Nachtschicht: Durchmachen bis zum Krebs

10. August 2017
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Wer immer wieder nachts arbeitet, stellt nicht nur seinen Biorhythmus auf den Kopf, sondern erhöht auch sein Krebsrisiko. Schuld daran könnte ein Mangel des Schlafhormons Melatonin sein, das an der DNA-Reparatur beteiligt ist.

Ob häufiges Arbeiten in der Nacht krebserregend ist, wird schon lange diskutiert. Bereits vor zehn Jahren hat die International Agency for Research on Cancer Nachtschichten, die einen normalen Tag-Nacht-Rhythmus verhindern, als „wahrscheinlich“ krebserregend eingestuft. Auch die Weltgesundheitsorganisation (WHO) teilt diese Ansicht. Vorausgegangen war unter anderem eine im Jahr 2001 veröffentlichte Studie, die gezeigt hatte, dass Krankenschwestern, die über 30 Jahre nachts arbeiteten, ein 1,5-fach höheres Brustkrebsrisiko hatten als ihre Kolleginnen, die nachts schliefen und tagsüber arbeiteten.

Nachts funktioniert die DNA-Reparatur besser

Epidemiologen haben nun molekulare Mechanismen, die hinter der erhöhten Brustkrebsrate bei nächtlich arbeitenden Frauen vermutet wird, untersucht. Eine aktuelle Studie legt nahe, dass der menschliche Körper Schäden an der DNA nachts effektiver reparieren kann als tagsüber. Parveen Bhatti vom Fred Hutchinson Cancer Research Center in Seattle und seine Kollegen hatten in einer vorherigen Studie an Krankenschwestern und anderen Angestellten herausgefunden, dass Menschen, die häufig nachts arbeiteten, weniger 8-Hydroxydesoxyguanosin (kurz: 8-OH-dG) ausschieden.

8-OH-dG entsteht, wenn der DNA-Bestandteil Guanosin oxidiert. „Dazu kommt es routinemäßig, da in normalen Stoffwechselprozessen reaktiver Sauerstoff frei wird. Dieser reagiert mit der DNA und kann dort Mutationen hervorrufen“, erklären die Wissenschaftler den Prozess. DNA-Reparaturenzyme entfernen das schädliche 8-OH-dG und ersetzen es durch unoxidierte Guanosin-Moleküle.

Licht stört den Biorhythmus in der Nacht

Scheidet ein Mensch 8-OH-dG in ausreichender Menge über den Urin aus, gehen Wissenschaftler davon aus, dass ihre DNA-Reparatur intakt ist. Bhatti und seine Kollegen vermuten, dass die verminderte Ausscheidung von 8-OH-dG der häufig nachts arbeitenden Frauen ein (Mit-)Grund für ihre erhöhte Brustkrebsanfälligkeit sein könnte. An der DNA-Reparatur ist offenbar auch das oft als „Schlafhormon“ bezeichnete Melatonin beteiligt.

„Zwischen 19 und 20 Uhr beginnt die Melatonin-Konzentration im Körper anzusteigen. Sie erreicht ihren Peak zwischen 1 und 2 Uhr nachts und fällt dann bis in die frühen Morgenstunden wieder ab“, so die Epidemiologen. Licht sorgt dafür, dass die Zirbeldrüse im Gehirn die Melatoninproduktion reduziert. Auch Licht aus Laptops und Smartphones beeinträchtigen die Synthese des Schlafhormons. „Melatonin synchronisiert die physiologischen Abläufe und den Rhythmus des menschlichen Körpers“, so Bhatti. Das Hormon sei vergleichbar mit dem Mond, der die Gezeiten rhythmisch koordiniert.

Studienleiter Dr. Parveen Bhatti. Credit: Robert Hood / Fred Hutch

Studienleiter Dr. Parveen Bhatti. © Robert Hood / Fred Hutch

Niedriger Melatoninspiegel korreliert mit verminderter 8-OH-dG-Ausscheidung

Die Forscher mutmaßen, dass der menschliche Schlaf unter anderem der Abwehr von Krebs dient. In früheren Studien wurde sowohl Melatonin als auch die DNA-Reparatur von 8-OH-dG mit der Nukleotidexzisionsreparatur (NER) in Verbindung gebracht. Mit diesem System korrigiert der Körper fehlerhafte Stellen, die eine Art „Buckel“ im DNA-Molekül erzeugen und dadurch die Helixstruktur stören.

