Herzinsuffizienz: Drille die Fibrille

17. August 2017
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Patienten mit einer Herzinsuffizienz sollen zur Leistungssteigerung körperliches Training absolvieren. Sportmediziner fanden nun heraus, dass nicht die Trainingsform entscheidend ist, sondern ob die Patienten dabei qualifiziert betreut wurden.

Die Herzinsuffizienz zählt in Deutschland zu den häufigsten Todesursachen. Als Folge dieser Erkrankung ist das Herz nicht mehr in der Lage, den Körper ausreichend mit Blut und Sauerstoff zu versorgen. Obwohl sich die Lebenserwartung von Herzinsuffizienz-Patienten in den vergangenen Jahren verbessert hat, verstirbt dennoch etwa die Hälfte innerhalb von vier Jahren nach der Diagnose. Bei der Behandlung der Herzmuskelschwäche stand lange Zeit die medikamentöse Therapie ganz klar im Vordergrund. Doch in den vergangenen Jahrzehnten hat ein langsames Umdenken eingesetzt.

Körperliches Training soll medikamentöse Therapie unterstützen

Immer mehr Ärzte sehen im körperlichen Training eine Möglichkeit, den Herzmuskel zusätzlich zu stärken. „Medikamente sind die absolute Basis der Behandlung, darauf kann man nicht verzichten, aber körperliches Training macht die Patienten belastbarer und reduziert die Zahl weiterer Krankenhausaufenthalte“, sagt Martin Halle, ärztlicher Direktor des Zentrums für Prävention und Sportmedizin an der Technischen Universität München. „Das körperliche Training stärkt das Herz durch eine verbesserte Herzmuskelfunktion. Die Blutgefäße erweitern sich und es bilden sich zudem neue Blutgefäße.“

Nun haben er und ein internationales Team im Rahmen einer größeren klinischen Studie untersucht, wie sich unterschiedliche Formen von körperlichem Training auf das geschädigte Herz von Patienten mit einer Herzinsuffizienz auswirken. Wie die Forscher in einem Artikel im Fachmagazin Circulation mitteilen, konnten Patienten mit einem moderaten Ausdauertraining die gleichen Verbesserungen ihrer Herzleistung erzielen wie mit einem Intervalltraining bei hoher Intensität. Dieses Ergebnis steht im Widerspruch zu einer früheren Studie mit kleiner Teilnehmerzahl, die eine Überlegenheit des Intervalltrainings gezeigt hatte. An der aktuellen Studie nahmen 261 Probanden an neun Kliniken in Europa teil. Die Studienteilnehmer litten alle an einer Herzmuskelschwäche mit mittelschwerer bis schwerer Symptomatik und wurden in drei Gruppen eingeteilt.

Überwachtes Training nur in den ersten zwölf Wochen

Die erste Gruppe trainierte alleine zu Hause und besuchte alle drei Wochen ein Fitnesszentrum, um dort moderat zu trainieren. Die zweite und die dritte Gruppe trainierte dreimal pro Woche unter Überwachung in einem Fitnesszentrum. Von diesen beiden Gruppen trainierte dabei wiederum die eine Gruppe auf moderate Weise mit 60 bis 70 Prozent der maximalen Herzfrequenz, die andere Gruppe intensiv im Rahmen eines Intervalltrainings mit 90 bis 95 Prozent der maximalen Herzfrequenz. Alle Probanden führten ihr jeweiliges Trainingsprogramm zunächst über zwölf Wochen durch und erhielten dann von den Medizinern um Halle die Empfehlung, das Training in den folgenden 40 Wochen fortzuführen, ohne in diesem Zeitraum überwacht zu werden. 202 von 261 Patienten absolvierten die kompletten 52 Wochen, die anderen Patienten schieden aus verschiedenen Gründen vorzeitig aus der Studie aus.

