Kontrazeptiva: Wisst ihr, was ihr da verordnet?

18. Juli 2017
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Kombinierte hormonale Kontrazeptiva können das Thromboserisiko für Frauen erhöhen. Eine Studie zeigt: Thrombose-Warnungen haben zur Folge, dass Ärzte Pillen meiden, die erwiesenermaßen riskant sind. Dafür verschreiben sie aber häufiger schlecht untersuchte Präparate.

Bereits im Jahr 2013 haben Arzneimittelexperten das Thromboserisiko bei der Anwendung von kombinierten hormonalen Kontrazeptiva im Detail untersucht. Anfang 2014 legte die Europäische Arzneimittelagentur (EMA) unter dem Titel „Benefits of combined hormonal contraceptives (CHCs) continue to outweigh risks“ einen Abschlussbericht vor. „Insbesondere jungen Frauen und Erstanwenderinnen wird seitens des Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) empfohlen, die kombinierten hormonalen Kontrazeptiva mit dem geringsten Thromboserisiko anzuwenden“, heißt es in einem Übersichtsartikel. Ärzte wurden über Rote-Hand-Briefe und Websites informiert. Die Frage bleibt, ob entsprechende Warnungen ihr Ziel erreicht haben.

Versicherungsdaten analysiert

Ein Forschungsprojekt des BfArM liefert jetzt Antworten. Als Basis zogen Wissenschaftler fallbezogene Daten über gesetzlich versicherte Frauen vom zehnten bis zum vollendeten 20. Lebensjahr und verknüpfbare AOK-Daten über Verschreibungen und Diagnosen heran. Nur in dieser Altersgruppe können Ärzte orale Kontrazeptiva zu Lasten gesetzlicher Krankenversicherungen aufschreiben.

Alle Wirkstoffkombinationen wurden in Risikoklassen von I bis III – bezogen auf das Risko für Thrombosen – ansteigend eingeteilt. Zur Klasse X liegen wenige Daten vor, so dass keine Aussagen möglich sind.

Risikoklassen

Risikoklassen kombinierter hormonaler Kontrazeptiva  © BfArM

Das Projekt gliederte sich in vier Phasen:

  • A: interventionsfreie Phase als „Baseline“ (01.01.2011 bis 31.12.2012)
  • B: Europäische Risikobewertung (01.01.2013 bis 31.01.2013)
  • C: Umsetzung der EMA-Auflagen (01.01.2014 bis 31.12.2014)
  • D: Nachbeobachtung (01.01.2015 bis 31.03.2016)

Mehr Präparate mit unklarem Profil verordnet

Bei der darauffolgenden Auswertung zeigten sich teils unerwartete Phänomene. Das Volumen an verordneten Tagesdosen von kombinierten hormonalen Kontrazeptiva hat sich während der Studie kaum verändert (plus vier Prozent). Erfreulich war auch der starke Rückgang von Kontrazeptiva der Risikoklasse III um 53 Prozent. Verglichen mit Phase A (26 Prozent) waren es am Ende noch zwölf Prozent der Gesamtverordnungen.

Experten waren vom hohen Zuwachs der Klasse X jedoch überrascht. Hier ging es von 39,5 auf 51,8 Prozent, bezogen auf die Gesamtverordnungen, nach oben. Das entspricht plus 37 Prozent. Dieser Effekt lässt sich nicht mit risikominimierenden Maßnahmen erklären. Möglicherweise spielte die Kommunikation anderer Akteue eine Rolle. „Hierzu zählt unter anderem die Veröffentlichung des Pillenreports 2015 sowie begleitende Presseaktivitäten, nach denen eine deutliche Trendänderung bezüglich des Verordnungsverhaltens (von Risikoklasse III hin zu Risikoklasse I oder X) erkennbar war“, vermutet das BfArM.

Vergleichsweise gering fiel der Effekt bei Klasse-I-Pillen (Anstieg von 31,9 auf 34,3 Prozent; plus zwölf Prozent) aus. Die Risikoklasse II (vaginal anzuwendende kombinierte hormonale Kontrazeptiva) blieb nahezu unverändert.

Tagesdosen

Entwicklung der Tagesdosen je 1.000 versicherte Frauen im Alter von zehn bis unter 20 Jahren nach Risikoklassen; DDD je 1.000 Frauen © BfArM

Aussagen nur für junge Versicherte möglich

Ein zentraler Aspekt bleibt jedoch offen. Bei Frauen über 20 sind die Präparate nicht mehr erstattungsfähig. Damit liegen auch keine GKV-Daten vor. Inwieweit der Trend auf sie übertragbar ist, lässt sich anhand der Studie nicht sagen.

10 Wertungen (3.8 ø)
Forschung, Pharmazie

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12 Kommentare:

Gast
Gast

Erstaunlich, ich komme seit über 20 Jahren ohne Hormone aus. Das Argument “die Pille macht uns frei” lass ich nur bedingt gelten, da es genügend Alternativen gibt.
Ein Eingriff in den Hormonhaushalt sollte immer gut überlegt sein. Letztlich wissen wir nach wie vor viel zu wenig darüber, was Hormone alles steuern.

#12 |
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Gast
Gast

Wir können jetzt die Pille verteufeln soviel wir wollen… aber Tatsache ist: die Möglichkeit zu bestimmen ob und wann wir Kinder bekommen möchten ist Grundlage einer der größten Freiheiten die wir Frauen (und Männer) in den letzten Jahren errungen haben. Klar, wie jedes andere Medikament kann sie auch unerwünschte Nebenwirkungen haben und sollte deshalb nach reiflicher Abwägung und ausführlicher Beratung angewendet werden. Aber Schwangerschaft und Geburt haben auch eine gewisse Komplikationsrate! Ganz zu schweigen von den schrecklichen Auswirkungen die es auf das Kind haben kann wenn es von einer Mutter geboren wird die es nicht haben will. Ich weiß, diese Aussage ist unpopulär (und ja, ich bin selbst Mutter und liebe meine Kinder über alles) und mir ist auch klar dass es schonendere Methoden der Verhütung gibt. Aber die sind oft nicht so praktikabel und zuverlässig. Bleiben wir doch bitte beim Thema, nämlich die fragwürdige Auswahl der Risikoklasse durch die Ärzte.

#11 |
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Bürgerin Marina Bausmer
Bürgerin Marina Bausmer

Hormonzugaben jahrelang , sollte stattdessen überlegt werden wie man das verhindern kann. Andere Methoden sind nicht so sicher, weswegen der Boom anhält. Ein Paar das fest zusammen ist , könnte die Methoden eher ausprobieren wenn es dafür Zeit und mehr Erfahrung hätte und gegebenenfalls das Kind bekommen könnte.-

#10 |
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Gast
Gast

Schlimm finde ich, wie besonders die Pillen mit Dienogest/EE aggressiv bei den Gynäkologen beworben werden. Nachdem “Yasmin” in Verruf geraten war, ist jetzt “Maxim” (und andere Pillen mit Dienogest- Risiko unbekannt) das Produkt, das gefühlt 50% aller Anwenderinnen nehmen. Niemand weiß um das Thromboserisiko dieser Pille, aber sie ist die meistverkaufte in Deutschland (siehe Pillenreport). Ich denke, da läuft etwas gewaltig schief, aber das Marketing der Hersteller scheint zu funktionieren.
Dass die Arztpraxen von allen 5 Gynäkologen, die ich in meinem Leben bereits hatte, allesamt mit versteckter Pillenwerbung in Form von Notizblöcken, Flyern usw. (oder für die “tolle” Hormonspirale”) zugepflastert waren, spricht für sich und ist eigentlich ein Skandal. Ich will nicht wissen, welche der häufigen Krankheitsbilder bei Frauen (Migräne, Schilddrüsenbeschwerden etc.) signifikant abnehmen würden, wenn dieses Verschreiben der Pille wie Bonbons aufhören würde. Dass sich 14-Jährige sowas ohne Wissen der Eltern verschreiben lassen können ist eigentlich Körperverletzung…

#9 |
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Gast
Gast

Ich als mündiger Patient informiere mich selbst und kläre dann beim Arztgespräch nur noch offene Fragen. Damit komme ich gut zurecht. Wenn meine Ärztin sich die Zeit nehmen müsste immer alle Eventualitäten mir mit durchzugehen säßen wir vermutlich den halben Tag zusammen, das kann beim heutigen Praxisbetrieb nicht mehr geleistet werden, vor allem nicht weil eine adäquate Beratung nicht anständig bezahlt wird. Viele Ärzte geben trotzdem ihr Bestes.

Ich habe vielmehr den Eindruck dass viele Patienten sich heute gar nicht mehr mit ihrem eigenen Körper auseinandersetzen und alles den Ärzten überlassen wollen. Einige wissen noch nicht einmal wie ihr Zyklus verläuft und haben keine Ahnung wann die letzte Regel war! So jemandem kann man die Kalender- oder Temperaturmethode natürlich nicht empfehlen. Auch in Sachen Hautpflege gibt es viel Bequemlichkeit und Unwissenheit seitens der Konsumentinnen! Die Pille gegen unreine Haut einzuwerfen ist ja so viel einfacher als auf das blöde Fastfood und den Süßkram zu verzichten und mal vernüftige Hautpflege zu betreiben anstatt sich einfach morgens eine neue Schicht Schminke über die Makeup-Reste vom Vortag zu knallen.

Aber wenn dann Probleme auftreten ist plötzlich der Arzt allein an allem schuld… Nein, liebe Leute, ein bisschen Eigenverantwortung sollte man schon übernehmen.

#8 |
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Gast
Gast

Meine Tochter hatte mit einem Präparat der Risikoklasse X mit etlichen NW zu kämpfen, welche bei der Gynäkologin nur Schulterzucken hervorriefen.
Erst auf meinen Rat hin wurde auf Ethinylestradiol/ Levonorgestrel umgestellt und die Beschwerden haben sich gebessert.

