GERD: Schnippeln statt Schlucken?

15. Juli 2013
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Meist erhalten Patienten mit gastroösophagealer Refluxkrankheit (GERD) als Standardtherapie Protonenpumpenhemmer. Chirurgische Interventionen haben an Bedeutung verloren – zu Unrecht, wie Studien jetzt zeigen. Darüber hinaus sollten Betroffene ihren Lebensstil kritisch hinterfragen.

Gastroösophagealer Reflux – viel mehr als lästiges Sodbrennen: Bei rund 1,3 Prozent aller Erwachsenen kommt es durch die Krankheit zur metaplastischen Umwandlung des Epithels der Speiseröhre, bei übergewichtigen Männern jenseits der 50 sind sogar 13 Prozent betroffen. Innerhalb von nur zwei Dekaden haben sich entsprechende Zahlen versechsfacht, heißt es von der Deutschen Gesellschaft für Verdauungs- und Stoffwechselerkrankungen. Onkologen bewerten eine Barrett-Schleimhaut als Risikofaktor für Adenokarzinome und fordern, Reflux frühzeitig zu behandeln. Meist kommen Protonenpumpenhemmer (PPI) zum Einsatz – und zwar relativ kritiklos.

Volksarzneimittel PPI

Deren Verordnungszahlen steigen Jahr für Jahr um 15 bis 20 Prozent – mittlerweile auf rund drei Milliarden Tagesdosen. Durch den OTC-Switch von Omeprazol sind Präparate für eine kürzere Therapiedauer auch ohne Rezept in Apotheken erhältlich. Bei GERD-Patienten helfen Pharmaka jedoch nicht immer. Schwedische Ärzte zeigten die Problematik speziell bei Laryngitis gastrica, einer Schleimhautentzündung in Kehlkopf und Rachen, auf. Von 122 Studienteilnehmern hatten 63 Prozent vier Jahre nach der Diagnose immer noch Sodbrennen – trotz leitliniengerechter Pharmakotherapie mit PPI. Jeder Dritte steigerte eigenmächtig die Dosierung entsprechender Präparate. Die Autoren fordern als Konsequenz, nicht sofort den Rezeptblock zu zücken, sondern das Krankheitsbild durch eine Gastroskopie abzuklären.

Sparen oder untersuchen?

Sollten Ärzte allzu häufig endoskopieren, steht schnell der Vorwurf einer Überdiagnose im Raum. Statistisch gesehen beträgt das jährliche Risiko für Reflux-Patienten jenseits der 50, Karzinome zu entwickeln, gerade einmal 0,04 Prozent. Wer bei GERD auf eine Untersuchung verzichtet, riskiert jedoch, mögliche Präkanzerosen zu übersehen und rechtzeitig abzutragen. Mit diesem Spannungsfeld haben sich US-amerikanische Gastroenterologen befasst. Sie raten, bei Alarmsymptomen wie Gewichtsverlust, Blutungen, wiederholtem Erbrechen oder Schmerzen möglichst rasch zu endoskopieren. Sollten PPI nach acht Wochen keinen Effekt gezeigt haben, lohnt eine gründliche Untersuchung ebenfalls. Als „Kann-Kriterien“ kommen vor allem bei Männern neben dem Alter Risikofaktoren wie Rauchen und ein hoher BMI mit hinzu.

Stiefkind Fundoplicatio

Seit pharmazeutische Hersteller H2-Antihistaminika und später Protonenpumpenhemmer auf den Markt gebracht haben, ist es um chirurgische Interventionen vergleichsweise still geworden – zu Unrecht, wie eine aktuelle Arbeit zeigt. Britische Gastroenterologen untersuchten den Mehrwert einer laparoskopischen Fundoplicatio im Vergleich zur Pharmakotherapie. Hierbei wird der Magenfundus wie eine Manschette um den Mageneingang platziert. Dazu ein paar Studiendaten: Ärzte teilten 357 Patienten, die bereits erfolglos seit mehr als zwölf Monaten PPI eingenommen hatten, randomisiert in zwei Gruppen ein: Fundoplicatio oder Pharmakotherapie. Zeitgleich befragten sie 453 GERD-Patienten nach ihrem Wunsch – und behandelten dementsprechend. Eingriffe waren langfristig betrachtet ein Erfolg: Nur 4,4 Prozent aller Patienten mussten innerhalb von fünf Jahren erneut unter das Messer. Auch traten in der OP-Gruppe Schluckstörungen oder Flatulenzen nicht häufiger auf als unter PPI. Demgegenüber schnitt eine Fundoplicatio laut Reflux-Score mit 100 Punkten um 11,5 Punkte besser ab als die Medikation. In der OP-Gruppe nahmen 44 Prozent aller Patienten nach wie vor PPI ein, in der Arzneimittel-Gruppe waren es 82 Prozent. Das Fazit: Gerade Patienten, die eine Langzeittherapie benötigen oder schwere GERD-Symptome zeigen, profitieren vom Eingriff.

