Sprachbarrieren: Mit dem Ärztelatein am Ende

10. Juli 2013
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Im Zuge des Ärztemangels kommen zahlreiche ausländische Mediziner an deutsche Krankenhäuser. Unbestrittenen Kompetenzen stehen oft hohe Sprachbarrieren gegenüber. Mit welchen Mitteln kann man Kommunikationsproblemen vorbeugen und wie erleben Medizinstudenten die Situation?

Vor wenigen Jahren noch Einzelfälle, heute die Regel an deutschen Kliniken: Arztkollegen aus dem Ausland stopfen die Lücken, die der fortschreitende Ärztemangel mit sich bringt. So gibt es nach Angabe der Bundesärztekammer derzeit über 33.000 eingewanderte Mediziner, die ihren einheimischen Kollegen unter die Arme greifen. „In einigen Fächern, wie beispielsweise Neurochirurgie, hatten wir fast nur Dozenten mit starkem Akzent“, so Lena, Medizinstudentin im 5. Jahr. „Das Zuhören war schon recht anstrengend“, erzählt sie, „besonders, wenn die Dozenten nur schlechtes Englisch sprachen.“

Und Lena ist mit diesem Problem nicht alleine. Denn auch Patienten klagen immer häufiger über Kommunikationsbarrieren zu ausländischen Ärzten und leiden mitunter auch körperlich an den Folgen lückenhafter Verständigung. Schließlich sollten insbesondere Aufklärungsgespräche vor Operationen für den Patienten „verständlich“ geführt werden, da sie sonst sogar als rechtwidrig gelten können. Dass diese Vorschrift keinesfalls nur eine formelle Kleinigkeit darstellt, zeigen die Schätzungen der Deutschen Stiftung Patientenschutz. Demnach sind rund 34.000 Behandlungsfehler pro Jahr auf schlichte Verständnisprobleme zurückzuführen.

Die Sache mit der Artikulation

Ein gutes Beispiel für mögliche folgenschwere Missverständnisse aufgrund von Sprachbarrieren lässt sich im Bereich der Neurologie finden. Wird ein Patient mit Verdacht auf einen Schlaganfall im Krankenhaus eingeliefert, geben die erste Anamnese und der persönliche Kontakt mit dem Patienten wichtige Hinweise hinsichtlich möglicher Verdachtsdiagnosen und der weiteren diagnostischen Maßnahmen, wie beispielsweise einer computertomographischen Untersuchung des Kopfes. So prüft der neurologische Aufnahmearzt u. a. die Artikulationsfähigkeit des Patienten, da eventuell vorhandene Wortfindungsstörungen oder auch eine verwaschene Sprache darauf hindeuten können, dass spezifische Areale im Gehirn nicht richtig arbeiten.

Aber wie soll nun ein Arzt, der derweilen noch die deutsche Sprache erlernt, die entsprechenden Kenntnisse und Auffälligkeiten bei einem seiner Patienten erkennen können? Was ist bereits eine auffällige Störung, die auf einen Schlaganfall hindeutet, und was ist vielleicht nur ein regionaler Akzent? Oftmals eine schier unlösbare Aufgabe. „Bei Patienten, die mit der Verdachtsdiagnose Schlaganfall eingeliefert werden, ist es immer eine Herausforderung, über das Vorhandensein von Sprach- und Sprechstörungen zu urteilen“, erzählt ein neurologischer Assistenzarzt von seinen Erfahrungen in der Notaufnahme. „Obgleich Deutsch meine Muttersprache ist, hole ich oft einen erfahrenen Oberarzt hinzu und auch meine ausländischen Kollegen sind oftmals auf Hilfestellung im Anamnesegespräch angewiesen.

Sprung ins kalte Wasser?

Um folgenschweren Missverständnissen vorzubeugen, suchen alle wichtigen Akteure des Gesundheitssystems, so z. B. die Bundesärztekammer und der Marburger Bund, händeringend nach einer Lösung. Ein aktuell diskutierter Lösungsansatz besteht in der flächendeckenden Einführung standardisierter Sprachtests für Mediziner aus dem Ausland, die hierzulande praktizieren möchten. Reichten bisher gute allgemeine Sprachkenntnisse, die B2-Niveau entsprechen, aus, sollen künftige Anforderungen und Tests auch die Fachsprache mit abdecken. Die Begründung für eine Überarbeitung der Zulassungskriterien liegt eigentlich auf der Hand: Wenn viele, nicht fachaffine Personen mit dem sogenannten „Ärztelatein“ zunehmend zu kämpfen haben und Studenten im Unterricht erlernen, ihr Fachwissen allgemeinverständlich zu formulieren, wie soll dann ein kaum Deutsch sprechender Arzt mit diesen Fachausdrücken zurechtkommen?

