Malaria: Aufmarsch der Mütanten

13. August 2010
Teilen

Viele Resistenzen, mäßig wirksame Impfungen: Der Kampf gegen die Malaria tritt auf der Stelle. Mit einem ganz anderen Ansatz wollen jetzt US-Forscher dem Problem zu Leibe rücken: Sie schufen eine mutierte Anopheles-Mücke, der die Malaria-Plasmodien piepegal sind.

Krankheitserreger, die auf den Menschen als Träger angewiesen sind, lassen sich durch konsequente Impfprogramme ausrotten, das ist bekannt. Bei der Malaria ist die Sache leider nicht so einfach: Mit der Anopheles-Mücke haben die Plasmodien, die sich für die Malaria verantwortlich zeichnen, einen dankbaren Wirt, den sie gerne und zahlreich infizieren. Solange diese Mücke ihr Unwesen treibt, bleibt die Gefahr einer Malaria-Infektion bestehen.

Die Bibel der Mücken. Das Buch Genesis.

Auch umgekehrt wird ein Schuh draus: Dort, wo die Malaria erfolgreich ausgerottet wurde, etwa in Südeuropa, ging das bekanntlich auf dem Umweg über Maßnahmen gegen die Mücken respektive über die Trockenlegung von Sümpfen. In den Tropen freilich stößt dieser Ansatz an offensichtliche Grenzen, sodass dort neben den sehr effektiven Moskitonetzen vor allem Impfungen als Waffen gegen die Malaria diskutiert und in klinischen Studien erprobt werden. Ähnlich wie das AIDS-Virus ist das Malaria-Plasmodium allerdings nicht gerade prädestiniert dazu, einfach weggeimpft zu werden. Die eine Impfung, auf der derzeit viele Hoffnungen ruhen, ist nur teilweise erfolgreich. Der Biologe Michael Riele, Professor für Entomologie am College of Agriculture der University of Arizona, ist nicht überzeugt davon, dass die Malaria-Problematik damit in den Griff zu bekommen wäre: „Wenn die Ausbreitung der Malaria-Parasiten effektiv gestoppt werden soll, braucht es Moskitos, die 100 Prozent resistent dagegen sind.“ Er und sein Team haben deswegen einen anderen Ansatz gewählt. Sie konstruierten ein Stück Erbinformation, das sie in die Moskito-Eier injizierten, und zwar in Eier von Anopheles stephensi, einem wichtigen Malariaüberträger auf dem indischen Subkontinent. Das Genkonstrukt wurde nach der Injektion auch tatsächlich in das Moskitogenom eingebaut und dann an nachfolgende Generationen weitergegeben. Mit anderen Worten: Die US-Forscher erzeugten eine Anopheles-Mutante, die ihre Mutation auch weitergeben kann.

Mutierte Mücke hat keinen Bock auf Parasiten

Um was für eine Mutation handelte es sich genau? Die Wissenschaftler zielen auf einen von mehreren Signalwegen in der Anophelesmücke. Das eingesetzte Gen funktioniert wie eine Art Schalter, der ein bestimmtes Signalprotein, „Akt“ genannt, permanent aktiviert. „Akt“ ist ein Botenstoff, der unter anderem Einfluss auf das Larvenwachstum, auf die Immunreaktionen und auch auf die Lebensspanne der Anopheles-Mücken hat. Die Forscher verfütterten den „Akt“-Mutanten nach erfolgreicher Genmanipulation Blut, das mit Malaria-Plasmodien infiziert war, um zu sehen, was die Anopheles-Mücken damit machen würden. Das Ergebnis hätten sie so nicht erwartet: „Wir hatten gehofft, einen gewissen Effekt auf die Wachstumsrate der Mücken zu sehen, auch auf ihre Lebenszeit oder auf ihre Empfindlichkeit gegenüber dem Parasiten. Was wir dann aber gesehen haben war, dass unser Konstrukt die Infektion komplett blockierte“, so Riele, der über diese Arbeit in der Zeitschrift PLOS Pathogens berichtet.