Bänder gegen GERD

Alternativ zur Fundoplicatio kommt das LINX-System infrage: ein flexibles Band aus miteinander verbundenen, titanummantelten Magneten. Gastroenterologen platzieren es minimalinvasiv am unteren Ösophagussphinkter. Beim Schlucken überwindet Nahrungsbrei diese Barriere, allerdings gibt es keinen Weg zurück. Jetzt liegen Daten von 100 Patienten vor, die an 13 Zentren in den USA ein magnetisches Band bekommen hatten. Bei allen Betroffenen zeigten PPI zuvor nicht den gewünschten Effekt. Postoperativ normalisierte sich der ösophageale pH-Wert bei zwei von drei Patienten, und typische GERD-Symptome verschwanden. In der Folge konnten 93 Prozent ihre PPI-Dosis um mindestens die Hälfte verringern. Zwar litten 68 Prozent kurz nach dem Eingriff an Schluckstörungen, drei Jahren später lag der Wert nur noch bei vier Prozent. Drei Patienten unterzogen sich einer Revisions-OP inklusive Entfernung des Magnetbands. Alle Probanden werden noch zwei Jahre nachbeobachtet. Um zu klären, ob das LINX-System einen Barrett-Ösophagus wirkungsvoll verhindert, wird die Zeit wohl kaum ausreichen. Dazu wäre auch eine Kontrollgruppe erforderlich. Allerdings erhoffen sich die Autoren weitere Informationen zu Langzeiteffekten, sprich zur Zahl möglicher Revisionseingriffe.

Rauchstopp in Norwegen

Chirurgische oder pharmakologische Interventionen sind nur ein Teil der Wahrheit. Änderungen im Lebensstil zeigen erstaunliche Resultate. Im Rahmen der Nord-Trøndelag-Gesundheitsstudie, einer prospektiven, populationsbasierten Kohortenstudie, werteten Forscher Informationen von 30.000 Probanden aus – die Datenbank selbst umfasst rund 120.000 Menschen. Studienteilnehmer, die rauchten und gleichzeitig unter GERD litten, profitierten vom Verzicht auf den blauen Dunst. Bei doppelt so vielen Patienten gingen die Beschwerden zurück, im Vergleich zur Gruppe mit Tabakkonsum. Übergewichtige hatten keinen Nutzen, allerdings gibt es auch hier Mittel und Wege: Wer abnahm, schlug dem Reflux ein Schnäppchen. Der Gewichtsverlust war sogar dosisabhängig mit einer Reduktion von GERD-Symptomen und einem erhöhten Behandlungserfolg durch Medikamente verbunden.

105 Wertungen (4.41 ø)

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10 Kommentare:

Rettungsassistent

@ Dr. Wildner

Kochsalz und Kohlensäure reagieren mit Sicherheit nicht zu Salzsäure und Natriumhydrogencarbonat (Na-bicarbonat).

Anders herum ist das sicher richtig.

Na2CO3 + 2 HCl => 2NaCl + H2O + CO2

#10 |
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Zur Erinnerung: Kochsalz und Kohlensäure ergibt Salzsäure und Natriumbicarbonat. Das passiert in den Belegzellen des Magens, die Salzsäure geht in das Mageninnere, das Bicarbonat ins Blut. Wer Sodbrennen und/oder Reflux hat, ist meistens latent übersäuert. PPI hemmt nicht nur die Produktion von Magensäure, sondern auch von Bicarbonat. Dadurch nimmt der Bicarbonatpuffer im Blut ab, die latente Acidose nimmt zu. Heilerde bindet die Säure im Magen (#1), basische Salzlösungen wie z. B. BullrichsVital können das vielleicht noch besser.
Zwei einfache Hinweise auf latente Acidose: 1. Faltenzunge 2. Speichel-pH-Wert unter 7.
[Kommentar von der Redaktion gekürzt]

#9 |
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Brigitte Schenck
Brigitte Schenck

Brigitte Schenck

[Kommentar von der Redaktion gekürzt]

Eine halbe Stunde vor dem Essen eine gute Prise Bitterkräuter wirken Wunder!

#8 |
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Gabriele Papenhagen
Gabriele Papenhagen

Vielen Dank Herr Dr. Oussama Al-Abyad,

für Ihren sehr interessanten Beitrag.
Das ist für mich “Medizin”, wenn man seinen Patienten auf diese Weise recht einfaches Wissen vermittelt und ihnen helfen kann, sich selbst zu helfen.
Oft kommen Patienten hilfesuchend zu Heilpraktikern, weil “Schulmedizin” meistens diesen Weg nicht findet.

