Migränestopp aus Hollywood

30. Juli 2010
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Es ist so was wie Nivea-Creme für Reiche: Das Nervengift Botulinumtoxin hat es als Faltenkiller zum Blockbuster gebracht. Ein weiterer Umsatzschub steht bevor: Botulinumtoxin wurde in Großbritannien jetzt für die prophylaktische Therapie bei Migräne zugelassen.

Der Aufstieg des Nervengifts Botulinumtoxin in den letzten Jahren ist eine der erstaunlichsten Geschichten der modernen Pharmakotherapie. Anders als oft angenommen, kam Botulinumtoxin keineswegs als Faltenkiller auf die Welt. Ursprünglich eingesetzt wurde es als eine Art Orphan Drug bei Patienten mit neurologischen Erkrankungen, insbesondere bei Erkrankungen, die mit spastischen Muskelkontraktionen einhergingen.

Aus kleinen Verhältnissen: Erst Orphan Drug, dann internationaler Blockbuster

In dieser Nische blieb das Medikament, wohl auch deswegen, weil es die halbe Welt aus dem Biologieunterricht an der Schule als eines der stärksten Nervengifte überhaupt kennt. Dass aus einem solchen „Teufelszeug“ ein Arzneimittel für den Massengebrauch werden könnte, schien komplett undenkbar. Es brauchte einen Managementwechsel bei dem US-Hersteller von Botulinumtoxin, Allergan, um diese Wahrnehmung zu ändern. Die Entwicklung der Substanz in Richtung neuer Einsatzgebiete wurde vorangetrieben. Das Ergebnis war die Zulassung von Botulinum-Injektionen zur Beseitigung oder Verringerung von Faltenbildung an der Stirn. Die Killer-Indikation sind die so genannten Glabella-Falten. Das sind vertikale Stirnfalten, die den „Träger“ etwas zornig wirken lassen, wenn man das denn so sehen will. Sie können besonders gut „weggespritzt“ werden, zumindest für jene paar Monate, während derer die Wirkung einer Botulinumtoxin-Kur anhält. Die Skepsis, die der neuen Therapie entgegen gebracht wurde, verschwand mit jedem Schauspieler, der sich öffentlich zu seinen Botulinumtoxin-Injektionen bekannte. Von Hollywood aus eroberte „Botox“ und mit ihm das Konzept einer „ästhetischen Medizin“ als Massenphänomen den Globus. Mittlerweile bietet beispielsweise das Reiseunternehmen TUI in Kooperation mit einer Klinikkette Urlaubsreisen an, die der, nun ja, Performance-Optimierung dienen sollen – Botulinumtoxin-Injektionen inklusive.

Einmal hier, einmal da

Das Faszinierende an Botulinumtoxin ist, dass es den Kontakt zur Basis, sprich zur klinischen Medizin, behalten hat. Nicht nur wird es auch weiterhin in der Neurologie zur Behandlung spastischer Paresen eingesetzt. Es erobert sich sogar weitere Indikationsgebiete. Aktuelles Beispiel ist die Prophylaxe von Migräne-Anfällen bei Patienten mit schwerer Migräne. In Großbritannien wurde Botulinumtoxin dafür am 9. Juli die Zulassung erteilt. Der Antrag ist auch in den USA und in anderen europäischen Ländern eingereicht. Weitere Migräne-Zulassungen in anderen Ländern, auch Deutschland, werden für das dritte Quartal 2010 erwartet.

