Chirurgie: Den Spinnenfaden, bitte

10. August 2017
Teilen

Spinnenseide könnte zukünftig von großer Bedeutung in der Chirurgie sein. Eine Spinnenart aus Tansania stellt so stabile Seide her, dass sie nicht nur Fischern als Netz dient, sondern auch als Gerüst bei Nervenverletzungen eingesetzt werden könnte.

Die goldene Radnetzspinne aus Tansania spinnt so starke Netze, dass tansanische Fischer diese zum Fischen verwenden. Ihre Spinnenseide ist reißfester als Nylon und viermal dehnbarer als Stahl und außerdem bis 250 Grad Celsius hitzestabil, extrem wasserfest und wirkt auch noch antibakteriell.

Diese Eigenschaften machen sie auch für die biomedizinische Forschung interessant. Erste Studien von Christine Radtke, neue Professorin für Plastische und Rekonstruktive Chirurgie an der MedUni Wien, haben im Tiermodell gezeigt, dass die Fäden großes Potenzial besitzen, Nerven und Gewebe zu reparieren.

Behandlung von Nervenverletzungen

Derzeit gibt es in der plastischen und rekonstruktiven Chirurgie vor allem Bedarf bei sogenannten langstreckigen Nervenverletzungen im peripheren Nervensystem ab fünf Zentimetern Länge – etwa nach einem schweren Unfall oder nach einer Tumorentfernung.

Bisher konnten die Mediziner neben der limitierten Nerventransplantation nur Interponate einsetzen um durchtrennte Nerven wieder zu verbinden. Diese tragen dazu bei, dass die Nervenfasern wieder zusammenwachsen. „Das funktioniert aber nur über kurze Distanzen bis maximal vier Zentimeter gut“, sagt Radtke.

Leitstruktur Spinnenseide

Daher haben Radtke und ihre Kollegen an der Medizinischen Hochschule Hannover, eine neue mikrochirurgische Methode entwickelt, bei der Venen mit Spinnenseide als längsverlaufende Leitstruktur gefüllt werden.

„Das funktioniert praktisch wie ein Rosengitter“, erklärt Radtke. „Die Nervenfasern benützen die Seidenfasern, um daran entlang zu wachsen um das gegenüberliegende Nervenende wieder zu erreichen. Die Seide bietet den Zellen gute Haftung, unterstützt die Zellbewegung und fördert die Zellteilung.“

Mit dieser Methode konnten im Tiermodell bei Nervenschädigungen Distanzen bis zu sechs Zentimetern überwunden werden: Die Nervenfasern wuchsen binnen neun Monaten funktionsfähig zusammen. Zugleich wird das Gerüst aus Spinnenfäden, das ein Naturprodukt ist, vom Körper total abgebaut. Eine Abstoßungsreaktion gibt es ebenfalls nicht.

200 Meter Spinnenseide in maximal 15 Minuten

Radtke besitzt derzeit 21 Spinnen – 50 sollen es noch werden. Der Spinnenfaden wird dann maschinell abgemolken. In 15 Minuten können so bis zu 200 Meter Spinnenseide gewonnen werden. Die Spinnen werden im Schnitt einmal pro Woche „gemolken“. Der Spinne selbst geschieht dabei nichts und sie bekommt später eine extra Ration Heimchen gefüttert.

Für die Überbrückung eines Nervenschadens von sechs Zentimetern sind mehrere hundert Meter Seide nötig. Um die Spinnenseide zukünftig auch in klinischen Studien am Menschen einsetzen zu können, wird derzeit noch an der Zertifizierung als Medizinprodukt gearbeitet.

Danach sind aber weitere Einsatzbereiche denkbar, so die Chirurgin, etwa in der Orthopädie bei Meniscus oder Bandverletzungen. Bei tiefen Hautverbrennungen auch als potentieller Hautersatz. Möglicherweise könnte die Spinnenseide künftig auch bei anderen neurologischen Erkrankungen eingesetzt werden, bei denen Zelltransplantationen eine Rolle spielen.

Der Text basiert auf einer Pressemitteilung der Medizinischen Universität Wien.

29 Wertungen (5 ø)
Chirurgie, Forschung, Medizin

Die Kommentarfunktion ist nicht mehr aktiv.

1 Kommentar:

Dr. med. Michael Walter Groh
Dr. med. Michael Walter Groh

Klasse-Artikel

#1 |
  0


Copyright © 2017 DocCheck Medical Services GmbH
Sprache:
DocCheck folgen: