Die schädlichsten Kosmetika auf dem Markt

11. Juli 2017

Im Vergleich zu Arzneimitteln sind Vorschriften für kosmetische Mittel in Haar- und Hautpflegeprodukten vage. Beschwerden über störende Nebeneffekte nehmen rasant zu, berichten US-Dermatologen. Trotz bekannter Risiken bleiben diese Produkte häufig auf dem Markt.

Kräftige Haare, eine porentief reine Haut oder weniger Falten: bei vielen Kosmetikprodukten werden Verbraucher mit vollmundigen Versprechen umworben. US-Wissenschaftler haben sich zwar nicht mit der Glaubwürdigkeit von Werbeaussagen befasst. Sie berichten aber, dass es immer häufiger zu unerwünschten Ereignissen durch schädliche Inhaltsstoffe kommt.

Anzahl der Beschwerden verdoppelt

Dr. Steve Xu

Dr. Steve Xu © Northwestern University

Dr. Steve Xu, Dermatologe an der Northwestern University Feinberg School of Medicine, hat Beschwerden von Verbrauchern über Kosmetika ausgewertet. Seine Analyse umfasste den US-Markt. Viele der kritisierten Produkte sind in Europa auch verfügbar.

Obwohl die Food and Drug Administration (FDA) zwischen 2004 bis 2016 mehr als 5.000 Meldungen erfasst habe, sei dies wahrscheinlich nur die Spitze des Eisbergs, so Xu. Wie er herausfand, verdoppelte sich die Zahl zwischen 2015 (706) und 2016 (1.591). Bei einem globalen Umsatz von 430 Milliarden US-Dollar pro Jahr und Millionen unterschiedlicher Produkte ist der Experte von FDA-Statistiken wenig überzeugt.

Die häufigsten Beschwerden in der Datenbank betrafen Haarpflegeprodukte, Hautpflegeprodukte oder Tätowierungen. Aromatische Amine tauchten in vielen Colorationen auf. Auch Tinten, aus denen Tattoos entstehen, enthielten schädliche Farbstoffe.

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Zunahme der Zahl an bekannten Problemen durch Kosmetika. Die Dunkelziffer ist unbekannt. © JAMA

Produkte bleiben trotz bekannter Risiken häufig auf dem Markt, was vor allem an juristischen Spitzfindigkeiten liegt. „Die FDA hat viel weniger Möglichkeiten, Kosmetika vom Markt zu nehmen als beispielsweise Arzneimittel oder Medizinprodukte zurückzurufen“, kritisiert Xu. „Es ist schwierig, schädliche Kosmetika aus den Supermarktregalen zu bekommen (…) Wenn es sich um ein Medikament gehandelt hätte, wäre die Geschichte anders gelaufen.“

Alopezie durch Conditioner

Dazu ein kontrovers diskutierter Fall. Im Jahr 2014 schickten FDA-Toxikologen aufgrund von 127 Verbrauchermeldungen Schreiben an den Kosmetikhersteller Chaz Dean, Inc. und an das Direktmarketing-Unternehmen Guthy-Renker. Im Fokus standen „WEN by Chaz Dean Cleansing Conditioner“-Produkte. Erst durch ihre Recherchen erfuhren Behördenvertreter, dass beide Firmen schon 21.000 Verbraucherbeschwerden erhalten hatten. Betroffene klagten meistens über Kopfhautreizungen und Alopezie. Trotzdem blieb die Produktserie erhältlich. „Drei oder vier Menschen können sich vielleicht irren. Aber es ist schwer, 21.000 Fälle zu ignorieren“, so der Wissenschaftler.

US-Gesetze geben der FDA keine Befugnis, Kosmetikhersteller zur Übermittlung von Sicherheitsdaten („safety data“) zu verpflichten. Vielmehr müssen Behördenvertreter nachweisen, dass ein bestimmtes Produkt bei bestimmungsgemäßem Gebrauch gesundheitsschädlich ist. Weitere Untersuchungen laufen sowohl bei der FDA als auch vor Gericht.

US-Medien zufolge haben mehr als 200 Frauen aus 40 Staaten eine Sammelklage initiiert, um Haftungsansprüche des Herstellers geltend zu machen. Welche Inhaltsstoffe möglicherweise den Haarverlust herbeiführen, ist aus wissenschaftlicher Sicht unklar. In der Anklageschrift ist von „einem ätzenden Stoff“ die Rede, der Haare und Follikel zerstören.

