Wer nicht sehen will, muss fühlen

13. August 2010
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US-amerikanische Apotheker gehen derzeit einen kuriosen Selbstversuch ein, um vor allem ihre sehschwachen Kunden besser betreuen zu können: Mit speziellen Brillen auf der Nase simulieren die Pharmazeuten das Sehvermögen von Menschen mit Glaukom, Makuladegeneration oder anderen schwerwiegenden Beeinträchtigungen bei sich selbst.

Die Zahlen sprechen für sich: 135 Millionen Menschen weltweit und 14 Millionen US-Amerikaner leiden an den verschiedensten Arten von Sehschwäche – seit geraumer Zeit zählen auch die bestens sehenden Pharmazeuten Michelle Zagar und Scott Baggarly der University of Louisiana at Monroe (ULM) dazu. Doch im Vergleich zu allen anderen Brillen- und Kontaktlinsenträgern benötigen die Wissenschaftler „Low Simulator Goggles“, um Beipackzettel, Rezepturen und Tabletten im Alltag möglichst schlecht zu erkennen.

Mit guten Grund. Denn die von ihnen jetzt im Fachblatt American Journal of Pharmaceutical Education vorgestellte Studie zeigt, dass die meisten Apotheker bisher Arzneimittel verkauften, die auf Grund einer fehlenden Spezial-Beratung vor allem von sehschwachen Kunden nur selten richtig eingenommen werden.

Zwar reagierten US-amerikanische Gesundheitsbehörden im Jahr 2008 auf das bis dahin wenig beachtete Manko, und erließen eine als „Guidlines for Prescription Labeling and Consumer Medication Informationa for People with Vision Loss“ benannte Richtlinie. Doch die, so belegten Erfahrungen nach wenigen Monaten, änderten im realen Apothekenalltag so gut wie nichts. Von Kalifornien bis Maryland gilt noch heute die Devise: Wer so gut wie nichts sieht, lebt gefährlich – gerade während der Pilleneinnahme.

Wie schnell der Griff zur falschen Tablette erfolgen kann, lernen Pharmaziestudenten an der ULM mit Hilfe der Spezialsimulatoren auf der Nase. Ob Glaukom, diabetische Retinopathie oder Retinitis pigmentosa, für jede Malaise-Nachstellung gibt es eine eigene Anfertigung für den gesunden Seher.

Fast blind im Dienste des Kunden

Dass die Fertigung der Gläser einiges an Fantasie abverlangt, zeigt exemplarisch der Blick auf die Katarakt-Simulatoren. Klarer Nagellack, mehrmals auf ein normales Brillenglas aufgetragen und mit Sorgfalt poliert, garantiert das echte Feeling des Grauen Stars. Zur Überraschung der Simulationsbrillenträgern sind die Auswirkungen der Erkrankungen auf die Compliance erheblich. Menschen mit grauen Star haben eine verminderte Farbwahrnehmung – bunte Kästchen und farbenfrohe Tabletten eigenen sich bei diesen Patienten nur wenig, um die Einnahme zu erleichtern. Allerdings, so zeigten die Versuche mit den entsprechenden Simulatoren, sind Menschen mit milden Formen des Grauen Stars durchaus in der Lage, zwischen rot oder rosa, grün und blau zu unterscheiden – das Farbempfinden ist in dieser Phase der Erkrankung noch intakt.

Retinitis Pigmentosa wiederum erschwert im fortgeschrittenem Stadium das periphäre Sehvermögen, wie Zagar und Baggarly nun berichten. Makuladegeneration hingegen stellte die Tröger der Low Vision Goggles vor erhebliche Probleme, wenn es um die Fokussierung auf die Inhalte von Beipackzetteln ging.

Dass der testweise blinde Apotheker seine Kunden nach der Sonderausbildung letztendlich besser beraten kann, steht für die Autoren der Studie außer Frage. Große Schriften und farbige Anleitungen allein, so empfanden die Pharmazeuten die Lage während des Selbstversuchs, können hilfreich sein. Doch nur, wenn man sie in den richtigen Erkrankungsphasen und allenfalls bei bestimmten Sehschwächen anbietet.

Ob hierzulande Apotheker ihre Kunden demnächst mit Low Vision Goggles begrüßen, bleibt indes fraglich. Zwar kursieren Begriffe wie Barrierefreiheit und verschiedene Lesbarkeitsstudien für Normalseher nur nutzen diese Ansätze sehschwachen Apothekenkunden nicht wirklich.

So entwickelte ein Generikahersteller an Stelle der üblichen Beipackzettel eine gut wirkende Alternative und stellte die entsprechende Lesbarkeitstudie ins Netz. Die als Fortschritt angepriesene Methode freilich scheint für Patienten mit Sehschwäche nur wenig geeignet, denn die Betroffenen müssten ein 48-Seiten starkes Booklet lesen. Wie unmöglich ein solches Vorhaben beispielsweise für Kunden mit Makuladegeneration ist, hätten die Verfasser des Büchleins durch Tragen der Low Vision Goggles ohne hohen Kostenaufwand eruieren können – ein Paar kostet lediglich acht Dollar.

13 Wertungen (3.15 ø)
Pharmazie

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3 Kommentare:

Selbstst. Apothekerin

ein Selbstversuch wäre zweifelsohne interessant.
wo gibt es solche “low vision googles” und was kosten sie?

#3 |
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Selbstst. Apothekerin

und was sagt uns dieser Atrikel? Sollen wir den Beipackzettel vergrößern auf Plakatgröße?

#2 |
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Selbstst. Apotheker

Wünsche uns allen viel Weitsicht und die Fähigkeit bei undurchsichtigen Sachen den Durchblick zu behalten.

#1 |
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