NEM: Kleine Geschenke, großer Ärger

18. August 2017
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Ärzte verstoßen gegen berufsrechtliche Vorschriften, wenn sie in ihrer Sprechstunde Proben von Nahrungsergänzungsmitteln verteilen. Weiteres Problem: Patienten ist der Unterschied zu Arzneimitteln nicht immer klar. Sie könnten die Geschenke als Kaufempfehlung verstehen.

Ein Gynäkologe aus Frankfurt hatte seiner Patientin das Coenzym Q10, Selen, Zink und weitere Nahrungsergänzungsmittel (NEM) empfohlen und gleichzeitig das Bestellformular eines Online-Shops mitgegeben. Das kam der Frau äußerst merkwürdig vor. Sie sprach mit der Verbraucherzentrale Hessen und erlebte eine Überraschung. Ihre nicht apothekenpflichtigen Präparate wären im Einzelhandel um etwa 90 Euro pro Packung günstiger gewesen. Dabei handelte es sich nicht um Medikamente, sondern um NEM.

Jeder dritte Patient betroffen

Verbraucherschützer überprüften die Situation in den Arztpraxen und veröffentlichten dazu eine Umfrage über das Portal „Klartext Nahrungsergänzung“. An der nicht repräsentativen Befragung nahmen 435 Konsumenten teil. 35 Prozent gaben an, vom Arzt NEM als Gratisprobe erhalten zu haben. Bei 25 Prozent traf das einmal zu, weitere zehn Prozent erhielten mehrmals kostenlose Probepackungen in der Sprechstunde. Rund die Hälfte dieser Patienten (17 Prozent) hat das angebotene Nahrungsergänzungsmittel anschließend auch gekauft.

NEM-Umfrage

© Verbraucherzentrale Hessen

 

Verstoß gegen Berufsrecht

Wiebke Franz von der Verbraucherzentrale Hessen bewertet das Vorgehen als „Verstoß gegen Berufsrecht“. „Waren dürfen nur bei medizinischer Notwendigkeit an Patienten verkauft werden“, stellt beispielsweise die Landesärztekammer Thüringen klar. „Nicht das Produkt, sondern die Abgabe durch den Arzt muss therapeutisch erforderlich sein.“ Diese Vorschrift soll verhindern, dass Mediziner ihre besondere Vertrauensposition missbrauchen, um beispielsweise NEM zu veräußern. Schon der Hinweis auf bestimmte Firmen oder das Auslegen von Flyern ist untersagt. Warenmuster sind keine Ausnahme von der Regel.

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Nahrungsmittel oder Arzneimittel, das ist hier die Frage

„Offensichtlich verstehen Patienten die Gratisprobe häufig als ärztliche Empfehlung für den Kauf genau dieses Nahrungsergänzungsmittels“, erklärt Franz. Derartige Ratschläge könnten zur Verwechslung von Nahrungsergänzungsmitteln mit Arzneimitteln führen, lautet eine Befürchtung der Verbraucherschützer.

16 Wertungen (4.81 ø)

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7 Kommentare:

Brigitte Prinzler Brigitte
Brigitte Prinzler Brigitte

Gast
Pharmazie-Ing.

Meine Mutter (85) wird vierteljährlich zum Augenarzt bestellt (beim Termin nicht mal anwesend), um dann ein diätetisches Lebensmittel für schlappe 45€ zu kaufen. Das nenne ich mal geschäftstüchtig. Von einer Anzeige bei der Ärztekammer habe ich abgesehen, da sie dann wahrscheinlich keinen Termin wieder bekommt und ob dabei etwas herauskommt wage ich zu bezweifeln. Aber zumindest bei meiner Mutter werde ich das zukünftig zu verhindern wissen.

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Pharmazeutisch-technische Assistentin (PTA)

Ich würde hier verständnishalber zwischen einem Ärztemuster und einer Probe differenzieren.

Wenn das NEM einen Bezug zum Patienten hat und man ein Muster hat und mitgibt, müsste das hingegen in Ordnung sein.
Dafür braucht es nicht zwingend einen Mangel und eine Blutuntersuchung. Im Prinzip ist es wie mit sämtlichen Ärztemustern, wenn Sie es verorodnen (wollen), dürfen sie ein entsprechendes Muster auch abgeben, zumindest wenn ich richtig informiert bin, das Thema gab es vor ein paar Jahren schon einmal. Damit ergibt sich eine Verordnung/Empfehlung und der Patient kauft es sich deshalb künftig selber, wenn es nicht verordnungs- bzw erstattungsfähig ist.

Ohne Fallbezug, also als eine “Probe” wie man es umgangssprachlich versteht, ist untersagt. Über die Auslegung von manchen Formulierungen dazu kann man sicher streiten, letztlich liefe es dann immernoch darauf hinaus das solche Proben immer dem Gewinn oder der Kundenbindung dienen sollen und die Spirale fängt an sich zu drehen.
Einen Werbeflyer oder Bestellformular mitzugeben, dabei kann man sich dann allerdings so gar nicht rausreden und verstößt definitiv gegen die Berufsordnung. Ohne Bezug zum Fall und auch noch eine Bezugsquelle empfehlen (passiert automatisch mit Flyer/Bestellschein), ist sowohl einzeln, wie gleichzeitig untersagt.
So wie ein Arzt nicht sagen darf: gehen sie in diese oder jene Apotheke o. Sanitätshaus, darf er auch nicht sagen gehen sie nebenan zu Rossmann oder bestellen sie bei xy.

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Gast
Gast

Schwieriges Thema! Anhand von Laborwerten kann ein Arzt durchaus erkennen, ob bestimmte Nährstoffe fehlen und entsprechend empfehlen, diese zu ergänzen, auch wenn therapeutisch kein zwingender Bedarf nachgewiesen wird. So finde ich die Empfehlung, bestimmte Nährstoffe zu ergänzen, in Ordnung. Flyer auslegen oder Gratisproben verteilen finde ich problematisch: Da besteht immer der Verdacht, käuflich zu sein, auch wenn das in manchen Fällen vielleicht als guter Service gedacht ist. Aber einen bestimmten Hersteller empfehlen? Es gibt eben viele Billigproduzenten, die schlechte NEM im Internet oder an der Supermarktkasse anbieten, die entweder Nährstoffe in falscher Dosierung enthalten oder durch billigste Herstellungsmethoden dafür sorgen, dass die Nährstoffe nicht verstoffwechselt werden können. Als Patient kann ich den Unterschied nicht beurteilen. Ich nehm mal ein Gegenbeispiel: Der Hersteller http://neurolab.eu/ stellt Nahrungsergänzung für Ärzte und Heilpraktiker her. Über eine separate Firma verkaufen die auch Präparate speziell gegen Stress-Symptome unter https://www.neurolab-vital.de/, die ohne Beratung erhältlich sind. Da sind Qualität und Verlässlichkeit höher als bei No-Name-Billigprodukte auf den üblichen Verkaufsplattformen. Ich würde es jetzt eher als hilfreiche Info sehen, wenn Ärzte solche Hersteller empfehlen. Ist das dann verwerflich? Ich wäre über Meinungen dazu dankbar!

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Die Verbraucherschützer schützen die Verbraucher vor allem, wohl auch vor gutgemeinten Ratschlägen. Meine Patienten haben bisher NEM nicht mit Medikamenten verwechselt, ich kläre sie allerdings bei den Beratungen auch auf. Muster und Merkzettel habe ich nicht, kann ich somit auch nicht ausgeben. Allerdings schreibe ich einen Wirkstoff schon einmal auf und gebe den Tip für einen Drogeriemarkt. Darf ich überhaupt noch gedruckte Ernährungsvorschläge bei Mangelerscheinungen ausgeben?

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Ich verschenke auch manchmal Muster von Nahrungsergänzungsmitteln und sage gelegentlich dazu, dass man sie in der Apotheke kaufen könne. Ich kenne jedoch weder die Vertriebswege noch die Verkäufer. Ich empfehle sie nicht und verdiene schon gar nichts daran. Ich verkaufe nichts und habe keine Bestellformulare. Ist dieses Vorgehen schon vorwerfbar?

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Gast
Gast

@1: Bitte nutzen Sie die Suchmaschine Ihres Vertrauens mit Suchbegriffen wie “Berufsordnung Ärzte”. Sie stoßen dann auf die Musterberufsordnung der Bundesärztekammer oder die jeweiligen Texte der Ärztekammern.

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Gast / Eine Frage …
Gast / Eine Frage …

“Ärzte verstoßen gegen berufsrechtliche Vorschriften, …”.

In welchem Regelwerk stehen solche Vorschriften? Kann man als Patient diese Vorschriften einsehen?

#1 |
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