#7 |
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Gast
Gast

Vielen Dank. Meine Tochter hatte ganz großes Glück. Es ist
nichts zurückgeblieben

#6 |
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Frau im Gesundheitswesen
Frau im Gesundheitswesen

@Brigitte Mieding – alles Gute für Ihre Tochter.
Selbstverständlich kann das unter der Einnahme der Pille passieren. Sogar ganz junge Mädchen sind vor derlei Risiken nicht gefeit. Junge Mädchen haben Pickel, dünnes Haar oder fühlen sich zu dick – gehen zum Gynäkologen und bekommen ein Lifestyleprodukt verschrieben, was all die “Makel” ausräumt (Verhütung ist dabei nicht mal das Wichtigste). Aber niemand klärt die Mädchen oder deren Eltern auf, welche Risiken sie sich mit der Einnahme des Medikaments/Produktes an den Hals holen. Ich habe das Gefühl, dass die Mädchen, selbst wenn sie um die nicht unerheblichen Risiken wüssten, diese nicht für voll nehmen. Hauptsache die Haut sieht aus wie Seide.

#5 |
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Nichtmedizinische Berufe

Meine Tochter hatte mit 27 Jahren einen Schlaganfall.
Anscheinend soll der Auslöser hormonell bedingt gewesen sein,
da keinerlei andere erhöhten Blutwerte nachgewiesen
werden konnten. Die einnahme der Pille birgt auch
gewisse Risiken.

#4 |
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Die “Pille für den Mann” wurde als “Studie” schon lange vorher von der Fa. bayer (damls bei Schering von einem Internisten als “Männerarzt” initiiert) abgebrochen, da schwere gesundheitliche Schäden bei den Probanten in Asien (!!!) auftraten. Die Hormon-Kombination war in Fachkreisen als desolat bekannt. Es ist schon traurig, dass die “neue” Studie das nicht zur Kenntnis genommen hat! (nachzulesen in http://www.haut-und-hormone.de )

#3 |
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Gast
Gast

Ergänzung:
Ich habe nichts gegen hormonelle Verhütungsmethoden. Es besteht allgemein einfach Verbesserungsbedarf.
Dass Studien zur Pille für den Mann wegen zu hoher Nebenwirkungsraten (Depressionen, Akne, Libido…) abgebrochen wurden, finde ich sehr spannend.*
Was steht denn im Beipackzettel der Pille für die Frau? ;-)
Nach Absetzen hatte ich weder Wassereinlagerungen noch Schmierblutungen noch Blasenentzündungen. Eine Frauenärztin meinte sogar, ich solle aufhören, in den Beipackzettel zu schauen.
Hier würde ich mir mehr Neutralität wünschen und Aufklärung rund um Fruchtbarkeit allgemein. Im schlimmsten Fall setzt man mit Mitte 30 nach 20 Jahren Pille zur Verhütung das Medikament ab, zum zu merken, dass jahrelang fruchtbarkeitseinschränkende Probleme von der Pille überdeckt wurden, weil frau einfach keine Ahnung hatte oder haben konnte.

*http://www.spektrum.de/news/pille-fuer-den-mann-mit-zu-vielen-nebenwirkungen/1427682

#2 |
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Gast
Gast

In der Gynäkologie fehlt es an vielen Ecken überhaupt an vernünftiger Aufklärung zum Thema Verhütung allgemein. Es gibt auch nicht-hormonelle Alternativen verschiedener Art, die wirksam und sicher sind und keine hormonell bedingten Nebenwirkungen haben.
Mittlerweile bin ich 30 Jahre alt und was ich schon bei Gynäkologen anhören durfte, weil ich nicht hormonell verhüte…

– Gynefix/Kupferspiralen würden nur bei Epilektikerinnen gelegt. Solange ich kein Kind geboren hätte, wäre das nichts. Die Mirena hätten sie mir anstandslos gelegt. Habe später einen Legearzt gefunden und bin 4 Jahre wunderbar mit der Gynefix zurecht gekommen.
– seit Jahren verhüte ich sehr gewissenhaft mit der sympto-thermalen Methode, die nachgewiesenermaßen einen ähnlich niedrigen PI hat wie die Pille. Im Gespräch mit meinen Gynäkologen habe ich leider oft festgestellt, dass ein großes Unwissen über den weiblichen Zyklus besteht – und mir gerne wieder zu Pille, Implanon oder Mirena geraten wurde. Obwohl ich mehrfach angekreuzt und betont habe, dass hormonelle Verhütungsmittel wegen früherer Nebenwirkungen nicht in Frage kommen. Warum?

Hier besteht schon von der Schule aus Bedarf an Aufklärung, dass es mehr gibt als Pille und Kondom. Kondom/Femidom ist natürlich bei einmaligen Sexualkontakten wegen STD das (zusätzliche) Mittel der Wahl.

Die “Pille” ist ein Medikament – wird aber leider oft und ohne genaue Anamnese verschrieben wie Bonbons oder als “Lifestyle”-Präparat.

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