Seriensucht: Erst Cliffhanger, dann Durchhänger

7. September 2017
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Nur schnell noch eine weitere Episode der Lieblingsserie streamen und dann ab ins Bett. Was als guter Vorsatz den Fernsehkonsum am Abend begrenzen soll, funktioniert so leider in den wenigsten Fällen. Auf Dauer kann dies zu Schlafstörungen führen und Erkrankungen mit sich bringen.

Binge Watching: Das regelrechte Verschlingen mehrerer Episoden einer Serie nacheinander. Ein Trend, der sich besonders bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen verbreitet. Ganz ähnlich wie bei einer Essattacke (Binge-Eating-Störung) findet das Binge Watching häufig in den späten Abend- und Nachtstunden statt. Das bleibt ebenfalls nicht ohne Folgen.

Der Seriengenuss in Endlosschleife beschert vielen Betroffenen eine geringere Schlafqualität und eine verkürzte Schlafdauer bis hin zur Schlaflosigkeit. Video-on-Demand-Plattformen treiben so das Problem „Schlafstörung“ bei jungen Menschen nicht nur in den USA, sondern ebenso in Europa weiter an.

Die unendliche Geschichte

Serienformate sind meistens so angelegt, dass sie an einer besonders spannenden Stelle enden. Das animiert unweigerlich zum Klick auf die nächste Folge. Manche Streaming-Dienste spielen die folgende Episode sogar automatisch ab. Eine rationale Konsumkontrolle wird dadurch effektiv ausgeschaltet. Forscher untersuchten nun an 423 erwachsenen Probanden, welchen Effekt dieser unkontrollierte Serienkonsum auf die meist 18- bis 25-Jährigen haben könnte.

Die Daten der Studie wurden in Form einer Online-Umfrage ermittelt. Die Befragten mussten sich und ihr Verhalten selbst einschätzen. Die Forscher erhoben dabei mithilfe von Fragebögen die Dauer des Fernsehkonsums, die Schlafqualität (Pittsburgh Sleep Quality Index), allgemeine Ermüdungsanzeichen (Fatigue Assessment Scale), Anzeichen für Schlaflosigkeit (Bergen Insomnia Scale) sowie den Erregungszustand der Probanden vor dem Schlafengehen (Pre-Sleep Arousal Scale). Letztere Skala erfasst zum Beispiel körperliche Anzeichen für Erregung, wie Herzrasen, und kognitive Signale, wie die Aktivität im Sinne von geistiger Ruhelosigkeit.

Interessant ist, dass Männer in der Regel etwas seltener ihrem Serien-Heißhunger nachgaben. Taten sie es aber, konsumierten sie deutlich ungehemmter und länger als die Frauen. Die Serien binden den Zuschauer regelrecht an den Bildschirm. Man fiebert mit den Figuren mit und baut eine emotionale Bindung zu ihnen auf. Das kann dazu führen, dass das „Erlebte“ noch lange nachhallt und Entwicklungen oder spannende Inhalte noch nachträglich verarbeitet werden.

To be continued

Tachykardie, Gedankenkarussell und ein allgemeiner Zustand der Erregtheit stören nach dem Serienkonsum erst das Einschlafen und dann schließlich auch die Schlafqualität. Kommen solche Schlafstörungen über einen längeren Zeitraum regelmäßig vor, drohen ernste gesundheitliche Folgen, wie beispielsweise eine schlechtere Gedächtnisfunktion, Bluthochdruck oder kardiovaskuläre Erkrankungen. Wer nachts länger mitfiebert und auch mehr Kalorien über Snacks zu sich nimmt, erhöht zusätzlich noch das Risiko für Übergewicht.

Quelle:
Binge Viewing, Sleep, and the Role of Pre-Sleep Arousal.
Liese Exelmans et al., Journal of Clinical Sleep Medicine, doi: 10.5664/jcsm.6704; 2017

21 Wertungen (5 ø)
Bildquelle: jess2284, flickr / Lizenz: CC BY-SA

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3 Kommentare:

Dipl.-Inf.Wirt Michael Haaker
Dipl.-Inf.Wirt Michael Haaker

Früher haben wir ein spannendes Buch im Bett nicht aus der Hand legen können und sind total erschöpft und angespannt, aber zufrieden morgens um drei eingeschlafen.
Hin und wieder soll es sogar vorgekommen sein, das wir, ohne Rücksicht auf Kardiovaskuläre Risiken, bis zum Morgengrauen versucht haben uns gegenseitig in den “kleinen Tod” durch ausgedehnte Liebesspiele zu treiben. (Soll auch heutzutage noch immer, trotz allgemein sinkender Umfragewerte, einen gewissen Stellenwert einnehmen;-).
Alles lässt sich analysieren, optimieren, vermeiden oder stärker fokussieren.
Am Ende stellt sich die Frage, ob es nicht manchmal besser ist, momentane Lebensfreuden einfach auszuleben und zu genießen, die meisten der im Laufe eines Lebens neu auftretenden Verhaltensweisen unterliegen sowieso mehr oder weniger einem Wandel und verschwinden früher oder später von alleine um wieder anderen Mustern Raum zu geben.
Wie das Muster, jedem Verhalten sofort einen pathologisch klingendem Namen (binge xxx) zu verabreichen und schnell mal eine Therapie zu entwickeln.

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Gast
Gast

Und wiederum gibt es Menschen, die brennen für ihre Arbeit oder auch Berufung. Es ist ein tolles Gefühl gebraucht und geschätzt zu werden ,auch wenn es desweilen sehr stressig ist

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Gast
Gast

So ist das nun mal, wenn man dem Hamsterrad aus beruflichen Verpflichtungen nicht entfliehen kann (will?). Ich hab studiert und geh zur Zeit nur intermittierend arbeiten in einem Nebenjob. Andere Leute zeigen mit dem Finger auf mich nach dem Motto: “Du Versager.” Ich sage, ich habe Zeit für die Dinge, die ich wirklich tun will, anstatt tun muss. Ich muss nicht morgens um 5:30 Uhr aufstehen und zur Arbeit pendeln. Ich kann mir die neueste Folge bestimmter Serien problemlos nachts um 3 Uhr streamen. Andere Leute meinen, ich wäre unterpriviligiert. Ich sehe das anders: das machen zu können, was man will und wann man will, das bedeutet wirklich privilegiert sein.

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