Kuscheln mit Medizinethikern

17. Juli 2017
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Die Würde des Menschen ist unantastbar, doch im medizinischen Alltag wird sie schnell verletzt. Ärzten und Pflegern mangelt es an Zeit, den Häusern an Geld. Vor diesem Hintergrund wirkten die Bemühungen der Experten auf dem Hauptstadtkongress wie Pusten im luftleeren Raum.

„Die Niere von Zimmer sechs – können wir uns Menschenwürde im Gesundheitswesen noch leisten?“ Rund 300 Ärzte und Pflegende besuchten den Vortrag auf dem Hauptstadtkongress Medizin und Gesundheit im Juni, um Antworten auf diese Frage zu bekommen. Der Saal war voll besetzt – ein deutliches Zeichen dafür, dass dieses Thema vielen Menschen im medizinischen Alltag unter den Nägeln brennt, vor allem mit Blick auf ein Gesundheitssystems, das immer teurer und restriktiver wird.

Die Frage, ob wir uns Menschenwürde  im Gesundheitswesen noch leisten können, sei für die heutige Zeit falsch gestellt, sagt einer der fünf Redner, Pflegedirektor Uwe Kropp: „Heute würde man eher sagen: ‚Die hochbetagte Niere mit Diabetes, Bluthochdruck, kognitiven Einschränkungen bei eventuell beginnender Demenz und mit multiresistenten Keimen von Zimmer sechs‘.“

Es sei von großer Bedeutung, den Menschen wieder als Ganzes zu sehen, argumentiert Kropp, er sei eben nicht an einem Körperteil isoliert krank. „Es liegt an mir, ob ich sage: ‚Die Niere von Zimmer sechs‘ oder ‚Herr Kropp von Zimmer sechs‘. Ich spare keine Zeit, wenn ich den Namen durch die Diagnose ersetze. Es geht also um eine innere Haltung, die nicht von außen bedingt ist.“

Grundgesetz, erster Absatz, erster Satz

Doch wenn wir von Menschenwürde reden – was meinen wir damit überhaupt? „Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen, ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt“, zitiert Ralf Stoecker, Professor für praktische Philosophie und Ethik, gleich zu Beginn der Veranstaltung aus dem Grundgesetz. Dass die Würde des Menschen gesetzlich verankert ist, sei eine Folge der Gräuel des Zweiten Weltkriegs, erklärt er. Seitdem sei der Begriff auch fester Bestandteil in der UN-Charta und der allgemeinen Erklärung der Menschenrechte – in der Geschichte und in der Philosophie sei er hingegen seit Jahrhunderten verwurzelt.

Frei zu sein und Macht über sich selbst zu haben seien von alters her Kernbestandteile eines würdigen Lebens, argumentierte Stoecker. Sich aufgrund einer Krankheit nicht mehr beherrschen zu können, abhängig und auf andere angewiesen zu sein, sei hingegen kränkend – insbesondere, wenn keine Rückkehr in die alte Unabhängigkeit möglich sei. „Eine medizinische und pflegerische Behandlung muss darum besorgt sein, einerseits die Selbstbestimmung zu stärken und andererseits die Abhängigkeit nicht über Gebühr spüren zu lassen“, sagte der Philosoph.

„Häufig beeinflussen Krankheiten auch unser äußeres Erscheinungsbild, wie wir uns bewegen oder wie wir reden. Das kann als lächerlich, peinlich oder beschämend empfunden werden. Zu stottern, zu torkeln oder stark zu riechen. Hinzu kommt die besondere Bedeutung von Körperlichkeit und Intimität. Die Würde des Patienten zu achten, bedeutet, sehr sensibel mit solchen Situationen umzugehen.“

Die Würde aller steht auf dem Spiel

Mahnende, verträgliche, oft auch ermunternde Worte waren es, die mehrheitlich von den Vortragsrednern zu hören waren – als ob es ihnen darum ginge, die vielen angespannten und besorgten Gesichter im Publikum zu beruhigen und zu beschwichtigen. Größtenteils gingen die Zuhörer mit: Eine Studentin etwa schlug vor, unvoreingenommener auf Patienten zuzugehen, ein Pfleger sagte, schon ein Moment der Zuwendung oder eine körperliche Geste könnten bei einem kranken Menschen viel bewirken.

Insgesamt gesehen gingen die Vorträge jedoch größtenteils an der eigentlichen Frage vorbei. Statt einer ausführlichen Definition des Begriffs „Menschenwürde“ hätte es Antworten auf den Kern der Frage gebraucht, nämlich die, ob wir uns Würde tatsächlich leisten können, im monetären, nicht im moralischen Sinn.

Der Wunsch, sich selbst zu waschen

Immerhin, einige kleinere Beispiele aus der Pflege wurden auf dem Podium benannt. So beschrieb einer der Redner, dass älteren Menschen häufig verwehrt werde, sich selbst zu waschen, weil es viel schneller ginge, wenn eine Pflegeperson dies in ein paar Handgriffen schnell erledige. Die ehemalige Bundesministerin und stellvertretende Vorsitzende der Arbeitsgemeinschaft der Seniorenorganisationen BAGSO, Ursula Lehr, beschrieb, mit wieviel mehr Freude und Appetit Heimbewohner essen, wenn sie an der Zubereitung beteiligt werden.

Überhaupt rückte Lehr die Probleme und Herausforderungen des Alters in den Vordergrund. „Liebe Jugend von gestern und vorgestern, liebe Senioren von morgen und übermorgen“, begrüßte sie die Zuhörer. „Wir alle werden älter“, sagt sie. „Von Tag zu Tag, von Jahr zu Jahr. Daran können wir nichts ändern. Aber wie wir älter werden, haben wir zum Teil auch selbst in der Hand, und es gilt nicht nur, dem Leben Jahre zu geben, sondern den Jahren Leben zu geben, und das geht nicht ohne Würde, als gesunder und als kranker Mensch.“

Besondere Beziehung zwischen Patient und Profi

Ältere Patienten seien eine besondere Herausforderung für Ärzte und für Pflegende, so Lehr weiter. Mit dem Alter steige die Wahrscheinlichkeit, krank zu werden, und angesichts des demografischen Wandels  würden immer mehr ältere Menschen die Krankenhausbetten füllen. „Dass auch der kranke Mensch noch viele gesunde Elemente hat, die es zu fördern gilt, das vergisst man“, sagte sie. „Man sieht eben nur die Niere und vergisst den ganzen Menschen.“

Das oft mangelnde Bewusstsein seitens Medizinern für den Patienten als Person mahnte auch Stoecker an: „In vielen beruflichen Kontexten werden aus Menschen Nummern. Niemanden stört es, wenn die Kellnerin am Tresen ruft: ‚Noch zwei Bier für Tisch acht!‘ – Warum sollte man also auf dem Stationszimmer nicht sagen dürfen: ‚Noch zwei Valium für die die Niere in Zimmer sechs‘?“ Der Unterschied liege in der besonderen Beziehung zwischen Patienten und Profis, betonte Stoecker: „Gerade weil Ärzte Patienten so nahe kommen dürfen und müssen, braucht es eine besondere Vertrauensbeziehung. Das aber bedeutet, der Patient muss sich darauf verlassen können, dass er den Profis wichtig ist, und dass sie sich um ihn kümmern.“

Dieser fromme Wunsch muss jetzt nur noch Platz im Dienstplan von Ärzten und Pflegekräften finden.

45 Wertungen (3.89 ø)
Medizin, Politik Wirtschaft

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17 Kommentare:

Gast
Gast

Falls es noch nicht bekannt ist:
Die Würde des Menschen ist antastbar.

#17 |
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Gast
Gast

Wenn die Würde des kranken Menschen an Bedeutung gewinnen soll, so ist dies nicht ohne eine gesamtheitliche Veränderung in der Bevölkerung zu bewältigen. Die wirkliche Beachtung der Würde der Gesunden, des fehlidealisierten Kindes, der Älteren, der Frau und des Mannes wären nötig.

Dass allein die Tabaksteuer den gesamten Gesundheitsministeriums-Ressort abdeckt sollte z.B. zu bedenken geben, abgesehen von Bildung etc…

Allein die Tabaksteuer deckt den gesamten Ressort Haushalt des Gesundheitsministeriums.

https://de.statista.com/statistik/daten/studie/75833/umfrage/ausgabenstruktur-im-bundeshaushalt/

http://www.focus.de/finanzen/steuern/verbrauchsteuern/tid-28473/tabaksteuer-wie-viel-die-tabaksteuer-einbringt_aid_875872.html

#16 |
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Nichtmedizinische Berufe

Herr Dr. Mees: nicht vorhanden, ebenfalls hochbetagt, schon verstorben…..