Bhatti und seine Kollegen haben nun untersucht, ob der Melatonin-Spiegel mit der ausgeschiedenen 8-OH-dG-Menge im Urin korreliert. Dazu nutzte das Team die Daten von 50 Probandinnen, die im vergangenen Jahr an seiner Studie teilgenommen hatten und besonders niedrige Melatonin-Werte aufgewiesen hatten. Die Untersuchungen bestätigten Bhattis Verdacht: Nachtarbeitende Frauen mit einem niedrigen Melatoninspiegel schieden auch etwa 80 Prozent weniger 8-OH-dG aus als ihre nachtschlafenden Kolleginnen.

Melatonin nicht auf eigene Faust einnehmen

Im Moment handelt es sich bei diesem Phänomen jedoch nur um eine beobachtete Korrelation. Einen kausalen Zusammenhang wollen Bhatti und seine Kollegen in einer weiteren Studie untersuchen. Dabei wollen sie die Frage klären, ob die Gabe von Melatonin die nächtliche 8-OH-dG Ausscheidung erhöhen und damit mutmaßlich die DNA-Reparatur verbessern kann. Ist das der Fall, müssten langfristig angelegte Studien klären, ob sich die Gabe von Melatonin bei Schichtarbeiterinnen dauerhaft positiv auf das Brustkrebsrisiko auswirkt. Bhatti warnt ausdrücklich davor, aufgrund der vorliegenden Daten Melatonin auf eigene Faust einzunehmen. Dazu wisse man bisher zu wenig über den Nutzen, eine möglicherweise nützliche Dosierung und Nebenwirkungen, die eine solche Einnahme mit sich bringen könnten.

Bis belastbare Daten vorliegen, rät Bhatti allen Schichtarbeitern, noch mehr als anderen, die gängigen Ratschläge für eine stabile Gesundheit zu berücksichtigen: Ausreichend langer Schlaf, gute Ernährung und regelmäßige Bewegung.

Quellen:

Shift work and chronic disease: the epidemiological evidence
X-S. Wang et al.: Occupational Medicine, doi: 10.1093/occmed/kqr001; 2011

Oxidative DNA damage during night shift work
Parveen Bhatti et al.: Occup Environ Med, doi: 10.1136/oemed-2017-104414. 2017

47 Wertungen (4.51 ø)

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11 Kommentare:

Dr. med. Frank Giesecke
Dr. med. Frank Giesecke

@Gast vom 10. August 2017 um 19:05: (#5):
>>vom Ich halte die Fixierung auf ein oder zwei Parameter, schlicht für ‘zu kurz gesprungen’.
Das war eine Studie an lediglich 50 Probandinnen.
Zitat:”Im Moment handelt es sich bei diesem Phänomen jedoch nur um eine beobachtete Korrelation.”
Nicht mehr, nicht weniger.

#11 |
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Bürgerin Marina Bausmer
Bürgerin Marina Bausmer

Sich nachts wach zu halten ist in der Natur mal vorgesehen aber nicht sooft. Nachtarbeit und auch Langer Tag 24 H sind ebenso ungesund. Nachts nicht schlafen können, obwohl müde uns vieles mehr. –

#10 |
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Nach über 30jähriger ärztlicher Tätigkeit rund um die Uhr werde ich bei diesem Artikel sehr nachdenklich. Gibt es auch schon diesbezügliche Untersuchungen bei Männern? – Fast ebenso lange Kunstlicht bei der Tagesarbeit, führte zumindest zu Sehnerv-Veränderungen nach Meinung meines Augenarztes. 25 Jahre falscher Stuhl am Arbeitsplatz führte zu zusätzlichen LWS-Veränderungen – Aber immerhin hat Deutschland die weltbeste Literatur in Sachen Arbeits- und Betriebsmedizin. Habe auf diesem Gebiet eine Facharbeit geschrieben.

#9 |
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ivory
ivory

Habe auch zu lange in der Nachtschicht gearbeitet. (körperliche Anforderungen und oft ein bisschen Stress) Die aufgestellten Risiken stimmen und treffen auf mich teilweise zu.
Nachtschicht wurde besser bezahlt, muss ich noch mehr sagen?
Aber, ich wusste schon, dass Nachtschichten ohne richtige Erholungsphasen den Körper stärker belasten. Wenn man jung ist geht vieles, wenn man nicht übertreibt.
Aber, mir war es wichtig ein gewisses “Polster” zu schaffen.

