Gebärende müssen draußen bleiben

4. August 2017
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Seit 2006 steigt die Zahl der Geburten in Deutschland an – gleichzeitig schließen immer mehr Geburtsabteilungen. Folgen sind weite Anfahrtswege zur Klinik, überfüllte Geburtsstationen und überlastete Hebammen. Bisher sind von der Politik keine Lösungen vorgesehen.

Deutschland – ein Land, das langsam ausstirbt, so lautete die überspitzte These noch vor wenigen Jahren. Die Zahl der alten Menschen steige immer weiter an, während die Geburtenrate stetig sinke. Doch in den letzten Jahren hat sich das Bild gewandelt: Seit 2006 ist ein Zuwachs an Geburten in Deutschland zu beobachten. Besonders deutlich sind die Zahlen dabei seit 2013 gestiegen: Im Jahr 2006 wurden nach Angaben des Statistischen Bundesamtes (destatis) 686.000 Kinder geboren. 2014 waren es bereits 715.000 Babys – 33.000 mehr als im Vorjahr. Und 2015 lag die Geburtenzahl bei 738.000 Kindern – es handelt sich um die höchste Geburtenrate seit der Jahrtausendwende. Auch in Großstädten wie Berlin und München lässt sich der Trend beobachten: In Berlin stieg die Geburtenrate in den letzten 10 Jahren um 25 Prozent, in München um rund 30 Prozent.

Ein Grund für den Zuwachs könnte nach Angaben des Statistischen Bundesamts sein, dass die Zahl der Frauen zwischen 26 und 35 Jahren seit 2008 gleich bleibt bzw. sogar steigt – und diese Frauen haben die höchste Geburtenrate. Weiterhin tragen auch junge Zuwanderinnen zu der steigenden Geburtenrate bei. Dies mache jedoch nur einen kleinen Anteil des Anstiegs aus.

Rückgang der Geburtsabteilungen um 40 Prozent

Diese Entwicklung könnte in nächster Zeit zum Problem werden. Denn gleichzeitig ist die Zahl der Kreißsäle und Geburtsabteilungen in den letzten Jahren drastisch gesunken. Nach einem Bericht des Deutschen Ärzteblatts gab es 1991 noch 1.186 Kliniken, in denen Geburten möglich waren. Ende 2015 waren es dagegen nur noch 709. Das entspricht einem Rückgang von rund 40 Prozent.

Klar ist: Der Status Quo bedarf einiger Verbesserungsmaßnahmen, und zwar auf politischer Ebene. Doch da müssen sich Kliniken und Eltern wohl noch eine Weile gedulden. Denn bisher haben weder die Regierung noch der Gemeinsame Bundesausschuss konkreten Maßnahmen beschlossen, die den aktuellen Missständen entgegenwirken könnten. 

In den letzten zwei Jahren hat sich die Situation weiter verschlechtert: Nach Angaben des Deutschen Hebammen-Verbands wurden seit Januar 2015 insgesamt 40 Kreißsäle geschlossen, elf weitere sind von der Schließung bedroht und sechs sind zumindest vorübergehend geschlossen. Betroffen sind dabei sowohl Städte als auch ländliche Regionen: Besonders problematisch ist die Lage laut Deutschem Hebammen-Verband in Ballungsräumen wie Frankfurt am Main oder München, aber auch in ländlich geprägten Regionen wie im Bayrischen Wald oder in der Uckermark.

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Susanne Steppat, Präsidiumsmitglied des Deutschen Hebammen-Verbands © Deutscher Hebammenverband, Fotograf: Hans-Christian Plambeck

„Werdende Mütter müssen deshalb oft lange Anfahrtszeiten in Kauf nehmen: Diese können zum Teil bis zu einer Stunde betragen“, berichtet Susanne Steppat, Präsidiumsmitglied des Deutschen Hebammen-Verbands. „Das bedeutet natürlich Unsicherheit für die werdende Mutter. Und falls die Geburt sehr plötzlich einsetzt oder Komplikationen auftreten, stellt es auch ein Gesundheitsrisiko für Mutter und Kind dar.“

Darüber hinaus seien Geburtsstationen, vor allem in Ballungsräumen, häufig überfüllt. „Dass Frauen im Aufnahmezimmer ihr Kind bekommen, ist inzwischen keine Ausnahme mehr“, sagt Steppat. „Es kommt auch vor, dass Frauen von einer Klinik wegen Überfüllung abgewiesen werden oder dass Kaiserschnitte aus Kapazitätsgründen verschoben werden.“ So sei in Berlin eine Frau von einer Geburtsklinik abgewiesen worden und habe ihr Kind dann auf dem Parkplatz der nächsten Klinik, zu der sie gefahren sei, bekommen. Schließlich würden viele Hebammen drei bis vier Frauen bei der Geburt gleichzeitig betreuen – und seien dadurch deutlich überlastet.

