Organtransplantation: Nebenjob Lebensretter

25. August 2010
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Kellnern, Nachhilfe, Regale einräumen - die typischen Nebenjobs der Studenten. Wir stellen Euch eher ungewöhnliche Jobs Eurer Kommilitonen vor: Los geht's mit Daniel, der bei der DSO Organspenden organisiert.

Samstagabend, 20.31:

Das Telefon neben Daniel Mattick klingelt; am anderen Ende ist der diensthabende Anästhesist eines größeren Krankenhauses aus Rheinland-Pfalz.
Vor wenigen Tagen ist dort ein Patient auf der Intensivstation eingeliefert worden; stärkste Kopfschmerzen – gefolgt von unklarer Bewusstseinstrübung – gab der Patient bei Einweisung durch den Notarzt an.

Das rasch angefertigte CT bestätigte die Verdachtsdiagnose: Subarachnoidalblutung bei geplatztem Hirnaneurysma. Trotz sofort ergriffenen umfangreichen intensivmedizinischen Maßnahmen ist nun wenige Tage nach Aufnahme ins Krankenhaus nur noch der Hirntod festzustellen.

Der diensthabende Anästhesist hat die Hotline der DSO (Deutsche Stiftung Organtransplantation) gewählt. Daniel Mattick hat heute Bereitschaftsdienst und nimmt das Gespräch entgegen. Nun werden die wesentlichen Patientendaten übermittelt: Alter, Gewicht, Vorerkrankungen, Zeitpunkt der Hirntodfeststellung, Blutgruppe, etc. Dies alles wird notiert und computerbasiert an Eurotransplant (ET) im niederländischen Leiden weitergeleitet.

ET koordiniert Organspenden in den Benelux-Ländern, Deutschland, Österreich, Slowenien und Kroatien. Dort wird dann geschaut, für welchen Spender die gemeldeten Organe geeignet sind. Jeder Patient auf der Warteliste zur Transplantation erhält Punkte, die sich nach der Wartezeit, einem Regionalfaktor, der Dringlichkeit und der Übereinstimmung der Gewebemerkmale errechnen. Besonders berücksichtigt werden Kinder als Organempfänger oder Patienten mit besonders seltenen Gewebemerkmalen. Der Patient mit der höchsten Punktzahl erhält als erster das Organangebot. Die DSO ist für die Organisation der Organspende in Deutschland verantwortlich.

Wie organisiert man ein Organ?

Für Daniel Mattick beginnt jetzt erst der Hauptteil seiner Arbeit. Er ist bei der DSO-Niederlassung Region Mitte seit Juli 2009 als studentische Aushilfe angestellt. Tagsüber studiert er Medizin im inzwischen 13. Semester und steht unmittelbar vor seinem Praktischen Jahr; nachts versieht er den Telefondienst in der kleinen DSO-Leitstelle in Mainz-Bretzenheim.

Daniels Aufgabe heute Nacht ist es, dafür zu sorgen, dass die potenzielle Organspende reibungslos abläuft. Dazu gehört der ständige Kontakt zu den jeweiligen Spenderkliniken aber auch zum Koordinator. Dieser ist bei der DSO fest angestellt, wird bei potenziellen Organspenden im Einzugsgebiet sofort informiert und fährt in die betreffende Klinik. Somit ist er der erste Ansprechpartner der DSO vor Ort. Zumeist wird dieser Dienst von Ärzten, bzw. speziell ausgebildetem Pflegepersonal übernommen. Primäre Aufgabe des Koordinators ist die Kommunikation mit der DSO; er unterstützt das Krankenhaus in der organprotektiven Therapie, außerdem leistet er Hilfestellung bei Hirntoddiagnostik und sucht – wenn denn gewünscht – das Gespräch mit den Angehörigen des Spenders.

Kurz vor Mitternacht ist klar, dass Herz, Lunge, Leber und Nieren des Spenders zur Transplantation freigegeben wurden und dass die Leber an einen Empfänger im Einzugsgebiet der DSO-Mitte gehen wird.

Für Daniel startet nun die heiße Phase: Er muss die gesamte Logistik managen, d.h. er muss der Transfer der diensthabenden Chirurgen organisieren; je nach Entfernung zum Spenderkrankenhaus kann das boden- oder luftgestützt erfolgen. Heute Nacht sind die Entfernungen nicht so weit und die Ischämiezeit (Zeit, die das Organ ohne Blutversorgung gekühlt ohne dauerhaften Schaden aushält) der Leber relativ lang, sodass Daniel sich für den bodengestützten Transport entscheidet; die DSO hält hierfür spezielle Fahrzeuge, meist größere Transporter, bereit, die über Sondersignalanlage und Blaulicht verfügen, damit es auf den Transporten zu keinerlei Verzögerung kommt. Sind die Entfernungen weiter und geht es um kritischere Organe (z.B. Herz oder Lunge) mit kürzerer Ischämiezeit, wird auch mal ein Flugzeug für 20.000€ gechartert, um das Chirurgenteam vor Ort zu bringen. Mögliche Start- und Landeorte sind hier je nach Flugzeuggröße Mainz-Finthen, Reichelsheim oder Frankfurt.

Während des ganzen Prozesses hält Daniel engen Kontakt zum zuständigen Koordinator vor Ort; er informiert ihn über den Fortgang der Dinge, denn schließlich müssen im transplantierenden Krankenhaus auch Empfänger und OP vorbereitet werden.
“Im Monat haben wir im Durchschnitt etwa 20 Organspenden”, sagt Daniel Mattick. Sollten es pro Nacht mehr als drei sein, holt er sich auch schon mal Verstärkung in die Organisationszentrale denn der Job ist durchaus stressig und bei dem sensiblen Gut darf man sich keine Fehler leisten. Nicht auszudenken, wenn das Chirurgenteam mit dem Organ im Gepäck auf einmal ohne Rücktransport irgendwo stehen würde während man andernorts sehnsüchtig auf das Spenderorgan wartet…

Fakten zum Job:

– Medizinstudenten bevorzugt ab klinischen Semestern
– Bereitschaftsdienst am Telefon/Arbeit als Perfusionist
– Stundenlohn ab 7,50€
– Arbeitsbelastung: hoch
– Abwechslungsreich

In den frühen Morgenstunden hat das Chirurgenteam seine Arbeit beendet; die Leber ist entnommen, mit Konservierungsspüllösung perfundiert, eisgekühlt und sicher verpackt; das von Daniel organisierte Fahrzeug bringt die Chirurgen samt Leber rasch an ihren Bestimmungsort. In einem ebenfalls organisierten Taxi werden vom Spender entnommene Blut- und Gewebeproben (meistens Teile der Milz zur HLA-Typisierung) zur weiteren Diagnostik direkt in ein spezielles Labor nach Frankfurt gebracht.

Sobald Team und Organ “in Position” sind, ist Daniels Arbeit zumindest für den Augenblick beendet. Manchmal gibt es auch lobende Worte vom ärztlichen Koordinator; dann weiß man, dass man gute Arbeit geleistet hat. Daniels Schicht endet nach 16 Stunden morgens um 9 Uhr.
Dann ist erst einmal Ausschlafen und weiterstudieren angesagt… bis zum nächsten Bereitschaftsdienst.

Transplatationsmedizin for life?

Ob die Transplantationsmedizin dauerhaft eine mögliche Arbeitsstätte für ihn sein könne, das weiß Daniel nicht; zum Einen herrscht eine hohe Arbeitsbelastung, was sich bei einigen Chirurgen in den doch stark verbesserungsbedürftigen Manieren widerspiegelt – um es mal freundlich auszudrücken – und zum Anderen steht für Daniel in der weiteren Lebensplanung auch die Familie klar im Vordergrund. Chirurgie und Familie verträgt sich leider allzu oft nicht sonderlich gut.
Vielmehr ist er an der Urologie interessiert; so fängt er in Kürze auch sein PJ am Klinikum in Rüsselsheim mit eben jenem Wahlfach an.

Interessiert?

Die DSO sucht immer wieder studentische Aushilfen entweder für Telefondienste oder aber für den Job des Perfusionisten (dieser sorgt nach der Organentnahme für die rasche Konservierung des sensiblen Organs und unterstützt die Chirurgen vor Ort). Nachfragen bei der jeweiligen Regionalstelle der DSO lohnt sich hier also vielleicht; der Stundenlohn lässt sich auch sehen: 7,50€/Stunde für die Arbeit am Telefon; als Perfusionist staffelt sich der Verdienst nach reiner Bereitschaftszeit, die pauschal vergütet wird (wenn es mal in Nächten zu keiner Transplantation kommt) und wirklicher Arbeitszeit (wo man dann allerdings auch mal 10 Stunden am Stück unterwegs ist und evtl. sogar den Mitflug im angesprochen Jet bei weiter entfernteren Ex-/Transplantationen bekommt.

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