Mikrobiom: Keimschleuder Küchenschwamm

28. Juli 2017
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In normalen Haushaltsschwämmen tummeln sich mehr potenziell gefährliche Keime als in Fäkalien, berichten Mikrobiologen. Sie sehen vor allem Risiken für Patienten mit Vorerkrankungen und raten von pragmatischen Reinigungsmethoden ab.

In Deutschlands Privathaushalten, Büros und Firmen fristen mindestens 100 Millionen Schwämme ihr Dasein. Weltweit erstmalig haben Forscher um Professor Dr. Markus Egert von der Hochschule Furtwangen eine Stichprobe von 14 Stück mit modernsten Methoden untersucht.

Um Bakterien zu identifizieren, sequenzierten sie 16S-ribosomale RNA. Außerdem kombinierten sie die Fluoreszenz-in-situ-Hybridisierung (FISH) mit modernen mikroskopischen Techniken.

Potenziell riskante Erreger

Bakterien in einem gebrauchten Küchenschwamm

Mikroskopische Aufnahmen und 3D-Modelle fluoreszenzmarkierter Bakterien in einem gebrauchten Küchenschwamm (Maßstäbe: A-D 10 μm, E-H 20 μm) © Hochschule Furtwangen

Egert und Kollegen fanden 362 verschiedene Arten von Bakterien. Dazu gehörten auch Acinetobacter johnsonii, Moraxella osoloensis und Chryseobacterium hominis. Sie können bei Patienten mit geschwächtem Immunsystem zu Infektionen führen. Dazu gehören Menschen mit Vorerkrankungen, aber auch Senioren.

„Was uns überrascht hat: Fünf der zehn häufigsten von uns gefundenen Arten gehören in die sogenannte Risikogruppe zwei, das bedeutet sie sind potentiell pathogen“, fasst Egert zusammen. „Teils erreichten die Bakterien Dichten von mehr als 5 mal 10 hoch 10 Zellen pro Kubikzentimeter“, so Egert weiter. „Das sind Konzentrationen, wie man sie sonst nur noch in Fäkalproben findet.“

Seine Zahlen erklärt er vor allem mit optimalen Lebensbedingungen im Küchenschwamm. Neben der großen Oberfläche gibt es ausreichend Feuchtigkeit und organisches Material, das beim Reinigen in die Poren gelangt. Vielen Verbrauchern sind hygienische Probleme durchaus bewusst. Sie verhalten sich aus wissenschaftlichem Blickwinkel jedoch falsch.

Reinigung sinnlos

Verbraucher waschen ihre Schwämme gründlich aus oder geben sie feucht in die Mikrowelle. Hier fanden Wissenschaftler um Egert sogar deutlich höhere Anteile der potentiell pathogenen Bakterien.

Sie spekulieren, das Reinigen führe zwar kurzfristig zur Verminderung der Keimbelastung. In der schnell nachwachsenden Population hätten potentiell pathogenen Bakterien aber bessere Möglichkeiten, nachzuwachsen – vermutlich aufgrund ihrer höheren Stresstoleranz. Bleibt als Expertenrat: Küchenschwämme sollten wöchentlich ausgetasucht werden. In neu gekauften Exemplaren befanden sich keine Bakterien.

 

Quelle:

Microbiome analysis and confocal microscopy of used kitchen sponges reveal massive colonization by Acinetobacter, Moraxella and Chryseobacterium species.
Massimiliano Cardinale et al., Scientific Reports, doi: 10.1038/s41598-017-06055-9; 2017

57 Wertungen (4.65 ø)

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22 Kommentare:

Manfred L. DIETWALD, Apotheker
Manfred L. DIETWALD, Apotheker

Eine zerkratzte Oberfläche wird auch ein noch so sauberer Küchenschwamm nicht bakterienfrei machen können. Ein stark belasteter, nasser Schwamm wird auch nicht alle Bakterien an der Oberfläche abgeben, zumal man meist noch mit klarem Wasser nachspült, oder mit neu befeuchtetem Lappen die Keimzahl verringert. Dennoch gibt es keine Entschuldigung für Schlamperei.

#22 |
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Aktuell auf Twitter: #Mikrobiom: Normale Haushaltsschwämmen beinhalten mehr potenziell gefährliche #Keime als #Fäkalien. #Forschung https://t.co/HXTAu77YPD
Mein Kommentar dazu:
‘Infektiologischer Unfug und“Fäkalien-Schatten-Boxen”!Es wurden gar keine Fäkalien-Proben vergleichend untersucht. Wissenschaftlich unseriös!’

