Laktoseintoleranz: Datenlage malabsorbiert

6. September 2017
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Die Fähigkeit, Milch zu verdauen, hat sich in Europa erst vor einigen tausend Jahren entwickelt – aber längst nicht bei allen Menschen. Der Großteil der Weltbevölkerung weist somit noch immer eine Laktosemalabsorption auf. Ein Forscher versucht nun erstmals, genauere Zahlen zu liefern.

Die Laktaseaktivität der Menschen sinkt nach der Muttermilchentwöhnung immer weiter ab. Individuen aus Kulturen, die seit Jahrtausenden Milchwirtschaft betreiben, konnten im Zuge der Evolution aber mittlerweile auch mit zunehmenden Alter eine höhere Laktasepersistenz erwerben.

Der Großteil der Weltbevölkerung weist jedoch noch immer eine Laktosemalabsorption auf, kommen Beschwerden hinzu ist von einer Laktoseintoleranz die Rede. Genaue Zahlen gab es bislang nicht. Jetzt hat Christian Løvold Storhaug von der Universität Bergen wissenschaftliche Publikationen ausgewertet und seine Ergebnisse auf die Weltbevölkerung extrapoliert.

Unterschiedliche Methodik

Storhaug wertete 2.665 Datensätze und 306 Studienpopulationen aus 116 Volltextartikeln aus. Daten zu 144 weiteren Populationen, die er aus Übersichtsartikeln generierte, flossen außerdem in seine Untersuchung ein. Insgesamt wertete der Gesundheitswissenschaftler also Informationen zu 62.910 Personen aus 89 Ländern aus. Von den 450 Studienpopulationen wurden 231 durch Genotypisierung, 83 durch Wasserstoff-Atemtests, 101 durch Lactosetoleranztests und 35 durch andere Methoden beurteilt.

Wasserstoff-Atemtests sind eine Möglichkeit, die Laktaseaktivität indirekt nachzuweisen. Trinken Patienten mit Laktosemalabsorption gelöste Laktose, wird diese nicht im Dünndarm enzymatisch gespalten und resorbiert, sondern im Dickdarm entsteht durch den bakteriellen Stoffwechsel unter anderem Wasserstoff. Dieser gelangt über das Blut in die Lunge und wird abgeatmet. Da unsere ausgeatmete Luft normalerweise keinen Wasserstoff enthält, kann dies ein Zeichen für Laktosemalabsorption sein. Der Test ist jedoch abhängig vom jeweiligen Mikrobiom und kann auch versagen.

Eine weitere Möglichkeit, Laktosemalabsorption nachzuweisen, ist der Blutzuckertest. Bei der enzymatischen Spaltung von Laktose entstehen Galaktose und Glukose. Kommt es durch die Gabe von Laktose zum Anstieg des Blutzuckers, ist Laktase vorhanden. Die molekulargenetische Untersuchung des Laktase-Gens (LCT) liefert Erkenntnisse über eine primäre Laktoseintoleranz, hat jedoch den Nachteil, bei erworbenen Intoleranzen zu versagen.

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Stark schwankende Prävalenz

Es überrascht nicht, dass Storhaug je nach Methodik zu unterschiedlichen Prävalenzen kommt. Wertete er Studien mit Genotypisierungsdaten aus, ließ sich weltweit bei 74 Prozent aller Menschen eine Laktosemalabsorption finden. Bei Laktose-Bluttests waren es 55 Prozent und bei Wasserstoff-Atemtests 57 Prozent.

Für die regionale Prävalenz hat der Wissenschaftler Daten aus unterschiedlichen Verfahren gemittelt. So kam er auf 64 Prozent in Asien, 47 Prozent in Osteuropa, Russland und in den ehemaligen Sowjetrepubliken, 38 Prozent in Lateinamerika, 70 Prozent im Mittleren Osten, 66 Prozent in Nordafrika, 42 Prozent in Nordamerika, 45 Prozent in Ozeanien, 63 Prozent in Afrika südlich der Sahara und 28 Prozent in Nord-, Süd- und Westeuropa.

Die Arbeit zeigt offensichtlich Schwächen. Storhaug weist selbst auf starke Schwankungen bei der methodischen Qualität der eingeschlossenen Arbeiten hin. Einige der eingeschlossenen Arbeit verwendeten die Genotypisierung für ihre Datenerhebung. Hierbei wird beispielsweise kritisiert, dass nicht alle Studien alle relevanten Genvarianten der Laktasepersistenz miteinbezogen haben. Ein weiteres Problem: Die Genotypisierung erfasst keine Informationen bezüglich klinischer Symptome. Mangelhaft ist außerdem, dass die Sensitivität der Tests (Wasserstoff-Atemtest, Genotypisierung, Lactosetoleranztest und andere) sehr unterschiedlich ausfällt, so kann Storhaug praktisch keine eindeutige Aussage zu den Prävalenzen treffen.