Training verbessert Sauerstoffaufnahme

Zu Beginn der Studie, nach 12 und nach 52 Wochen, maßen die Mediziner bei allen Probanden Größe und Pumpleistung der linken Herzkammer sowie die maximale Sauerstoffaufnahmekapazität. Patienten, die an einem überwachten Training teilnahmen, egal, ob moderat oder intensiv, waren nach zwölf Wochen leistungsfähiger als diejenigen, die alleine trainierten. „Wir konnten bei diesen Patienten eine Verkleinerung der linken Herzkammer und damit eine Verbesserung der Pumpfunktion beobachten“, sagt Halle. „Sowohl die maximale Sauerstoffaufnahmekapazität als auch ihre allgemeine körperliche Verfassung verbesserten sich ebenfalls.“ Er und die anderen Mediziner konnten zu ihrer Überraschung jedoch keine signifikanten Unterschiede zwischen einem Intervalltraining bei hoher Intensität und einem Ausdauertraining bei moderater Intensität feststellen. Warum das so ist, kann Halle momentan noch nicht erklären, da gesunde Menschen mit einem Intervalltraining größere Effekte erzielen als mit einem moderaten Ausdauertraining.

Trainingsbereitschaft der Patienten verringert sich

Die Anzahl von ernsten Zwischenfällen war bei den Patienten, die mit hoher Intensität trainierten, höher als bei den Patienten, die moderat trainierten. Dieser Unterschied war statistisch nicht signifikant. Um diesen Aspekt mit einer genügend großen statistischen Aussagekraft zu beurteilen, werden deshalb Studien mit einer noch größeren Patientenzahl benötigt. Solange die Frage, ob Intervalltraining mit hoher Intensität genauso sicher ist, nicht eindeutig beantworten werden kann, empfiehlt Halle Herzinsuffizienz-Patienten ein moderates Ausdauertraining.

Am besten sollten die Patienten dabei unter Betreuung durch ausgebildete Fachkräfte trainieren. Im Rahmen der Studie zeigte sich nach 52 Wochen, dass die Patienten aus den beiden anfangs überwachten Gruppen ihre im Vergleich zu den alleine trainierenden Patienten erzielten Leistungsverbesserungen nicht aufrecht halten konnten. Halle hofft, dass die Ergebnisse der aktuellen Studie dazu beitragen, dass mehr Patienten mit einer Herzmuskelschwäche als bisher mit einem körperlichen Training beginnen. Er schätzt, dass sich momentan maximal 20 Prozent dieser Patienten in Deutschland sportlich betätigen.

Patienten haben Wahl zwischen verschiedenen Trainingsformen

Andere Experten bewerten die Untersuchung von Halle und seinen Kollegen positiv: „Die Studie ist methodisch gut gemacht und die Ergebnisse ergeben Sinn“, sagt Josef Niebauer, Leiter des Instituts für präventive und rehabilitative Sportmedizin des Universitätsklinikum Salzburg. Warum das Intervalltraining nicht besser abschneidet als das moderate Ausdauertraining, dafür hat Niebauer eine einfache Erklärung: „Herzinsuffizienz-Patienten sind krank und limitiert, die werden durch körperliches Training ihre Leistungsfähigkeit verbessern, fast egal, was sie tun.“ Das, so der Sportmediziner, sage letztendlich die Studie aus, und das sei auch eine gute Botschaft für alle Patienten, die, wenn sie wollten, vielfältig trainieren könnten und sich nicht auf eine bestimmte Trainingsform beschränken müssten.

Präventionszentren fehlen

Nach Ansicht von Niebauer zeigt die Studie aber auch ganz klar, dass es nicht damit getan ist, die Patienten für kurze Zeit unter Aufsicht trainieren zu lassen und diese dann sich selbst zu überlassen. Hier sieht er einen grundsätzlichen Fehler im deutschen Gesundheitssystem: „Bei einer medikamentösen Therapie kontrolliert der behandelnde Arzt regelmäßig, ob beim Patient ein Arzneimittel weiterhin wirkt oder ob dessen Dosierung geändert werden muss“, erklärt Niebauer. „Wir müssen deshalb eine Infrastruktur mit genügend Präventionszentren schaffen, die die Patienten regelmäßig aufsuchen und wo sie unter fachkundiger Überwachung therapiegetreu trainieren können. Am besten kombiniert mit einem finanziellen Belohnungssystem, das die Patienten zusätzlich motiviert.“ Eigentlich, so Niebauer, brauche es keine weiteren Studien, um das zu beweisen, denn es sei mittlerweile klar, dass regelmäßiges sportliches Training die körperliche Leistungsfähigkeit und Lebensqualität der Patienten nicht nur bei Herzinsuffizienz, sondern auch bei vielen anderen Krankheiten deutlich verbessere.