Die Entscheidung der britischen Zulassungsbehörden fiel nicht aus heiterem Himmel. Es gibt mittlerweile eine ganze Reihe von gut gemachten Studien, in denen Botulinumtoxin bei Migräne-Patienten untersucht wurde. Zur Migräne-Therapie wird es in einer Dosis, die sechs bis sieben Mal höher liegt als bei der Faltentherapie, in die Kopf- und Nackenmuskulatur injiziert, und zwar an genau festgelegten Punkten rings um den Kopf herum. Die für die britische Zulassung entscheidenden Studien kommen aus dem Zulassungsprogramm PREEMPT. Das steht für „Phase III Research Evaluating Migraine Prophylaxis Therapy“. PREEMPT umfasste zwei Phase III-Studien mit insgesamt 1384 Erwachsenen. Eingeschlossen wurden Patienten mit bekannt chronischer Migräne, die an 15 der 28 Tage vor Studienbeginn unter Migräne-Kopfschmerz gelitten hatten. Es handelte sich also um schwer kranke Patienten, nicht um durchschnittliche Migräne-Patienten. Appliziert wurden 31 Injektionen mit Botulinumtoxin oder Placebo in sieben verschiedene Muskeln. Bis zu acht Nachinjektionen waren erlaubt. Innerhalb der 24wächigen Doppelblindphase gab es zwei derartige Zyklen. Drei weitere folgten in der offenen Studienphase.

Jeder achte profitiert deutlich

Wie nicht anders zu erwarten, konnte auch Botulinumtoxin die Migräne nicht heilen. Aber der Effekt der Verum-Injektionen war signifikant größer als der Effekt der Placebo-Injektionen, und zwar sowohl auf den Schmerz als auch auf die Lebensqualität. Nach 24 Wochen gab es bei 47,1 Prozent der Patienten in der Botulinumtoxin-Gruppe eine mindestens 50prozentige Verringerung der Zahl der Kopfschmerztage. In der Placebo-Gruppe waren es 35,1 Prozent, eine absolute Differenz von zwölf Prozent, entsprechend einer Number Needed to Treat von 8,5. Bei der Lebensqualität gab es signifikante Vorteile bei den beiden Migräne-Scores MSQ und HIT6. Der Preis, der auf der Verträglichkeitsseite bezahlt werden musste, war moderat: 1,2 Prozent der Patienten brachen im Placebo-Arm die Therapie wegen unerwünschter Wirkungen ab. 3,8 Prozent waren es im Verum-Arm, eine absolute Differenz von 2,6 Prozent.

Abzuwarten bleibt nun, wie sich Botulinumtoxin in der Welt der realen Versorgung schlägt. Wird es angenommen? Wird der Injektionsmarathon toleriert? Vertreter der Patientenlobby in Großbritannien haben die neue Therapieoption jedenfalls bereits begrüßt:“Wir sind sehr froh über neue Therapien, speziell präventive Therapien, für diese schwer kranken Patienten“, sagte Wendy Thomas von der Organisation The Migraine Trust.

52 Wertungen (3.37 ø)
Allgemein

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11 Kommentare:

Altenpfleger

Werter Herr Dr. Wagner, Botox wirkt hochgradig neurotoxisch und jeder Medizinstudent müsste darüber informiert sein. Da ich also Unwissenheit ausschließe, wage ich die Vermutung, dass Sie einen Teil Ihres Lebensunterhaltes mit diesem fragwürdigen “Service” fristen. Wer nach Botox verlangt, bekommt es dann auch, nicht wahr? Gegen Unterschrift natürlich.

#11 |
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verwirrung wohin man schaut!!botulinumtoxin ist eben KEIN!!!nervengift.aber so darf halt jeder gsagen was er mag..

#10 |
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Botox bleibt nicht da, wo es eingespritzt wurde, sondern vagabundiert im Körper weiter.

Deswegen halte ich Botox GENERELL für ein zu großes Risiko.

#9 |
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Altenpfleger

Ein starkes Nervengift gegen Migräne? Das soll also “helfen”? Ein toter Nerv kennt keinen Schmerz. “Geniale” Strategie.

Ich kenne nicht wenige Leute, die ihre Migräne durch klugen Lebenswandel losgeworden sind. Wem das zu aufwändig ist, der kann es ja immerhin mal mit Akupunktur versuchen. Lindert deutlich die peinlichen Symptome und das ohne Nebenwirkungen; vorausgesetzt es ist kein Pfuscher am Werk.

#8 |
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Horst Rieth
Horst Rieth

wie schön das es experten gibt und besonders wenn sie selbsternannt sind, ich würde mich über eine beschissene wurzelspitzenresektion dennoch beschweren und am besten zieht mam eh die expertenzähne, die machen wenn nicht zahnschmerzen dann vielleicht ganz andere probleme.
die nutzung eines hirns kann auch zu fachausdrücken genutzt werden, danke für die aufklärung.