 

Quelle:

Country, regional, and global estimates for lactose malabsorption in adults: a systematic review and meta-analysis.
Christian L. Storhaug et al., The Lancet Gastroenterology & Hepatology, doi: 10.1016/S2468-1253(17)30154-1; 2017

26 Wertungen (2.85 ø)

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10 Kommentare:

@#8 upps – da ist von meinem Kommentar am Ende ein Stück abgeschnitten worden: am Ende muss es Heißen: “…zumal die Laktoseintoleranz-Hysterie meist mit einer Kuhmilchallergie (echte Allergie gegen Milcheiweiß) verbändelt wird, obwohl es sich um völlig unabhängige Phänomene (verminderte Enzymaktivität vs ImmunreaKtion) handelt.

#10 |
  1
Tolga Ataman
Tolga Ataman

@#7
“Angeblich sei Laktase, das im menschlichen Körper den Milchzucker verdauen hilft, im Säuglingsalter beim Menschen in ausreichenden Mengen vorhanden, würde aber nach dem Abstillen auf geheimnisvolle Art und Weise nur noch in viel geringerem Maße produziert. Diese Theorie ist spekulativ-unlogisch, weil sie eine im Erwachsenenalter dann schlechtere Laktosetoleranz bis zur plötzlichen Laktoseintoleranz pathophysiologisch gar nicht zu erklären vermag. ”

Bin mir nicht sicher was ich daraus lesen soll? Bitte um Erklärung. Ist das ein Satz von Ihnen oder ein Zitat aus einem Artikel?
Eine auf “geheimnissvolle Art” verschwindende Laktase Produktion würde doch allemal eine Laktoseintoleranz erklären. Keine Laktase = Keine Laktosespaltung

“Vor allem die Bewohner Nordeuropas produzierten das Enzym Laktase über das Säuglingsalter hinaus, weshalb sie auch als Erwachsene Milch in größeren Mengen problemlos verarbeiten können.”
Hier schreiben Sie es doch, dass es an der Laktase liegt.
Ich bin leider aus Ihrem Kommentar nicht schlau geworden. Bitte um weitere Erläuterung wohin Ihre Aussage gehen wollte.

Sehr Interessante Artikel übrigens, die Sie da verlinkt haben.

#9 |
  7

Aus Meta-Analysen lässt sich immer viel ableiten. Nord-, Süd- und Westeuropa zusammenzufassen ergibt nun gar keinen Sinn. Nach vielen anderen Studien (z. B. http://www.uniklinik-duesseldorf.de/fileadmin/Datenpool/einrichtungen/abteilung_fuer_allgemeinmedizin_id304/dateien/Poster_und_Hintergrundinfo/070312_MD_2012_ZH-final-1.pdf) besteht gerade innerhalb Europas ein deutliches Nord-Süd und Ost-West-Gefälle. Für Deutschland wird die Intoleranzrate auf etwa 15% taxiert. Für ein allgemeines Milch-Bashing gibt es aus ernährungsphysiologischer Sicht keine plausiblen Gründe, zumal die Laktoseintoleranz-Hysterie meist mit einer Kuhmilchallergie (echte Allergie gegegn Milcheiweiß mit

#8 |
  1

“Country, regional, and global estimates for lactose malabsorption in adults: a systematic review and meta-analysis” von Christian Løvold Storhaug et al. http://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S2468125317301541
spricht von Schätzungen. Auf international gemessene Laktoseintoleranz- bzw. Laktasemangel-Prävalenzen konnte in dieser ungenauen Metaanalyse gar nicht Bezug genommen werden.

Die Inzidenzen wurden allenfalls regional, ethnisch und individualisiert bestimmt. Und die Messmethoden wie Wasserstoff-Atemtest, Genotypisierung, direkter Lactosetoleranztest sind weder standardisiert noch einheitlich aussagekräftig.

Auf tönernen Füßen steht die Behauptung: “Die Fähigkeit, Milch zu verdauen, hat sich in Europa erst vor einigen tausend Jahren entwickelt – aber längst nicht bei allen Menschen. Der Großteil der Weltbevölkerung weist somit noch immer eine Laktosemalabsorption auf”. Forscher um Professor Joachim Burger vom Institut für Anthropologie der Universität Mainz und dem University College in London veröffentlichten in Proceedings of the National Academy of Sciences (PNAS) Untersuchungen, die anhand alter Erbsubstanz – so genannter aDNA – aus archäologischen Skeletten erfolgten darüber, dass Nordeuropäer und Afrikaner besser als andere Ethnien Milch verdauen könnten.

Angeblich sei Laktase, das im menschlichen Körper den Milchzucker verdauen hilft, im Säuglingsalter beim Menschen in ausreichenden Mengen vorhanden, würde aber nach dem Abstillen auf geheimnisvolle Art und Weise nur noch in viel geringerem Maße produziert. Diese Theorie ist spekulativ-unlogisch, weil sie eine im Erwachsenenalter dann schlechtere Laktosetoleranz bis zur plötzlichen Laktoseintoleranz pathophysiologisch gar nicht zu erklären vermag.