Kritische Cosmeceuticals

Gefahren gehen jedoch von vielen Produktgruppen aus. Xu warnt speziell vor sogenannten Cosmeceuticals. Das sind kosmetische Produkte mit biologisch aktive Inhaltsstoffen (Pharmaceuticals). Sie wirken nicht nur in oberen Schichten, sondern passieren die Hautbarriere.

Alle Wirkstoffe müssen hinsichtlich ihrer Wirkung und ihrer toxikologischen Eigenschaften gut charakterisiert sein. Die Abgrenzung zu Arzneimitteln ist trotz zahlreicher Paragraphen nicht immer klar. Steht etwa bei Dexpanthenol eher die Wundheilung oder die Hautpflege an sich im Vordergrund?

Das zeigt sich auch anhand weiterer Moleküle in Cosmeceuticals. Einige Beispiel aus einer schier unüberblickbaren Vielfalt:

  • Antimikrobielle Stoffe wie Azelainsäure, Salicylsäure, Clotrimazol,
  • Antioxidantien wie Vitamin-C- und Vitamin-E-Ester oder Coenzym Q10
  • Entzündungshemmende Moleküle, etwa Gamma- und Alpha-Linolensäure, Panthenol, oder Extrakte aus Aloe vera
  • Juckreizhemmende Stoffe wie Harnstoff oder Allantoin
  • Moleküle, die Wachstumsfaktoren aktivieren: Retinoide, Vitamine, Echinacea-Extrakte
  • Peelings auf der Basis von Fruchtsäuren oder Salicylsäure
  • Phytohormone wie Isoflavonoide
  • Moleküle, um die Kollagenbildung zu aktivieren, etwa Vitamin-C-Derivate
  • Moleküle mit straffenden Eigenschaften wie Extrakte aus Mäusedorn, Rosskastanie und Schachtelhalm

Fazit von Dr. Steve Xu: „Obwohl in der Veröffentlichung nicht explizit untersucht, wird diese kosmetische Produktklasse in den USA zu einem wachsenden Problem.”

Wenig Regeln – viel Ermessensspielraum

Ähnliche Schwierigkeiten treten in Europa auf. Die EU-Kosmetikverordnung steckt lediglich einen groben Rahmen ab. „Kosmetische Mittel sind nicht zulassungspflichtig“, heißt es vom Bundesinstitut für Arzneimittel und Risikobewertung (BfArM). „Zugelassen werden müssen nur bestimmte Inhalts- und Zusatzstoffe wie Konservierungsstoffe, Farbstoffe oder UV-Filter.“ Ansonsten sind Hersteller in der Pflicht, für unbedenkliche Produkte zu sorgen.

Bei der Auswahl von Wirkstoffen bieten Negativ-, Positivlisten und Listen mit eingeschränkt anwendbaren Substanzen eine Hilfestellung. Die endgültige Zusammensetzung ist für Toxikologen über das „Cosmetic Products Notification“-Portal (CPNP) zugänglich. Meldungen ernster unerwünschter Wirkungen nimmt das Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit entgegen, aber nur von Heilberuflern oder Firmen.

58 Wertungen (3.95 ø)
Pharmazie

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10 Kommentare:

Dipl.-Chem. Friedrich Wasserfall
Dipl.-Chem. Friedrich Wasserfall

#8 leider stimmen die Bewertungen auf TOXFOX nicht immer mit den Meinungen der wissenschaftlichen Experten überein. Z.B. gibt es für die kurzkettigen Parabene (Methylparaben, Ethylparaben) umfangreiche Bewertungen durch das SCCS, das diese Konservierungsmittel als sicher einstuft – TOXFOX verunsichert durch seine nicht den wissenschaftlichen Kriterien entsprechende Meinung einen Teil der Verbraucher, der dadurch zu Kosmetikprodukten mit deutlich gefährlicheren Konservierungsmitteln greift.

#10 |
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Dipl.-Chem. Friedrich Wasserfall
Dipl.-Chem. Friedrich Wasserfall

Der Artikel bezieht sich auf US-Quellen und der Teil für Europa ist bedauerlicherweise nicht gut recherchiert, was hier verzeihlich ist, denn Herr Heuvel ist Medizinjournalist und die Kosmetik ist ein anderes, nicht kleines Fachgebiet.
Richtig ist, dass kosmetische Produkte über CPNP notifiziert werden müssen und nicht zulassungspflichtig sind. Eine Übersetzung des Handbuchs aus dem Englischen ins Deutsche ist zwar für viele Firmen wünschenswert – jedoch für Verbraucher und Ärzte ohne Bedeutung.

