Tinnitus: Antidepressivum verschafft sich Gehör

6. September 2017
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Millionen Menschen leiden weltweit an ständigen Ohrgeräsuchen. Tinnitus ist für Betroffene sehr belastend und kann enormen Einfluss auf die psychische Gesundheit nehmen. Neurowissenschaftler haben nun einen möglichen Zusammenhang zwischen Antidepressiva und Tinnitus gefunden.

Tinnitus beschreibt eine Störung, bei der Betroffene ohne externe akustische Reize Geräusche wahrnehmen. Weltweit leiden zwischen 10 und 15 Prozent der Bevölkerung unter ständigem Piepen, Klingeln oder Rauschen im Ohr. Die Ohrgeräusche sind für Betroffene stark belastend und können enormen Einfluss auf die psychische Gesundheit nehmen.

Antidepressiva keine gute Wahl bei Tinnitus

Ein Zusammenhang zwischen Tinnitus und Depression wurde schon länger diskutiert. Nebenwirkungen von Medikamenten zur Behandlung von Depressionen als Auslöser oder Verstärkung von Tinnitus wurden bisher jedoch nicht in Betracht gezogen.

Neurowissenschaftler der Oregon Health and Science University (OHSU) zeigten nun in einer Studie, dass ein erhöhter Serotoninspiegel und Tinnitus durchaus zusammenhängen könnten. Medikamente, die den Serotoninspiegel erhöhen sind z.B. Selektiven Serotonin-Wiederaufnahme-Hemmer (SSRI), die bei Angststöungen und Depression verschrieben werden.

Serotonin macht Neuronen sensibel

Das Team um Zheng-Quan Tang fand im Mausversuch heraus, dass ein erhöhter Serotoninspiegel zu einer Hypersensibilisierung von Neuronen im Nuclei cochleares führt. In diesem Hirnbereich kommt es zur ersten Umschaltung der Hörbahn. Laut Experten ist diese neuronale Schaltkreisstelle auch der Entstehungsort von Tinnitus.

Serotonin schwächt dabei Eingangssignale aus dem Ohr selbst ab, verstärkt aber gleichzeitig andere Sinnesreize. Die zusätzliche Hypersensibilität der Zellen, die beide Signaltypen im Nuclei cochleares zusammenführen, bewirkt, dass viel mehr Signale in die Hörbahn gelangen als bei einem regulärem Serotoninspiegel. Dabei handelt es sich um Signale, die gar nicht aus dem Ohr selbst kommen.

Keine Antidepressiva für Tinnituspatienten

Zwar wurde in der Studie nicht der Einfluss von SSRI auf Tinnitus untersucht. Laut Studienautoren sollten Ärzte bei Patienten, die ohnehin schon unter Ohrgeräuschen leiden, dennoch vorsichtig mit der Verschreibung von SSRI sein.

Quellen:

Study suggests serotonin may worsen tinnitus
Medical Xpress [06.09.2017]

Antidepressiva fördern wohl Störgeräusche im Ohr
Spektrum der Wissenschaft [05.09.2017]

28 Wertungen (4.32 ø)
HNO, Medizin, Psychiatrie

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2 Kommentare:

Gast
Gast

@#1
Wohl wahr.

Aber so simpel dürfte nicht jedes Antidepressivum gegen ein anderes ausgetauscht werden können. Die zugrundeliegende spezifische Depressions-Symptomatik ist ausschlaggebend für den Typus des einzusetzenden Antidepressivums. So würde ich einem unter Schwitzattacken leidenden, depressiven Patienten sicherlich nicht Reboxetin verabreichen wollen.

#2 |
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Angestellter Apotheker

Wobei es ja auch Antidepressiva gibt, die nicht den Serotonin-Weg gehen, z.B. SNRI wie Reboxetin.

#1 |
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