Lage ist schwierig, aber nicht dramatisch

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Christopf Anthuber, Chefarzt der Klinik für Frauenheilkunde und Geburtshilfe des Klinikums Starnberg © Klinikum Starnberg

Auch Christoph Anthuber, Chefarzt der Klinik für Frauenheilkunde und Geburtshilfe des Klinikums Starnberg, erlebt zur Zeit einen Anstieg der Geburtszahlen in seiner Klinik. „Dadurch, dass andere Geburtsabteilungen in der Region schließen, etwa in Bad Tölz und demnächst in Gräfelfing, kommen mehr werdende Mütter zu uns“, berichtet er. Die Situation ist aus seiner Sicht zwar teilweise schwierig, aber bisher nicht dramatisch. „Es kann schon mal eng werden auf den Stationen. Und wir können den Schwangeren nicht garantieren, dass sie ihr Wunschzimmer bekommen“, sagt der Frauenmediziner. „Aber jede Frau in Deutschland findet noch einen Geburtsplatz. Und man kann nicht sagen, dass die Schwangeren schlecht versorgt werden. Die Geburtshilfe in Deutschland ist immer noch auf einem hohen Niveau.“

Allerdings gebe es durchaus Regionen, wo die Anfahrtsstrecke zur nächsten Geburtsklinik länger geworden sei, etwa in abgelegenen ländlichen Regionen wie der Jachenau. „Ein Grundsatz unserer Klinik ist es, keine Frauen abzuweisen“, berichtet Anthuber. „Aber es gibt andere Kliniken, die schwangere Frauen abweisen – mit der Begründung, dass sie bei Überfüllung die Qualität der Geburtshilfe nicht aufrecht erhalten könnten. Das ist natürlich ein schwieriges Dilemma.“

Zur Problematik der schließenden Geburtsabteilungen komme zusätzlich ein Fachkräftemangel, erläutert Joachim Odenbach, Leiter der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit der Deutschen Krankenhausgesellschaft e.V. (DKG). „Das betrifft vor allem die Hebammen.“ So gebe es inzwischen deutlich weniger freiberufliche bzw. Beleg-Hebammen. „Der Beruf der Hebamme wird für viele immer unattraktiver, weil die Arbeit anstrengend ist, die Bezahlung zum Teil schlecht ist und sehr hohe Haftpflichtversicherungs-Summen gezahlt werden müssen“, sagt auch Anthuber. Viele haben zudem Angst vor juristischen Problemen.“ Denn wenn bei der Geburt ein Problem auftrete, sei die Bereitschaft der Eltern, vor Gericht zu gehen, heute deutlich höher als früher. „All das läuft darauf hinaus, dass es in ein paar Jahren einen deutlichen Hebammen-Mangel geben wird, der zu einem echten Problem werden könnte“, betont Anthuber.

Ein weiteres Problem sei, dass Geburtsabteilungen häufig schließen würden, ohne dass es ein Konzept dafür gebe, wo die Frauen stattdessen aufgenommen werden könnten, sagt Steppat. „Es wird nicht etwa ein, zwei Jahre im Voraus geplant, wohin die Geburten verteilt werden könnten. Stattdessen werden die benachbarten Kliniken häufig von der Situation überrascht und müssen improvisieren.“

Diese Erfahrung hat auch Christoph Anthuber gemacht: „Wir wurden ziemlich plötzlich mit der Situation konfrontiert, dass benachbarte Kliniken ihre Geburtsstation geschlossen haben. Dadurch hatten wir keine Möglichkeit, uns mit zeitlichem Vorlauf darauf vorzubereiten.“

Unendliche Weiten bis zur nächsten Klinik

Auch viele Mütter, die in letzter Zeit ein Baby zur Welt gebracht haben, berichten von schwierigen Situationen. So wurde Jenny V. von einer Geburtsklinik in Münster abgewiesen, obwohl sie sich zwei Wochen vorher zur Geburt angemeldet hatte und in der Klinik schon Voruntersuchungen stattgefunden hatten. „Die Begründung lautete, die Geburtsstation sei voll“, berichtet die 31-Jährige, die im Mai ihr erstes Kind bekam. „Ich hatte extreme Schmerzen – trotzdem mussten wir 20 Minuten bis zur nächsten Klinik fahren.“