Für jedes Produkt muß vor dem Inverkehrbringen eine Sicherheitsbewertung (in der Regel von einem Toxikologen oder Chemiker) erstellt werden und die Verantwortliche Person wird auch auf Behältnis und Verpackung (kann vom Hersteller abweichen), ähnlich wie bei Medizinprodukten angegeben.
Kosmetik muss für Verbraucher sicher sein. Die Hersteller sind verantwortlich, dies zu prüfen.
Nicht nur ernste, sondern auch alle anderen Meldungen zu unerwünschten Wirkungen nimmt das Bundesamt für Verbraucherschutz entgegen. http://www.bvl.bund.de/DE/08_PresseInfothek/02_FuerVerbraucher/03_Im_Fokus/01_Im_Fokus_Meldungen/03_Verbraucherprodukte/2014/2014_10_08_fokus_checkliste_unerwuenschteWirkungen.html?nn=3048456
Der Verbraucher hat die Wahl sich an seinen Händler, das Amt oder an den Hersteller, bzw. Verantwortliche Person zu wenden, die ernste unerwünschte Wirkungen ans Amt berichten müssen – und die nicht ernsten UWs beim nächsten Update der Produktinformationsdatei berücksichtigen.
Falls es sich um ernste unerwünschte Wirkungen handelt, besteht eine Meldepflicht an die zuständigen Behörden, wenn Hersteller, Importeure oder Händler von einer solchen Meldung erfahren.

Im Gegensatz zum besser überwachten Arzneimittelhandel wird der Handel mit Kosmetika leider, da er häufig nur von lokalen Aufsichtsbehörden, wie Gesundheitsämtern “mit-“überwacht wird, schlechter kontrolliert.
Über die großen Internetportale bekommt man in Deutsch beschriebenen Angeboten, z.T. mit Artikelstandort in Deutschland, oder Versand durch Amazon, Artikel angeboten, die grob gegen die EU-Kosmetikverordnung (KVO) verstoßen (z.T. aus US oder China)
Darunter auch Produkte mit fehlenden Gefahrenhinweisen (mit Substanzen, die in der KVO geregelt sind), nicht deklarierten Inhaltsstoffen “Main Ingredients:” oder Produkte die Substanzen mit Konzentrationen enthalten, die (weit) über den für sicher geltenden Werten liegen (die z.T. auch in den USA deutlich höher liegen können oder nicht reguliert sind).

Hier könnte durch bessere Kontrollen und rascheres Vorgehen der Behörden gegen Händler und Plattformbetreiber der Schutz der Verbraucher sicherlich deutlich verbessert werden, vor allem weil etliche Anbieter auch mit “keine Nebenwirkungen bekannt” werben – und man dann mitunter dazu in Testemonials oder Produktbewertungen unter dem Text die Beschreibung von unerwünschen Wirkungen lesen kann.

Die Abgrenzung zwischen Arzneimitteln und Kosmetika hat sich der Gesetzgeber sehr leicht gemacht – mit einem großen Einkommenssicherungsprogramm und Arbeitsplatzsicherungsprogramm für Juristen. Es gibt dazu ein EU-Borderline Manual und eine EU-Borderline Kommission die zwar Empfehlungen zum Auslegen der KVO gibt – aber im Zweifelsfall sollen die Gerichte unter Berücksichtigung sämtlicher Merkmale, Beschreibungen, Auslobungen, Aufmachungen und Ansprechen der speziellen Verkehrskreise die Entscheidung fällen – also hinterher (ggfs. sehr viele Jahre später) ist man als Hersteller oder Behörde klüger und bekommt die Frage beantwortet, ob das Produkt (mit Cosmeceuticals) ein Kosmetikum oder ein Arzneimittel sei.

Je nach Auslobung kann eine Creme mit gleicher Konzentration an Panthenol ein Arzneimittel, ein Medizinprodukt oder ein Kosmetikum sein und somit den jeweiligen Regulierungen unterliegen.

#9 |
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Dipl.oec-troph.J.Ritschel
Dipl.oec-troph.J.Ritschel

…vom BUND gibt es den zB.”TOXFOX” zum Checken der Bedenklichkeit von Inhaltsstoffen in kosmetischen Produkten- vielleicht sollte der Verbraucher ja auch generell Werbung kritischer hinterfragen und akzeptieren, dass man auch ohne die vielversprechenden Hilfsmittelchen(Kosmetika) schön bleiben kann und das Altern nicht vermeiden kann, geschweige denn aufhalten :)

