Rezeptpflicht: Schon mal ein Auge zugedrückt?

28. Juli 2017
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In Europa nehmen sieben Prozent aller Patienten Antibiotika ohne ärztliche Verordnung ein. Dabei handelt es sich nicht nur um Restbestände aus dem Medizinschrank. Häufig drücken Apotheker dabei beide Augen zu – ein generelles Problem bei Rx-Präparaten.

Antibiotikaresistenzen sind auf europäischer Ebene ein ernst zu nehmendes Thema. Neben allzu freizügigen Verordnungen in der Humanmedizin sowie in der Tiermedizin tragen weitere Faktoren zur Verbreitung von Resistenzen bei. In seinem Bericht identifiziert John Paget die eigenmächtige Anwendung als weiteres Problemfeld. Er forscht am Netherlands Institute for Health Services Research (NIVEL).

Eigenmächtige Therapie

Obwohl Antibiotika in allen EU-Staaten unter die Rezeptpflicht fallen, gaben sieben Prozent der befragten Patienten an, Präparate 2016 ohne ärztliche Verordnung eingenommen zu haben. Das Spektrum reichte von weniger als zwei Prozent (Schweden) über knapp fünf Prozent (Deutschland) bis zu zwanzig Prozent (Rumänien und Griechenland). Im Vergleich zu 2013 geht die Entwicklung mit wenigen Ausnahmen klar nach oben. Für Deutschland haben sich entsprechende Zahlen mehr als vervierfacht.

antibiotika

© EU

Um diesen Effekt zu erklären, gibt Paget mehrere Gründe an. Patienten in kaum noch funktionierenden Gesundheitssystemen – etwa in Griechenland oder Rumänien – versuchen Arztbesuche nach Möglichkeit zu vermeiden. Jede Konsultation kostet Geld. Ob und wann Krankenkassen entsprechende Auslagen erstatten ist ungewiss. Der direkte Gang zum Apotheker spart Zeit und Kosten.

Außerdem kritisiert Paget Packungsgrößen, die sich nicht am therapeutischen Bedarf orientieren. Selbst bei sachgemäßer Anwendung bleiben häufig Tabletten übrig. Die Versuchung vieler Patienten, bei späteren Krankheiten auf eigene Vorräte zuzugreifen oder Pillen weiterzugeben, ist groß. Schließlich hatte das Antibiotikum beim letzten Mal doch so gut geholfen.

Nicht zuletzt geraten die Apotheker in die Schusslinie. Viel zu häufig würden sie Antibiotika als OTC abgeben, so Paget in der Studie. Dieses Phänomen sorgt auch in Deutschland immer wieder für Kontroversen.

Keine Kontrollen

Dass es oftmals zu Abgaben von Präparaten ohne Rezept kommt, bestätigen die Zahlen. Dem Autor sind konkrete Fälle aus dem eigenen Umfeld bekannt: Zwei bekannte Apotheken aus München geben, von BtM einmal abgesehen, verschreibungspflichtige Medikamente ohne Rezept ab. Das spült schnell Geld in klamme Kassen. Schließlich muss man nicht auf das Rechenzentrum warten.

Kollegen, die Gesetze ernst nehmen, sehen schwarze Schafe ihrer Zunft zwar kritisch, haben aber kaum Möglichkeiten. Es stehen nur selten Pharmazieräte, Amtsapotheker oder Pseudocustomer in der Offizin. Selbst wer erwischt wird, kommt häufig mit einem blauen Auge davon.

 

Quelle:

Antimicrobial Resistance and causes of non-prudent use of antibiotics in human medicine in the EU
John Paget et al., European Union, doi: 10.2875/326847; 2017

16 Wertungen (4.19 ø)
Bildquelle: John, flickr / Lizenz: CC BY-SA

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19 Kommentare:

Gast
Gast

#16 Sie wissen aber schon, dass etliche Dermatika gegen Lippenherpes auch bei uns nicht verschreibungspflichtig sind. Kann ich Ihnen für 3,78€ von Aliud auch ganz legal ohne Rezept verkaufen.

#19 |
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Nichtmedizinische Berufe

In Spanien gibt es auch viele Apotheken, die Antibiotika abgeben, sofern man sicher auftritt , weiß was man will und den Anschein erweckt, einen Arzt konsultiert zu haben. So bekam ich anstandslos einen Dreitagepack gegen Blasenentzündung.
Es gibt doch einige Erkrankungen wie wiederkehrende Blasenentzündungen, da würde der Arzt auch nichts anderes machen, als mir ein Antibiotikum verordnen.
Ein Gedanke für diese Länder: Wenn man die Selbstmedikation auf grunde eines desolaten Gesundheitssystems nicht eindämmen kann, wäre es nicht besser, Patienten und Apotheker dahin zu schulen? Dann nimmt er zumindest wegen einer Virusinfektion kein Antibiotikum und setzt auch nicht ab, sobald es ihm besser geht.

