Das PJ: Ausbildung oder Ausbeutung?

6. August 2010
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Im PJ geht es für Medizinstudenten richtig mit der Praxis los: Lange Tage in der Klinik und echte Patientenfälle erwarten die angehenden Ärzte. Aber trotz der Arbeit, die sie verrichten, werden viele PJler nicht dafür bezahlt. Ein ungerechtes System oder der Preis für die Ausbildung?

Die Einen bekommen ihr Praktisches Jahr bezahlt, die Anderen gehen leer aus. Die Beträge liegen zwischen 300 und 700 Euro, und schon so mancher hat sich den selbstgeißelnden Spaß erlaubt, seinen Stundenlohn auszurechnen, um dann enttäuscht und klagend mit dem Finger darauf zeigen zu können. Doch das PJ gehört zur Ausbildung, warum also sollte man überhaupt einen Anspruch auf Bezahlung erheben? Wir haben uns in Halle und Leipzig ein bisschen umgehört und teils überraschende Antworten erhalten.

Im Grunde ist es ja eine einmalige Situation, dass Medizinstudenten im Rahmen ihres Studiums teilweise Geld dafür bekommen, dass sie an “Lehrveranstaltungen” teilnehmen. Formal klingt das erstmal gut, bei Licht betrachtet hat dieses System jedoch seine Mängel: Was gemeinhin unter Ausbildung läuft, entpuppt sich vielerorts als an Ausbeutung grenzende Nutzung billiger Arbeitskraft. Das ist eine überspitzte Formulierung, doch allzu oft ist der Alltag im letzten Studienjahr von unzähligen Blutentnahmen, Anamnesen und Telefonjobs geprägt. Da wirken die 2,50 Euro Stundenlohn tatsächlich wie blanker Hohn.

“Ein PJler, der so viel Blut abnehmen muss, dass er nicht mit zur Visite kann, sollte auf jeden Fall bezahlt werden”, sagt Johanna Janssen, Assistenzärztin der Inneren Medizin in einem halleschen Krankenhaus. “Und eine Klinik, die mit der Bezahlung ihr schlechtes Gewissen über die PJler-Ausbildung beruhigt, sollte vielleicht überdenken, ob sie wirklich Lehrkrankenhaus sein möchte.” Andererseits, fügt sie an, sei selbst die langweilige Alltagsarbeit ein wichtiger Teil der Ausbildung, denn im späteren Berufsalltag sehe man ja auch nicht ständig spannende Fälle.

Mangelhafte Ausbildung

Der Knackpunkt scheint also die oftmals mangelhafte Ausbildung während des PJs zu sein. Viele Studenten beklagen, dass sie wegen der ihnen zugewiesenen Aufgaben oft nicht an den Visiten teilnehmen können. Andere berichten, dass der vorgeschriebene PJ-Unterricht gar nicht oder nur auf mehrfache Nachfrage stattgefunden hätte. Dabei vertrete eine große Mehrheit die Auffassung, dass sie gerne bereit wären, auf eine Vergütung zu verzichten, wenn sie im Gegenzug eine gute Ausbildung erhielten, erklärt Sarah Dühring, die derzeit ihr 2. Tertial im Klinikum St. Georg in Leipzig absolviert. Ihr “Arbeitgeber” hat in den letzten Jahren einen deutlichen Verlust an PJlern hinnehmen müssen, da viele Studenten in periphere Häuser wie die Helios Klinik in Borna und das Klinikum Chemnitz gGmbH, die eine Vergütung von bis zu 700 Euro (Borna) anbieten, abgewandert sind. “Die Problematik ist, dass das praktische Jahr in seiner Ausrichtung dem Lehrauftrag meist nicht gerecht wird”, erläutert Sarah, “somit liegt letztendlich ein unter- oder unbezahltes Arbeitsverhältnis vor.” Das St. Georg versucht das Recht auf Lehre im PJ mit einem Unterschriftenzettel für die besuchten Lehrveranstaltungen zu stärken. So fällt es den Studenten leichter, von ihren Stationen freigestellt zu werden.

In einigen Kliniken scheint jedoch das Bewusstsein zu fehlen, dass die PJler zum Lernen und nicht zum Abarbeiten unbeliebter Aufgaben da sind. Werden die Studenten als billige Arbeitskräfte “missbraucht”, legitimiert sich der Anspruch auf ein Entgelt, zumal die
Studenten tatsächlich geldwerte Leistungen erbringen. Gerade in Zeiten des Ärztemangels würden die PJler häufig die Stelle eines fehlenden Assistenzarztes einnehmen, sagt Kristina J. (Name auf Wunsch geändert), zurzeit PJlerin in der Klinik für Innere Medizin in der BG- Klinik Bergmannstrost Halle. “In diesem Zusammenhang”, fährt sie fort, “gelten für uns die gleichen oder ähnliche Arbeitszeiten mit verantwortungsvollen Aufgaben, ohne das gleiche Gehalt zu erhalten.” Viele ihrer Kommilitonen fühlten wenig Dankbarkeit und Anerkennung. Insgesamt, so Kristina, sollte durchgesetzt werden, dass jeder Geld für seine Leistung erhalte und nicht nur ausgewählte Krankenhäuser zahlten.

Flächendeckende Zahlungen könnten das Problem lösen

Im Moment haben die Häuser in dieser Hinsicht freie Hand, doch manchen Chefärzten sind von der Verwaltung die Hände gebunden. So zum Beispiel Dr. Ralf Heine, dem Chef der Klinik für Innere Medizin I des Diakoniekrankenhauses Halle. Er kann seinen PJlern kein Geld bieten, legt aber umso mehr Wert auf eine gute Ausbildung. In der aktuellen Praxis sieht er auch eine Wettbewerbsverzerrung: “Ich bin nicht dafür, den PJlern willkürlich Geld zu geben. Da müssen generelle Regelungen geschaffen werden. Sie sollten Geld bekommen, aber flächendeckend, damit wieder die Qualität der Ausbildung gegenüber materiellen Anreizen bei der Wahl des Hauses im Vordergrund steht.” Heine geht dabei noch viel weiter: “Es sollte eigentlich so sein, wie wir das damals im Osten hatten. Dort galten wir als ärztliche Mitarbeiter und haben ein volles Arztgehalt bekommen.” Wenn man heute aus Gründen der Finanzknappheit ein solches Gehalt nicht zahlen könne, erläutert er, dann solle wenigstens ein Gehalt in Höhe des ehemaligen AIP (Arzt im Praktikum) möglich sein.

Es ist die Frage, ob man wirklich so weit gehen muss, immerhin tragen PJler noch nicht die juristische Verantwortung der Assistenten. Aber Heine hat insofern Recht, dass die gängige Praxis dazu führt, dass einige Studenten dem Geld und nicht dem Ruf eines Hauses folgen. Vor allem abgelegene Krankenhäuser nutzen dieses Mittel um ihren Standortnachteil auszugleichen. Nicht immer sollte dann gleich eine schlechte Lehre unterstellt werden. Gerüchteweise gibt es sogar Kliniken, die ihren PJlern bis zu 1000 Euro zahlen, wenn sie sich zu einer anschließenden Assistenztätigkeit verpflichten. Der Ärztemangel bringt die merkwürdigsten Konzepte hervor, siehe auch das viel diskutierte Landarztmodell von Gesundheitsminister Rösler.

Fazit

Am Ende läuft alles wieder einmal auf eine Verbesserung der Ausbildungssituation hinaus. Ist diese zufriedenstellend, verlangt das PJ nicht zwangsläufig nach einer Vergütung. Doch wird es vermutlich über kurz oder lang dazu kommen. Sei es, weil die Nichtzahler aus Konkurrenzgründen nachziehen, oder weil eine generelle Regelung dies vorschreibt. Neben den Auswirkungen auf die Motivation der PJler sollte man dabei auch an all diejenigen denken, die sich ihr Studium selbst finanzieren und im PJ nicht mehr arbeiten gehen können.

41 Wertungen (4 ø)
Allgemein

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7 Kommentare:

Stefanie Merse
Stefanie Merse

Mein PJ ist im Januar zu Ende gegangen und ich habe beidews erlebt.
Ich war 2 Tertiale in einem peripheren akademischen Lehrkrankenhaus mit 400 ¿ Vergütung. Im ersten Tertial in der Inneren habe ich schnell viel Verantwortung getragen – bis hin zur Leitung einer Station nur mit “Telefonjoker” und habe so gelernt mich zu orargnisieren. Leider kam die praktische Ausbildung dabei viel zu kurz, bzw. fehlte einfach. Die Pflege hat mich aufgefangen und mich – wie so manchen neuen jungen Assistenen auch- sehr unterstützt.
Das 3. Tertil im gleichen Haus in der Chirurgie war super.
Ich war aditional dabei und die Asistenten und Oberärzte hatten Spaß daran einem interessierten PJ möglichst viel zu zeigen und zu praktisch zu ermöglichen. Die Assistenz bei besonderen Eingriffen gehörte genau so selbstversändlich dazu, wie das strukturierte Vorstellen eines neuen Patienten in der Frühbesprechung nach einem Supervisionsgespräch nach der selbständigen Aufnahme neuer Patienten.

Das 2. Tertial (Wahlfach Integrative Medizin) war in einem Haus ohne Vergütung, aber mit freiem Mittagessen. Hier wurde man sehr strukturiert an den Arztalltag herangeführt mit einem klaren Ausbildungkonzept und einem schrittweise heranführen an die verschiedenen ärztlichen Tätigkeiten.
Eine kontinuierliche Betreuung durch einen festen Assistenzarzt und feste Fortbildungen und Supervisionen durch die Öberärztin führten zu einer sehr guten Lernkurve in einer sehr guten Lehr- und Lernatmosphäre.