Ähnlich erging es Christiane J. aus Berlin. Sie bekam 2016 mit 39 Jahren ihr drittes Kind. „Es war zunächst schon schwierig, sich in einer Geburtsklinik anzumelden“, berichtet sie. „Kurz vor der Geburt hatte ich dann starke Bauchkrämpfe und wurde mit dem Krankenwagen zum nächsten Krankenhaus gefahren.“ Dort wurde sie aber wegen Überfüllung abgewiesen – und erst die vierte Klinik, bei der sie anrief, konnte sie schließlich aufnehmen.

Sicherstellungszugschlag: Für Geburtsstationen nicht vorgesehen

Ein wesentlicher Grund dafür, dass immer mehr Geburtsstationen schließen, ist ihre wirtschaftlich schwierige Lage. „Geburten werden insgesamt unzureichend vergütet“, sagt Steppat. „Da in diesem Fall ja niemand krank ist, gibt es keine angemessenen Kriterien, nach denen die ‚Qualität‘ einer Geburt bestimmt und aufgewertet werden könnte.“ Vor allem bei Kliniken mit kleineren Geburtsabteilungen sei eine Kostendeckung quasi nicht möglich, erläutert Odenbach. „Für diese Kliniken ist es schwierig, ihre Geburtsstation zu halten.“

Erst Ende 2016 hat der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA) Regelungen zum Sicherstellungszuschlag beschlossen. Dieser soll gewährleisten, dass Kliniken, die nicht kostendeckend arbeiten, aber für eine flächendeckende Versorgung notwendig sind, ergänzende finanzielle Mittel erhalten können. Ein Sicherstellungszuschlag wird aber nur bewilligt, wenn das Krankenhaus als Ganzes defizitär ist – und wenn zur Klinik eine innere Abteilung und eine Chirurgie gehören. „Die Geburtshilfe ist darin nicht als maßgebliche Abteilung vorgesehen“, sagt Odenbach. „Aus unserer Sicht ist das ein Fehler, der dringend behoben werden muss.“

Die Bundesländer würden sich darauf berufen, dass es in den Kliniken ausreichend Plätze gebe, um alle Geburten unterzubringen, sagt Steppat. Dass die Arbeits- und Gebärbedingungen auf den Stationen schwierig seien, finde dabei keine Berücksichtigung. „Mehr Personal einzustellen und neue Räumlichkeiten zu schaffen, ist natürlich mit hohen Kosten verbunden“, sagt Steppat. „Aber die Länder sparen an den Investitionskosten für Sachmittel – und viele Kliniken sparen wiederum am Personal, um mit dem eingesparten Geld Geräte oder Renovierungen zu finanzieren.“

Ideen zur Verbesserung gibt es – aber es mangelt an der Umsetzung

Möglichkeiten, die Situation in den Geburtsabteilungen zu verbessern, gäbe es aber durchaus. „In jedem Fall wären höhere Fallpauschalvergütungen eine große Hilfe für Kliniken mit kleineren Geburtsabteilungen“, sagt Odenbach. „Zum anderen sollte der Sicherstellungszuschlag auch für Geburtsabteilungen gelten. Und die Regelung, dass dafür das gesamte Krankenhaus defizitär sein muss, sollte wegfallen.“ Weiterhin plädiert die DKG dafür, dass eine Versorgung gewährleistet sein sollte, bei der die Fahrtzeit zur nächsten Geburtsklinik maximal 30 Minuten beträgt.

Wichtig sei es, Ärzte und Hebammen besser zu bezahlen und weiteres Personal einzustellen, betont Anthuber. Darüber hinaus sollten Nachtdienste und Fälle, bei denen ein hohes Risiko für Geburtskomplikationen bestehe, deutlich besser honoriert werden. „Eine Geburt ist ein wichtiger Moment im Leben jedes Menschen – und unsere Gesellschaft sollte bereit sein, diesen Vorgang finanziell gut auszustatten“, sagt der Facharzt.