Ohne Unterstützung von Kollegen und teils von Famulanten läuft da gar nichts: „Während meiner Famulatur in einer neurologischen Klinik habe ich einer neuen Assistentin aus Kroatien, die kaum Deutsch sprechen konnte, immer bei den Arztbriefen geholfen“, erinnert sich Kevin, der gerade im sechsten Jahr seine letzten Scheine absolviert. „Selbst bei den Untersuchungen habe ich ihr eine Menge abgenommen, da sie eigentlich kaum in der Lage war, eine Anamnese zu machen“, berichtet er weiter. „Statt selbst etwas zu lernen, musste ich quasi der Ärztin etwas beibringen“, so Kevin weiter.

Um dies zu verhindern, werden mittlerweile zudem Integrations- und Online-Deutschkurse für Ärzte aus dem Ausland angeboten. Dies soll verhindern, dass der Start für immigrierte Mediziner ein allzu brutaler Sprung „ins kalte Wasser“ wird und auch den Patienten entsprechende Kommunikationsbarrieren erspart bleiben. Die teilnehmenden Mediziner lernen in fachgerechten Sprachkursen genau die Fähigkeiten, die sie im klinischen Alltag benötigen. Das Schreiben des Arztbriefes wäre hierfür ein passendes Beispiel.

Wo viel Schatten, da auch viel Licht

Fernab der beschriebenen Hürden im deutschen Klinikalltag sind die eingewanderten Mediziner für das deutsche Gesundheitssystem natürlich eine Bereicherung. So berichtet mir eine befreundete Kinderärztin, die in einer Praxis mit hohem Migrantenanteil unter den Patienten arbeitet, von der großen Hilfe durch mehrsprachige, immigrierte Kollegen: „Da jede Anamnese mit einem Kleinkind bereits in deutscher Sprache eine echte Herausforderung sein kann, erleichtert es bei beispielsweise türkischsprachigen kleinen Patienten die Behandlung immer enorm, wenn mir meine türkische Kollegin zur Seite steht. So wird es auch leichter, den nicht immer Deutsch sprechenden Eltern die diagnostischen und therapeutischen Schritte zu erklären.“

Pflicht oder nicht?

Soweit zur derzeitigen Situation an deutschen Kliniken und aktuell diskutierten und geschaffenen Lösungsversuchen. Doch wie sieht es eigentlich aus, wenn man den Spieß einmal umdreht? Welche Erfahrungen sammeln Medizinstudierende im Rahmen von Auslandsaufenthalten mit dem Thema Sprachbarrieren? „Bei meinem Auslandsjahr in Kanada hatte ich mit der Sprache kaum Probleme, da dort alle Ärzte und Patienten Englisch sprechen“, so die Medizinstudentin. „Die ersten Wochen waren zwar gewöhnungsbedürftig, aber schon nach wenigen Arztbriefen und Anamnesegesprächen, konnte ich mein Wörterbuch zuhause lassen“.

Neben Kanada kommt man auch in vielen anderen beliebten Zielstaaten deutscher Medizinstudenten mit gutem Englisch weiter. Und wenn auch das nicht hilft, gibt es meist spezielle Vorbereitungskurse oder auch Sprachkurse vor Ort. „Bevor ich nach Spanien gegangen bin, um dort eine Famulatur in der Gynäkologie zu machen, habe ich an meiner Uni einen speziellen Sprachkurs gemacht“, denkt Sebastian zurück, „ohne den hätte ich wohl kaum ein Wort verstanden“, gibt er zu.

Und schon wären wir schon wieder mitten in der aktuellen deutschen Debatte: Neue Kriterien und Tests sind die eine Sache, verpflichtende Sprachkurse die andere. Vielleicht sollte man einfach mal beides verbinden?

