Trendzucker Erythrit: Süßer Versuch

25. Juli 2017
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Die Vorzüge des Zuckerersatzes Erythrit klingen fast zu schön, um wahr zu sein: Er hat beinahe keine Kalorien, beeinflusst weder den Blutzuckerspiegel noch den Geschmack. Studien zeigen aber, dass Erythrit möglicherweise doch einen negativen Einfluss auf den Stoffwechsel hat.

„Kaum Kalorien, Blutzucker bleibt unten: Das kann der fast unbekannte Süßstoff“, schreibt Focus online. Und „Bild“ ergänzt: „Mit „Xucker“ wird ohne Zucker genascht.“ Wollen Kunden auf Saccharose verzichten, greifen sie aufgrund von Medienberichten immer häufiger zu Erythrit. Für Verbraucher scheint das bislang eher unbekannte Molekül auf den ersten Blick eine gute Alternative zu sein.

Viele wünschenswerte Eigenschaften

Erythrit ist meso-1,2,3,4-Butantetrol, also ein Zuckeralkohol. Er wird heute vor allem biotechnologisch aus Saccharose oder Glukose gewonnen. In Deutschland ist der Einsatz als Lebensmittelzusatzstoff E 968 möglich, wobei Hersteller auf Anteile von mehr als zehn Prozent hinweisen müssen.

Erythrit

Erythrit in kristalliner Form © Wikimedia Commons, Thomas Kniess, CC BY SA 4.0

Mittlerweile zeigen etliche Studien, dass Erythrit für Menschen physiologisch unbedenklich ist. Aus medizinisch-pharmazeutischer Sicht hat der Zuckeraustauschstoff sogar Vorteile. Er beeinflusst den Blutzucker- und den Insulinspiegel nicht. Während Haushaltszucker mit etwa 400 Kilokalorien (kcal) pro 100 Gramm zu Buche schlägt, sind es bei Erythrit nur 20 kcal. Kariogene Bakterien metabolisieren die Substanz nicht.

Außerdem zeigt das Molekül keine unangenehmen Effekte, wie sie bei anderen Zuckeralkoholen bekannt sind. Während Sorbit, Maltit, Lactit und Isomalt eine geringe digestive Toleranz haben, ist der Wert für Erythrit mit rund einem Gramm pro Kilogramm Körpergewicht vergleichsweise hoch. Da Erythrit größtenteils über den Dünndarm aufgenommen und über die Nieren ausgeschieden wird, kommt es seltener zu Blähungen und Diarrhoe. Laut Angaben der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit (European Food Safety Authority, EFSA) wirken nichtalkoholische Getränke mit maximal 1,6 Prozent des Zuckeralkohols nicht abführend.

Erythrit beeinflusst den Geschmack im Unterschied zu Stevia oder Aspartam nicht. Aufgrund der geringeren Süße von 70 Prozent, gemessen an Haushalszucker, müssen kommerzielle Rezepte verändert werden. Die Tatsache gilt aber auch für Sorbit (50 Prozent Süßkraft), Mannit (30 bis 50 Prozent) oder Isomalt (50 bis 60 Prozent).

Kein klarer Vorteil erkennbar

Meghan B. Azad

Meghan B. Azad © ResearchGate

Doch die Freude über nahezu kalorienfreie Süße währt nur kurz. Meghan B. Azad, Zellbiologin am George & Fay Yee Centre for Healthcare Innovation im kanadischen Winnipeg wollte wissen, ob Süßstoffe beziehungsweise Zuckeraustauschstoffe wirklich ohne Folgen für den Körper bleiben. Sie hat Erythrit zwar nicht explizit untersucht. Ihre Ergebnisse lassen sich aber durchaus übertragen.

Im Rahmen einer Metaanalyse fand ihr Team sieben randomisierte kontrollierte Studien mit 1.003 Teilnehmern und 30 Kohortenstudien mit 405.907 Teilnehmern. Die Nachbeobachtungszeit lag median bei sechs Monaten (RCTs) beziehungsweise bei zehn Jahren (Kohorten).

„RCTs zeigen keinen klaren Vorteil von nicht-nutritiven Süßstoffen für die Gewichtsreduktion, und Beobachtungsdaten deuten darauf hin, dass der regelmäßige Konsum sogar mit einem erhöhten BMI- und kardiometabolischen Risiko einhergeht“, schreibt Azad. Konsumenten haben das Gefühl, sich gesund zu ernähren. Sie achten nicht mehr auf die Mengen. Lebensmittel enthalten beispielsweise neben Zuckeraustauschstoffen Fette als Kalorienquelle.

„Keine Substanz, die wir einfach wieder ausscheiden“

Katie C. Hootman

Katie C. Hootman © ResearchGate

Neben diesen psychologischen Effekten fand Katie C. Hootman von der Cornell University, Ithaca, Hinweise, dass Erythrit entgegen früheren Vermutungen durchaus Bestandteil des körpereigenen Stoffwechsels ist.

 Grundlage ihrer Arbeit war die Beobachtung, dass drei von vier US-amerikanischen Studienanfängern im ersten Jahr der Hochschulausbildung zunehmen. Die Erklärung überrascht nicht. Jugendliche ziehen häufig in die erste eigene Wohnung. Sie kochen seltener, kaufen dafür lieber Fast Food oder Convenience-Produkte ein. Bisher kannten Forscher keinen Biomarker für das Risiko einer beginnenden Adipositas. Dies wäre wichtig, um frühzeitig zu intervenieren.

Professor Dr. Karsten Hiller von der TU Braunschweig untersuchte in Hootmans Auftrag über ein Jahr hinweg mehrfach Blutproben aller Probanden. Er setzte die Gaschromatographie-Massenspektrometrie-Kopplung (GC-MS) ein. Hiller interessierte sich für das sogenannte Metabolom, also die Gesamtheit aller Stoffwechselvorgänge auf molekularer Basis. Gleichzeitig wurden phänotypische Merkmale und HbA1c-Werte der Studierenden erfasst. Das Team hatte Erfolg: Bei Studienteilnehmern, die gerade stark zunehmen, tauchte verstärkt Erythrit auf. Das Molekül könnte sich als Biomarker eignen, wobei aus Assoziationen bekanntlich keine Kausalitäten folgen.

Wissenschaftlich unumstößlich ist jedoch folgendes Resultat: Über Glukose, die vorher mit dem stabilen Kohlenstoffisotop 13C markiert worden war, gelang der Nachweis, dass unser Körper tatsächlich Erythrit herstellt. „Erythrit ist keine Substanz, die wir einfach wieder ausscheiden“, so Hiller. „Sie hat eine Wirkung auf unseren Stoffwechsel. Das steht im Gegensatz zu allen bisherigen Annahmen.“ Mit der Isotopenmethose will er jetzt alle Stoffwechselwege rund um Erythrit genau untersuchen, um zu verstehen, welche Rolle dieser Zuckeralkohol bei der Gewichtszunahme spielt. Dann wird sich auch zeigen, ob extern zugeführtes Erythrit neu bewertet werden muss.

67 Wertungen (4.25 ø)
Forschung, Pharmazie

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21 Kommentare:

Gast
Gast

Also es macht doch dick ?

#21 |
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Dr. rer. nat. habil. Willibald Schliemann
Dr. rer. nat. habil. Willibald Schliemann

Isotopenmethose —-> …methode

Xucker (Xylit) und Xucker light (Erythrit). https://www.google.de/search?site=&source=hp&q=Xucker&oq=Xucker&gs_l=psy-ab.3..0l4.1522.3341.0.5020.7.6.0.0.0.0.82.465.6.6.0….0…1.1.64.psy-ab..1.6.463.0..0i131k1.5wIKfcG0sL4

Doris Hofheinz: wozu sollen denn nicht hitzeinaktivierte Enzyme im Stoffehsel gut sein? Im Magen ist pH 1-2, was alle Nichtproteinasen inaktivieren sollte.

#20 |
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Diätassistent

Wer bestimmt über unsere Ernährung?

Süßhaltiges (Egal ob Natur oder Chemie) verkauft sich gut und wer verdient an jedem Kilo Übergewicht!

