HIV-Therapie: Vorteil Apotheke

6. August 2010
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Im Kampf gegen Aids können Apotheken zum wichtigsten Anlaufzentrum für Patienten werden: Die Leitlinien der International AIDS Society-USA Panel zeigen auf, dass die rechtzeitige Umstellung auf antiretrovirale Wirkstoffe (ART) die Zerstörung des Körpers durch HI-Viren auch nach einer Infektion aufhält.

Dass damit ausgerechnet Apotheken in Sachen Aufklärung und Prävention punkten können, ist schnell erklärt: Sie verfügen über weitaus mehr Patientenkontakte als niedergelassene Arztpraxen, wer als Kunde ein Nasenspray kauft, könnte in der Apotheke mit entsprechenden Broschüren oder im Gespräch ganz nebenbei über die neusten Anti-Aids-Medikamente informiert werden. Doch der reinen Theorie folgt die Ernüchterung. Seine Kunden mit „Haben Sie zufällig Aids?“ zu begrüßen mag aus medizinischer Sicht sinnvoll erscheinen – praktikabel wäre diese Aufklärungsoffensive im Alltag wohl kaum.

Dabei steht spätestens seit der internationalen Aids-Konferenz im Wien seit dem 18. Juli fest: Im Kampf gegen Aids ist die schnelle Therapie ausschlaggebend. Tatsächlich stellen die von Melanie A. Thompson vom Aids Research Consortium in Atlanta vorgestellten Leitlinien einen Wendepunkt dar. Denn anders als bisher empfehlen die Mediziner den Einsatz der antiretroviralen Therapie, ohne den CD4+ Wert in den Mittelpunkt zu stellen.

Dass beispielsweise in der Regel mit einer 3-fach Therapie aus zwei Nukleosidalen Reverse Transkriptasehemmern (NRTI) und einem Nicht-Nukleosidalem Reverse Transkriptasehemmer, zwei NRTI und einem oder zwei Proteaseinhibitoren begonnen wird, schildern hierzulande ausgiebig die Leitllinien des Rober Koch Instituts (RKI) und die Deutsch-Österreichische Leitlinien zur antiretroviralen Therapie der HIV-1-Infektion.

Kampf der Therapiekulturen

Doch die Amerikaner gehen einen Schritt weiter – und empfehlen ART schon vor den ersten Symptomen und selbst bei Schwangeren. So sollten in der Initialtherapie die Wirkstoffkombinationen Tenofovir und Emtricitabine als NRTI der Wahl zum Einsatz kommen. Zidovudine und Lamivudine wiederum stehen den US-Leitlinien als Ausweich-Duo dann zur Verfügung, wenn die erste Kombipackung nicht greift. Als dritte Komponente empfehlen die US-Forscher Efavirenz, Atazanavir und Darunavir als Proteaseinhibitoren und Raltegravir als Integrase-Inhibitor. „Drei oder vier NRTIs allein sind für die Initialtherapie nicht geeignet“, schreiben die Autoren – die HI Viren sollen, so der neue Ansatz, möglichst frühzeitig und mit voller Wirkstoffpower in Schach gehalten werden.

Dass sich „zu viele Patienten erst im fortgeschrittenen Infektionsstadium“ ihrem Arzt vorstellen sei ohnehin eins der großen Therapieprobleme, monieren Thompson und ihre Kollegen. Aufwändige Tests und CD4+ Counts dienten zwar dem Monitoring – aber für die Therapieerfolge zähle in erster Linie der Zeitgewinn.

Wie sehr sich die deutschen von den neuen US-Leitlinien mittlerweile unterscheiden, verrät der Blick auf die Zahl der CD4+ – T-Lymphozyten. So gilt hierzulande nach wie vor die Lehrmeinung, wonach die Therapie „bei unter 350 CD4+-Zellen indiziert“ sei. Zwar verweisen auch die deutschen Leitlinien auf Studien, die einen Nutzen bei Werten oberhalb 500 Mikrogramm pro Liter belegen, doch die Aussage bleibt in Deutschland glasklar formuliert: „Eine eindeutige Therapieindikation lässt sich in diesem Bereich der CD4+-Zellzahl derzeit nicht konstatieren“.

Womöglich ist genau diese Sichtweise medizinischer Schnee von gestern. Denn auch oberhalb von 500 Mikrogramm/Liter greife die ART gut, berichten nun die Amerikaner im Fachblatt JAMA, und verweisen auf deutlich längere Lebenserwartungen und eine höhere Lebensqualität: “Eine Einschränkung für CD4+ – Werte gibt es nicht”.

Beratung: Schneller als es der Arzt erlaubt

Für Apotheken hierzulande eröffnet der Clash der Therapiekulturen indes neue Perspektiven. Die eigenen Kunden auf die neuen Potenziale hinzuweisen schafft Vertrauen – und rückt den Apotheker aus der Ecke des Arzneimittelverkäufers in den Mittelpunkt des kompetenten Beraters. So wären optisch gut aufbereitete Fachinformationen an der Kasse als „Give-Away“ eine Möglichkeit, Menschen zu sensibilisieren – noch bevor sie den Gang zum Arzt antreten.

Dass es an Interessenten nicht mangeln dürfte, geht aus einer weiteren Aussage Thompsons hervor: Die möglichst frühzeitige ART bei Aidskranken komme selbst „für Schwangere, Menschen über 60 und Patienten mit Nierenversagen und Hepatitis-Infektionen“ in Frage.

Weitere Infos:
Weitlinien der WHO http://www.who.int/hiv/topics/treatment/en/index.html

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APOTHEKER Martin Walker
APOTHEKER Martin Walker

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