#21 |
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Gast
Gast

Natürlich sind die Schwämme voll mit Keimen – feucht, grosse Oberfläche, viel Kontakt mit organischem Material. Was war denn zu erwarten? Viel interessanter ist doch, dass es sich dabei um “remarkable microbial diversity” handelt. Sofern wir nicht immungeschwächt sind, halte ich das sogar für eine wohl eher vorteilhafte Exposition. Unser kleiner Sohn lutscht die Dinger gerne aus, was ich auch eklig finde, aber krank ist er davon noch nie geworden.

#20 |
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Gast
Gast

#18 Fachleute für Hygiene sagen: Lieber einen Toilettensitz im Bahnhofsklo ablecken, als einem Arzt während der Sprechstunde die Hand geben. :-)

#19 |
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Ärztin
Ärztin

Danke Herr Dr. Schätzler. Ich würde auch lieber einen alten Küchenschwamm ablecken als einen Toilettensitz ;-)

#18 |
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Das ist doch infektiologische Unfug und “Fäkalien-Schatten-Boxen”!

Im gesamten Abstract der bakteriologischen Analyse von 14 gebrauchten Küchen-Schwämmen:
“Microbiome analysis and confocal microscopy of used kitchen sponges reveal massive colonization by Acinetobacter, Moraxella and Chryseobacterium species” von
Massimiliano Cardinale, Dominik Kaiser, Tillmann Lueders, Sylvia Schnell & Markus Egert in
Scientific Reports 7, Article number: 5791 (2017) doi:10.1038/s41598-017-06055-9
Published online: 19 July 2017
findet sich irgendein Vergleich mit “Fäkalproben”!

Die Aussagen der Forscher um Professor Dr. Markus Egert von der Hochschule Furtwangen, die eine Stichprobe von nur 14 Stück gebrauchter Küchen-Schwämme mit modernsten Methoden untersuchten, dahingehend zu deuten: „Das sind Konzentrationen, wie man sie sonst nur noch in Fäkalproben findet“, ist wissenschaftlich irreführend, unseriös und unhaltbar.

Denn das Forschungsteam hat nicht mal ansatzweise Fäkalproben als Vergleichsgruppe mit identischer Methodik untersucht und dokumentiert. Wer das nicht glauben kann, möchte den beigefügten Original-Abstract zur Kenntnis nehmen:
“Abstract – The built environment (BE) and in particular kitchen environments harbor a remarkable microbial diversity, including pathogens. We analyzed the bacterial microbiome of used kitchen sponges by 454–pyrosequencing of 16S rRNA genes and fluorescence in situ hybridization coupled with confocal laser scanning microscopy (FISH–CLSM). Pyrosequencing showed a relative dominance of Gammaproteobacteria within the sponge microbiota. Five of the ten most abundant OTUs were closely related to risk group 2 (RG2) species, previously detected in the BE and kitchen microbiome. Regular cleaning of sponges, indicated by their users, significantly affected the microbiome structure. Two of the ten dominant OTUs, closely related to the RG2-species Chryseobacterium hominis and Moraxella osloensis, showed significantly greater proportions in regularly sanitized sponges, thereby questioning such sanitation methods in a long term perspective. FISH–CLSM showed an ubiquitous distribution of bacteria within the sponge tissue, concentrating in internal cavities and on sponge surfaces, where biofilm–like structures occurred. Image analysis showed local densities of up to 5.4 * 1010 cells per cm3, and confirmed the dominance of Gammaproteobacteria. Our study stresses and visualizes the role of kitchen sponges as microbiological hot spots in the BE, with the capability to collect and spread bacteria with a probable pathogenic potential.”
https://www.nature.com/articles/s41598-017-06055-9

#17 |
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Gast
Gast

Ich esse sowieso keine Spülschwämme mehr! Spaß beiseite, die Frage ist doch immer, ist das relevant? Wie hoch ist das Infektionsrisiko? Wie viele Erkrankungen werden durch zu lange genutzt dem Spülschwämme erfuhr angerufen? Ich habe mal gehört 60 Sekunden in der Mikrowelle würden alle Bakterien ab töten. Einfach und wirksam.