#15 |
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Wo bleiben die Angehörigen, Freunde und Verwandte?

#14 |
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Krhs- Arzt
Krhs- Arzt

Sehr geehrter Herr Prof. Miersch! Jetzt bin ich aber erschüttert, dass Sie mir das so vorwerfen. Hatte ich gesagt, dass die Umstände gut sind? Nein, aber in unserer Klinik lassen wir das nicht an den Patienten aus. Die können nämlich nichts dafür. Wir bringen ihnen den größtmöglichen Respekt entgegen. Schuld an der Misere sind ganz offensichtlich nicht nur die Politiker sondern vor allem die Berufsverbände, die sich nicht gegen die Krankenkassen und Politiker durchsetzen können. Wahrscheinlich, weil sie selbst den Bezug zur Basis verloren und ihre Schäfchen im Trockenen haben. Man kann Mängel ansprechen, aber nicht auf Kosten der medizinischen Versorgung. Unterschied verstanden?

#13 |
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Prof. Dr. med. Wulf-D.E. Miersch
Prof. Dr. med. Wulf-D.E. Miersch

Lieber Herr Krh-Arzt, ich finde es sehr traurig wie sie sich schon angepasst haben und die Ausbeutung der ihnen (untergebenen?) Kollegen gut heißen

#12 |
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Gast
Gast

Ich fasse einmal zusammen: Ethik und gute Behandlung ist nur solange gut wie sie weder Zeit noch Geld kosten.
Si?

#11 |
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Gast
Gast

#8: Sie haben offensichtlich nichts mit Pflege zu tun.
Natürlich genießt es der ein oder andere ältere/sonstig eingeschränkte Mensch, Hilfe zu bekommen, aber eben nicht die 5-Minuten-Übernahme der Körperpflege, die er einfach über sich ergehen lassen muss weil es so schneller geht.
Und gerade Pflegepatienten im Krankenhaus, die dann eben doch oft nicht viel aus dem Bett herauskommen, sind idR. sehr froh, wenn es mal etwas Beschäftigung gibt – den ganzen Tag an die Decke starren wird dann doch langweilig.
Das hat nichts mit “die Arbeit von Pflgern übernehmen” zu tun, im Gegenteil – in der Zeit in der ich einem Patienten helfe, das Geschirr rauszubringen, hätte ich das schon dreimal selbst gemacht.
Aber um auf das Thema zurückzukommen: an der Problematik ändert kein “praktischer” Philosoph, Funktionär oder sonst jemand was.
Einzig mehr Personal und damit mehr Zeit pro Patient kann etwas ändern.
Aber statt dessen kann man natürlich auch über Nummern lamentieren.

#10 |
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Gastarzt
Gastarzt

Sehr geehrter Herr Kollege Jonitz! Worauf bezieht sich Ihr Kommentar? Habe ich hier etwas überlesen? Aber grundsätzlich gebe ich Ihnen Recht: Ich bin mir schon seit vielen Jahren sicher, dass Funktionäre wie Sie den Bezug zur Ärztebasis verloren haben und ihre Botschaften und Aussagen nicht mehr ankommen. Weder von der Ärztekammer, noch vom Marburger Bund. Wer bitte sonst soll uns denn gegenüber der Politik und den Krankenkassen vertreten, wenn nicht Sie?

#9 |
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Ivory
Ivory

Irgendwie verstehe ich es nicht. Ein Krankenhaus sollte doch dafür da sein, um nach Möglichkeit Menschen wieder “gesund” zu machen. Meines Erachtens gehören “gemeinsames kochen” und andere Aktivitäten nach Hause, Reha, oder Altersheim.
Von vielen älteren Pat. weiß ich auch, dass sie die Pflege, die Körperpflege genießen, es gut finden, dass ihnen jemand hilft. Die wenigstens wollen bei der Essenzubereitung helfen, auch da ist es schön für sie, das Essen serviert zu bekommen. Für viele ist es sogar zuviel, wenn sie ihr Geschirr rausbringen sollen. Ich finde es ist eine Zumutung, Pat. so zu motivieren, dass sie die Arbeit von Pflgern übernehmen.

#8 |
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ich bin mir nicht sicher, ob meine Botschaften und Aussagen angekommen sind…

#7 |
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Nichtmedizinische Berufe

#5 ich hätte gerne meine Stimme bei Wahlen gegeben, leider darf ich es nicht!

Die Erfahrungen mit das Gesundheitssystem (und anderes) macht man wenn es zu Betroffenheit kommt.
Die Beamten und Politiker haben zudem ein recht eingeschränkte Sichtweise. Damit sind Verbesserungen kaum möglich.

#6 |
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Liebe Frau Böhmer-Lipps,
auch die Patienten sind daran Schuld, daß das System krank ist, denn sie haben bei Wahlen immer wieder die gleichen Schönredner gewählt und nicht hinterfragt, wie diese die versprochenen Wohltaten bezahlen woll(t)en!!

#5 |
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Altenpflegerin

Ich habe es nicht als Herabsetzung empfunden, also alles gut!
Und ich gebe Ihnen vollkommen Recht- auch in der schlimmsten Hektik sollte man immer noch freundlich bleiben.
Die Patienten können nämlich nichts für die Zustände!
Und ich bin und bleibe bei meiner Meinung, dass das System krank ist!
PS: gemeinsames Kochen und lange Gespräche mit den Senioren sind uns auch leider verwehrt.
Wenn wir nicht pflegen, dokumentieren wir!

#4 |
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Krhs- Arzt
Krhs- Arzt

Liebe Frau Böhmer- Lipps. Meine gewünschte Unterscheidung sollte keine der beiden Berufszweige herabsetzen. Aber gemeinsames Kochen, Zubereiten der Mahlzeiten, lange Gespräche und individuelle Betreuungen der Senioren ist natürlich außerhalb eines Krankenhauses besser möglich. Die Grundversorgung der Menschen sollte ambulant erfolgen und nur übergangsweise in einem Krankenhaus. Im übrigen sollte man nicht Personalmangel und Rationalisierung gleichsetzen mit schlechtem Umgangston des Personals gegenüber den Patienten. Auch wenn ich wenig Zeit habe, kann ich auf dem Sprung zum OP immer freundlich und persönlich gegenüber meinen Patienten sein. Das ist eine Frage des Charakters und der persönlichen Einstellung zu seinem Beruf.

#3 |
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Altenpflegerin

Warum unterscheiden in Alten- und Krankenpflege?
Ich, als bald examinierte Altenpflegerin, werde ab Oktober in einem Klinikum beginnen. (Natürlich half mir dabei die Vorausbildung als Krankenpflegehelferin, um nicht gänzlich unbedarft ins kalte Wasser geworfen zu werden)
Wenn ganzheitlich, dann auch wirklich ganz und gar!
Und ich bin mir sicher, dass wir uns das NICHT leisten können, alle Menschen so zu pflegen, wie es ihnen zusteht, so lange Geld für Behandlungen ausgegeben wird, die sinnlos sind, so lange Entscheidungen von Menschen getroffen werden, die nie mit Pflege zu tun hatten etc.!
Das System muss sich ändern, wir sind schon lange bereit dazu!

#2 |
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Krhs- Arzt
Krhs- Arzt

Vielen Dank für Ihren Artikel, Frau Grossmann. Dieser Aufhänger “Die Niere in Zimmer 6!” u.ä. ist schon Jahrzehnte alt und keine Neuerscheinung der Krankenhausprivatisierung. Meiner Meinung nach sollten wir erstens unterscheiden zwischen Krankenhauspflege und Altenpflege und zweitens sollten wir unsere geleistete Arbeit in den Krankenhäusern auch nicht immer nur schlechtreden. Vielen Dank an die vielen fleißigen Mitarbeiter von mir, die nicht Dienst nach Vorschrift machen, sondern mit viel Engagement und Empathie eine wundervolle Versorgung gewährleisten. (Ich arbeite in einem privatisierte Haus eines Großkonzerns und weiß, dass z.B. das benachbarte kirchliche Haus einen schlechteren Personalschlüssel und geringere Löhne hat!)

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  2


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