#8 |
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Mitarbeiter Industrie

im Nachgang einige wichtige Anmerkungen….wie soll denn z.B. ein Hautarzt
bei einer solchen Ausgangslage eine vernünftige Diagnose erstellen? Auch unsere gesamten Lebensmittel, sind versetzt mit Zusatzstoffen, Farbstoffen, Hilfsstoffen.
Hinzu kommen dann noch frei verkäufliche und rezeptpflichtige Arzneimittel, ebenfalls mit Zusatzstoffen gespickt. Bei solchen Mixturen ist es sehr wundersam die Lebenserwartung steigt. Was der menschliche Körper alles verkraftet ist das eigentliche Wunder.
In solchen Situationen ist kein Arzt zu beneiden, der eine vernünftige Diagnose
aber auch noch eine vernünftige Therapie erreichen will.

#7 |
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Mitarbeiter Industrie

zu dem Beitrag “Die schädlichsten Kosmetika auf dem Markt”
In der Summe ist die sogenannte gesetzliche Meldepflicht für kosmetische Produkte eine massive Täuschung der Verbraucher, in der gesamten EU.
1.Kritikpunkt ab / seit 10.Juli 2013 gilt eine Meldepflicht für kosmetische Produkte, die ab 10.Januar 2012 die nationalstaatlichen Regelungen schrittweise ersetzt(s.u.) Wer soll solche Formulierungen verstehen? Die Webseite der Europäischen
Kommission bewusst NUR in Englisch, hat System? CPNP-Benutzerhandbuch( z.Z.
NUR auf Englisch, eine Übersetzung ins Deutsche wird vorbereitet) Wer es bei der EU Kommission noch NICHT mitbekommen hat heute ist der 12.07.2017
Ach ja ab/seit Januar 2013 ist ausschließlich eine Meldung an das CPNP möglich..
Europäische Verbraucher, deutsche Verbraucher haben NUR die Möglichkeit sich
mit Verdachtsfällen (Nebenwirkungen) direkt an den jeweiligen Hersteller zu wenden. In USA sind betroffene Verbraucher in der Lage direkt die FDA mit
Verdachtsfällen zu konfrontieren. Im Beitrag wird ja sehr detailreich erläutert welche Vorteile die Selbstverantwortung des einzelnen Verbrauchers bringt.
Es wurde zwar, mit zeitlicher Verzögerung, aber letztendlich doch aufgedeckt
wie Hersteller agieren / abblocken zu Lasten der Gesundheit der Verbraucher.
Mit europäischen “Schutzverordnungen” jedweder Art werden Hersteller total
geschützt und Verbraucher hinter`s Licht geführt und ihrer Grundrechte beraubt…. Solche Unrechtspraktiken untergraben massiv die Rechte der europäischen Bevölkerung.

#6 |
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Nichtmedizinische Berufe

Immerhin ein guter Tipp für Hautärzte: Bei unklarem Haarausfall oder Hautreizungen auch mal an die verwendeten Körperpflegemittel denken!

#5 |
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@#1 Wo in diesem Artikel ging es denn um unzureichende Sorgfalt oder Unwissen von Medizinern?

Es ging darum, das arzneilich wirksame Substanzen ohne effektive Kontrolle auch in Kosmetika eingesetzt werden.

Wo soll es mit dem Unverstand der Chemiker nur hingehen…….

#4 |
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Gast
Gast

#1: Die Biochemie hat nun mal einen weitaus größeren praktischen Nutzen für die Medizin, und dementsprechend auch den größeren Stellenwert im Studium.
In der Chemie reicht ein gewisses Basiswissen, mehr wird später seltenst gebraucht (und dementsprechend sowieso schnell wieder vergessen).
Nichts gegen Ihr Fach, aber ein Mediziner kann nicht jede Naturwissenschaft tiefgreifend beherrschen. Dann müssten wir das Studium verlängern.

#3 |
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Manfred L. DIETWALD, Apotheker
Manfred L. DIETWALD, Apotheker

Auch ein Chemiker kann nur ungefähr die medizinische Wirkung einer chemischen Verbindung und erst recht nicht von Mischungen derselben voraussagen (z.B. Acetylsalicylsäure und Spezialität Contergan). Spezialitäten mit Versprechungen ohne eingehende Untersuchungen sind nahe beim Betrug wider besseren Wissens angesiedelt.

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Klaus Fischer, Chemiker
Klaus Fischer, Chemiker

Wie soll das mit der Unwissenheit der Mediziner nur weitergehen, wenn die Chemie ohne Verständnis zwar eingespannt, aber sie in keinster Weisen verstanden wird und sie nur pauschal ohne Basiswissen abgehandelt wird.

#1 |
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