Vitamin C – das neue Zytostatikum?

18. September 2017
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Vor mehr als 50 Jahren untersuchte der Chemiker Linus Pauling Ascorbinsäure mit der Vermutung, hohe Dosen des Vitamins könnten prophylaktisch gegen Krebs wirken. Beweise dafür konnte er jedoch nie liefern. Jetzt gibt es Hinweise, die Paulings Annahme bestätigen.

Linus Pauling

Linus Pauling © Library of Congress

Zeit seines Lebens wurde der Chemiker Linus Pauling (1901 bis 1994) gleichermaßen bewundert und kritisiert. 1954 erhielt er den Chemie-Nobelpreis für Modelle zur chemischen Bindung. Der Friedensnobelpreis folgte 1963 aufgrund seines Engagements gegen Atomwaffentests. Pauling sah in Vitamin C ein Wundermittel gegen Krankheiten von Krebs bis hin zu Erkältungen. Jahrelang nahm er 18 Gramm pro Tag ein, das 300-Fache der empfohlenen Menge. Trotzdem starb Pauling an einem Prostatakarzinom. Seine Veröffentlichungen zum Thema galten lange Zeit als überholt. Zwei neue Studien zeigen, dass der Forscher ansatzweise vielleicht doch Recht hatte.

Ascorbinsäure: Mäuse machen‘s selbst

Michalis Agathocleous und Sean Morrison vom University of Texas Southwestern Medical Center zeigen jetzt, welchen Effekt Ascorbinsäure auf Stammzellen hat. Menschen haben im Laufe der Evolution die Fähigkeit verloren, Ascorbinsäure per Biosynthese herzustellen. Im Unterschied dazu produzieren Mäuse Vitamin C über die Zwischenstufe Gulonsäure selbst. Die letzten Schritte laufen unter Katalyse von L-Gulonolactonoxidase ab:

Biosynthese Ascorbinsaure

L-Gulonsäure (1) wird unter dem katalytischen Einfluss einer Glucono-Lactonase (A) zu L-Gulonolacton (2) umgewandelt. L-Gulonolactonoxidase (B) katalysiert die selektive Oxidation des L-Gulonolacton zu 2-Keto-L-Gulonlacton (3a), das sich zur Ascorbinsäure (3b) umlagert © Yikrazuul / Wikipedia

Bislang war bekannt, dass Stammzellen hohe Mengen an Ascorbinsäure aufnehmen. Um zu bestimmen, ob das Molekül für deren Funktion wichtig ist, arbeiteten Agathocleous und Morrison mit transgenen Nagern, denen L-Gulonolactonoxidase fehlte. Damit generierten sie einen Mangel, wie er bei etwa fünf Prozent aller Menschen zu finden ist. Sie erwarteten Einschränkungen der Stammzellaktivität. Doch genau das Gegenteil trat ein: Es kam zur verstärkten Proliferation.

Ein Suppressor namens TET2

„Stammzellen verwenden Ascorbat, um die Häufigkeit chemischer Modifikationen an der DNA zu regulieren, die Teil des Epigenoms sind“, erklärt Agathocleous. „Falls Stammzellen nicht genug Vitamin C erhalten, kann das Epigenom in einer Weise beeinträchtigt werden, dass sich das Risiko von Leukämien erhöht.“

Wenig Ascorbat hemmt den Tumorsuppressor TET2 (Tet methylcytosine dioxygenase 2). TET2 wiederum kontrolliert über epigenetische Mechanismen die Aktivität von Genen und damit auch die erwünschte Zerstörung von Stammzellen.

Diese Erkenntnis ist vor allem bei Senioren relevant: Mit steigendem Lebensalter treten erworbene Mutationen immer häufiger auf. Diese treten bei jeder zehnten Person über 65 Jahren auf. Morrison: „Eine der häufigsten Mutationen bei Patienten mit klonaler Hämatopoese ist der funktionale Verlust einer Kopie von Tet2. Unsere Ergebnisse deuten darauf hin, dass Betroffene 100 Prozent ihrer täglichen Vitamin C-Dosis bekommen sollten.“ Damit gelinge es, die verbliebene Tet2-Tumor-Suppressor-Aktivität zu maximieren, um sich vor Krebs zu schützen.

Im nächsten Schritt hat Luisa Cimmino vom Laura & Isaac Perlmutter Cancer Center der NYU School of Medicine spezielle transgene Mäuse hergestellt. Bei den Tieren konnte Cimmino das TET2-Gen ein- oder ausschalten.

Ohne aktives TET2 entwickelten sich tatsächlich Leukämien. Gab Cimmino aber exorbitant hohe Mengen an Vitamin C, blieben die Nager gesund. Ascorbat aktiviert Gene, die unerwünschte Proliferationen von Stammzellen verhindern. Damit, so Cimmino, könne Vitamin C durchaus eine protektive Wirkung haben. Aufgrund der begrenzten Resorption arbeitete sie mit Infusionen, was ihre Methode stark einschränkt.