Vor allem die Bewohner Nordeuropas produzierten das Enzym Laktase über das Säuglingsalter hinaus, weshalb sie auch als Erwachsene Milch in größeren Mengen problemlos verarbeiten können. Ebenso verhält es sich bei einigen wenigen Bevölkerungen Afrikas, wo sich dieses Merkmal, das Laktasepersistenz genannt wird, wohl unabhängig von den Europäern ausgebildet hat. Skeptisch mach mich, dass man dies ausgerechnet an mehreren tausend Jahre alten Skeletten aus der Jungsteinzeit gefunden haben will und hätte beweisen können? http://www.scinexx.de/wissen-aktuell-6136-2007-02-27.html

Der Genetiker Mark Thomas vom University College in London will den Ursprung der Laktosetoleranz vor etwa 7900 bis 7450 Jahren ausgemacht haben. Aber es ist nur eine Simulation anhand von genetischen und archäologischen Daten, wie sich die Milchzuckerverträglichkeit in Europa ausbreitete. “Wir sammelten Belege für den Zeitpunkt, wann die Landwirtschaft in Europa entstand und verknüpften diese mit der Verbreitung der Milchzuckerverträglichkeit in der heutigen Bevölkerung Europas”, erklärte Thomas, ohne die angeblich isolierte Laktosetoleranz im Säuglingsalter und den Laktase-Enzym-Schwund im Dünndarm archäologisch nachzuweisen.

Dass es zuerst eher Nordeuropäer waren, die sich zu Milchtrinkern entwickelten wird irreführend kritisiert: “Das ist aber eine naive Vorstellung”, sagte Thomas. Denn Überreste von Milchproteinen, die die Forscher in mehr als 7000 Jahre alten Keramikgeschirr entdeckten, deuten darauf hin, dass der Mensch auf dem Balkan und in Zentraleuropa zuerst Milch von Tieren nutzte.
http://www.tagesspiegel.de/wissen/evolution-warum-wir-milch-trinken/1590262.html

Das sieht mir eher nach modernem Milch- statt Kaffeesatz-Lesen aus.

#7 |
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Barbara
Barbara

Warum so viel Wind, wenn keine richtigen Ergebniss vorliegen?

#6 |
  1
Genußmensch
Genußmensch

#2 Da die Verdauung / Aufspaltung der Lebensmittel im Mund beginnt, ist kauen erforderlich. Und so betrachtet, haben Sie recht. Die Milch wird gegessen. Als Getränk steht dem Menschen in erster Linie Wasser zur Verfügung. Wobei ich meinen Kaffee selbstredend genieße. Tiefschwarz. Wie die Nacht. Ohne Milch und Zucker.
Haben Sie Zahlen von Patienten, die mit Blähungen, Durchfall, Reizdarmsyndrom auf dem Boden einer unbekannten Lactoseintoleranz die Praxen bevölkern?

#5 |
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Ärztin

#2: Sie würden sich wundern, wenn Sie wüssten, wieviele MEB-Anträge (Kostenerstattung für Mehrbedarf wegen kostenaufwendiger Ernährung) von Laktoseintoleranten an uns ärztliche Gutachter gestellt werden. Diese lehnen wir aber ab, weil es inzwischen eine breite Auswahl an laktosefreien Milchprodukten auch bei Discountern gibt.

#4 |
  2

Naja, jetzt hab ich das gelesen-und jetzt?
Ich hab nur gelernt, dass nichts genaues gesagt werden kann…
fand es irgendwie Zeitverschwendung.

#3 |
  1
Gast
Gast

#1 Also ist Milch jetzt nur noch ein Nahrungsmitteln und wir sollen sagen sie wird gegessen und nicht getrunken?…

Nach der “nicht vorgesehen” Logik kann man auch behaupten, dass der Zweibeingang oder ein beliebiger anderer Unterschied von uns zum ersten Lebewesen nicht “von der Natur vorgesehen” ist (abgesehen davon, dass die Natur keine Pläne macht). Die Tatsache, dass in Viehhaltekulturen wie Europa, die Laktase-Persistenz+Mutation eine gute Prävalenz von (laut der Studie ~75%) hat, spricht dafür, dass die Mutation eher positive als negative Auswirkungen hat.

Ich würde aussserdem stark bezweifeln, dass die Folgen der Laktoseintoleranz das Gesundheitssystem zu stark anstrengend (ich persönlich kenne niemanden, der deswegen zum Arzt gegangen ist). Ich würde mir mich eher eingehen lassen, dass die Krankheit für die Abholzung des Regenwaldes durch erhöhten Klopapierverbrauch verantwortlich ist.

#2 |
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Genußmensch
Genußmensch

Es ist schon schwer den Menschen zu vermitteln, dass Milch eben kein Getränk ist. Und der Verzehr größerer Mengen an Milchprodukten von der Natur nicht vorgesehen ist. Ganz zu schweigen von der Art der Haltung bis zur Entfernung der Hörner unseres Milchviehs.

Der Mensch ist schon irgendwie lustig. Bedauerlich nur, dass so Kranke herangezüchtet werden und ein marodes Gesundheitssystem damit belastet wird.

Achtung vor Naturgesetze und dem Tier sowie Masshalten wäre doch eine einfache und wesentlich kostengünstigere Lösung.

#1 |
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