Adam mit Padam

27. Juli 2010
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Inwieweit niedrige Testosteronwerte auf Altershypogonadismus hindeuten, darüber existieren kontroverse Ansichten und wenig wissenschaftlich fundierte Erkenntnisse. Neue Studien lassen Zweifel aufkommen, ob die Behandlung mit Testosteron das Allheilmittel ist.

Unabhängig von den Kontroversen lässt sich mit den Wechseljahren des Mannes gutes Geld verdienen. Antriebsschwäche, Konzentrationsprobleme, nachlassende Leistungskraft, Depression, Erektionsstörungen, etc. – die als typisch dargestellten Beschwerden einer im Alter eintretenden Unterfunktion der Keimdrüsen – werden seit Jahren unter dem medizinischen Begriff “PADAM” (partial androgen deficiency in the aging male) mit Testosteronspritzen, -pillen oder -pflastern behandelt. Auf Wechseljahre und darauf abgestellte Therapien hat die Frau seitdem kein Alleinrecht mehr. Andropause, Klimakterium virile oder Midlife crisis müsse Mann nicht hinnehmen, heißt es in den einschlägigen Gesundheitsmagazinen. Aber ist die Therapie mit Testosteron wirklich sinnvoll? Endokrinologen warnen davor, das Hormon unkritisch und ohne fachliche Diagnostik anzuwenden.

Niedriger Testosteronwert kein Indiz für Hypogonadismus

Um Licht ins Dunkel zu bringen, haben Andrologie-Forscher um Professor Frederick Wu an der Manchester-Universität in einer groß angelegten Studie die Zusammenhänge zwischen Wechseljahr-Symptomen und Testosteronmangel genauer untersucht. Die Forscher befragten rund 3.300 Männer zwischen 40 und 79 Jahren nach ihren Beschwerden und setzten diese mit dem jeweiligen Testosteronspiegel in Relation. Die Auswertung, die im New England Journal of Medicine veröffentlicht wurde, zeigte, dass lediglich drei Sexual-Symptome einen Hinweis auf Hypogonadismus verbunden mit einem niedrigem Testosteronspiegel gaben: seltene morgendliche Erektion, geringes Sexualverlangen und Erektionsstörungen.

Der Unterschied zwischen Männern ohne und Männern mit betreffenden Sexual-Symptomen sei minimal gewesen, so Wu. Erektionsstörungen wären auch bei Männern mit erhöhtem Testosteron-Wert festgestellt worden. Niedrige Hormonwerte als Hinweis auf eine Unterfunktion der Keimdrüsen wurden nur bei zwei Prozent der älteren Probanden festgestellt. Das hieße, dass es keine direkten Assoziationen zwischen Testosteronmangel und nachlassender Muskelkraft bzw. Leistungsfähigkeit, Antriebsstörungen, Konzentrationsschwäche, Übergewicht oder Erektionsstörungen gibt. Salopp gesagt sind die Wechseljahre des Mannes wohl eher eine Mogelpackung.

Und was ist die Konsequenz aus diesem Ergebnis? “In der Vergangenheit hat es eine ganze Reihe von Studien gegeben, in denen zum Beispiel der Zusammenhang zwischen Fettstoffwechselerkrankungen und Testosteronmangel untersucht wurde. Die Ergebnisse waren zumeist widersprüchlich”, sagt Professor Dr. Christof Schöfl, Leiter der Endokrinologie und Diabetologie an der Universitätsklinik Erlangen. “Eine Studie, wie die von den Forschern um Wu, hat es bisher nicht gegeben. Das Ergebnis ist daher sehr wichtig. Aber noch größere Aufmerksamkeit unter den Kollegen wird die ebenfalls kürzlich vorgestellte Studie aus Boston auf sich ziehen”.

Kardiovaskuläres Risiko bei chronischen Erkrankungen

Die klinische Studie der Boston University mit älteren Männern, die in ihrer Beweglichkeit eingeschränkt waren, ergab, dass Testosterontherapien auch bedrohliche Nebenwirkungen haben können. Die Endokrinologen hatten einer Gruppe ein Placebo-Gel und der anderen ein Testosteron-Gel zur Anwendung über sechs Monate verordnet. Sie stellten fest, dass die Applikation des Testosteron-Gels bei den Männern, die zusätzlich unter chronischen Erkrankungen wie Bluthochdruck, Diabetes oder Übergewicht litten, mit einem erhöhten kardiovaskulären Risiko verbunden war. “Das Ergebnis macht die Entscheidung nicht leichter”, so der Endokrinologe Schöfl, “wenn andere Studien wiederum günstige Effekte einer Testosteron-Substitution nahelegen”.

Zusammenhänge lassen Ursache offen

Das Institut für Klinische Chemie und Laboratoriumsmedizin an der Universität Greifswald beispielsweise hatte dieses Jahr in einer Studie, an der auch Schöfl beteiligt war, herausgefunden, dass es einen relevanten Zusammenhang zwischen niedrigen Testosteronkonzentrationen und früher Sterblichkeit bei Männern gibt. Aber daraus lasse sich nicht schließen, ob niedrige Testosteronwerte die Ursache für die frühe Mortalität sind. Die Forscher hatten auch nachgewiesen, dass Männer mit niedrigem Testosteronspiegel häufiger an Fettleibigkeit, Leberverfettung, Bluthochdruck oder Diabetes erkranken. “So lange die Ursachen nicht bekannt sind, bleibt die große Frage, ob es etwas bringt, wenn man diese Männer mit Testosteron behandelt”, so Schöfl. Als zweite Unsicherheitskomponente komme hinzu, dass die Messungen des Testosteronwertes nicht zuverlässig sind. Fazit des Endokrinologen: “Gewisse Assoziationen zu Testosteronmangel dürfen nicht dazu führen, Testosteron kritiklos zu verschreiben. Die Behandlung muss von Fall zu Fall entschieden werden und regelmäßig kontrolliert werden. Sinnvoll ist in jedem Fall, bei absehbaren Risikofaktoren den Lebensstil umzustellen, das heißt, ausreichend Bewegung, ausgewogene Ernährung und wenig Alkohol.”