#18 |
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Gast
Gast

@ Herr Wöhrle,
Entwicklungsländer sind kein Preismaßstab. Unternehmen und Hilfsorganisationen spenden diese Arzneimittel oder bieten sie aus humanitären Gründen günstiger an.
Ohne alle Entwicklungsländer über einen Kamm scheren zu wollen: dort gibt es oftmals keine Rezeptpflicht. Bzw. die Patienten erhalten diese Arzneimittel von der Krankenkasse erstattet oder gratis, sofern sie von einem Arzt verordnet werden. Kaufen kann man sie dann aber trotzdem!

#17 |
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Werner Wöhrle
Werner Wöhrle

Fortsetzung: problemlos für EINEN US DOLLAR ein Mittel für den Lippenherpes meiner Göttergattin, der Apotheker hatte da einen müden Blick draufgeworfen und das Schächtelchen mit der Schmiere rausgegeben, hat gewirkt.

In Astrachan 2002 auch das Mittelchen für tierischen Durchfall, in der Apotheke zusammengerührt und für 1000 Rubel verkauft, das waren damals 10 DM, hat auch gewirkt, Rezept?

Nö!

#16 |
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Werner Wöhrle
Werner Wöhrle

@ # 10:

Die Angebote bekomme ich auch, das hat aber mit seriösem Versandhandel überhaupt nix zu tun – ich vermute, daß es sich dabei auch nicht um Medikamente handelt, sondern ausschließlich um Fälschungen.

Viagra, Cialis, Levitra als bunte Pillen mit Stückpreisen.

In Acapulco bin ich am Hafen mal aus Interesse in eine Apotheke, wollte mal sehen, wie das da mit den entsprechenden Mitteln aussieht, die Regale waren sichtbar voll davon.

Der Apotheker wollte kein Rezept, auch keine Pesos, der wollte US Dollar in bar.

Gekauft habe ich nicht.

In Genua in der Apotheke Nähe Ponte dei Mille habe ich mal das zu Hause vergessene Theophyllin 500 retard nachgekauft, ging problemlos ohne Rezept für 3 Euro nochwas in bar.

In Vasco da Gama (Goa, Indien) auf Kreuzfahrt auch problemlos für

#15 |
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Gast
Gast

Ich habe selbst viele Jahre in d Apotheke gearbeitet. Nicht einmal ist vorgekommen, dass ausgerechnet ein Antibiotikum ohne ärztliche Verordnung abgegeben wurde. Fraglich finde ich eher, warum bei jedem Mini-Infekt v Ärzten häufig Antibiotika verordnet werden und das auch noch ohne Antibiogramm obwohl dies schon für ganz geringe Kosten machbar wäre.

#14 |
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Gast
Gast

Da muss ich mich schon sehr wundern, wie hier behauptet werden kann, dass, wer erwischt würde, häufig mit einem blauen Auge davon kommen könne.

Mir selbst ist ein konkreter Fall bekannt, in dem ein Pseudocustomer in einer Apotheke Voltaren Tabletten ohne Rezept verlangte. Die Auszubildende hat diese ohne Rücksprache mit dem Apotheker ausgehändigt.

Die Folgen waren allerhöchst empfindlich!!!

#13 |
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Gast
Gast

In Griechenland sind bspw einige Antibiotika ohnehin ohne Rezept erhältlich. In UK ist dies ebenfalls möglich. Außerdem stehen diverse Antibiotika für OTC zur Verfügung (unabhängig davon ob s sind macht): bspw Tyrothricin zur Lokalanwendung.
Ist es nicht besser wenn die Leute wenigstens in die Apotheke gehen?

#12 |
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Vio
Vio

Ich bin Pharmazieingenieurin und arbeite in einer öffentlichen Apotheke. Fragt mich ein ausländischer Arzt:” bitte nennen Sie mir ein Antibiotikum welches ich bei Lungenentzündung verordnen kann…” Er war nicht auf der Durchreise, er arbeitet in einem Krankenhaus in Deutschland. Ich habe nichts empfohlen, er ist der Arzt, er kennt den Patienten. Wo gibt es denn so etwas? ! Bedenklich…

#11 |
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Karsten Kiepert
Karsten Kiepert

zu #2
Lieber Gast,
von wegen im Versandhandel ist das ausgeschlossen.
Ich bekomme täglich E-Mails mit Angeboten ohne Rezept Medikamente zu bestellen. (fraglich wer ausgerechnet an meine Apotheken E-Mail solche Mails schickt!). Sicherlich arbeiten die deutschen Versand-Apotheken sauber und gesetzeskonform, aber aus dem Ausland ist alles möglich, wie die Funde beim Zoll in der Postkontrolle bestätigen.
Mit Fachwissen ist leider dem Begehren der Patienten schlecht etwas entgegenzusetzen.
Werden allerdings die Begehrlichkeiten erfüllt, degradieren wir uns selber zum Schubladenzieher.
Ein alter Spruch sagt: Arme Apotheker sind gefährliche Apotheker.
Auch wenn einem die Felle wegschwimmen sollte selbstbewust und verantwortungsvoll gehandelt werden.

#10 |
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Gast
Gast

Ich bin enttäuscht hier zwei Unwahrheiten zu lesen. Die erste die hier verbreitet wird betrifft das Bild was hier gemalt wird, auf dem ein Apotheker abgebildet wird, der gerade Antibiotika als OTC abgibt. Das spiegelt bestimmt nicht die Realität wieder und da wird sich zurecht jeder Apotheker gegen wehren. Als Apotheker der sowohl im klinischen Bereich als auch im außerklinischen Bereich tätig war kann ich nur sagen, dass den meisten Kollegen schlicht weg die Erfahrung fehlt um durch ein simples Gespräch das richtige Antibiotikum aus zu wählen. Die zweite Unwahrheit ist, das im Falle einer strafrechtlichen Verfolgung die Sache meistens glimpflich für den Apotheker ausgeht. Ich gehe mal davon aus, dass wenn nachweislich eine Abgabe ohne Rezept erfolgt ist, dass zumindest die Approbation dabei flöten geht und dass ist doch wohl alles andere als glimpflich oder?

#9 |
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Ich musste bisher jedesmal meinen Arztausweis vorzeigen, wenn ich rezeptpflichtige Präparate kaufte, obwohl ich als Arzt hier hinlänglich bekannt bin. Das ist auch richtig so. Von OTC also keine Rede.

#8 |
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Gast
Gast

” Dem Autor sind konkrete Fälle aus dem eigenen Umfeld bekannt: Zwei bekannte Apotheken aus München geben, von BtM einmal abgesehen, verschreibungspflichtige Medikamente ohne Rezept ab.”
In diesem Fall sollte der Autor das schleunigst zur Anzeige bringen!
Ich habe in 3 Jahrzehnten noch nie ein Antibiotkum ohne Rezept abgegeben. Weder bin ich Hellseher noch kann ich ein Antibiogramm durchführen.

#7 |
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Apotheker

@Apo #5:
Mal Butter bei die Fische: wo haben Sie Beispiele und Beweise?

#6 |
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Apo
Apo

Immerwieder Apothekern?dabei die Versand Apotheken schicken, was das Herz begehrt .

#5 |
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Patricia Zöllick
Patricia Zöllick

Kann mich dem nur anschließen!!

#4 |
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Hiltrud Müller
Hiltrud Müller

Also ich habe schon in mehreren Apotheken gearbeitet und in keiner wurden Antibiotika ohne Rezept abgegeben

#3 |
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Gast
Gast

Im Versandhandel ist das zum Glück ausgeschlossen.

#2 |
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Florian Sarkar
Florian Sarkar

Die alles entscheidende Frage ist, ob der Einsatz gerechtfertigt ist, nicht woher das Antibiotikum kommt. Wir in der Apotheke haben eher das Problem, dass Patienten zu uns kommen, weil ihr Arzt in den Ferien ist und von uns dann ein Antibiotikum wollen, weil sie daran gewöhnt sind, für jede Infektion ein Antibiotikum zu kriegen. Die ärztliche Medikamentenabgabe in der Schweiz hat da einiges an Fahrlässigkeit aufkommen lassen zugunsten des Zusatzverdienstes. Es ist dann sehr mühsam, den Patienten zu erklären, dass nicht in jedem Fall ein Antibiotkum notwendig ist, obschon wir in der Schweiz als Apotheker im Notfall ein Antibiotikum abgeben dürften. Im schlimmsten Fall stösst man auf taube Ohren oder muss sich sogar Beschimpfungen anhören, wenn man die Abgabe ablehnt. Ärzte und Apotheker müssten eine stärkere Allianz pflegen, um Guidline-widrige und Gefälligkeitsverschreibungen zu vermeiden.

#1 |
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