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Bildquelle: Tyler Bolken, flickr / Lizenz: CC BY

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8 Kommentare:

Medizinjournalist

Sollten die herzerhaltenen Übungen nicht vor dem Infarkt erfolgen, im ganz normalen Leben. Sind die, die bis zum Infarkt warten, nicht selbst schuld? Und wundert es tatsächlich, dass die Couchpotatoes die nicht vorher auf sich achteten, das auch nach dem Infarkt nicht richtig und nicht mit Begeisterung machen. Und wundert es wirklich all die vielen Mediziner, dass die Gesellschaft so konditioniert wurde und nicht zuletzt dem Wohl aller am Medizingeschäft Beteiligten dient?

Dass Körper, Seele, Geist, eine verzwickte komplizierte Einheit sind, wird in den detailverliebten Expertenkreisen nahezu immer übersehen. Unsere konsumbeherrschte Lebensweise ist Hauptursache, dass zuallererst Hilfe von außen erwartet wird, als Reparaturservice zum Teile tauschen. Zuallerletzt und viel zu spät, kriegen die “armen” Menschen mit, dass sie vor 20 Jahren hätten eine hilfreiche Einstellung zum körperlichen Leben entwickeln müssen und dann entlasten sie sich mit dem “das ist ja jetzt zu spät” – Etikett. Ich wünsche mir die Heiler, die erst gar nicht benötigt werden. Jeder 20. Arzt, der das aufnimmt und den Kindern das eintrichtert, würde die Gesellschaft verändern – denn die Kinder sind noch formbar, wenigstens manchmal. Die vorgegebene Problemlösung, es müsste Präventionszentren geben, schießt den Vogel ab. Also noch ne Assistenzwirtschaft, die sich aus den vorher zielgerichtet eingeübten Verhaltensfehlern finanziert.

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Gast
Gast

Von sechs Kommentaren sind zwei passabel und vier gröbster Unsinn. Ed ist wirklich amüsant, sich ständig die lyrischen Ergüsse des Herrn Lauterbachs über sich ergehen zu lassen oder wahlweise esoterisch angehauchte Philosophen-Bullshit lesen zu müssen, der absolut nicht zum Thema passt :D

#7 |
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Gast
Gast

WAR DA EINER/EINE BEIM SEIN VOR DEM SEIN?
Vielleicht schon , dann möge er sein Herz geschont haben: Oder konträr: Er fand nur Ärger über die Bosheit und Niedrigkeit der Welt.
Das “Sein vor dem Sein” ist übrigens eine Formulierung des Philosophen Schelling.

#6 |
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Gast
Gast

Qualifizierte Betreuung der Patienten
Ich spreche aus eigener Erfahrung als Patient: Und ich sage hierzu: Man überforderte, also tyrannisierte, stresste mich nie, sondern sagte zu mir: Falls sie einen starken Schmerz haben sollten, dann hören sie mit dem Sport auf. Diese gute Behandlung imponierte mir.War ja auch in Baden-Baden, mal nebenbei so angemerkt.Eien Überanstrengung hätte ja auch zu so was wie einem Muskelriss führen können: Gott bewahre!Als ich erstmals nach meinem Herzinfarkt zur Herzgymnastik-Gruppe kam, dachte ich mir insgeheim: Diese Übungen sind ja lächerlich!Die schafft man doch locker: Welch eine schwere Täuschung: Da ich selbst herzkrank wurde, stellte ich schnell fest, dass anscheinend so einfache Übungen dem Herzkranken sehr schwer fallen.Zu lachen gab es da gar nix mehr.