Gesucht: Der Vorteil im Kampf ums Mückendasein

Die Frage ist natürlich, wem mit einer malariaresistenten Mücke geholfen ist, wenn überall auf der Welt Anopheles-Mücken umher fliegen, die mehr als bereit sind, Malaria-Plasmodien aus dem menschlichen Blut aufzunehmen und dorthin beim nächsten Stich wieder abzugeben. Rieles Idee besteht darin, Mutanten wie seine Stephensi-Mutante einzusetzen, um die natürlicherweise in einem Ökosystem lebenden Anopheles-Mücken zu verdrängen. Das wäre also ein darwinistischer Ansatz, bei dem eine ökologische Nische, die bisher von anderen, problematischen Mücken besetzt ist, durch eine zwar verwandte aber in Sachen Malaria unproblematische Mücken-Spezies besiedelt wird. Den plasmodienübertragenden Mücken würde auf diese Weise im Idealfall der Saft abgedreht.

Ganz einfach wird das allerdings nicht. Zum einen ist im Einzelfall schwer abschätzbar, was eine Mutante wirklich anrichtet, wenn sie auf die freie Wildbahn losgelassen wird. Zum anderen wird auch noch ein Mechanismus benötigt, der der modifizierten Mücke in der freien Wildbahn einen echten Überlebensvorteil gegenüber ihren alteingesessenen Artgenossen verschafft. Dann und nur dann könnten die infektiösen Anopheles-Spezies mit der Zeit zurückgedrängt werden. Befasst hat sich der Wissenschaftler mit dieser Fragestellung allerdings noch nicht. Die derzeitige Mücke hätte „draußen“ möglicherweise sogar einen Nachteil im Kampf ums Dasein, weil sie als Folge der „Akt“-Mutation kürzer lebt als andere Anopheles-Mücken. Aber das muss ja nicht so bleiben. Vielleicht lässt sich die Sache mit der Lebensspanne ja mit ein paar anderen Mutationen wieder gerade rücken…

122 Wertungen (4.11 ø)
Allgemein

Die Kommentarfunktion ist nicht mehr aktiv.

13 Kommentare:

Also Hr Graetzel…
Sie haben uns den interessanten Artikel vorgestellt – und nun wollen wir “Butter bei de Fisch” Welchen Vorteil (es muss ja ein Vorteil oder mindestens ein break even in der Evolution der Mücke gewesen sein) von der Plasmodien Infektion? (Siehe Beiträge 1, 2 hier)

Sie können uns nicht einfach nur neugierig machen und dann nicht liefern, das wäre unfair ;<)) gs

#13 |
  0
Horst Rieth
Horst Rieth

die plasmodieninfektion hat keine bisher erkennbar gravierenden auswirkungen auf die anophelen.
zumindest wurde eine türe geöffnet, die vielversprechende lösungen bereithält.
ich war schon immer der meinung das der sieg über die malaria durch den darm der fliege erfolgen muss. dass der versuch die peritrophische membran gegen das eindringen der parasiten in die epithelzellen resistent zu machen, indem entweder der apikalkomplex des parasiten oder der entsprechende rezeptor der eptithelzellen unbrauchbar zum eindringen gemacht wird.
vielleicht wäre eine kombinierte methode mit sterilisierten anophelen in erwägung zu ziehen, wie sie auch in der pflanzlichen schädlngsbekämpfung zum einsatz kommt.

#12 |
  0
Apothekerin
#11 |
  0
Bernhard Waldemar Wilcke
Bernhard Waldemar Wilcke

Bei einer Fahrt durch das Donaudelta berichtete man uns, die früher verbreiteten Mücken seien durch eine gentechnisch veränderte Mutation ersetz/verdrängt worden, die zum einen deutlich größer sei, zum anderen (Menschen) nicht stechen würde.Aufgrund der Größe seien sie auch als Fischfutter von Vorteil. Offensichtlich sind solche Ansätze nicht nur von theoretischem Wert

#10 |
  0

Der Kollege Kietzell hat völlig recht. Es handelt sich bei der Abbildung noch nicht einmal um eine Steckmücke allgemein, weil bei diesen immer ein relativ großer Stechapparat am Kopf sichtbar ist. Das Bild zeigt irgendeine kleine Fliegenart.

