikamenten zur Therapie von Blasenerkrankungen beziehungsweise Erkrankungen der Geschlechtsorgane (15 Prozent). Verordnete OTCs spielen hier keine nennenswerte Rolle. Jedoch entpuppen sich Kosmetika und sonstige Produkte zur Körperpflege als treibende Kraft mit 14,7 Prozent Umsatzzuwachs im ersten Quartal 2013, während Präsenzapotheken in diesem Segment lediglich auf plus 2,9 Prozent kamen.

Märkte im Umbruch

Inhaber von Präsenzapotheken werden auf diese Trends reagieren, das ist klar. Sie könnten ihre Werbeaktivitäten im Print- und Online-Bereich steigern, entweder mit klaren Botschaften zur Qualität – oder mit Preisbotschaften über Discountapotheken. Unterstützende Konzepte an der Schnittstelle von Offizin, Arztpraxis und Internet kommen laut Vogt noch hinzu, beispielsweise Ordermed oder Dedendo. Auch hier ist nicht alles Gold, was glänzt: Nach wie vor sorgt die die neue Apothekenbetriebsordnung für große Unsicherheit. Inhaber fragen sich, was unter Botendiensten „im Einzelfall“ (ApBetrO, § 17) zu verstehen sei und wie sie in diesem Zusammenhang entsprechende Plattformen zu bewerten hätten. Demgegenüber stehen ein wachsendes Vertrauen in Web-Lösungen sowie ein zunehmender Anteil älterer – aber gleichermaßen online-affiner – Menschen. Versandapotheken haben ihrerseits neue Trümpfe im Ärmel: Mit Logistikzentren könnte es gelingen, Lieferzeiten zu verkürzen und Präparate für Akuttherapien rascher zu liefern, anfangs vielleicht nur in großen Ballungsräumen. Neue Bonifizierungsmöglichkeiten bei verschreibungspflichtigen Präparaten sowie eine Lockerung des Fremd- und Mehrbesitzes erwartet derzeit niemand.

Eine Übersicht aller Vorträge aus 2013 findet sich hier.

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