Fazit:
Die Qualität der Ausbildung liegt nicht dran, ob eine Haus die PJ-Zeit vergütet, sondern an dem Engagement der Ärzte in der Abteilung und an derm interesse und an de der Einsatzbereitschaft des PJ´lers

Eine Vergütung die eine Überleben in der PJ-Zeit absichert, wenn der Lebensunterhalt selber bestritten werden muß, erhöht meines erachtens die Lern- und Einsatzbereitschaft der PJ´ler.
Allerdings gibt es bei einingen Lerenden noch einen post
PJ-Neidfaktor “Wir sind damals auch nicht bezahlt worden”, der sich eher negativ auswirkt.

#7 |
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Das PJ ist nur ein kleiner Teil der masslos schlechten Ausbildung der Ärzte, insbesondere in den chirurgischen Fächern. Das Verhältnis zwischen Aufwand und Lerneffekt stimmt einfach nicht und die Diskussion um Bezahlung ist eine Alibiveranstaltung. Solange die Verantwortung für die Ausbildung beim Lernenden liegt, wird dies auch so bleiben. Erst wenn die Verantwortung auf den Ausbilder übergeht, wird sich das verbessern.
Zum Thema PJ: alleine aus sozialen Gründen muss das in der heutigen Form eigentlich abgeschafft werden. Studenten, die aus finanziell schächeren Verhältnissen kommen, müssen Kredite für ihre eigene Ausbildung aufnehmen. Das kann nicht sein. Zusätzlich sollten die Kriterien für eine Zulassung für die Ausbildung von PJ-lern überdacht werden. Die bessere Ausbildung hab ich immer an kleinen Häusern erhalten.
….. und liebe Kollegen: lasst es Euch einfach nicht gefallen. Die grösste Schwäche der Mediziner ist die fehlende Solidarität untereinander.

#6 |
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Da es mittlerweile auch genug Häuser gerade in ländlichen Bereichen gibt, die etwas Taschengeld zahlen (so möchte ich 400 Euro bei Vollzeittätigkeit einmal nennen), und man in diesen Häusern nach meiner KPP-Erfahrung wesentlich mehr lernt, kann sich der Herr Klinikdirektor sicher bald auf die veränderten Bedingungen freuen. Und wenn die Ausbildung hier schlecht ist, gibt es immer noch das Ausland.

#5 |
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Studentin der Humanmedizin

Ich gehe während meines Studiums noch 20 Stunden die Woche arbeiten, um mir meinen Lebensunterhalt zu verdienen. Leider bleibt da nicht allzuviel übrig, um noch etwas für das PJ zu sparen. Ich bin mal gespannt, wie ich das hinbekommen werde…

#4 |
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Anna-Nora zur Nieden
Anna-Nora zur Nieden

1. Es ist keine “einmalige Situation”, dass man im Studium für “Lehrveranstaltungen” Geld bekommt. Hier in Aachen z.B. gibt es viele Maschinenbauer, bei denen ist es ganz normal, dass man für seine Praktika bezahlt wird. Und das gar nicht mal so schlecht.
2. Der Punkt der hier ganz am Ende genannt wird ist denke ich ein sehr wichtiger. Studenten, die sich ihren Lebensunterhalt selbst verdienen müssen, müssen im Prinzip “aufs PJ sparen”, denn immerhin macht man einen Ganztagsjob, und dabei nebenher seinen Job zum Geldverdienen weiterzumachen ist schlichtweg utopisch.

#3 |
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Herr Jan Oesterwalbesloh
Herr Jan Oesterwalbesloh

ja, das PJ… Nicht nur in der Medizin gibt es das Problem, denn auch in der Pharmazie gibt es das PJ zwischen 2. und 3. Staatsexamen. Die Vergütung liegt aktuelle 619,-¿ im ersten halben Jahr und in der zweiten Hälfte 863.-¿ (lt. ADEXA). Da man im PJ ja nicht mehr immatrikuliert ist, bedeutet das, dass dieses Gehalt voll sozialversicherungspflichtig ist. Bei 40h/Wo bleibt auch nicht mehr viel Zeit, sich etwas nebenher zu verdienen, was ja eh schon vom Gedanken her unmenschlich ist. Wie in der Medizin auch, hat man ein Studium hinter sich, was seinesgleichen sucht, man ist also schon sehr gut ausgebildet. Somit kann ich den Gedanken im obigen Artikel verstehen, dass PJler (Medizin, wie auch Pharmazie) als billige Arbeitskräfte herhalten müssen. Ob wir Heilberufler (ich nehem uns mal unter einen Hut) keinen Gegenwert bringen, wie der Klinikdirektor meines Vorkommentators behauptet, wage ich nach dem Studium, das wir Heilberufler haben, doch sehr zu bezweifeln.

#2 |
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Julian Renzland
Julian Renzland

Ja das leidige Thema..Habe auch gerade erst mein PJ abgeschlossen..natürlich unbezahlt.
Fazit: gelernt haben wir alle wenig, dafür umso mehr geldwerte Arbeit geleistet. Eine vorsichtige Nachfrage beim Klinikdirektor, ob eine Vergütung möglich sei: “So eine Anfrage ist eine Frechheit, PJler sind für die Station sowieso mehr Belastung als Hilfe. Sie bringen keinen Gegenwert, also erhalten Sie keine Bezahlung”
Ich denke das kann man unkommentiert und zum “genießen” so stehen lassen.

#1 |
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