#19 |
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Da sollten wir wohl lieber die Finger davon lassen,es ist nichts ,was uns weiterhilft ,da es weder Einfluß auf den BZ noch auf das metabolische Syndrom hat und noch nicht genug erprobt ist ,bisher haben alle Zuckerersatzstoffe letztendlich versagt ,besser ist immer Zucker auf ein Mindestmaß reduzieren.

#18 |
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Gast
Gast

Ich konnte in diesem Artikel nichts entdecken, was mich zum ernsthaften Nachdenken gebracht hätte. Die einzige “Testgruppe”, die ausdrücklich erwähnt wurde, sind Studenten und sogar der Autor gibt zu, dass Kausalität keinesfalls davon abgeleitet werden kann. Meine eigene Erfahrung während der ersten Zwei Jahre an der Uni bestätigt die Ergebnisse der Studie, obwohl ich kein Erythrit zu mir genommen haben kann, da meine Studentenzeit schon 25 Jahre zurückliegt. Bei weiblichen Kommilitonen war die Gewichtszunahme noch klarer ausgeprägt als bei männlichen. Damals fiel es nicht auf, da wir nicht darüber nachgedacht haben.

Meiner Meinung nach, basierend auf dem Artikel, insbesondere auf sehr signifikanten Mängeln der kurzfristigen Studie, und persönlicher Erfahrung, sollten solche rohen Informationen gar nicht erst veröffentlicht werden. Die Bevölkerung, zu der wir auch gehören, ist verunsichert genug und weiß nicht mehr, was schädlich ist und was nicht, was man essen darf und was einen langsam umbringt, um mit unreifen Studien noch weiter irritiert zu werden. Man sollte beweisen, dass eine Substanz schädlich ist und erst dann Artikel veröffentlichen. Spekulationen nützen weder der Fachwelt noch dem Verbraucher.

#17 |
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HP Anke Bentler
HP Anke Bentler

Vielleicht interessiert sich einer für meine Erfahrung mit Xylithol (Xucker light). Seit 2 Jahren benutze ich diesen Zuckerauatauschstoff für Streuzucker und auch beim Kochen und Backen. An meinem Gewicht hat sich dadurch nichts nach oben geändert. Ich habe auch nicht mehr Hunger oder mehr andere Kalorien zu mir genommen. Allerdings habe ich auch null Karies. Meine Zahnärztin ist arbeitslos.

#16 |
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Gast
Gast

Sorry, nehme alles zurück. “Xucker” Light besteht tatsächlich aus Erythritol. War mir nicht bekannt.

K.Hinrichsen

#15 |
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Gast
Gast

Hallo, Herr van den Heuvel,

Ich stolperte über den Markennamen “Xucker”(1) der aber nicht aus Erythritol besteht, sondern aus Xylitol. In diesem Zusammenhang wäre es interessant zu erfahren, ob der metabolische Einfluss auch auf diesen Zucker zutrifft.

(1)
“Und „Bild“ ergänzt: „Mit „Xucker“ wird ohne Zucker genascht.“

Viele Grüße K.Hinrichsen (Student Humanmedizin Uni Hamburg)

#14 |
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Gast
Gast

Mir fehlt noch der Hinweis zur Migräne. Zuckeralkohole sind hammerharte Migränetrigger.

#13 |
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Studentin der Humanmedizin

Ich vermisse in dem Bericht etwas die Diskussion bzgl Ursache und Ergebnis. Es wurde im Nebensatz erwähnt, dass Probanden unter Erythrit möglicherweise zunehmen, weil sie mehr essen. Wie wahrscheinlich ist das? Würde in den Studien auch erfasst, was und wie viel gegessen wurde? Es wäre doch interessant und ein erster Hinweis darauf, ob Erythrit als kausale Ursache in Frage kommt.

#12 |
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Gast
Gast

#10: “Und daß Gluten nicht in den Teig als Zusatzstoff … ” ist leider nicht mehr so. Schauen Sie sich mal die Backmischungen an, die der Bäcker verarbeitet. An “Auberginen und Zucchini” ist natürlich nichts auszusetzen. Leider werden alte Gemüsearten vergessen.