Allerdings könne es sein, dass die Politik kleinere Geburtsabteilungen in Zukunft weniger unterstützen wolle, so Anthuber. „In Zeiten, in denen Qualitätssicherung eine wichtige Rolle spielt, werden aus politischer Sicht möglicherweise größere Geburtsabteilungen bevorzugt – mit dem Argument, dass sie eher rentabel arbeiten und dass hier apparative und personelle Strukturen besser sind.“ So plädieren einige Krankenkassen wie die AOK für eine Mindestzahl von Geburten pro Jahr, damit eine Geburtsstation erhalten bleiben kann. „Alle Überlegungen müssen sich daran messen lassen, dass weiterhin eine hochwertige, aber eben auch wohnortnahe Versorgung gewährleistet ist“, sagt Odenbach dazu.

Druck auf die Politik ausüben

Aus Sicht von Steppat sollten betroffene Frauen das Thema mehr in die Öffentlichkeit bringen. „Man sollte weniger ein berufspolitisches Thema daraus machen als vielmehr ein Versorgungsthema“, sagt die Hebamme. „Schließlich wird jeder von uns geboren, und es ist wichtig, gute Bedingungen dafür zu schaffen.“ Das Problem der sinkenden Zahl von Geburtsstationen sieht wird inzwischen auch von der Politik aufgegriffen. Doch im Verhältnis zur Dringlichkeit tut sich wenig. So ist in Bayern nun eine Diskussionsrunde zum Thema geplant, zu der die Grünen im Landtag eingeladen haben. Und im Februar hatte die Vizechefin der Linken, Sabine Zimmermann, die Daten zur Zahl der Kreißsäle vom Statistischen Bundesamt angefordert und in einem Bericht ausgewertet. Sie kritisierte die Schließungen als „eine potenzielle Gesundheitsgefährdung für werdende Mütter“. Die Grünen haben in ihrer Initiative „Für eine gute Geburtshilfe“ Maßnahmen zur Verbesserung der Situation definiert. Doch was tut sich konkret?

Die Hebamme versucht es auf den Punkt zu bringen: „Es könnte sein, dass die Regelungen zum Sicherstellungszugschlag für Kliniken nächstes oder übernächstes Jahr vom G-BA nochmals überarbeitet werden und dann auch die Geburtshilfe Berücksichtigung findet“, sagt Steppat. „Aber in der aktuellen Situation nützt das zunächst mal niemandem.“

54 Wertungen (4.87 ø)
Bildquelle: Metro Centric, flickr / Lizenz: CC BY-SA

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27 Kommentare:

Gast
Gast

Oder mehr von Hebammen geleitete Geburtsstationen in Krankenhäusern, wo die Klinik die Versicherung übernimmt!!!

#27 |
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Ärztin

Wir brauchen mehr freiberufliche Hebammen, und deren Haftpflicht ist vollumfänglich staalich zu übernehmen.

#26 |
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Gast X
Gast X

@Hebecker: in einer seriösen Entbindungsklinik wird wohl kaum ein “Event” celebriert. Übertriebene Forderungen werden durch Frauenzeitschriften propagiert, aber eine gute Hebamme kümmert sich immer erst um das Wichtige und dann vielleicht um Duftkerzen und anderen Schnickschnack. Aber wenn eine Frau einfach nur in einem ruhigen Raum in aller Ruhe Ihre Wehen veratmen und in regelmäßigen Abständen eine Hebamme zu Gesicht bekommen möchte ist das keine übertriebene Forderungen… es gibt noch einen Mittelweg zwischen “Event celebrieren” und auf dem Flur vor aller Augen ohne qualifizierten Beistand zu entbinden.

#25 |
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Hendrik Hebecker
Hendrik Hebecker

Das liegt auch – nicht nur -an den heutigen Forderungen einzelner Jungmütter, die eine Geburt als Event celebrieren. Und natürlich an den miesen Arbeitsbedingungenvon Hebammen und Ärzten.

#24 |
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Gast
Gast

Ich musste mein drittes Kind ohne Hebamme zuhause bekommen, da es keine Hausgeburtshilfe mehr gibt und es so schnell kam. Ich hatte es ja geahnt, weil auch Nr 2, allerdings in der Klinik, nach 40 min das Licht der Welt erblickte. Das Krankenhaus ist nur 10km entfernt, aber ich konnte nicht mehr ins Auto steigen. Der RTW kam als das Baby schon auf der Welt war. Da in meinem direkten Bekanntenkreis allein in den letzte Monaten eine Frau ihr Kind auf dem Standstreifen und eine im Flur des KH bekam bin ich dafür, diese Komponente doch deutlich mit ins Bild zu rücken. Auch ein geöffnetes KH nützt nichts, wenn es nicht rechtzeitig erreicht wird und eine kompetente Hebamme vor Ort ist Gold wert. NB: Alle Babys und Mütter sind gesund, meist sind es ja nicht die Blitzbabys, die Probleme haben. Aber Beistand ist schon fein während der Geburt und bei 6° im Kofferraum ist auch gefährlich für Mutter und Kind.

#23 |
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Gast X
Gast X

@22: Marktsituation? Soll das ein Witz sein? Hier geht es um Medizin und nicht um Marktwirtschaft… und selbst wenn es so wäre dann würde der Staat sich mit Sicherheit einmischen und seinen Vettern aus der Wirtschaft unter die Arme greifen (siehe Automobilindustrie). Sie haben die Situation völlig verkannt. Es ist nicht so dass kleine Geburtsstationen schließen müssen weil sie wegen mangelndem Umsatz unrentabel sind. ALLE Geburten sind unrentabel, auch die in den großen Kliniken weil sie nicht angemessen vergütet werden, man kann hier nicht einmal durch Umsatzsteigerung den Profit erhöhen weil es keinen gibt! Die großen Zentren können nur deshalb überleben weil KOMPLIKATIONEN vergütet werden (z.B. Sectio) und weil durch andere Abteilungen querfinanziert wird.

#22 |
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Gast
Gast

Das ist doch eine ganz normale Marktsituation. Die Kliniken mit Geburtsstation müssen ihr Angebot erweitern, damit der Bedarf abgedeckt werden kann.
Warum sollte da der Staat eingreifen?

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Armes Deutschland

#20 |
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Gast
Gast

Mit meiner Frau habe ich das andere Ende der Fahnenstange erlebt.

Sie hatte sich nach vielem Hin und Her endlich zu einer Ablatio der linken Brust entschlossen. Die Op. wurde geplant und meine Frau wie vorgesehen aufgenommen, allerdings auf einer Geburtsstation. Wir waren etwas verwundert, aber es war angeblich nichts anderes frei und das Personal freundlich. Also haben wir uns eingerichtet.

Nach dem Eingriff stellte sich allerdings heraus, dass die anwesenden Hebammen und Kinderschwestern mit der Situation einer erheblich erkrankten Patientin überfordert waren. Unangemessenes Auftreten und teilweise schwerwiegende Fehler bei der Pflege waren die Folge.

Meine Bitte um Verlegung auf eine qualifiziertere Station wurde mit Begründung abgelehnt, dass die medizinischen und pflegerischen Leitung den Grundsatz verfolge, dass jede Station alles können müsse. Warum wir es dann hauptsächlich mit spezialisiertem Personal zu tun hatten, konnte man mir nicht erklären.

Nach sechs schlimmen Tagen und Nächten haben wir schließlich das Weite gesucht. Der Hausarzt meiner Frau war glücklicherweise bereit, uns zu unterstützen, so dass wir zuhause die weitere Pflege und Behandlung organisieren konnten.

#19 |
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Gast
Gast

Es gibt tatsächlich Geburtststationen mit einer Geburt alle paar Tage und ohne Kinderstation. Auch im Interesse der Eltern wird man diese nicht ewig offen halten können, nur weil es schon immer so war. Sind dann im Umkreis noch andere Kliniken wird die Schließung immer wahrscheinlicher. Gutes Personal und eine gute Zusammenarbeit sind für erfolgreiche Geburten wichtig. Dafür gibt es aber nirgendwo eine Garantie.

#18 |
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Gast 6
Gast 6

Gast 13: Auch “kleine” Kliniken mit gynäkologischer Belegabteilung haben häufig eine OP-Bereitschaft und können Not-Sectios durchführen (hier assistiert dann häufig der chirurgische Bereitschaftsdienst dem Gynäkologen). Wie Frau Dr. de Boer schon sagte entbinden diese “kleinen” Geburtsstationen auch nicht alle paar Tage ein Kind sondern teilweise mehr als 700 Kinder jährlich. Natürlich bietet ein Zentrum mit Frühchenintensiv bei schweren Komplikationen bessere Versorgungsmöglichkeiten, entscheidend ist hier aber dass eine schnelle und unkomplizierte Verlegung möglich ist.

Der Faktor der jedoch im Akutfall das Überleben von Mutter und Kind sichert oder über bleibende Hirnschäden entscheidet ist aber in den meisten Fällen nicht die Ausstattung einer Neugeborenenintensiv denn das Kind muss ja erst einmal seine Geburt überleben. Sondern die engmaschige persönliche Betreuuung auch vermeintlich unkomplizierter Geburten durch erfahrene Hebammen, das rechtzeitige Erkennen sich anbahnender Komplikationen und die unverzügliche Einleitung von Notfallmaßnahmen entscheidet. Was nützt es mir in einem unterbesetzten Schwerpunktzentrum mit Intensivstation zu sein wenn keine Hebamme da ist die das plötzlich auffällige CTG richtig liest und dann die Ärzte verständigt… da ist man in einem kleinen Haus manchmal schneller auf dem Sectiotisch. Was nutzt mir der tollste Professor XY im Hause, der schon mit großem Presserummel 10 Vierlingsgeburten erfolgreich absolviert hat wenn ihn niemand rechtzeitig dazuholt?

Wem nützt es wenn die großen Versorgungszentren die ohnehin schon unterbesetzt sind jetzt von Frauen überrannt werden deren bisheriger Schwangerschaftsverlauf eine völlig unkomplizierte Geburt verspricht?

Es ist ein bisschen wie mit den Stroke-Stationen. Eine kleine Stroke vor Ort mit schneller Hilfe durch telemedizinische Vorstellung und gegebenenfalls Verlegung nach erfolgter Akutversorgung spart mehr Zeit und bringt bessere Akutversorgung als ein großes neurologisches Zentrum das zu weit weg ist und nicht rechtzeitig erreicht werden kann. Hier müssen die wichtigen kleinen Stroke-Stationen jedoch nicht schließen… warum ist das so? Weil die Komplexbehandlung eines Schlaganfallpatienten (zu Recht) hervorragend vergütet wird. Aber warum wird hier soviel bezahlt und für gute Geburtshilfe nicht? Ist es wichtiger einen 80Jährigen vor einem bleibenden Hirnschaden zu bewahren als ein Neugeborenes?

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Dr. med. Petra Stüßer
Dr. med. Petra Stüßer

Solange die Blinddarmentfernung einem Krankenhaus einen höheren Gewinn ermöglicht als eine vollständig betreute Geburt, wird sich nichts ändern. Übrigens im chirurgischen und gynäkologischen Bereich. Der Aufwand für eine Geburt ist in der Regel deutlich höher. Von der mindestens gleichen Wertigkeit ganz zu schweigen.

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Dr. med. Lothar Markus
Dr. med. Lothar Markus

Daß immer wieder Ärzte, voran Ärzte-Funktionäre und Chefärzte die miserable Gesundheitspolitik schön reden, ist bekannt, wie Herr Chefarzt Christopf (?! so steht es oben unter dem Bild) Anthuber. Aber die Arbeit auf den Stationen machen ja nicht die Chefärzte, sondern andere. Die Chefs reden die Misere nur schön, und damit sind sie ein Teil unserer Misere.

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Barbara
Barbara

Mich wundert hier nichts mehr.
Es ist wie in allen Krankenhäusern. Die Versorgungssituation von Kranken und Schwangeren ist doch nichts für unsere “erfolgsorientierte” Politik.
Da Familie sowieso in Thema ist, dass nicht gerne genannt und angefasst wird,kann man auch keine Verbesserung in der stationären Situation erwarten.
Hauptsache es sind Gelder für die sog. Flüchtlinge da.

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Dr. Wiebke de Boer
Dr. Wiebke de Boer

Der Kommentar geht an der Problematik des obigen Artikels vorbei.
Es werden Kliniken geschlossen in denen 700 und mehr Kinder geboren werden und es geht um die zügige Versorgung im Notfall.
Versetzen Sie sich in die Patientinnen aus dem Artikel: wenn die Patientin Angst um das Wohl des Kindes hat (medizinisch nachvollziehbar oder nicht)- wie fühlt es sich an von 3 Kliniken abgewiesen zu werden?
Die Infratruktur der Häuser und die Ausbildung des Personals ist zudem entscheidend. Wie ist die Versorgung der Kinder vor Ort? Guter in NLS erfahrener Anästesist? Pädiater mit wenig Erfahrung?
Die flächendeckende Versorgung ist vorrangig. Zum Glück gibt es Geburtshilfe zwischen Fließbandgeburten und Aromaöl-Hypnose-Wunschgeburt und die muss es auch geben!