Gaben Forscher zusätzlich PARP-Inhibitoren, konnten sie die Wirkung von Vitamin C deutlich verstärken. Zum Hintergrund: PARP-Inhibitoren hemmen das Enzym Poly-ADP-Ribose-Polymerase (PARP). Es kommt zu Doppelstrangbrüchen in der DNA. Außerdem gehen Zellen zugrunde. Bislang wurde nur Olaparib als Vertreter dieser Wirkstoffklasse bei BRCA1/2-positiven Mammakarzinomen zugelassen. Neue Veröffentlichungen deuten darauf hin, dass die Moleküle auch bei Mutationen in weiteren anderen für die DNA-Reparatur wichtigen Genen von Bedeutung sein könnten.

Die Sache mit den Nebenwirkungen

Die Arbeiten von Agathocleous und Morrison sowie Cimmino zeigen grundlegend neue Mechanismen auf. Ob sich alle Ergebnisse vom Tiermodell auf den Menschen übertragen lassen, ist derzeit offen. Hinzu kommt, dass Krebspatienten aufgrund der Schwere ihrer Krankheit Nebenwirkungen meist eher akzeptieren. Ob man gesunde Menschen unnötigen Risiken aussetzen sollte, ist mehr als fraglich. Dazu gehört vor allem die gut untersuchte Assoziation zwischen Ascorbinsäure und Nierensteinen.

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Bildquelle: gbohne, flickr / Lizenz: CC BY-SA
Forschung, Pharmazie

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17 Kommentare:

Wissenschaftliche Mitarbeiterin (für klinische Studien)

@Dr. med. Horst Wolcke
Mediziner gehen meist davon aus, dass ihre Patienten zu ihnen kommen, weil die klassischen Heilmittel nicht geholfen haben.
Tatsächlich brauchen Patienten heute, trotz bzw. wegen der großen Informationsflut, oft “nur” Hinweise zur Ernährung.
Das Wissen um gesunde Ernährung ist in der Bevölkerung leider nicht weit verbreitet.

#17 |
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Gast
Gast

Gibt es irgendwo belastbare wissenschaftliche Erkenntnisse, die man sich evidenzbasiert zu Gemüte führen kann?

#16 |
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Gast
Gast

Habe bei meiner Mutter bei einer Postzosterneuralgie eine hundertprozentige Schmerzfreiheit innerhalb von 2 Wochen mit einer 3 x Infusion von jeweils 5 g erreicht.
Amitriptylin und Tramal waren erfolglos

#15 |
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Gast
Gast

Herr Augenarzt, infundierenSie doch einfach einen Smoothie! Gibt’s doch überall

#14 |
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Zahnarzt

Aus eigener Erfahrung: wegen einer Cystinurie nehme ich seit über 30(!) Jahren 3000mg Vitamin C und Uralyt-U 7,5g/die. Bin jetzt 67 Jahre alt und habe seitdem keine Steine mehr gehabt, weder Cystin- noch Ascorbinsäuresteine!
Joachim Held, Zahnarzt
PS: Schweine sollen 10g Vitamin C am Tag produzieren, würde die Natur einen so hochenergetischen Vorgang einrichten, wenn nur ein Bruchteil davon benötigt würde???

#13 |
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Wer beantwortet bitte die Frage – wie hoch muß die Vit C Dosierung in einer Infusion sein und wie schnell muss sie tropfen , um hochdosiert ( davon gehe ich aus , denn enteral mit magensaftresistenten Kapseln ist die Dosis wohl nicht zu schaffen ) in einer messbaren Zeiteinheit in die Zellen zu gelangen – das wäre doch erstmal eine pharmakologische Grundlage , bevor man ironischer weise über Orangen nachdenkt .
Dr.med. Horst Wolcke , Augenarzt

#12 |
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Dr. med. Susanne Bihlmaier
Dr. med. Susanne Bihlmaier

Kleiner Hinweis: Eine Kiwi oder rote Paprika enthalten deutlich mehr Vitamin C als Citrusfrüchte. Man kann ja schon mal damit anfangen, oder? Nützen, was bekannt ist und dabei auch noch genießen….