#11 |
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Gast
Gast

Meine Omma (Jhg. 1911) hat mit großer Freude mit Auberginen und Zucchini experimentiert, als die noch seeeehr exotisch in Deutschland waren – war das jetzt schlecht? Außerdem, wie weit wollen wir denn in unserer Vergangenheit zurückgehen – wievielen Uhren an die Oma dranhängen? Dann landen eins zwo fix an dem Punkt, daß in deutschen Landen weder Reis, noch Tomaten, Kartoffeln, Paprika oder Zitronen vorhanden waren. Viel Spaß dabei. Und daß Gluten nicht in den Teig als Zusatzstoff gegeben wird, sondern im Getreide als Kleber vorhanden ist, je nun, das weiß ja sogar ich. Der Spruch mit dem Dachhasen, der als richtiger aufgetischt wid, stammt übrigens aus der gutenaltenzeit. Lebensmittelpanschereien und -verunreinigungen gab es damals auch…

#10 |
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Gast
Gast

# 8 Uroma hat selbst Brot gebacken bzw. duzte den Bäcker und würde die meisten Brotsorten nicht mehr als solche erkennen! Denn Uroma hatte noch den Vergleich mit unverarbeiteten Lebensmitteln.

Vielleicht hätte ich aber auch schreiben sollen, dass es die Ururoma sein könnte. Je nach Alter des Lesers ;)

Worauf die Ur(ur)oma hinweisen sollte: keine verarbeiteten Lebensmittel. Keine importierten “Superfoods” und Modewellen. Gemüsesorten mit Bitterstoffe und Wasser zum Trinken.

#9 |
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Gast
Gast

Zu #7: so einfach ist es nicht. Wenn Uroma in einer Bäckerei steht, wundert sie sich über die vielen verschiedenen Brötchen und die vielen Brotarten, sie sieht aber nicht, was darin ist. Sie wird bewusst getäuscht, indem ihr Dinge untergejubelt werden, die sie nicht wollte. Das ist ja das perfide. So werden wir an Dinge gewöhnt, die wir nicht wollen. Ich backe mein Brot ab und zu selbst. Neulich wurde ich von einem Biologen gefragt, wie das mit dem Gluten ist, das man zum Backen braucht. Er war verwundert, dass ich sagte, dass ich kein Gluten in den Teig zugebe. Er dachte nicht, dass das geht, So weit ist es schon.

#8 |
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Gast
Gast

Einfach nichts essen, was Uroma nicht als Essen erkannt hätte.

#7 |
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Ajit
Ajit

Zu #2: Nein, nicht nur Gemüse. Einfach eine klassische Ernährung direkt aus Grundnahrungsmitteln hergestellt ist der richtige Weg. Es ist ein sehr moderner Trend, dass alles süss sein muss, Brötchen, Wurst, Salat etc. Das gab es früher nicht. Ja, das ist richtig, “die Ausgewogenheit machts”. Aber einfach ohne Zucker und Zuckerersatzstoffe. Unsere klassische Ernährung war so. Dass alles gesüsst wird, kommt aus den USA. Wir müssen ja aber nicht allen Blödsinn mitmachen. Oder?

#6 |
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Medizintechniker

Ich wundere mich , dass der Zuckeraustauschstoff Stevia totgeschwiegen wird.

#5 |
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Harry
Harry

Und was ist mit Xilit, den ich hier vermisse.

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Doris Hofheinz
Doris Hofheinz

#2 genau das ist das Problem: “nur Gemüse”. In Gemüse in Form von Rohkost ist alles drin, was unser Körper braucht, nicht aber in Pasta, Cerealien, Gekochtem. Die meisten Vitamine und alle Enzyme werden ab 42 Grad zerstört. Was macht dann der Körper?

#3 |
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Gast
Gast

Na was willst du denn dann noch essen? Nur Gemüse?
Fast nicht machbar – ich denke die Ausgewogenheit machts, zuviel von etwas ist auf Dauer immer schlecht.

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Ajit
Ajit

Gewöhnt euch konsequent Süsses ab, dann habt ihr kein Verlangen danach. Es ist alles Gewohnheitssache. Wichtig dabei ist, alle Produkte zu vermeiden, in denen versteckter Zucker ö.ä. ist, also auch Wurst, Ketchup, Konserven, die Zucker oder Ersatzstoffe enthalten.

#1 |
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