#5 |
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Gast
Gast

zu#3:
Nein , nehme ich zurück, dass einer selbst erwirken könnte was vom Ur-Seienden ihm zukommt: Das ist Mach-Werk.Von Christus aber heißt es: nicht gemacht ist er, sondern gezeugt.
Die unendliche Liebe wird sogar im Lebenswillen die beschwerlich werdende Gymnastik bei Geschwächten erträglicher erscheinen lassen.
Bloß kein niedriger Utilitarismus, der die Menschen nur tyrannisierte!

#4 |
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Gast
Gast

WAS DIRIGIERT DEN KÖRPER ?
Sportskerle sind mir unsympathisch, Sport (hier etwa: Herzgymnastik) zu verbscheuen ebenso.Ebenso bedeutsamer ist das geistliche, das psychologische, das auch religiöse Training.Hier eine seelische Ausgeglichenheit sophianisch im Dasein im Corpus sich zu erlieben, ist primär.Das eben ist Weisheit.Zu überwinden.
Die Weisheit scheint eine Unbekannte geworden zu sein: Schade. Gut, sie zu sich einzuladen: Sie wirkt in der Liebe Licht. Da sind wir nicht beim falsch verstandenen , irreführenden Psychosomatismus: Nein, bei der Freiheit Liebender und durch Liebe Befreiter.Geistliches und Körperliches gehören innigst zusammen.

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Tierärztin

Mir wurde mal eine Border Collie-Dame zum Herzultraschall vorgestellt. Biene, 12Jahre alt, lief täglich eine knappe Stunde am Fahrrad, die Haustierärztin hatte bei der Untersuchung vor der Impfung ein starkes Herzgeräusch festgestellt. Biene hatte eine massive Mitralklappeninsuffizienz, eine hochgradige Volumenüberladung, bei der die meisten anderen Hundepatienten rasselnd und breitbeinig auf der Stelle gestanden hätten (Liegen geht da meist nicht mehr so richtig)- und das ohne Medis!
Seitdem empfehle ich den Hundebesitzern ein moderates Kardio-Workout, wenn sie besorgt fragen, ob ihr Tier denn jetzt nur noch geschont werden soll :-)

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franz laudenbach
franz laudenbach

Interessant; Aber was wird da wieder verschwiegen?
Bsp.: Medikamente die Probanden einnehmen!
Bsp.: Hochleistungssport im Schlaf (Schlafapnoe OSAS/ZSA)!
Dazu: Blutdrucksenker, egal wie sie sich benennen, begrenzen die Herzfrequenz (Puls), damit den Blutvolumenumsatz pro Minute;
Sauerstoff-, Ernährungs-Zufuhr zu Zellen, zu Sauerstoff-Großverbraucher Gehirn, werden dadurch eingeschränkt auf Grund Blutdrucksenker bedingter, dauerhafter, gedrosselter Durchblutung!
Dazu: Sport, Sauna, weiten das Gefäßsystem auf Basis Hitze (Schweiß), sorgen deshalb für erhöhten Blutvolumenumsatz, dieses trotz Blutdrucksenker bedingt eingefrorener Herzfrequenz. Diabetes 2 Patienten wird dieses empfohlen.
Testen Sie sich doch mal in 500m ÜNN in Relation zu Ihrer gegenwärtiger Lebenshöhe ÜNN! Gewonnene Höhe ÜNN weitet das Gefäßsystem auf Basis geringerem Luftdruck (Wetterlage berücksichtigen)!
Im Schlaf in Apnoen verursachen Blutdrucksenker, bedingt eingefrorener Herzfrequenz, damit eingefrorenem, oft niedrigsten Blutvolumenumsatz für dauerhaften Stresshormonauswurf im AHI Rhythmus.
Damit für Herzhöchstbelastung, über die gesamte Zeit des Schlafes.
(AHI = Anzahl der Apnoen pro Stunde).
Ein billiger Pulsoximeter inkl. Aufbereitungssoftware für den PC kostet ca. 129€. Er misst, speichert; Herzfrequenz wie Blutsauerstoffsättigung über 30 Std. hinweg auf! Die gespeicherten Daten können am PC aufbereitet werden!

Mehr? flc@live.de;

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