#11 |
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Gast
Gast

Linus Pauling war auch der jenige der sagte, um seinen Vit C Bedarf zu decken sollte man 200 Apfelsinen essen. Viele Wissenschaftler haben sich darüber lustig gemacht. Doch könnten viele Krankheiten geheilt werden und vielleicht erst nicht entstehen, wenn die Mangelerscheinungen diagnostiziert würden. Prophylaxe ist schon immer besser als die Heilung. Beispiel Patient mit kardialen Arrhythmien bekommet Betablocker. Im Serum Hypokaliämie und bekommt Kalinor. Warum sagt keiner zu ihm das er erstmal 2 Bananen essen sollte pro Tag. Diese sind nicht nur kostengünstiger sondern auch gesünder.
Bei jedem Arztbesuch sollte als erstes eine Nährstoffanalyse durchgeführt werden und erst danach kann man sich über Medikamente entscheiden. Vitamine haben auch keine Nebenwirkung. Zu überlegen ist auch noch, wie gesund sind unsere Nahrungsmittel noch? Sind dort eigentlich noch Vitamine drin?

#10 |
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Anja
Anja

Warum muss es immer die krasse Chemie sein? Möglicherweise sind mangelzustände der Auslöser für so manche chronische Krankheit. Also erstmal rausfinden, was dem Patienten fehlt, den mangelzustand beheben und danach kann man immer noch Chemie geben.

#9 |
  9

Wir reden ja hier über bewusste Überdosierungen eines Stoffes, der renal ausgeschieden wird, weil wasserlöslich.
Ob krasse Überdosierungen (wie bei allen Substanzen) wirklich sinnvoll sind, ist fraglich. Eine gute, vielleicht auch leicht überdosierte Versorgung mit Vit. C ist sicher nicht verkehrt. Linus Pauling ist 93-jährig an einem Prostata-Ca. verstorben, wie berichtet wird. Das ist nicht ungewöhnlich. Er hatte aber offenbar keine Nierensteine. Mit 93 darf man, denke ich, auch mal abtreten, so traurig, wie es ist. Ich kann es nicht belegen, aber ich denke nicht, daß Herr Pauling sämtliche altersbedingte Malignome ausschalten wollte. Man muß ja nicht 18 g an Vit. C./die einwerfen. 1000 mg sind eine realistische Alternative.

#8 |
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FriendlySceptic
FriendlySceptic

Diese Betrachtungen auf der molekularen Ebene sind sicher nicht uninteressant. Der Sprung zu Linus Paulings Postulaten erscheint jedoch einfach zu weit.

Zellmolekulare Strukturuntersuchungen an Mäusen sind das eine, langfristige Kohortenbeobachtungen mit dem Endpunkt “Sterblichkeitsrate” sind aber etwas ganz anderes – nämlich mulitfaktoriell. Die bisherigen Studien zur Gabe von Vitamin C bei Krebserkrankungen konstatierten Verbesserungen der Lebensqualität (insbesondere, wenn andere, stärker belastende Begleitmedikationen ersetzt wurden) in bestimmten Krankheitsphasen, aber keine direkte Auswirkung auf die Malignität als solche (selbst diese Aussage muss sehr differenziert betrachtet werden) – https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC4199254/.

Hätte die Fähigkeit von Mäusen, zellulär Ascorbinsäure selbst zu produzieren, signifikante Auswirkungen auf Krebsentstehung im Unterschied zum Menschen,würde dies zudem viele Fragen zu den Testreihen in der Krebsforschung aufwerfen, die gern bis bevorzugt an Mäusen stattfinden.

David Gorski zum Thema, sehr fundiert, wenn auch nicht explizit auf die hier besprochenen Untersuchungen bezogen: https://sciencebasedmedicine.org/high-dose-vitamin-c-and-cancer-has-linus-pauling-been-vindicated/

#7 |
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Gesundheits- und Krankenpflegerin

Aus persönlicher Erfahrung-Ovarial Ca, IIIc, Im 2. Jahr Post Op+ Chemo, TM CA 12,5 Anstieg Von 30 auf über 100. Entscheidung fuer bis auf 90g Vit C hochdosiert, nach Infusionsschema. Nach 30 Tagen CA 12,5 auf 25 runter. Fuer ca. 6 Monate. Vertraeglichkeit sehr gut.

#6 |
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Dr. rer. nat. Karl-Albert Rinast
Dr. rer. nat. Karl-Albert Rinast

Ich finde das Ganze schlicht hochspekulativ.

#5 |
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Natürlich braucht man Ascorbinsäure für verschiedene Zwecke (v.a. für das Bindegewebe), aber doch keine Überdosen a la Pauling. Ganz normale Dosen sollten genügen, um diese Wirkungen an Zellen zu erreichen.

#4 |
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Apothekerin

Sehr interessanter Artikel

#3 |
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Mitarbeiter von DocCheck

Lieber Gast,

Olaparib ist beim Ovarialkarzinom zugelassen. Beim Mammakarzinom handelt es sich um einen Off-Label-Use.

Viele Grüße,
die DocCheck Redaktion

#2 |
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Gast
Gast

Vielen Dank für den interessanten Artikel! Kleine Anmerkung: Olaparib ist beim BRCA1/2 positiven Ovarialkarzinom zugelassen, nicht beim Mammakarzinom.

#1 |
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