85 Wertungen (4.11 ø)

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13 Kommentare:

Bei der Lebensweise, die keine Rücksicht auf Ernährung, sportliche Betätigung, Alkoholkonsum, Nikotinkonsum nimt, moß man sich nicht wundern dass (nicht nur bei den Männern in vortgeschrittenem Alter)vieles aus dem Lot ist. Zu einem gesunden Körper gehöhrt ein gesunder Geist, Gesunheitskultur, Achtung und Liebe zu sich selbst.

#13 |
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Heilpraktiker

Nachdem ich den Kommentar von Herrn Tischler (6) gelesen habe muß ich nun auch einen Kommentar ejakulieren.Erstens erstaunt mich, daß kein weiterer Kommentar Bezug auf seine Potenz nimmt. Also ich finde seinen Kommentar erstaunlich und glaube es auch nicht: Da ejakuliert einer 3 mal am Tag, mit 78 Jahren, und das schon ein Leben lange (hat aber wohl kaum nach der Geburt damit angefangen) und es erhebt sich kein Widerspruch.
Da frage ich mich: Ist das normal??? Bei Frauen ist mit ca. 50 Jahren der ‘Ofen’ aus, Männer sind potent bis sie tot umfallen; ist das auch die wissenschaftliche Meinung???
Die TCM postuliert 7×7 Jahre Gebärfähigkeit der Frau und beim Manne Zeugungsfähigkeit 8×8 Jahre.
Das scheint mir mit gesundem Menschenverstand betrachtet realistisch.

#12 |
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Sicherlich ein interessanter Artikel der aber doch einige Fragen offen läßt.

#11 |
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Horst Rieth
Horst Rieth

sehr guter artikel ?? !!
sowohl als auch.
wie so oft,
mann weiß,
dass er nichts weiß,
mann findet,
was er finden will,
usw …

#10 |
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Heilpraktikerin

Wird die Drüse gestärkt durch die Gabe von Hormonen? Wird eine Drüse mit der Zeit besser funktionieren nach Gabe von Testosteron? Wie ging’s wieder mit dem Rückkoppelungseffekt und Atrophie?!?

Meiner Meinung nach ist es doch ganz wesentlich, die Versorgung aller Organe mit Sauerstoff, Zucker usw. zu gewährleisten, dies in möglichst elastischen und freien Gefässen… > Welche Methoden kommen hier in Frage?

#9 |
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dr.med heinz birnesser
dr.med heinz birnesser

Sehr guter Artikel,dessen Aussage ganz meiner eigenen Einschätzung und Erfahrung als Sportmediziner und Sportler entspricht.Ein gesunder Lebensstiel hat sicher größeren Nutzen als die oft unüberlegte Hormonzufuhr.

#8 |
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Dr. Jörg-Uwe Disdorn
Dr. Jörg-Uwe Disdorn

Wichtiger Artikel, in diesem Dickicht von Hoffnungen, Eitelkeit und Geschäftemacherei. (PADAM)

#7 |
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Rolf Frommberger
Rolf Frommberger

#2: Sie sollten sich nicht über Sachverhalte äußern, von denen Sie nichts verstehen. Grüße von der Lebensmittelüberwachung.

#6 |
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Heilpraktiker

Toller Artikel. Gesunde Ernährung, Abbau von Übergewicht und Muskelaufbau sind wesentlicher gesünder und besser.

#5 |
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Bin Endokrinologin – wenn auch in den pädiatrischen Bereich “desertiert” … und finde diesen Artikel prima!

#4 |
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Ganz meine Meinung! Gesunder Geist in gesundem Körper. Leider wird in der heutigen Medizin die Ganzheitlichkeit respektive Lebensführung und Ernährung zu wenig beachtet. Wir werden mit den Zivilisationskrnkheiten weiter kämpfen müssen, man sehe sich nur die übergewichtigen Jugendlichen an und ein zwar älteres, aber chronisch kränkeres Volk werden. Dazu ist die Lebensmittelindustrie zu stark und zu wenig an der Gesundheit der Menschen interessiert. Der Umsatz machts.

#3 |
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Karl-Heinz Kraass
Karl-Heinz Kraass

Danke für den Mut zur Wahrheit und Realitätsnähe. Es sollte viel mehr geforscht werden
hinsichtlich der Hormonbelastung von Nahrungsmitteln, die den Testosteronwert beeinflussen.
Selbst Mineralwasser in Plasteflaschen ist hormonell gesehen als Abwasser zu betrachten.
Lebensmittelkontrolleure nehmen auf diesem Gebiet keine Proben.

#2 |
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Ich denke die Lösung für das Ergebnis der “Greifswald”-Studie liegt in einer gesunden Lebensweise mit Sport, richtiger Ernährung und Bewegung.
Denn Sport hebt den Testosteron-Spiegel an, bekämpft Depression, Stoffwechselkrankheiten und senkt Blutfettwerte.
Ebenso die Ernährung hat hier begünstigenden Einfluss.

Denn der Mensch ist ein Ganzes und da nutzt es nicht den Teil eines Mangel zu beheben.

#1 |
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