#13 |
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Gast
Gast

Aber wenn dann doch Komplikationen auftreten trotz Schummerlicht, Duftlampe und familiärer Atmosphäre dann rufen auch wieder alle nach OP-Bereitschaft und Kinderintensivstation. Man wird es nie allen recht machen können. Um es aber möglichst vielen recht zu machen eignen sich nunmal größere Häuser besser wo nicht mal alle paar Tage ein Kind kommt und dieses im Ernstfall von der Mutter weg verlegt werden muss weil kein Kinderarzt im Haus ist.

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Vergessen wird in diesem Zusammenhang, dass die Frauen selbst wegen eines hohen Sicherheitsbedürfnisses oft lieber große gut ausgerüstete Kliniken, am liebsten mit Kinderklinik
aufsuchen und kleinere Häuser meiden. Geburtshilfe ist teuer, da Op Bereitschaft und Hebammen- und Bereitschaftdienst Arzt u Versorgung der Säuglinge teuer sind. Kleine Häuser benötige unbedingt eine Sicherheitsstellungsprämie – oder sollte das Geld in
Bessere Personalausstattung der Perinatalzentren und Hebammen 1:1 Betreuung .

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Dr. Wiebke de Boer
Dr. Wiebke de Boer

Die Entscheidung, wo eine Frau ihr Kind zur Welt bringen will, muss diese in informierter Selbstbestimung treffen können. Viele Frauen wollen nicht weit entfernt von ihrem Hematort entbinden und eine Nummer von x Patientinnen sein, die in einer großen Klinik abgearbeitet wird.
Nicht nur Perinatalzentren Level 1 leisten gute Geburtshilfe. Bei Überlastung des Personals und der Räume kann auch dort keine ausreichend sichere und patientinnenorientierte Geburtshilfe geleistet werden.Die Frauen werden ‘abgearbeitet’ statt Ihnen wenn medizinisch möglich Zeit und Raum für diesen einzigartigen Moment zu geben.
Medizinisch gesehen ist es eine Katastrophe wenn ein Notfall auftritt und die Patientin kilometerweit über Stadt und Land gekarrt werden muss.
Es muss eine medizinisch rationalere Lösung für eine Optimierung der geburtshiflichen Versorgung geben als die Kostendeckung. Damit spielen wir der finanzorientierten Gesundheitspolitik in die Hände.

#10 |
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Gast
Gast

Solange die Politik zulässt, dass große Konzerne eine Gesundheitspolitik mit großen Gewinnen praktizieren, wird sich die Lage eher verschärfen! Wenn man dann überlegt, dass die Gewinne aus den Geldern der Solidargemeinschaft entnommen sind, kann man doch nur noch laut aufheulen! Warum muß mit den Krankenkassenbeiträgen ein derartiger Gewinn finanziert werden?

#9 |
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Man kann sicher nicht mehr an jedem kleinen Ort alles haben. Da finde ich es auch ehrlicher, wenn Geburtsstationen schließen als mir wenig Personal auf Risiko zu fahren. Und die Eltern müssen sich vorher gut informieren.

#8 |
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Es gibt keinen Grund sich hier aufzuregen, Geburtshilfe ist wirtschaftlich nicht mehr rentabel. Und da Rentabilität im Gesundheitswesen oberste Priorität bekommen hat, werden in diesem Sektor Einsparungen gemacht. Gleichzeitig wird das Volk aber dadurch beruhigt (glaubt man wenigstens:-((), das der Zugang zur Psychotherapeuten in die Breite gebracht wird, um Frauen in biologischen (früher normal) Ausnahmesituationen supportive Hilfe anzubieten, auch wenn dieses nichts mit dem Grundproblem einer Schwangerschaft zu tun hat. Wir habe halt eine “Bananenrepublik”!

#7 |
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Gast
Gast

Das finde ich am allerschlimmsten – als Frau ist man in einer Ausnahmensituation, womöglich zum ersten Mal, hat Schmerzen, hat dadurch wahrscheinlich Einschränkungen im Denken/ Vernünftigen Beurteilen, kriegt auch noch Angst, und soll sich alleine helfen auf der überfüllten Station oder sogar noch weiter fahren. Alptraum mit subjektiver Kontrollverlust nenne ich das. Aber zahlungskräftige Steuer – und Rentenbeitragszahler werden erwünscht, am besten noch in Form von Altenpflegern und Facharbeitern. Dann soll die Geburtshilfe besser vegütet werden. Es war mir bislang nicht klar, was für eine ungerechte Schweinerei hier vor sich geht.