#16 |
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Heilpraktikerin

#8 genau: Baumwolltücher. Kann man problemlos waschen. Waren doch früher normal und Standard in der Küche, oder? Für Eingebranntes, wo ein Baumwolllappen nicht genug Reibkraft hat, gibt es dann ein Kupfertuch (prima für Glas-, Metall- und Keramikoberflächen, allerdings nicht für Teflonbeschichtetes). Es gibt auch Schwammtücher aus Viskose, die man waschen und später (wenn sie alt werden und ihre Schuldigkeit getan haben) über den Hausmüll entsorgen kann, ohne sich über Plastikberge Gedanken machen zu müssen.

#15 |
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Gastx
Gastx

Je keimarmer der Haushalt, desto mehr Neurodermitis bei den Kindern.

#14 |
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Dr. rer.nat. Annelie Weiske
Dr. rer.nat. Annelie Weiske

#12: Ich bin so eine Flachzange! Seit Jahrzehnten werden Schwämme wie auch Schwammtücher und alle anderen Küchentücher bei 95 Grad gewaschen und kommen anschließend noch bei max. Programm in den Trockner. Irgendwann fangen sie an zu bröseln, dann fliegen sie weg.
Ein normales bis herausforderndes Keimspektrum nützt der Gesundheit weit mehr, als die idiotischen Sagrotan-Tsunamis in vielen Haushalten, vor allem mit Kindern.

#13 |
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Welche Flachzange wäscht Küchenschwämme ? – bei dem niedrigen Preis !

#12 |
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Apotheker

Das Immunsystem wächst mit seinen Aufgaben!

#11 |
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Nichtmedizinische Berufe

ich wollte das ernsthaft fragen: Was ist mit Kochwäsche also 90 Grad- Wäsche? Taugt das oder tötet das diese Bakterien nicht ab?

#10 |
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Dr. med.vet. Stefan Gabriel
Dr. med.vet. Stefan Gabriel

Klares Problem der Küchenschlampe in uns: wir müssen unsere Sauereien intelligent organisieren !
Das Problem: Mikroben sind mikro, wären sie groß wie Mäuse, hätten wir keine Hygieneprobleme….
unbedingt zum Feierabend ansehen den Science-slam von Prof.Hensel (BFR):
bei Youtube “küchenschlampe” eingeben oder
https://www.youtube.com/watch?v=CbZhuWLD0M0
schönes Wochenende allen Küchenschlampen !

#9 |
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silvia bonaventura
silvia bonaventura

Und dann mal wieder einen Schwung Plastik in den Müll/ Meer. Und anschließend eine Petition gegen Umweltverschmutzung unterschreiben!
Schon mal was von Baumwolle gehört? Man sehr gut Putztücher aus Baumwolle kaufen oder aus alten Handtüchern selbst nähen. Die dann waschen, 60′ oder kochen! Hat schon meine Oma so gemacht.

#8 |
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Gast
Gast

Und dazu noch täglich die Wohnung grunddesinfizieren! Beim Verlassen des Hauses Mundschutz!
Wenn man nicht immungeschwächt ist, halte ich das alles für ziemlich paranoid – wenn man sich anschaut, was so manche “Sagrotan-Hausfrau” da wöchentlich ausgibt hat es natürlich immerhin einen wirtschaftlichen Nutzen.

#7 |
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Gast
Gast

es gab eine Sendung dazu im SWR, da hieß es: Kochwäsche. Die guten Schwammtücher habe ich z.T. seit 5 Jahren.

#6 |
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Dr. med. Christine Aresin
Dr. med. Christine Aresin

Das 20er Pack Billigschwämme und dann je nach Gebrauch allenfalls wenige Tage nutzen. Genauso die Schwammtücher.

#5 |
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Gast
Gast

Ich tausche die jeden Tag. Die kommen dann in die Kochwäsche.

#4 |
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Ajit
Ajit

Ist denn schon mal jemand tatsächlich krank davon geworden?

#3 |
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Gast
Gast

Wieso denn nicht?
Ich tausch die meistens 2 mal die Woche…

#2 |
  14
Gast
Gast

Das macht doch keiner, wer tauscht WÖCHENTLICH seine Schwämme aus? Sicherlich nur sinnvoll und umsetzbar in Haushalten mit kranken / immungeschwächten Personen.

#1 |
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