#8 |
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dr. med.dent. Wolfgang Stute
dr. med.dent. Wolfgang Stute

die Tatsache ,dass nachts besser repariert werden kann, heißt ja nicht ,dass Melatonin- Mangel o. Nachtarbeit Krebs auslöst.

#7 |
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Reinhard Schrüfer
Reinhard Schrüfer

Das kennt jeder Schichtarbeiter nehme ich an, dass Nachtdvhivht nicht gesund sein kann, Bei mir (60 Jahre )nach 20 j. Wechselschicht incl. Nachtschicht: Malignes Melanom Stufe IV – Letze Woche war ich auf Beerdigung meines Kollegen 55 Jahre der auch Nachtschicht machte. ( Herzinfarkt.)
Ohne Kommentar.

#6 |
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Gast
Gast

Vermisse in der Studie ganz klar den Faktor Mobilfunk u WLAN, der nachweislich zu reduzierter Melantoninbildung führt (Studie der Uni Freiburg, unter Dr. Joachim Mutter, Umweltmedizin), und auch die Frage nach Schadigung der Epiphyse durch Fluorid, wurde nicht durch Kontrolle der entsprechenden Variable Rechnung getragen. Das Wachstumshormone nur im Nachtschlaf ‘zu holen’ sind u Sxhichtarbeit somit mit steigendem Alter an ‘die Substanz’ geht, da entsprechende Regenerationszyklen nicht regelmäßig stattfinden, ist denke ich hinreichend bewiesen.

Ich halte die Fixierung auf ein oder zwei Parameter, schlicht für ‘zu kurz gesprungen’.

#5 |
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Anja
Anja

Aus privatem Umfeld kann ich dies bestätigen. Zwei ü60. Nur 4 std Schlaf pro Nacht. Einer hat nachts sogar noch gearbeitet, obwohl schon Rentner. Einer ist an Krebs erkrankt, einer ist am Herzinfarkt verstorben.

Tagsüber braucht der Körper das Tageslicht und die Sonnenstrahlen, die nicht nur Vitamin D bilden, was generell die Hormonbildung ermöglicht, sondern wahrscheinlich auch noch tausend andere unabdingbar wichtige Effekte auf uns haben.

#4 |
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Gast
Gast

Ich halte von solchen Studien rein gar nichts. Ich hoffe nur, dass nicht zu viele Mäuse, Ratten oder andere Versuchstiere ihr Leben lassen mussten.

#3 |
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Gast
Gast

Environ Health Perspect. 2010 Dec; 118(12): A525. doi: 10.1289/ehp.118-a525 PMCID: PMC3002207 LIGHT POLLUTION: Light at Night and Breast Cancer Risk Worldwide Angela Spivey)

Bülow-Hübe, 2008, Daylight in glazed office buildings, Lund University, Report EBD-R–08/17

http://www.reuters.com/article/us-health-sleep-blue-light-idUSKCN0IC21W20141023

Photobiologische Sicherheit von Licht emittierenden Dioden (LED) L. Udovičić, F. Mainusch, M. Janßen, D. Nowack, G. Ott Dortmund/Berlin/Dresden 2013 Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin, http://www.baua.de/dok/3669094, ISBN 978-3-88261-726-9

“Kommt das Glühlampenverbot zu früh?” Hans Diesing, Business Development Consultant bei Standby-Lab in Schongeising. all-electronics.de elektronik journal 02/ 2015 257ejl0215

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Mitarbeiter Industrie

Obwohl wir noch (anders als in den USA) Tageslicht am Arbeitsplatz haben betrifft der Nachschichteffekt und das Krankheitsrisiko mittlerweile weite Teile der Bevölkerung, die ganztags den hohen Blaulichtanteilen von Energiesparlampen und LED Beleuchtung sowie Computer/Handy/TV Displays ausgesetzt sind und so vom Tageslicht induzierten zirkadianen Rhythmus und dem natürlichen Melatonin und Cortisol Pegelverlauf immer stärker abgekoppelt werden. Welche Folgen die Energiewende (incl. Tageslichtqualität durch Dreifachverglasung) für die Menschen und gerade auf die Gesundheit der Kinder in der Wachstumsphase haben wurde nicht hinterfragt….

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