#7 |
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Das größte Problem bei Patienten mit GERD Symptomen ist das gleichzeitige trinken zum Essen damit wird der Mageneingang physikalisch dilatiert noch schlimmer ist d wenn das Getränk auch Alkohol enthält, was die Sphinktermuskulatur nahezu total betäubt und es erlaubt den Reflux.
Würde man einen Trink-Eß Abstand einhalten ( 1/4 Stunde und eine Stunde nach dem Essen nicht trinken) so verschwinden über 90% der Gerd Symptomen.
Noch ein wichtiger Hinweis Obst und Salat vor und nicht nach dem Essen verzehren.
Vor dem Essen fördert Obst den Verdauungsprozess. Nach dem Essen fermentiet der Obst wenn konsumiert wird und somit erheblicher Anstieg der GERD Symptomatik.
Aus langjähriger Erfahrung und bei konsequenter Umsetzung brauchen GERD-Patienten kaum noch PPI, Operationen sind dann auch überflüssig.
Dr.O. Al-Abyad-Internist
Köhlerstr.9a
12205 Berlin

#6 |
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Ernst Pawlowsky
Ernst Pawlowsky

Die Nord-Trondelag-Studie zeigt es doch, man muß sie nur noch etwas weiter interpretieren und in Verbindung mit dem allgemeinen Ernährungsverhalten, nicht nur dem Übergewicht, bringen sowie den Anmerkungen meiner VorkommentatorenInnen:
eine kohlenhydratreiche Ernährung ist wesentllich sowohl am Übergewicht als auch an der Gasbildung im Darm verantwortlich. Hier setzt die Eigenverantwortlichkeit der Patienten ein: mit einem Übergang zu einer low-carb- oder ketogenen Ernährung lassen sich Übergewicht und Blähungen drastisch reduzieren, mit vielen weiteren positiven Aspekten bzgl. körperlicher und geistiger Leistungsfähigkeit. Werden aber nur Symptome behandelt, bleibt die Ursache bestehen, selbst wenn Löß eine Verbesserung schafft.

#5 |
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Hallo Herr Dr. Bayerl, interessanter Ansatz. Meines Wissens hemmen die PPI die Produktion von Magensaft inkl. Salzsäure. Was Sie meinen, sind doch sicher Antazida, die die Säure chemisch neutralisieren, oder? Untersuchungen über das Metaplasierisiko bei nicht-saurem Reflux sind mir gerade nicht auf dem Schirm.
Und so weit ich weiß, sind die Langzeitergebnisse bei Fundoplicatio vergleichbar mit denen der PPI. Dummerweise sollen diejenigen, bei denen die OP funktioniert, auch die sein, die von PPI profitieren, aber der Chirurg schneidet halt gern. Vielleicht bin ich auch nicht auf dem neuesten Stand, aber lassen wir uns mal von dieser einen Studie nicht den Kopf verdrehen.
Aber PPI sollten aus meiner Sicht auch nur vorübergehend oder gelegentlich angewendet werden, wenn nicht ein spezieller Grund vorliegt. Wichtiger ist, der Frage nachzugehen, was den Reflux macht und das Wissen um die “konservativen” Maßnahmen, wie Meiden bestimmter Speisen, 3h vorm Hinlegen nichts mehr essen, abnehmen, etc.

#4 |
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Der g-ö. Reflux kann überhaupt nur operativ geheilt werden. PPI und andere “Säureblocker” machen Magensaft und Mageninhalt nur weniger sauer, der Reflux bleibt und mit ihm auch das Metaplasierisiko.
Wichtig ist eine gute Vordiagnostik (Indikation), nicht nur die subjektiven Beschwerden und natürlich ein wirklich erfahrener Operateur.

#3 |
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Neben der von Frau Dr Bihlmaier zu Recht wärmstens empfohlenen Therapie mit Löß möchte ich hier gerne ergänzen, dass die Refluxproblematik nicht selten durch einen übermäßigen abdominellen Gasdruck verursacht wird, welcher den Magen von caudal her komprimiert und so einen Druck auf die Cardia ausübt. Wird die Ursache für das übermäßige Gas gefunden (hierfür gibt es mannigfaltige Ursachen), dann verschwindet der Druck und GERD verschwindet auch :-)
Aude sapere!

#2 |
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Dr. med. Susanne Bihlmaier
Dr. med. Susanne Bihlmaier

Vielen Patienten mit GERD kann günstig(er) und dennoch wirksam(er) geholfen werden mit einem altbewährten Mittel der Naturheilkunde: Lös. Neu in Granulatform oder sogar eingekapselt, von Luvos. Dazu abends nicht mehr nach 18.00Uhr essen und die Heilerde vor dem Zubettgehen einnehmen. Wem die klassisch-klinischen Therapien nicht helfen können, macht das gerne und freiwillig. Und staunt, wie gut es hilft.

#1 |
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