#7 |
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Dr.med Fritz Gorzny
Dr.med Fritz Gorzny

Da Botox als Nervengift einzelne Muskelgruppen lähmt und somit Verspannungen löst, ist die Wikung bei Migräne nachvollziehbar. Viele meiner Migränepatienten leiden unter sehr diskreten Kopfzwangshaltungen mit Muskelverspannungen durch Heterophorien.

#6 |
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Daß jemand sich wegen seiner Eitelkeit Botulinum injizieren läßt, finde ich schlimm. Wenn es bei schwerster Migräne für eine gewisse Zeit hilft, mag man schweren Herzens meinen, daß es trotz NtT von 8,5 sich als Therapie etablieren möge. Bedenken sollte man im beiden Fällen, wie das Produkt anwendugnsfähig gemacht wird. Nämlich dergestalt, daß pro Produktionseinheit 100 Versuchsmäuse gequält und noch sterbend in die Tonne geworfen werden und das, obwohl es schon alternative Testverfahren geben soll.Nach dem Motto:”Hauptsache ich bin schön und mir gehts gut, was kümmert mich die Schöpfung”
So wie vor etwa 30 Jahren ein amerikanischer Holzproduzent, der in Afrika ganze Landschaften entwaldet hatte, auf die Frage, ob er nicht an die nachfolgenden Generationen in etwa 30 Jahren denke, antwortete: “Da lebe ich doch gar nicht mehr”

#5 |
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Sehr geehrte dontologische Kollegin Dr. Elisabeth Schnell-Rath,
ich würde mich nie über ein fremdes Fachgebiet äußern (sic! vielleicht fällt Ihnen etwas auf?). Sind sie sicher, dass Sie Migräne meinten – oder doch Hemikranie, Neuralgien, myofaciales Schmerzsyndrom, atypischen Gesichtsschmerz oder Bing-Horton? Schauen Sie doch mal in die letzte Fortbildung von DocCheck, fragen Sie Prof. Diener/UK Essen, Dr. V. Pfaffenrath, bevor Sie schlichten Unsinn schreiben. Und schauen Sie Herrn Berlusconi auf seine Botox-glatte Glabella. Ich würde mich ja auch nicht zu Ihren Wurzelspitzenresektionen äußern!

#4 |
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Reinhard Kestner
Reinhard Kestner

Ich kenne (und führe durch) eine Therapie mit Giften (Horvienzyme), die wunderbar hilft. Deshalb kann ich mir auch hier einen Erfolg vorstellen. Bitte nur nicht verallgemeinern, dazu neigt man. ” Es wird kein Kraut gegen alles geben! “

#3 |
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veto!!! Botox ist wunderbar gegen Migräne!!!!
“aller deutschen Experten ” – sagen Sie wofür ? von wem oder wovon ernannt? alle ?
ich kenne jede Menge Kollegen, die die wohltuende Wirkung von Botox gegen Migräne kennen und noch mehr Patienten.
nach 40 Jahren Migräne keine mehr zu haben, solange Botox wirkt – das ist herrlich!!!
Sie wissen nicht wirklich , wovon Sie reden Herr Kollege
– Sie scheinen keine zu haben.
Botox gleich Maskengesicht – sorry das ist auch von gestern – und viele Männer nutzen es auch

#2 |
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Botulinum ist bei Migräne nach übereinstimmender Ansicht aller deutschen Experten (vgl. letzte DocCheck Fortbildung) nicht wirksam und deshalb in Deutschland nicht zugelassen.
Dass man, wenn es weniger Falten und dafür ein starres Maskengesicht gibt, mit einer Migräne in Hollywood keinen Blumentopf mehr gewinnen kann, steht möglicherweise auf einem anderen Blatt. Interssanterweise ist die entscheidende Zulassungsbehörde für GB, das NICE-Institut, in Ihrem Artikel nicht zitiert.

#1 |
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