Weitere Informationen zum Thema findet Ihr hier:

ARD-Reportage: Wenn der Arzt nicht Deutsch spricht

Fachkräftemangel-Dokumentation mit Fokus auf den Gesundheitswesen

 

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4 Kommentare:

Gesundheits- und Krankenpfleger

Hallo Ihr,

ich kann den Artikel leider bestätigen. Mein Schwiegervater hatte eine größere Herz OP und bei der OP Aufklärung war es sehr schwierig dem Arzt zu folgen der dies versuchte. Wir mußten sehr oft nachfragen und selbst dann war es schwierig ihn zu verstehen auch wenn er sich sehr bemühte der Arme. In der Psychatrie werden unterbezahlte Ärzte eingesetzt die einem bei Visiten die Schamesröte ins Gesicht treiben vor Peinlichkeit. Hätte nicht gedacht das ich so etwas noch erleben muß.

#4 |
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Annemarie Lippert
Annemarie Lippert

Da habe ich den Artikel anders aufgefaßt. Das Problem sind nicht die ausländischen Ärzte, sondern der Umstand, daß man sie derzeit noch ohne spezifische sprachliche Vorbereitung in die Praxis wirft.
Und, nebenbei, “Pankreas” ist wahrscheinlich für die meisten ausländischen Fachleute noch leichter zu zuzuordnen (weil eben Fachsprache) als “Bauchspeicheldrüse”. Was das Fachenglisch z.B. relativ einfach macht ist eben, daß auch die Alltagsworte sich von Fachbegriffen ableiten, die man vorher schon mal anderswo gelernt hat.
Fazit: wichtiges Thema! Die Sprache ist ein wichtiges Werkzeug, ohne das auch ein sehr guter Arzt nur sehr eingeschränkt arbeiten kann. Deshalb ist es wichtig, zuwandernden Ärzten (und auch anderen Berufen) die notwendigen Mittel zum Erwerb dieser Kenntnisse zu geben. Berufsspezifische Aufbaukurse sind nötig, Alltagssprache allein reicht nicht.

#3 |
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Hendrikje mederos dahms
Hendrikje mederos dahms

Leider sieht die Situation in vielen Kliniken so aus. Wie gut das für den Patienten ist, steht auf einem anderen Blatt. 34000 Behandlungsfehler aufgrund von Verständigungsproblem, sind 34000 zu viel , so wie jeder andere Behandlungsfehler oder vermeidbare Tod durch Hygienemangel einer zuviel ist. So wie man auch bei der Hygiene ansetzt um solche Schäden am Patienten zu vermeiden, sollte man auch bei den 34000 Behandlungsfehlern ansetzen.
Meiner Meinung nach sollte ein medizinspezifischer Sprachtest mit einem Mindestmaß an Alltagskommunikationsfähigkeit Voraussetzung vor Erteilung der Berufserlaubnis sein. Dieser Test sollte hier in Deutschland z. B. von der Ärztekammer durchgeführt werden. B2 (Reife ist oft fraglich) reicht offensichtlich, nicht zuletzt dem Patienten gegenüber, nicht aus. Des Weiteren sollte ein Sprachkurs (je nach Niveau des bereits vorhandenen Spracherwerbs) mit entsprendendem Nachweis verpflichtend sein.
Die Patienten haben ein Recht darauf nicht nur von fachlich kompetenten, sondern zugleich auch von Ärzten betreut zu werden, die sie und ihre gesundheitlichen Probleme verstehen und die ihnen verständlich die Therapieoptionen etc. mitteilen können.

#2 |
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Catalina Marioara
Catalina Marioara

Wow, in Kanada sprechen die Leute englisch! Das ist ja mal eine Neuigkeit. Und da Englisch eine sehr seltene Sprache ist, also nicht lingua franca, so ist die Leistung der Studentin enorm.
Ernsthaft, natuerlich darf es nicht sein, dass Aezte die in Deutschland praktizieren kein deutsch sprechen, allerdings ist gerade die deutsche allgemeine Medizinsprache voll von Eigenwoertern. Welcher Deutsche weiss was die Pankreas ist? Im Englisch z. B. ist das klar, wie im franzoesischen oder Italienischen usw. Der ganze Artikell ist chauvenistisch. Es wirkt als wenn deutsche Student top fit in fremden Sprachen sind, um dann in Krankenhaeusern weltweit arbeiten zu koennen aber die dummen Auslaender kein Wort deustch koennten. Das ist haarstraubend!
Und nebenbei, 34.000 Behandlungsfehler p.a. die bei diesem Text nur den Auslaendern (33.000) angelastet werden — Unterstellung — bedeuten 1 Fehler pro Jahr und Arzt, kein Vergleich mit den Zehntausenden von vermeidbaren Toten aufgrund von mangelnder Hygiene pro Jahr in deutschen Krankenhaeusern.

#1 |
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