Heute gibt’s Plazenta, morgen Streptokokken

1. August 2017

Plazenta-Pie von Jamie Oliver, Plazenta-Kapseln von Kim Kardashian oder Plazenta-Nosoden von Laufstegmodel Monica Meier-Ivancan: Der Mutterkuchen ist sprichwörtlich in aller Munde. Ärzte warnen jetzt vor gesundheitlichen Folgen durch Bakterien – und zwar für das Baby.

Seit Jahren rankt sich ein Hype um die Plazenta. Der Verzehr soll für junge Mütter gleich mehrere Vorteile haben: Es soll die Laktation ankurbeln oder gegen Wochenbett-Depressionen wirken. Forscher wollten herausfinden, inwiefern Plazentophagie für Mutter und Kind hilfreich sein kann, mussten allerdings erkennen, dass es dazu keine verlässlichen Daten gibt. Nun berichtet Genevieve L. Buser, Ärztin an den US Centers for Disease Control and Prevention (CDC), von möglichen Gefahren.

Woher kommen die Streptokokken?

Ende 2016 brachte eine Frau aus Oregon ein gesundes Kind auf die Welt. Ihre Schwangerschaft verlief unauffällig und sie gehörte keiner besonderen Risikogruppe an. Kurz nach der Entbindung bekam ihr Baby plötzlich Atemprobleme und wurde auf die Intensivstation verlegt. Ärzte identifizierten Gruppe B-Streptokokken (GBS), was auf den ersten Blick nicht sonderlich überrascht, denn kleine Patienten erkranken meist innerhalb ihrer ersten sechs Lebenstage durch Infektionen im Geburtskanal. Die Blutkultur war positiv. Im Liquor cerebrospinalis waren jedoch keine Bakterien zu finden.

Das gegebene Ampicillin wirkte rasch und das Kind durfte nach Hause. Wenige Tage später wiederholte sich aber die Erkrankung. Eine Blutkultur ergab Penicillin-sensitive und Clindamycin-sensitive GBS. Pädiater gaben weitere vierzehn Tage lang Ampicillin und in den ersten sechs Tagen zusätzlich Gentamicin. Danach konnten sie ihren kleinen Patienten wieder nach Hause entlassen.

Sie waren allerdings ratlos, wie es zur neuerlichen Infektion mit GBS zu einem eher untypischen Zeitpunkt kommen konnte. Den entscheidenden Tipp lieferte schließlich ein Kollege aus der Geburtsklinik. Die Mutter habe sich nämlich ihre Plazenta mitgeben lassen.

Kapseln mit Keim

Die Frau bestätigte Kontakte zu einer spezialisierten Firma, um ihre Plazenta gefriertrocknen und verkapseln zu lassen. Drei Tage nach der Geburt ihres Kindes hatte sie das Präparat erhalten und auch regelmäßig eingenommen. Drei GBS-Isolate (eines von jeder Infektion und eines aus den Plazentakapseln) waren per Gelelektrophorese im gepulsten Feld nicht zu unterscheiden. Bei der Genomsequenzierung fanden CDC-Wissenschaftler Virulenzfaktoren, die zur leichteren Aufnahme von GBS über den Darm führen.

Der Hersteller, Details zur Firma nennen CDC-Forscher nicht, verarbeitet mütterliches Placentamaterial zwischen 46 und 71 Grad Celsius. Dabei werden nicht automatisch alle bakteriellen oder viralen Kontaminationen beseitigt. „Ärzte sollten bei späten GBS-Infektionen nachfragen, ob Mütter vielleicht Plazenta-Kapseln einnehmen“, rät Buser.

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Forschung, Gynäkologie, Medizin

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7 Kommentare:

Pharmazeutisch-technische Assistentin (PTA)

Herr Geißler,

sie sind tatsächlich schockiert?
Ich kenne das zwar bereits aber ich glaube mich schockiert oder entsetzt inzwischen wirklich nur noch wenig. Ich wurde schon mehrfach gefragt ob wir das in der Apotheke herstellen würden und was dass dann kostet.
Ich will sie ja nicht weiter schockieren aber informationshalber sei gesagt es gibt gefühlt nichts was es nicht gibt und alles was sie sich nicht vorstellen können gibt es auch.

Dabei ist das aber eigentlich schon wieder out. Was Geburten angeht, findet inzwischen die sogenannte “Lotusgeburt” immer mehr anklang und wird populär. Dabei wird das Kind nicht abgenabelt sondern die Plazenta bleibt dran bis sie so nach 10-12 Tagen von selber abfällt. Bis dahin schleppt man die halt mit dem Kind umher. Manche nabeln früher ab, sobald die Plazenta nach 2 Tagen getrocknet ist. Das soll das Immunsystem des Kindes stärken und den IQ erhöhen. Gegessen wird die dann soweit ich weiß aber nicht mehr, ausprobiert haben es sicherlich welche.

Man nennt das verspeisen von Plazenta und anderen körpereigenen Sachen übrigens neumodisch “natural havest”.
Unter anderem findet man auch seit ein paar Jahren Sperma-Kochbücher. Das erste war eigentlich als Witz gedacht. Aber es sind durchaus sehr ernsthafte gefolgt, sowie noch mehr Körperflüssigkeiten und Ausscheidungen mit einbezogen wurden. Krokodilstränen waren gestern, es gibt Bücher darüber von Kochbuch bis Allheilmittel, das man aus dem eigenen Körper rausholen kann. Notfalls fragt man halt den Nachbarn ob er ein bisschen Sperma und Speichel übrig hat. Wer weiter sucht findet sicher noch weitreichenderes.

Ich bin sicher, wenn die Leute erstmal festgestellt haben dass sie sich mit dem Wundermittel “MMS” oder “Vitamin B17” doch nur teuer vergiftet haben und sich daher nicht essen können um sich zu heilen, entdeckt jemand den Aderlass wieder neu und der wird dann von sämtlichen selbst auserkorenen Spezialisten durchgeführt, zum Entgiften und natürlich zum “Entsäuern” und so.

Also im Prinzip hilft der dann eigentlich gegen alles, natürlich nur wenn man dann auch die richtige Ernährung beachtet, sonst kann sich ja kein gesundes, neues Blut bilden.
Ist aber ganz einfach, man muss die Birnen nur wirklich genau um Mitternacht bei Vollmond ernten und sie anschließend horizontal auf einem Stein mit einem roten Baumwollfaden von unten nach oben in Scheiben schneiden und liegend aufessen. Der Rest erledigt sich durch täglich 3×10 “Kapseln der Erneuerung”. Die Kapseln sind vollkommen natürlich und enthalten eine geheime Mischung aus Kräutern und diversen Körpersekreten und -organen gesunder Menschen. Die Rezeptur dafür ist übrigens auch bereits seit Jahrtausenden bekannt(!!) und erprobt, man hat sie in einem Inkagrab gefunden. Funktioniert zu 100%! Man fühlt sich bereits nach dem ersten Aderlass augenblicklich leichter und spätestens nach dem 4. Zyklus ist man kerngesund (6x Aderlass pro Behandlungszyklus). Dann kann man sich bei Bedarf oder Verlangen auch wieder bedenkenlos aufessen. Empfohlen wird das man es jährlich als Kur wiederholet, 4x/Jahr wenn man dauerhafte Beschwerden hat…………………………..

Ungefähr so scheint sich das immer weiter neu aneinander zu Reihen in den letzten Jahren. Vielleicht sollte ich bald einfach damit mein Geld verdienen, ich bin sicher vor meiner innovativen Idee lassen sich viele übezeugen, ich muss nur kurz noch irgendwo bei den Inkas buddeln gehen um das zu untermauern.

#7 |
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Ich habe mich noch immer nicht beruhigt, sondern etwas im Internet recherchiert: Die besten 25 (Koch)rezepte für Placenta, ein “Erfahrungsbericht” eines Ehemanns im englischen “Guardian”: Ich aß die Placenta meiner Frau in einer (Pfefferminz)Soße…hallo? Geht es noch? Gibt es schon ein Kochbuch für Schlachthofabfälle? Oder sollte man eigene körperliche Abfallprodukte (ich will nicht deutlicher werden) wieder zu sich nehmen, um Substanz- und Vitaminverluste dadurch auszugleichen? Wieviel Spurenelemente sind in einem Fingernagel? – Nun aber Schluß: Es gibt wahrlich wichtigere Dinge im Leben.

#6 |
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Ich bin fast erschrocken darüber, was es heutzutage alles gibt und welche Probleme die Menschheit hat. Ich kenne diese Plazentophagie aus alten Reiseberichten Anfang des 19. Jahrhunderts aus Afrika, in denen die Plazenta nach der Geburt von der Mutter roh gegessen wurde (also weder gefriergetrocknet, verkapselt oder gebraten). Aber das ist doch bei der heutigen medizinischen Versorgung doch wirklich nicht mehr notwendig. Und auf diesen Schwachsinn, den Menschen im sog. Rampenlicht unbedingt produzieren müssen um aufzufallen, muss doch nun wirklich keiner hören.

#5 |
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Medizinischer Fachhändler

wegen der eisenspeicher
echt
na dann doch besser ein para rostige nägel…

#4 |
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GastX
GastX

Tiere fressen die Nachgeburt damit nicht der Verwesungsgeruch räuberische Aasfresser zu den wehrlosen Jungtieren lockt. Menschinnen können die Nachgeburt anderweitig entsorgen und dürfen die Beschaffung eisenreicher Nahrung den Männchen überlassen

#3 |
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Gast
Gast

Na, ja wem’s mundet, ich kann mir dramatischeres vorstellen, z.B. TERATOME

#2 |
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Vgl. dazu
“Schätzlers Blog auf DocCheck – Ein Stück vom guten Mutterkuchen?” vom 22.12.2016
http://news.doccheck.com/de/blog/post/5292-ein-stueck-vom-guten-mutterkuchen/

“Ist es sinnvoll, die Plazenta zu verspeisen? Plazentophagie ist Gegenstand einer aktuellen Studie aus den USA. Das angeblich gut verfügbare Eisen im Mutterkuchen kann die Eisenspeicher der Mütter mit dieser Sonderform des postpartalen Kannibalismus schneller wieder auffüllen, heißt es.

Ob dies nun zutrifft, wurde in der Studie „Effects of Human Maternal Placentophagy on Maternal Postpartum Iron Status: A Randomized, Double-Blind, Placebo-Controlled Pilot Study“ von Laura K. Gryder et al. untersucht…”

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