#9 |
  0
Apotheker

Warum sollte eine Mutante nicht fitter sein können/werden als das “Original”?
Evolution ist nichts anderes als Mutation, viele haben Nachteile und manchmal bringt so eine Mutation auch Vorteile (wie z.B. auf den Kerguelen-Inseln, dort bläst oft ein starker Wind/Sturm und der würde eine gewöhnliche Fliege aufs Meer treiben – also hat die Kerguelenfliege Stummelflügel und die normalflügeligen wurden im Rahmen der Evolution vom Winde verweht).
Die “Malaria-Mücke” könnte sich zum Beispiel durchsetzen, wenn sie eine schnellere Generationsfolge hätte, sich schneller vermehrt und eventuell einige ökologische Nischen besetzt – da ist aber rein theoretischer Natur.
Tja, und der Herr Küpper ist mir hier schon mehrfach positiv aufgefallen. Sehr kritikfreudig bis kurz vor der Unverschämtheit, aber nie aufs eigentliche Thema eingehend. Das Thema nur kurz anchneiden und dann lästern – ein wahrlich konstruktiver Kommentator!

#8 |
  0
Apothekerin

Ich stimme Herrn Blanke zu: Wir sollten nun aus einer Mücke keinen Elefanten machen…

#7 |
  0
Dirk Blanke
Dirk Blanke

@ Daniel KÜPPER. Lieber Herr Kollege Küpper. Wie von Dr. Reinhard von Kietzell geschrieben, handelt es sich bei der Abbildung wirklich nicht um eine Anopheles Mücke. Bevor Sie persönlich werden, sollten Sie sich ausreichend informieren.

#6 |
  0
Apothekerin

Allzuviel Skepsis kann zum Stillstand führen.
Ignac Semmelweisz wurde einst auch verspottet.

Es ist nur real, was man betrachtet.

Mich interessieren auch die Auswirkungen der Plasmodium-Infektion auf die Mücke.

#5 |
  0
Altenpfleger

Es gibt kein Gesetz, dass besagt, dass bestimmte Mücken sich mit 30 Grad zum Boden halten. Das ist wie die bekannte Quizz-Frage, die der Bauer dem Städter stellt: “Mit welchem Beinen steht ein Pferd zuerst auf, mit den vorderen oder mit den hinteren?” Ein gesundes Pferd macht was es will, es kann natürlich mit allen vieren die unmöglichsten Kunststücke vollbringen. Es gibt beim Menschen Linkshänder und Rechtshänder; ob ich mit dem rechten oder dem linken Bein aufstehe hat damit doch nichts zu tun. Das sind die klugen Ärzte aus der Grosstadt, die die grossen Tiere nur aus Bücher und aus dem Fernsehn kennen.

#4 |
  0
Dr. med. Reinhard von Kietzell
Dr. med. Reinhard von Kietzell

Was Sie da abbilden ist nie und nimmer eine Anopheles Mücke. Diese sitzen mit ca. 30 Grad nach oben gerichtetem Leib auf ihrer Unterlage und nicht wie die abgebildete mit parallel ausgerichtetem Leib.

#3 |
  0
Pflegeheimleiter

Eine fittere Mutante als das Original wäre ein perpetuum
Mobile.

#2 |
  0
Dr. phil II Juerg Blome
Dr. phil II Juerg Blome

sehr interessant und (für mich) ein neuer Ansatz
aber die Mutante sollte fitter sein als das Original !

#1 |
  0


Copyright © 2017 DocCheck Medical Services GmbH
Sprache:
DocCheck folgen: