Uni-Bib: Dinosaurier auf Abschiedstour?

19. Dezember 2012
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Wie lernen Medizinstudenten heute? Haben klassische Unibibliotheken ausgedient und welche Rolle spielen Lern-Apps und eBooks bei der Prüfungsvorbereitung? Eine Umfrage der ZB Medizin der Uni Münster findet Antworten und überrascht mit teils verblüffenden Ergebnissen.

Ein wichtiges Ergebnis der aktuellen Umfrage an insgesamt 647 Studenten der Human– und Zahnmedizin der Universität Münster gleich vorweg: Die klassische Bibliothek hat ihre Bedeutung als Lernumgebung trotz Internet und eLearning nicht eingebüßt und überzeugt mit einem Nutzungsgrad von satten 99 %. So gab es unter den Befragten gerade einmal 7 Studierende, die ihre “Bib” innerhalb des letzten Semesters nicht ein einziges Mal aufgesucht hatten.

Die Motive für die Nutzung sind dabei fast so vielfältig wie das Bücher- und Medienangebot der ZB Münster: Die häufigsten Nennungen entfallen auf die “Ausleihe von Büchern” und die “Nutzung der Arbeitsplätze”. Weiterhin dient die Bibliothek unter Medizinstudenten aber auch als sozialer Raum zum Austausch mit Kommilitonen, als Treffpunkt für Lerngruppen sowie als ruhiger Lernort zur Überbrückung von Vorlesungslücken im Stundenplan. Eine kleine Umfrage an einem Montagmittag in der Bibliothek der Medizinischen Hochschule Hannover ergibt ein ganz ähnliches Bild. “Ich habe heute Nachmittag noch ein Seminar und wollte die Pause ausnutzen, um für meine Psychiatrie-Klausur am Freitag zu lernen”, berichtet Friederike aus dem 4. Studienjahr.

Geräuberte Regale

Jens, Michael und Kira sind dagegen eigentlich fast jeden Tag im Bereich der Sitzgruppen anzutreffen: “Wir sind zusammen in einer Präp-Gruppe und üben hier ziemlich regelmäßig für unsere Anatomie-Testate”, erzählt Michael. “Da wir alle in verschiedenen Stadtteilen wohnen, ist die Bib als Ort für unsere Lerngruppe einfach bestens geeignet.” Und was den Hauptgrund für die Bibliotheksnutzung betrifft, brauche ich eigentlich nicht wirklich nachfragen. Denn da genügt ein flüchtiger Blick auf die langen Schlagen an den Ausleih-Schaltern und die ausgeräuberten Lehrbuchregale. Dass die Nutzungsintensität sehr stark vom Studienzeitpunkt der Lernenden abhängt, verdeutlicht der Kommentar eines Befragten der Münsteraner-Umfrage: “In der ZB Med habe ich vor allem fürs Physikum gelernt, und werde es fürs Hammerexamen wahrscheinlich auch machen. Aber in den verhältnismäßig kürzeren Lernphasen zum Semesterabschluss lerne ich zu Hause.”

Lehrbuch vom Aussterben bedroht?

Neben der Bedeutung klassischer Bibliotheken als Lernort für Medizinstudenten lag ein weiterer Schwerpunkt der im Juni 2012 durchgeführten Umfrage auf den Nutzungsgraden bestimmter Lehrmittel, insbesondere des eBooks. Ein Viertel der Befragten nutzt aktuell die ZB Med dazu, eBooks zu lesen oder diese auszudrucken. Das sind deutlich weniger Befragte, als die 67 %, die angeben, dort hauptsächlich herkömmliche Lehrbücher auszuleihen.

Das eBook wird zwar vor dem Hintergrund der Verbreitung von leistungsstarken Smartphones und dem iPad immer beliebter, viele Befragte waren dennoch noch nicht vollständig mit dem Format sowie dessen Funktionen zufrieden und äußerten im Freitext vielfältige Verbesserungsvorschläge: “eBooks sollten meiner Meinung nach wirklich ganze Bücher sein und nicht einzelne Kapitel. Die Aufspaltung in einzelne Dateien ist nervig und stört den ‘Lernfluss’ enorm”, schreibt beispielsweise ein befragter Bibliothekennutzer. Weitere Kritikpunkte entfielen darüber hinaus auf uneinheitliche Formate und das umständliche Blättern durch die starke Aufspaltung in einzelne Dateien. Hier besteht für die großen Anbieter sicherlich noch reichlich Verbesserungsbedarf.

Dennoch möchte ich von Kommilitonen der MHH Hannover wissen, warum sie (noch) keine eBooks nutzen. “eBooks sind sicher eine gute Ergänzung, ich mag die klassischen dicken Wälzer aber einfach lieber. So ein Anatomie-Atlas ist ja schon ein gewisses Liebhaberstück und ich brauche einfach das Gefühl, etwas in der Hand zu haben”, erklärt Sofie, Medizinstudentin im 7. Semester. Ein Blick auf die Ergebnisse der Umfrage aus Münster passt zu diesem Kommentar wie die sprichwörtliche Faust aufs Auge. Demnach nutzen rund 88 % der Befragten eBooks nicht, weil sie schlichtweg mit den “herkömmlichen” Büchern zufrieden sind.

Buch bleibt Platzhirsch

Das eBook kommt, das Lehrbuch bleibt. Diese Interpretation der Datenlage mag alle Bücherfans beruhigen und begeisterte iPad-Besitzer verwundern, aber was genau wollen uns die Ergebnisse der Umfrage jetzt eigentlich sagen? Und was genau ist das Überraschende an den Statistiken? Obgleich diese beiden Fragen keineswegs einfach zu beantworten sind, deuten die Zahlen doch auf eine leise Revolution der modernen Lehrmittel hin. Das Lehrbuch bleibt weiterhin der Platzhirsch, die Studierenden leihen aber lieber nur aus, um Geld zu sparen und die multimedialen Angebote sorgen für reichlich Abwechslung im Lernalltag.

“Manchmal werde ich beim Lesen von Büchern einfach zu müde”, beschreibt Marianna, Medizinstudentin im 3. Semester, eine typische Lernsituation am Abend. “Und bevor ich dann über meinen Büchern einschlafe, gucke ich mir auf ILIAS, unserer eLearning-Plattform, die verschiedenen Grafiken, Vorlesungen und eBook-Kapitel zum jeweiligen Thema an.” Eigentlich eine schöne Zusammenfassung für das aktuelle Lernverhalten heutiger Medizinstudenten: Sie nutzen neues und altes Angebot je nach Lerntyp und Lernsituation und sind bemüht, bei der Vielzahl an Lernmitteln das Beste für sich herauszusuchen. Und ob wir alle in zwei Jahren nur noch mit unseren Smartphones und Med-Apps lernen, wird bestimmt die nächste Umfrage zeigen.

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