#6 |
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Gast
Gast

Dass die Entbindung und die entsprechende Vor- und Nachsorge nicht angemessen vergütet werden ist schlichtweg eine Katastrophe! Der Verlust der kleinen peripheren Geburtsstationen tut gerade den Frauen die eine verhältnismäßig unkomplizierte Geburt erwarten unglaublich weh, in einem großen Zentrum mit parallel 3 komplizierten Geburten und nur einer Hebamme sind sie dann mehr oder weniger sich selbst überlassen. Weil alle Anwesenden sich nur um die vermeintlich komplizierteste Geburt kümmern. In Wirklichkeit sieht diejenige die am lautesten schreit und den forderndsten Ehemann hat zuerst die Hebamme und dann erst die wohlerzogene zurückhaltende, die schon seit Stunden am CTG hängt, das sich nie jemand ansieht. Wieviele unnötige Sectios wurden bereits durchgeführt weil das Zeit spart und mehr Geld einbringt? Wieviele unnötige Dammschnitte? Wievielen Frauen wird erzählt es sei zu gefährlich zu Hause zu entbinden? Ich denke das auch…aber mittlerweile kenne ich mehrere Frauen die ihre Geburt in der Klinik größtenteils allein absolviert haben und die Hebamme in letzter Sekunde dazukam um das Kind entgegen zu nehmen … was ist daran besser als eine Hebamme zu Hause für sich zu haben?

#5 |
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Gast
Gast

Herr Kollege Dudenhausen, was für Sie vernünftig aussieht, hat was mit eingeschränkter Wahrnehmung zu tun und nicht mit einer wirklichen Beurteilung der Situation für Schwangere und Gebärende hier in Deutschland.
Alleine schon den Chefdokter von Starnberg nach der Situation in der Geburtshilfe zu befragen ist ein lächerliches Vorgehen. Hebammen fragen das würde was über die wirkliche Situation aussagen. In Frankfurt finden fast 50% der Frauen keine Hebamme zur Nachbetreuung.
Ich selbst habe meine Kinder zu Hause mit der Hilfe einer kompetenten und couragierten Hebamme geboren, eben weil ich meinen Kollegen in der Geburtsmedizin keinen Zentimeter über den Weg traue. Geburt ist eine höchst gesunde Sache, die durch Eingriffe von außen pathologisiert wird. Jeder eingriff verursacht Streß und bringt hormonelle physiologische Vorgänge aus dem Tritt. Geburt ist ein Vorgang für den Frau und Kind Ruhe Schutz Geborgenheit und -vertrauen brauchen und keine Fahrt durch irgendeine Stadt auf der Suche nach einem Platz wo sie dann letztendlich ihr Kind wie auch immer betreut auf diese Welt bringen, gehts noch? Dezentral, super ausgebildete gut bezahlte Hebammen und im wirklichen Notfall eine Klinik um die Ecke, da wird ein Schuh draus.

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Rettungssanitäterin

Bei uns im Norden mussten die Kliniken auf den Inseln die Geburtshilfe einstellen mit der Begründung, dass sie jährlich zu wenige Geburten haben, somit eine Mindestqualität nicht mehr sichergestellt werden kann.
Da frage ich mich ob in den (inzwischen überlaufenen) größeren Kliniken die Qualität “der Geburten am Fließband” höher ist, wenn nachts lediglich eine Hebamme in drei Kreißsälen fünf Geburten parallel betreuen muss.
Mein Sohn hat 1990 in Westerland / Sylt das Licht der Welt erblickt, ohne Komplikationen und mit einem Personalschlüssel von dem wir heute nur träumen können.

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Miriam Joseph
Miriam Joseph

Danke, dass ihr dieses wichtige Thema aufgegriffen habt. Krankenkassen und Politiker sprechen immer davon, dass die Qualität durch Kliniken, Hebammen und Ärzte erbracht werden soll, blockieren aber genau diese!!! Wenn es zu Schäden an Mutter und Kind kommt, werden leider nicht die politischen Köpfe verklagt, so sollte es aber sein!!!

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Prof. Dr. Joachim W. Dudenhausen
Prof. Dr. Joachim W. Dudenhausen

Die Zahl der geburtshilflichen Abteilungen ist nicht der entscheidende Punkt. Eine Regionalisierung und Zentralisierung der Geburtshilfe ist für Mutter und Kind vernünftig. Die personelle und apparative Ausstattung der zentralen geburtshilflichen Abteilungen (Hebammen und Ärzte/Fachärzte) müssen den gestiegenen Geburtenzahlen und notwendigen Organisationsregeln (beispielsweise Betreuung einer Gebärenden durch eine Hebamme) angepasst werden.

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