Gefährliche Mitbringsel: Tollwut

28. Juli 2010
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Exotische Mitbringsel im Urlaubsgepäck, die niemand möchte - nicht immer handelt es sich dabei nur um Sand und Muscheln! Wir geben Euch daher einen Einblick in die wichtigsten Zoonosen, die Mensch und Tier aus dem Urlaub mitbringen können. Los geht's mit Tollwut.

Selbst Dr. Cox aus “Scrubs” ist nicht unfehlbar. Nachdem in der Fernsehserie die Organe einer vermeintlich an einer Kokainüberdosis verstorbenen Patientin erfolgreich an drei weitere Menschen transplantiert wurden, stellte sich die endgültige Diagnose heraus: Tollwut! Hier ein Überblick über eine seltene, aber nicht zu vernachlässigende Erkrankung im wahren Leben.

Bei Tollwut handelt es sich um eine Rhabdovirusinfektion aus der Ordnung der Mononegavirales. Das Tollwutvirus zählt zum Genus des Lyssavirus, einem einzelsträngigen RNA-Virus. Die Tollwut ist eine Zoonose, also ein Krankheit, die Tiere und Menschen befallen kann.
In Mitteleuropa dominiert die so genannte silvatische Wut (lateinisch: silva = Wald, Baum), deren Hauptüberträger neben Rehen, Mardern, Dachsen, Stinktieren und Waschbären die Füchse sind.

Die für den Menschen relevanteste Form ist die urbane, also städtische Wut, die hauptsächlich durch streunende Hunde übertragen wird. Außerdem existiert die terrestrische Wut, übertragen durch Landsäugetiere und die Sonderform der Fledermaustollwut. Besonders deshalb, da bei Fledermäusen als Hauptwirte die Krankheit nicht tödlich verläuft.

Verbreitung und Übertragung

Die Tollwut ist mit Ausnahme von Australien und der Antarktis weltweit verbreitet, hauptsächlich jedoch in Asien, Afrika, Amerika und Osteuropa. Deutschland zählt seit August 2008 zu den offiziell “tollwutfreien” Staaten.

Das Virus wird hauptsächlich durch den Biss infizierter Tiere übertragen, in Ausnahmefällen über die Schleimhäute, durch Organtransplantationen und bei der Fledermaustollwut auch aerogen.

Die Ausscheidung des Virus erfolgt in großen Mengen über den Speichel, wobei es an der Bissstelle zur Infektion von Myozyten der quergestreiften Muskulatur kommt. Über die motorische Endplatte findet der Übertritt in die Axone statt, die das Virus aus der Peripherie zu den Spinalganglien, in das Rückenmark und schließlich ins Gehirn weiterleiten. Anschließend erfolgt eine zentrifugale Verbreitung in verschiedene Organe mit einer Hauptanreicherung in den Speicheldrüsen. Vor allem beim Hund ist bekannt, dass bereits Tage vor manifester Klinik das Virus über den Speichel ausgeschieden wird.

Klinik

Das Tollwutvirus zeichnet sich durch eine sehr variable Inkubationszeit von durchschnittlich 2 bis 9 Wochen, aber auch länger, aus. Ausschlaggebend ist auch der Abstand der Bissstelle vom Zentralnervensystem, so dass sich die Inkubationszeit bei einem Biss in Kopfnähe auf 10- 14 Tage verkürzen kann.

Es werden drei klinische Verlaufstadien unterschieden, die sich über insgesamt 3- 14 Tage erstrecken:

  • Stadium prodromale: Die Symptome sind wenig charakteristisch und reichen von Niedergeschlagenheit, Inappetenz und Übelkeit über Fieber und Pruritus.
  • Stadium exzitationem: Hier dominieren Erregung, Hyperaktivität, Aggresivität und neurologische Symptome (z.B. generalisierte Spasmen im Pharynxbereich). Eine Verstärkung der Klinik kann durch Hydrophobie und Photophobie erfolgen, also durch den Anblick von Wasser und gleißendem Licht.
  • Stadium paralyticum: Das Endstadium ist gekennzeichnet durch Lähmungserscheinungen bis hin zum Tod durch Atemstillstand

Auch atypische Verlaufsformen sind bekannt. Fehlt das auffällige Exzitationsstadium spricht man von der “stillen Wut” (vor allem bei Pferden und Wiederkäuern).

Diagnostik

Eine gesicherte Diagnose am lebenden Tier ist nicht möglich (in seltenen Fällen ist ein Antigennachweis aus Korneaabklatschpräparaten realisierbar). In der postmortalen Diagnostik erfolgt ein Antigennachweis mittels Immunofluoreszenz oder eine Virusisolierung in Versuchsmäusen oder Zellkulturen. Relevante Probenmaterialien sind das Ammonshorn, das Cerebellum, die Pons, die Medulla oblongata und die Speicheldrüsen. In den Gehirnproben ist der Nachweis von zytoplasmatischen Einschlusskörperchen, so genannten Negri-Körperchen, pathognostisch. Ergänzend können RT-PCR und serologische Untersuchungen durchgeführt werden.

Bekämpfung

In der Humanmedizin wird bei einem Hundebiss eine umfangreiche Wundversorgung, eine Tetanusprophylaxe und bei Indikation eine aktive Immunisierung gegen Tollwut empfohlen. Der beißende Hund muss durch einen Veterinär erstuntersucht und nach 10 Tagen folgeuntersucht werden, um eine Virusausscheidung zum Zeitpunkt des Bisses auszuschließen.

Für Veterinärmediziner besteht bei Tollwutverdacht Anzeigepflicht! Kranke Hunde und Katzen sind zu euthanasieren, in Ausnahmefällen wird Quarantäne gewährt. Für Haus-, und Nutztiere stehen inaktivierte Vakzinen als Prophylaxe zur Verfügung, jedoch ist jede postexpositionelle Erstimpfung untersagt! Zusätzlich muss bei Grenzübertritt der Nachweis einer gültigen Tollwutimpfung im Heimtierausweis erbracht werden. Manche Staaten schreiben zusätzliche Anforderungen, wie z.B. einen Titernachweis vor.

Bei der Eliminierung des Virusreservoirs der silvatischen Wut spielt die orale Vakzinierung (attenuierte Lebendvakzine oder Vacciniarekombinanten) der Fuchspopulation mittels beimpfter Köder die größte Rolle.

Fazit

Die Tollwut ist zwar selten, kann aber trotzdem Mensch und Tier befallen und gravierende Auswikrungen haben. Bei Urlaubsreisen in betroffene Länder sollten besonders Hundebsitzer auf eine ausreichende Impfung achten.

11 Wertungen (3.73 ø)
Allgemein

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3 Kommentare:

Katharina Maier
Katharina Maier

Super Artikel Stephi! LG

#3 |
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Tierärztin

Hallo Maria,
danke für deine interessante Frage! Ich habe über SCOPUS herausgefunden, dass zwischen 1956 und 1977 4 humane Tollwutinfektionen über Aerosol stattgefunden haben sollen. Zwei Infektionen in der “Frio Cave” in Texas und 2 durch Laborarbeit. Eine Forschergruppe hat nun versucht Labormäuse und 2 Feldermausspezies (E.fuscus und T. brasiliensis) über Aersol zu infizieren. Alle Fledermäuse überlebten die Infektion und produzierten neutralisierende Antikörper, einige Mäuse jedoch starben. Wenn es dich interessiert, kannst du es in der Publikation “Effects of aerosolized rabies virus exposure on bats and mice” von Davis/Rudd/Bowen nachlesen. Ich habe keine Studien zu Fledermäusen gefunden, die in Europa (Spezies Eptesicus serotinus- Genotyp 5 der Tollwut und Myotis dasycneme und Myotis daubentonii- Genotyp 6 der Tollwut) am häufigsten auftreten. Das muss wohl erst noch abgeklärt werden… Ich hoffe, dir damit ein wenig weitergeholfen zu haben. LG, Stephanie

#2 |
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Tierärztin

Sehr interessanter Artikel! Ich lerne gerade selber Tierseuchen und gerade für Tollwurt interessiere ich mich. Ich habe gehört das die aerogene Übertragung bei Fledermäusen nur bei bestimmen Varianten in Südamerika vorkommt. Da sollen sich sogar mal Höhlenforscher über die Luft angesteckt haben. Können sich die Fledermäuse bei uns untereinander auch aerogen anstecken?

#1 |
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